Afrikas Journalistinnen kämpfen mit Belästigung und ungleichen Strukturen

4. Juli 2026 • Ausbildung, Qualität & Ethik, Top • von

Frauen, die in afrikanischen Redaktionen Fuß fassen wollen, sehen sich nach wie vor mit einem schwierigen Paradoxon konfrontiert: Zwar schließen zahlreiche von ihnen ihr Journalismusstudium ab, doch nur relativ wenige bleiben lange genug im Beruf, um in redaktionelle Führungspositionen aufzusteigen oder Medienunternehmen zu leiten.

Auf dem gesamten Kontinent prägen Sorgen hinsichtlich sexueller Belästigung, niedriger Bezahlung, feindseliger digitaler Umgebungen und ungleicher Aufstiegschancen zunehmend die Diskussionen über die Zukunft des Journalismus – und geben Anstoß zu neuen Initiativen zur Förderung der nächsten Generation weiblicher Führungskräfte in den Medien.

Eine dieser Initiativen, das Programm „Women Media Leaders of Tomorrow“ (WMLT), wird im August dieses Jahres in Nairobi Journalismus-Studentinnen im letzten Studienjahr aus Kenia, Tansania und Sambia zu einem intensiven Führungskurs zusammenbringen.

Unter der Leitung von Prof. Nancy Booker, Dekanin der Graduate School of Media and Communications an der Aga Khan University, wird die Initiative in Zusammenarbeit mit dem Fojo Media Institute umgesetzt und von der Europäischen Union sowie Medienentwicklungsorganisationen wie Thomson Media, Article 19 und weiteren Konsortialpartnern unterstützt.

Das „Talentleck“ im Journalismus

Das dreitägige Präsenzprogramm, das für den 18. bis 20. August geplant ist, zielt darauf ab, junge Journalistinnen mit Führungskompetenzen und digitalen und redaktionellen Fertigkeiten auszustatten – in einer Zeit, in der Frauen in leitenden Medienpositionen in ganz Afrika nach wie vor unterrepräsentiert sind, so Prof. Booker.

„Wir verlieren viele der Frauen, die in den Beruf einsteigen“, sagte Prof. Booker in einem Interview mit AJENda. „Viele Journalismusstudentinnen schließen ihr Studium ab, bleiben aber nicht lange im Beruf.“
Prof. Booker erklärte, das Programm sei als Reaktion auf ein anhaltendes „Talentleck“ im Journalismus entwickelt worden, bei dem zwar zahlreiche Frauen ein Medienstudium aufnehmen, aber innerhalb weniger Jahre aus den Redaktionen verschwinden.

Die Fortbildung wird Mentoring, praktische Übungen in der Redaktion und Führungskräfteentwicklung kombinieren und sich gleichzeitig mit den strukturellen Hindernissen auseinandersetzen, denen Frauen am Medienarbeitsplatz begegnen. Die Teilnehmerinnen werden mit Nachwuchsjournalistinnen und Redakteurinnen in Kontakt kommen, die trotz der Herausforderungen der Branche erfolgreiche Karrieren aufgebaut haben.

Über die rein journalistischen Fachkenntnisse hinaus wird der Kurs einen starken Fokus auf die Realitäten am Arbeitsplatz legen – von der Redaktionskultur und ungleichen Beförderungssystemen bis hin zu Online-Belästigung und technologiegestützter Gewalt.

Ein kontinentweites Problem in den Redaktionen

Die im Rahmen des Programms angesprochenen Probleme spiegeln breitere Muster in der gesamten afrikanischen Medienbranche wider. Zwar machen Frauen in Ländern wie Kenia, Südafrika, Nigeria und Ghana mittlerweile einen erheblichen Anteil der Journalismus-Absolvent:innen aus, doch sind sie in redaktionellen Führungspositionen und bei den Medieninhaber:innen nach wie vor deutlich unterrepräsentiert. Das zeigen Studien von Medienbeobachtungsorganisationen und Gender-Interessengruppen immer wieder.

Ein Bericht des Programms „Women in News“ der WAN-IFRA aus dem Jahr 2024 zur Erfassung von Führungspositionen ergab, dass Frauen nur 24 % der redaktionellen und geschäftlichen Führungsetagen in Medienunternehmen in Afrika, der arabischen Region und Südostasien besetzten, während frühere Untersuchungen in Südafrika, Ghana und anderen afrikanischen Ländern anhaltende „gläserne Decken“ identifizierten, die den Einfluss von Frauen auf redaktionelle Entscheidungsprozesse und redaktionelle Agenden einschränken.

In vielen afrikanischen Ländern sind Journalistinnen zudem weiterhin sowohl offline als auch online erheblichen Sicherheitsrisiken ausgesetzt. Diese reichen von unangemessenen Kommentaren und diskriminierenden Arbeitsaufträgen bis hin zu Nötigung, Einschüchterung und sexuellem Missbrauch innerhalb der Redaktionen.

Sexuelle Belästigung betrifft über ein Drittel der Frauen in Redaktionen

Nach Erkenntnissen, auf die sich die „Association of Media Women“ in Kenia beruft, gaben etwa 38 % der befragten Frauen an, in Redaktionen sexuelle Belästigung erlebt zu haben. Medienrechtsgruppen gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl sogar noch höher liege, da viele Vorfälle aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen, Rufschädigung oder dem Verlust des Arbeitsplatzes nicht gemeldet würden.

Das Problem reicht über traditionelle Redaktionen hinaus. Da sich der afrikanische Journalismus zunehmend in „Digital-First“-Umgebungen verlagert, werden Journalistinnen auch zur Hauptzielgruppe koordinierter Online-Belästigungskampagnen.

Frauen, die über Politik, Korruption, Geschlechterfragen oder Konflikte berichten, sind besonders anfällig für Cyberbelästigung, Doxxing, Androhung sexueller Gewalt und manipulierte Bilder, die über Social-Media-Plattformen verbreitet werden. Digitale Angriffe zielen oft darauf ab, Journalistinnen zum Schweigen zu bringen oder sie gänzlich aus dem öffentlichen Diskurs zu verdrängen.

Aktivist:innen warnen, dass technologiegestützte Gewalt zu einer der am schnellsten wachsenden Bedrohungen für Frauen im Journalismus weltweit wird, wobei afrikanische Journalistinnen aufgrund schwacher Cybersicherheitssysteme, begrenzter institutioneller Unterstützung und unzureichender Arbeitsschutzmaßnahmen besonders gefährdet sind.

Strukturelle Barrieren drängen Frauen aus dem Beruf

Branchenexpert:innen sehen das Problem jedoch nicht nur bei Belästigung, sondern auch in der Struktur der Medienarbeit selbst. Afrikanische Redaktionen sind zunehmend durch unsichere Verträge, lange und unvorhersehbare Arbeitszeiten, sinkende Gehälter und wachsenden Druck gekennzeichnet, Inhalte für mehrere Plattformen zu produzieren. Diese Bedingungen betreffen Frauen überproportional stark, insbesondere diejenigen, die zusätzlich Sorgearbeit leisten.

Viele Journalistinnen haben Schwierigkeiten, die Arbeitszeiten in der Redaktion mit familiären Verpflichtungen in Einklang zu bringen – in Gesellschaften, in denen Sorgearbeit nach wie vor schwerwiegend auf den Schultern der Frauen lastet. Der Mutterschutz ist in Teilen des Kontinents nach wie vor uneinheitlich, während Freiberuflerinnen und Vertragsarbeiterinnen oft nur wenig institutionelle Unterstützung erhalten.

In einigen Fällen werden Frauen von wichtigen Aufgaben wie der politischen Berichterstattung, der Konfliktberichterstattung oder dem investigativen Journalismus ausgeschlossen, weil Redakteure sie als „ungeeignet“ für anspruchsvolle oder gefährliche Themenbereiche ansehen. Solche Ausgrenzungen können den beruflichen Aufstieg und Führungsmöglichkeiten einschränken.

Die Organisatoren der Initiative in Nairobi betonen, dass diese strukturellen Ungleichheiten im Mittelpunkt der Programmgestaltung stehen. „Wir wollen zukünftige weibliche Führungskräfte, Redakteurinnen und Innovatorinnen fördern“, sagte Prof. Booker und merkte an, dass der Kurs den Teilnehmerinnen helfen werde, sich in der „sich wandelnden Landschaft“ des Journalismus zurechtzufinden und gleichzeitig das Selbstvertrauen zu entwickeln, Führungspositionen anzustreben.

Die digitale Transformation birgt sowohl Chancen als auch Risiken

Das Programm spiegelt auch die wachsende Besorgnis über die digitale Kompetenzlücke wider, mit der viele Journalist:innen in ganz Afrika konfrontiert sind. Da Medienunternehmen in raschem Tempo Tools der künstlichen Intelligenz, des Datenjournalismus, mobile Berichterstattung und multimediales Storytelling einführen, laufen Frauen Gefahr, den Anschluss zu verlieren, wenn Ausbildungsmöglichkeiten nicht gerecht verteilt werden.

Expert:innen zufolge verschärft der ungleiche Zugang zu Schulungen oft bestehende geschlechtsspezifische Ungleichheiten in Redaktionen. Männern werden häufiger technische Aufgaben im Bereich der digitalen Produktion, der investigativen Datenarbeit oder der Redaktionsinnovation zugewiesen, während Frauen in „weichere“ Ressorts wie Lifestyle- oder Unterhaltungsberichterstattung gelenkt werden.

Gleichzeitig haben digitale Medien auch neue Möglichkeiten für Journalistinnen und Unternehmerinnen eröffnet, unabhängige Plattformen außerhalb traditioneller Gatekeeping-Strukturen aufzubauen. In ganz Afrika beginnen von Frauen geführte Podcasts, investigative Plattformen, Initiativen im Klimajournalismus und digitale Redaktionen, die Medienökosysteme neu zu gestalten.

Hier bleibt Nachhaltigkeit eine große Herausforderung. Viele von Frauen geführte Medien-Start-ups kämpfen mit Finanzierungsengpässen, ungleichen Werbemärkten und Online-Belästigung.

Frühzeitige Förderung von Führungskompetenzen

Die Organisator:innen des Programms hoffen, dass besonders Maßnahmen, die sich vor dem Eintritt ins Berufsleben an Journalismusstudierende richten, diesen seit langem bestehenden Herausforderungen etwas entgegensetzen können. Das Programm in Nairobi baut auf Pilotinitiativen auf, die bereits 2025 in Bangladesch, Sri Lanka und Simbabwe umgesetzt wurden.

Nach Angaben der Organisatoren wurden die Erkenntnisse aus diesen Programmen an die Gegebenheiten ostafrikanischer Redaktionen angepasst. Die Teilnehmer:innen kommen von Universitäten in Kenia, Tansania und Sambia und werden an praktischen Simulationen teilnehmen, die auf der aktuellen Praxis in Redaktionen basieren.

Die Initiative kommt zu einem entscheidenden Zeitpunkt für den afrikanischen Journalismus. Medienorganisationen auf dem gesamten Kontinent haben mit politischem Druck, finanzieller Instabilität und rasanten technologischen Umbrüchen zu kämpfen. In einem solchen Umfeld ist die Förderung von Frauen im Journalismus nicht einfach eine Frage der Geschlechtergleichstellung, sondern auch eine der Vielfalt in Redaktionen, der demokratischen Repräsentation und der zukünftigen Nachhaltigkeit des Berufsstandes selbst.

Für viele junge Frauen, die in die Branche einsteigen, besteht die Herausforderung nicht mehr nur darin, einen Studienplatz an einer Journalistenschule zu bekommen. Es geht darum, lange genug in der Redaktion zu bestehen, um sie später leiten zu können.

Dieser Artikel wurde zunächst vom African Journalism Education Network veröffentlicht. Übersetzt von Judith Odenthal mithilfe von DeepL.

Beitragsbild: Pexels

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