Investigativer Journalismus in Tschechien

20. November 2017 • Aktuelle Beiträge, Qualität & Ethik • von

Nach der Wirtschaftskrise im Jahr 2008 haben viele westliche Medienunternehmen ihre Beteiligungen an den größten tschechischen Medienunternehmen an tschechische und slowakische milliardenschwere Großunternehmer verkauft. Dass die Medienkonzentration nun in den Händen einiger weniger mächtiger Eigentümer lag, hatte unerwartete positive Auswirkungen: Es wurden kleinere unabhängig und investigativ arbeitende Medien gegründet und auch Initiativen, um sie zu finanzieren.

Hlidaci Pes, Titel eines tschechischen investigativen Nachrichtenportals, heißt übersetzt Wachhund.

Zu den neuen tschechischen Medienoligarchen zählt auch Andrej Babis, der mit seiner Partei ANO im Oktober die tschechische Parlamentswahl gewonnen hat. Unter anderem gehört ihm Mladá fronta Dnes, die auflagenstärkste Zeitung Tschechiens. Er hat seine Medien offen für seine politischen und wirtschaftlichen Ambitionen genutzt. Daniel Kretinsky und Zdenek Bakala sind zwei weitere Beispiele für milliardenschwere Unternehmer, die Medien erworben haben. Kretinksy ist Chef des tschechischen Energieunternehmens EPH und Eigentümer der Boulevardzeitung Blesk; Bakala, einst Besitzer eines Bergbau-Unternehmens, gehört nun eine Wirtschaftstageszeitung. Die sich daraus ergebenden Interessenkonflikte haben viele Journalisten dazu bewogen, ihre Jobs bei Zeitungen oder Fernsehsendern zu verlassen und neue, unabhängige Medien zu gründen.

Damit finden in Tschechien qualitative tiefgehende Berichterstattung und investigativer Journalismus nun größtenteils bei Non-Profit-Medien und nicht mehr bei Mainstream-Medien statt. Dieser Trend war auch sichtbar beim Tschechischen Journalistenpreis 2016: Keiner der Nominierten in der Kategorie „investigativer Journalismus“ arbeitete für die tschechischen Mainstream-Medien.

Zu den erfolgreichsten neu gegründeten investigativen Nachrichtenportalen zählen Hlidaci Pes und das Reporter Magazin – beide wurden von Journalisten initiiert, die ihre Jobs bei Mainstream-Medien kündigten, nachdem die neuen Besitzer versucht hatten, Inhalte zu manipulieren. Unter anderem haben die Journalisten dieser beiden Projekte über organisierte Kriminalität, verdächtige chinesische Investments sowie die Verbindungen zwischen Wirtschaft und Politik in Tschechien berichtet.

Neue Stiftung für unabhängigen Journalismus gegründet

Ihr Erfolg kann teilweise an der Auszeichnung mit Journalistenpreisen gemessen werden –  sowie daran, wie oft die investigativen Berichte zu polizeilichen Ermittlungen und Urteilen geführt haben. Trotz ihres Erfolgs stellt die Finanzierung dieser Medien eine Herausforderung dar. Bis vor kurzem waren weder staatliche noch private Gelder verfügbar, die investigativen Journalismus in Tschechien unterstützten.

Ende 2016 gründete dann aber eine Gruppe von Geschäftsleuten eine Stiftung für unabhängigen Journalismus (Nadační fond pro nezávislou žurnalistiku, NFNZ.cz). Eine der Gründerinnen, Silke Horakova, erklärt auf der NFNZ-Seite, dass sich das Projekt zum Ziel gesetzt habe, die Pressefreiheit in Tschechien zu verteidigen: „Nur mit unabhängigem Journalismus kann eine gesellschaftliche Debatte auf der Basis von europäischen demokratischen Werten geführt werden.“ Die Stiftung trieb Gelder ein und gründete ein Komitee, das als Vermittler zwischen den Geldgebern und den Journalisten dienen soll. Die ersten Zuschüsse sind vergeben und bald sollen die ersten geförderten Projekte evaluiert werden.

Diese direkte Art der Förderung des investigativen Journalismus ist selten in Europa – üblicherweise gibt es Zuschüsse für Training, Konferenzen und andere nicht-kontroverse Bereiche, aber nicht für die investigative Berichterstattung selbst.

Auch für den öffentlich-rechtlichen tschechischen Rundfunk ist investigativer Journalismus von Bedeutung. Česká televize und Česká radio haben hervorragende Arbeit geleistet, was Enthüllungen im Bereich Gesundheitswesen, Außenpolitik regionale Politik betrifft. Viele Berichte hatten signifikante Auswirkungen, bislang ist aber noch kein tschechischer Politiker deswegen zurückgetreten.

Internationale Kooperationen

Trotz einiger erfolgreicher länderübergreifender Projekte – wie zum Beispiel die Aufdeckungen über Waffengeschäfte der EU mit Russland des tschechischen Journalisten Janek Kroupa und polnischer Kollegen  – fokussiert sich der investigative Journalismus in Tschechien aufs Lokale. Dies kann daran liegen, dass die tschechischen Leser kein Interesse an Geschichten aus dem Ausland haben oder daran, dass die tschechischen Journalisten nicht gern international kooperieren.

Auch der Wettbewerb, der zwischen den kleinen unabhängigen Medien herrscht, mag die Zusammenarbeit zwischen den Journalisten behindern. Das stark umkämpfte Medienumfeld macht es Journalisten nicht leicht, sich für tiefgehende Berichterstattung, gemeinsame Projekte und den Austausch von Wissen Zeit zu nehmen.

Die erfolgreichsten investigativen Projekte in Tschechien basierten allerdings auf internationalen Kooperationen, darunter die Panama Papers und der Global Laundromat, die Enthüllung eines weltweiten Geldwäschenetzwerks, die vom Organised Crime and Corruption Reporting Project und Project Khadija koordiniert wurde.

Damit investigativer Journalismus in Tschechien erfolgreich sein kann, müssen Journalisten das Gefühl haben, dass sie einander vertrauen, miteinander kooperieren sowie Ressourcen und Wissen teilen können. Solange sie um ihr Publikum konkurrieren und die finanziellen Mittel knapp sind, ist das unwahrscheinlich. Aber Initiativen wie die Stiftung für investigativen Journalismus geben Hoffnung, dass sich die unabhängigen Medien und die investigativen Journalisten Tschechiens weiterentwickeln und wachsen werden.

Originalversion auf Englisch: Guns, Crime, Politics…and Media: Investigative Journalism in Czech Republic

 

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