Globale Netzwerke, kooperative Forschung: Erfahrungen des Erich-Brost-Instituts für internationalen Journalismus

15. Juni 2026 • Aktuelle Beiträge, Forschung aus 1. Hand • von

In einer Zeit zunehmender geopolitischer Polarisierung und demokratischer Rückschritte ist akademische Zusammenarbeit mehr als nur institutionelle oder organisatorische Praxis geworden. Sie bildet zunehmend eine kommunikative Infrastruktur, über die Wissen und berufliche Normen grenzüberschreitend ausgehandelt werden. Dies zeigt sich besonders deutlich in der Journalismus- und Massenkommunikationsforschung, wo – wie im Fall des Erich-Brost-Instituts für internationalen Journalismus in Deutschland, vertreten durch das Autor:innenteam – globale Phänomene wie Migration, Klimawandel und geopolitische Konflikte national begrenzte Perspektiven in Frage stellen und transnationale Formen der Forschungszusammenarbeit erfordern.

Von Susanne Fengler, Michel Leroy, Dominik Speck, Merle Van Berkum

& Richard Brandt

Gleichzeitig wird die akademische Zusammenarbeit selbst durch Asymmetrien in Bezug auf Ressourcen, Infrastruktur, Sprache und epistemische Autorität geprägt. Debatten über Entwestlichung, digitalen Kolonialismus und epistemische Gerechtigkeit haben deutlich gemacht, dass internationale Forschungszusammenarbeit nicht einfach als neutraler Wissensaustausch verstanden werden kann. Vielmehr geht es dabei um Fragen der Sichtbarkeit, Repräsentation, Macht und des Zugangs innerhalb globaler Kommunikationsordnungen.

Vor diesem Hintergrund reflektiert dieser Artikel über mehrere miteinander verbundene Projekte, die vom Erich-Brost-Institut für internationalen Journalismus an der TU Dortmund in Zusammenarbeit mit unseren Partnern weltweit koordiniert werden. Auf der Grundlage vergleichender Studien zur Migrationsberichterstattung, mehrsprachiger Initiativen zur Online-Journalismusausbildung und paneuropäischer Journalismus-Ausbildungsprojekte argumentiert unser Artikel, dass akademische Zusammenarbeit heute zunehmend als transnationale kommunikative Infrastruktur fungiert. Eine solche Zusammenarbeit bringt nicht nur Forschungsergebnisse oder Lehrmaterialien hervor; sie prägt auch, wie Journalismus selbst regionenübergreifend konzeptualisiert, gelehrt und praktiziert wird. Die Projekte, die wir in diesem Text hervorheben, wurden ausgewählt, um sowohl die Möglichkeiten als auch die Spannungen transnationaler akademischer Zusammenarbeit in der Journalismus- und Massenkommunikationsforschung zu veranschaulichen.

Wissenschaftliche Zusammenarbeit als Kommunikationsinfrastruktur

Wissenschaftliche Zusammenarbeit in der Kommunikationsforschung wurde traditionell als Mechanismus für Wissensaustausch, den Aufbau wissenschaftlicher Kapazitäten und Internationalisierung verstanden. Zusammenarbeit prägt jedoch in gewissem Maße auch „Machtverhältnisse“ – internationale Forschungsnetzwerke bestimmen, welche Perspektiven sichtbar werden, welche Themen priorisiert werden und welche Formen von Fachwissen innerhalb globaler akademischer und beruflicher Diskurse Legitimität erlangen.

Dies ist in den Journalismuswissenschaften besonders relevant. Der Journalismus wurde historisch durch westliche berufliche Normen konzeptualisiert, die Objektivität, das Konzept des Watchdog-Journalismus sowie liberal-demokratische öffentliche Sphären betonen. Doch Wissenschaftler:innen aus dem Globalen Süden kritisieren seit langem die Universalisierung dieser Modelle und heben den situativen Charakter journalistischer Praktiken hervor, die in lokale Kontexte eingebettet sind.

Die Digitalisierung verkompliziert diese Dynamiken zusätzlich. Online-Lernplattformen, MOOCs und transnationale Bildungsinfrastrukturen schaffen beispiellose Möglichkeiten für grenzüberschreitendes Lernen und Zusammenarbeit. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass sie Formen des „digitalen Neokolonialismus“ reproduzieren, bei denen die Wissensproduktion weiterhin in westlichen Institutionen konzentriert bleibt und sprachliche Hierarchien englischsprachige Perspektiven weiterhin privilegieren.
Vor diesem Hintergrund stehen internationale Projekte zur Journalistenausbildung zunehmend vor einer doppelten Herausforderung: Sie müssen transnationale Kommunikation ermöglichen und gleichzeitig epistemische Pluralität und kontextuelle Vielfalt anerkennen. Zusammenarbeit wird somit nicht nur zu einer organisatorischen Angelegenheit, sondern auch zu einer Frage der kommunikativen Architektur: Wie können mehrsprachige, transnationale und gerechtere Räume der Wissensproduktion geschaffen werden?

Bericht I: Das Global Handbook of Media Accountability

Eine zentrale methodische Herausforderung dieses Projekts – einer vergleichenden Studie zu Praktiken der Medienverantwortlichkeit in 44 Ländern auf allen Kontinenten (Fengler, Eberwein & Karmasin, 2022) – bestand darin, einen vergleichenden und global anwendbaren analytischen Rahmen zu konstruieren, ohne die normativen Annahmen westlicher liberaler Mediensysteme zu reproduzieren, die die Forschung zur Medienverantwortlichkeit historisch dominiert haben. Diese wurde größtenteils im Kontext liberaler Demokratien entwickelt, die sich durch vergleichsweise stabile Pressefreiheit, berufliche Selbstregulierung, institutionalisierte Journalismuskulturen und relativ autonome Medienmärkte auszeichnen. Das Konsortium stand daher vor dem Problem, dass Schlüsselbegriffe wie „Selbstregulierung“, „Transparenz“, „berufliche Verantwortung“ oder sogar „Journalismus im öffentlichen Interesse“ in den teilnehmenden Ländern wesentlich unterschiedliche institutionelle Bedeutungen hatten.

Dies wurde besonders deutlich in der vergleichenden Analyse von Presseräten und Rundfunkbehörden. Zwar gab es in vielen Ländern formal ähnliche Institutionen, doch unterschieden sich ihre tatsächlichen politischen und kommunikativen Funktionen grundlegend. In mehreren westeuropäischen Ländern fungieren Presseräte in erster Linie als professionelle Selbstregulierungsgremien, die die journalistische Legitimität und das Vertrauen der Öffentlichkeit stärken sollen. Das Projekt identifizierte jedoch auch zahlreiche Fälle, in denen nominell vergleichbare Institutionen als Instrumente staatlicher Kontrolle, politischer Disziplinierung oder symbolischen Legitimitätsmanagements innerhalb autoritärer oder hybrider politischer Systeme fungierten. Das Konsortium musste daher über einen rein institutionellen Vergleich hinausgehen und kontextsensitive analytische Kategorien entwickeln, die zwischen selbstregulierenden, koregulierenden, staatlich kontrollierten, gebergesteuerten und „nachahmenden“ Formen der Medienverantwortlichkeit unterscheiden können.

Eine weitere methodische Herausforderung betraf die mehrsprachige Koordination vergleichender empirischer Forschung über hochgradig heterogene Journalismuskulturen hinweg. Gemeinsame konzeptionelle Rahmen mussten nicht nur sprachlich, sondern auch epistemisch über verschiedene akademische Traditionen und politische Kontexte hinweg übersetzt werden. Bestimmte Kategorien – zum Beispiel „Unabhängigkeit“, „Berufsethik“ oder „Rechenschaftspflicht gegenüber der Öffentlichkeit“ – erwiesen sich als schwer zu operationalisieren, da sie in stark divergierende historische Erfahrungen mit Journalismus, Staatlichkeit und Mediengovernance eingebettet waren. Infolgedessen stützte sich das Projekt stark auf wiederholte Überarbeitungen der analytischen Kategorien. Der Vergleich selbst wurde zu einem fortlaufenden kommunikativen Prozess der Übersetzung und epistemischen Aushandlung unter den teilnehmenden Forschenden, nicht zu einer rein technischen Übung.

Das Projekt stieß zudem auf erhebliche Herausforderungen hinsichtlich Asymmetrien in der Forschungsinfrastruktur und der Datenverfügbarkeit. Während einige teilnehmende Länder über umfangreiche Archivdatenbanken, institutionelle Transparenz und etablierte Traditionen der Journalismusforschung verfügten, mussten sich Forschende in anderen Kontexten stärker auf fragmentierte Dokumentation, informelle Netzwerke, NGO-Berichte oder qualitatives Expertenwissen stützen. In mehreren Ländern, insbesondere in politisch sensiblen Kontexten, waren die Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit von Informationen über Eigentumsverhältnisse, regulatorische Eingriffe oder informellen politischen Einfluss auf Medieninstitutionen nach wie vor sehr ungleichmäßig. Dies erforderte vom Konsortium ein in hohem Maße anpassungsfähiges und reflexives Vorgehen.

Gleichzeitig führten diese methodischen Schwierigkeiten zu wichtigen konzeptionellen und analytischen Erkenntnissen. Ein wesentlicher Beitrag des Projekts war die Entwicklung eines deutlich „entwestlichten“ Verständnisses von Medienverantwortlichkeit. Die vergleichende Perspektive zeigte, dass Medienverantwortlichkeit nicht auf ein festes institutionelles Modell reduziert werden kann, das sich aus westlichen liberalen Demokratien ableitet. Stattdessen entstanden Praktiken der Medienverantwortlichkeit durch äußerst vielfältige Konstellationen, an denen NGOs, Universitäten, Journalistenschulen, Geberorganisationen, digitale Gemeinschaften, Publikumsbeteiligung, informelle berufliche Netzwerke und plattformbasierte Kommunikationspraktiken beteiligt waren.

Das Projekt zeigte ferner, dass Medienverantwortlichkeit als dynamischer und historisch bedingter Prozess verstanden werden muss, der eng mit Demokratisierung, Autokratisierung, technologischem Wandel und geopolitischen Veränderungen verknüpft ist. Eine vergleichende Längsschnittanalyse deckte erkennbare „Wellen“ der Entwicklung von Medienverantwortlichkeit auf, die mit politischen Transformationsprozessen nach 1945, nach 1968, nach 1989 und im Anschluss an den Arabischen Frühling zusammenhingen. Gleichzeitig dokumentierte das Projekt Prozesse der institutionellen Erosion, der politischen Vereinnahmung und der Fragmentierung von Rechenschaftsstrukturen selbst innerhalb etablierter Demokratien. Diese vergleichende Perspektive ermöglichte es, Medienverantwortlichkeit nicht als stabile institutionelle Anordnung zu konzeptualisieren, sondern als fragile kommunikative Infrastruktur, die kontinuierlich zwischen Journalismus, Politik, Zivilgesellschaft, Märkten und technologischen Systemen neu verhandelt wird.

Bericht II: Vergleich der Migrationsberichterstattung in Europa

Ein weiteres Beispiel für unsere akademische Zusammenarbeit als kommunikative Infrastruktur ist das groß angelegte Vergleichsprojekt Migration Coverage in Europe’s Media, das vom Erich-Brost-Institut gemeinsam mit dem Netzwerk European Journalism Observatory (EJO) koordiniert wird. Das Projekt brachte Forscher:innen aus 17 Ländern in ganz Europa, den Vereinigten Staaten sowie Russland und Belarus zusammen –im politischen Kontext von 2019/20 noch möglich–, um die Migrationsberichterstattung in sehr unterschiedlichen Mediensystemen, politischen Kulturen und journalistischen Traditionen zu analysieren.

Tatsächlich ermöglichte uns die Zusammensetzung des Konsortiums einen weitaus umfassenderen Blick auf Migrant:innen und Geflüchtete zu einer Zeit, als der Diskurs in Europa von der „Flüchtlingskrise“ des Jahres 2015 und deren anhaltenden Auswirkungen auf öffentliche Debatten und politische Landschaften in ganz Europa dominiert wurde. Auch die Entscheidung Deutschlands aus dem Jahr 2015, eine unbegrenzte Zahl von Flüchtlingen aufzunehmen, musste im historischen Kontext des Zweiten Weltkriegs interpretiert werden. Während die ehemaligen Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien über jahrzehntelange Erfahrung als Zielländer verfügten, waren Italien und Spanien lange Zeit Herkunftsländer der Migration nach Nordeuropa. Auch Länder in Mittel- und Osteuropa (MOE) waren und sind nach wie vor Herkunftsländer für viele Migrant:innen innerhalb der EU. All dies prägte die Migrationsdiskurse in den Medien, wie unsere Studie zeigen konnte. Gleichzeitig sahen sich jedoch auch die Vereinigten Staaten mit zunehmendem Migrationsdruck an der mexikanischen Grenze konfrontiert, da sie seit langem das Land mit den weltweit höchsten Einwanderungszahlen waren (durchschnittlich mehr als 1 Million Einwanderer pro Jahr). Weniger präsent im westlichen Diskurs war Russland, das sich zwischen 1990 und 2015 zum weltweit zweitgrößten Anziehungspunkt für Einwandernde – hauptsächlich aus den ehemaligen Sowjetrepubliken – entwickelt hatte. Andererseits war die Abwanderung von bis zu 2 Millionen gut ausgebildeten Fachkräften aus Russland – bereits zum Zeitpunkt der Datenerhebung für diese Studie – aufgrund der seit 2000 zunehmenden autoritären Tendenzen im Land sowie der wahrgenommenen Einschränkung der Meinungs- und unternehmerischen Freiheit in der russischen öffentlichen Diskussion praktisch nicht thematisiert worden.

Sprache stellte in diesem Projekt eine große interkulturelle Herausforderung dar. Suchbegriffe und Kodierungskategorien mussten übersetzt und an verschiedene sprachliche Kontexte angepasst werden. Auch Übersetzung allein erwies sich als unzureichend, da mit Migration verbundene Konzepte in verschiedenen Regionen oft unterschiedliche historische und politische Konnotationen haben. Begriffe wie „Flüchtlingskrise“, „Mobilität“, „Vertreibung“ oder „illegale Migration“ spiegelten unterschiedliche nationale und regionale Debatten wider. Die interkulturelle Zusammenarbeit erforderte daher ständige Verhandlungen über semantische Äquivalenz und kontextuelle Interpretation.

Das Projekt zeigte somit, dass internationale Journalismusforschung aktiv durch kommunikative Infrastrukturen konstituiert wird, die eine gemeinsame Wissensproduktion über fragmentierte politische, sprachliche und epistemische Umfelder hinweg ermöglichen. Die vergleichende Methodik selbst entpuppte sich als eine Form transnationaler Kommunikationspraxis, in der wissenschaftliche Zusammenarbeit und methodologische Verhandlungen zu konstitutiven Elementen der Forschungsproduktion wurden. Gleichzeitig stärkte das Projekt die Rolle des European Journalism Observatory (EJO) als transnationale Infrastruktur, die die Journalismusforschung in ganz Europa vernetzt.

Bericht III: Vergleich der Migrationsberichterstattung in Europa und Afrika

Die Notwendigkeit solcher transnationalen Ansätze wurde besonders deutlich in unserer vergleichenden Forschung zur Migrationsberichterstattung, die zwischen afrikanischen und europäischen Partnerinstitutionen durchgeführt wurde (Fengler, Van Berkum et al. 2026). Migration stellt eines der am stärksten globalisierten und politisierten Themen des zeitgenössischen Journalismus dar. Dennoch bleibt die Medienberichterstattung oft national oder regional geprägt und – auch innerhalb der EU – stark von innenpolitischen Agenden beeinflusst.

Eine vergleichende Inhaltsanalyse von 1.871 Online-Nachrichtenartikeln aus dreißig Medien in fünfzehn afrikanischen und europäischen Ländern zeigte erhebliche Unterschiede, aber auch sich abzeichnende Verflechtungen in der Migrationsberichterstattung über die Kontinente hinweg. Die Studie identifizierte drei vorherrschende Muster der Migrationsberichterstattung, die als „Abkommen, Katastrophen und Domestizierung“ zusammengefasst wurden.

Die europäische Medienberichterstattung legte weiterhin den Schwerpunkt auf politische Konflikte, Grenzkontrollen und Securitization und stellte Migration oft vorrangig durch Krisennarrative dar. Afrikanische Medien konzentrierten sich dagegen zunehmend auf die innerafrikanische Migration, wirtschaftliche Mobilität und bilaterale Migrationsabkommen. Besonders bemerkenswert war die wachsende redaktionelle Autonomie afrikanischer Medien, die – im Vergleich zu unserer früheren Studie mit Daten aus den Jahren 2015/2016 – nicht mehr lediglich europäische Narrative reproduzierten, sondern die Migrationsberichterstattung zunehmend an lokale Anliegen und regionale Dynamiken anpassten.

Gleichzeitig deckte das Projekt regionenübergreifend anhaltende blinde Flecken auf. Der Klimawandel als struktureller Migrationsfaktor wurde nach wie vor zu wenig thematisiert, obwohl er sowohl für afrikanische als auch für europäische Gesellschaften zunehmend an Bedeutung gewinnt. Migrant:innen selbst wurden selten als aktive Stimmen dargestellt, während institutionelle und politische Akteur:innen die Berichterstattung dominierten.

Wichtig ist, dass diese Ergebnisse erst durch die transnationale Zusammenarbeit selbst sichtbar wurden. Das vergleichende Forschungsdesign erforderte, dass Forscher:innen aus fünfzehn Ländern gemeinsam Kategorien, methodische Annahmen und kontextuelle Interpretationen aushandelten. In diesem Sinne fungierte das Projekt nicht nur als Studie zur Migrationsberichterstattung, sondern auch als Experiment zur transnationalen Wissensproduktion. Es zeigte, dass vergleichende Kommunikationsforschung national isolierte Perspektiven hinterfragen und die Vernetzung öffentlicher Diskurse über Regionen hinweg sichtbar machen kann.

Eine der zentralen Erkenntnisse des Projekts war so eher methodischer als rein empirischer Natur: Dies wurde besonders im Prozess der Länder- und Medienauswahl deutlich. Anstatt ein standardisiertes eurozentrisches Verständnis von „Qualitätsmedien“ oder „meinungsbildendem Journalismus“ anzuwenden, wählten die nationalen Forschenden die Medien auf der Grundlage kontextbezogener Fachkenntnisse hinsichtlich Eigentumsverhältnissen, politischem Einfluss, sprachlicher Vielfalt und Publikumsrelevanz innerhalb ihrer jeweiligen Mediensysteme aus. Das Projekt verband daher bewusst eine zentralisierte methodische Koordination mit dezentraler lokaler Expertise. Dieser Ansatz trug der Tatsache Rechnung, dass sich Mediensysteme je nach politischem, wirtschaftlichem und historischem Kontext grundlegend unterscheiden und dass ein aussagekräftiger Vergleich Sensibilität für diese Unterschiede erfordert, anstatt sie zu eliminieren.

Darüber hinaus erfordert die kontinentübergreifende vergleichende Kommunikationsforschung eine kontinuierliche interkulturelle Aushandlung dessen, was als „Migration“, „Krise“, „politischer Konflikt“ oder sogar „Journalismus“ gilt. Kategorien, die aus europäischer Perspektive zunächst selbstverständlich erschienen, erforderten oft erhebliche Anpassungen, sobald Forschende aus afrikanischen Partnerinstitutionen lokal verankerte Verständnisse von Migrationsdynamiken und Medienpraktiken einbrachten.

Die Studie zeigte zudem auf, wie transnationale Zusammenarbeit strukturelle Asymmetrien in der globalen Kommunikationsforschung verringern kann. Der afrikanische Journalismus wurde oft durch extern produzierte Narrative dargestellt oder primär anhand westlicher theoretischer Rahmen analysiert. Durch die Einbeziehung von Forschenden aus fünfzehn Ländern in die Konzeption, Kodierung, Interpretation und Kontextualisierung der Ergebnisse strebte das Projekt an, über extraktive Forschungsmodelle hinauszugehen und hin zu dialogischeren Formen der vergleichenden Kommunikationsforschung zu gelangen.

Gleichzeitig zeigte das Projekt die praktischen Herausforderungen interkultureller Zusammenarbeit auf: Ungleicher Zugang zu Forschungsinfrastruktur, unterschiedliche institutionelle Kapazitäten, variierende Archivzugänglichkeit und gegensätzliche akademische Traditionen erforderten erhebliche Flexibilität und Vertrauensbildung unter den Partnern. Die regionenübergreifende vergleichende Kommunikationsforschung entpuppte sich daher nicht einfach als technische Übung, sondern als fortlaufender kommunikativer Verhandlungsprozess, der durch den interkulturellen Dialog selbst geprägt war.

Bericht IV: Journalismusausbildung und mehrsprachige Zusammenarbeit – das CoMMPASS-Projekt

Die Frage der kommunikativen Vernetzung prägte auch das CoMMPASS-Projekt, eine mehrsprachige Online-Initiative zur Journalismusausbildung, die von 2023 bis 2026 von der Europäischen Union kofinanziert wurde (Leroy et al., im Erscheinen). Das Projekt entwickelte vierzehn Online-Kursmodule zur Migrationsberichterstattung in Englisch, Französisch, Portugiesisch und Kiswahili und hat bereits mehr als 1.000 Journalismusstudierende und Journalist:innen aus 29 Ländern Subsahara-Afrikas geschult.
CoMMPASS entstand aus der Beobachtung, dass der Migrationsjournalismus in Afrika oft unterfinanziert, von außen beeinflusst und unzureichend kontextualisiert ist. Bestehende Ausbildungsmaterialien für Journalismus zum Thema Migration waren häufig aus europäischer Perspektive konzipiert und spiegelten selten afrikanische Migrationsrealitäten wider, insbesondere im Bezug auf innerafrikanische Mobilität und die regionale Migrationspolitik.

Das Projekt zielte daher darauf ab, eine mehrsprachige und epistemisch pluralistische Plattform für die journalistische Ausbildung zu schaffen. Wichtig ist, dass die meisten Kursmodule direkt von afrikanischen Partneruniversitäten entwickelt wurden, während die europäischen Institutionen hauptsächlich den Gesamtrahmen koordinierten und ausgewählte methodische Komponenten beisteuerten. Diese Struktur sollte bewusst die Reproduktion einseitiger Wissenstransfermodelle vermeiden.

Die mehrsprachige Gestaltung spielte in diesem Prozess eine zentrale Rolle. Durch das Angebot der Kurse in vier Sprachen stellte das Projekt die Dominanz des Englischen in der Online-Journalismusausbildung in Frage und erleichterte die Kommunikation zwischen Sprachregionen, die innerhalb der afrikanischen Journalismusausbildung oft isoliert bleiben. Auf diese Weise schuf CoMMPASS neue Formen transnationaler beruflicher Interaktion zwischen Journalismusstudierenden und Lehrenden.

Gleichzeitig deckte das Projekt auch strukturelle Ungleichheiten innerhalb der digitalen Bildungsinfrastrukturen auf. Der Zugang zu stabilen Internetverbindungen, technologischen Ressourcen und institutioneller Unterstützung variierte erheblich zwischen den teilnehmenden Ländern. Die Umsetzung der Online-Journalismusausbildung erforderte daher eine ständige Anpassung an die lokalen Gegebenheiten und nicht den einfachen Transfer standardisierter digitaler Modelle.

Das Projekt veranschaulicht, wie akademische Zusammenarbeit zunehmend parallel auf pädagogischer, technologischer und epistemischer Ebene stattfindet. Die Journalismusausbildung wird zu einem Ort, an dem umfassendere Auseinandersetzungen um Kommunikation, Repräsentation und berufliche Normen ausgehandelt werden.

Bericht V: Journalismusausbildung und mehrsprachige Zusammenarbeit – Das COPE-Projekt

Während sich CoMMPASS auf die Journalismusausbildung in Afrika konzentrierte, befasste sich das COPE-Projekt mit ähnlichen Herausforderungen innerhalb Europas (Fengler et al., 2025). Das Projekt wurde von Journalismusinstituten aus allen 27 EU-Mitgliedstaaten entwickelt und zielte darauf ab, das Verständnis von Journalismusstudierenden für europäische Institutionen, die Kohäsionspolitik und die EU-Governance zu stärken.

Die Initiative reagierte auf eine erhebliche Lücke, die durch Umfragen unter rund 500 Journalismusstudierenden in ganz Europa festgestellt wurde. Mehr als sechzig Prozent verfügten nicht über Grundkenntnisse zu EU-Institutionen und -Politik, während viele Journalismusstudiengänge nach wie vor nur begrenzt Unterricht zu europäischen Angelegenheiten anboten. Dieser Mangel an EU-Kompetenz hat weitreichende demokratische Auswirkungen, insbesondere in Zeiten wachsenden Euroskeptizismus, Populismus und Desinformation.

COPE entwickelte daher eine mehrsprachige Online-Lernplattform, die in 21 EU-Sprachen verfügbar ist und durch lokalisierte Module an nationale Kontexte angepasst wurde. Mehr als 1.500 Journalismusstudierende testeten die Plattform während der Projektphase erfolgreich.
Das Projekt verdeutlicht ein zentrales Paradoxon der europäischen Kommunikation: Trotz jahrzehntelanger politischer Integration bleiben die journalistische Ausbildung und die Medienberichterstattung oft stark national geprägt. Die europäische Zusammenarbeit in der Journalistenausbildung zielt daher nicht nur darauf ab, Fachwissen zu vermitteln, sondern auch die kommunikativen Grundlagen einer gemeinsamen europäischen Öffentlichkeit zu stärken.

Gleichzeitig zeigt das Projekt, dass die transnationale Journalistenausbildung selbst eine umfassende organisatorische und kommunikative Koordination erfordert. Der mehrsprachige Übersetzungsprozess, die Anpassung lokaler Module und die Koordination zwischen Partnerinstitutionen in ganz Europa stellten eine komplexe Form der kommunikativen Zusammenarbeit dar, die weit über den traditionellen akademischen Austausch hinausging.

In diesem Sinne veranschaulicht COPE, wie die journalistische Ausbildung zunehmend als eine Form demokratischer Infrastruktur fungiert. Das Projekt zielte darauf ab, die Fähigkeit von Journalist:innen zu stärken, kritisch und kompetent über europäische Governance-Strukturen zu berichten und damit zu einer informierten öffentlichen Debatte innerhalb der EU beizutragen.

Fazit: Akademische Zusammenarbeit ist mehr als ein unterstützender Rahmen

Die in diesem Artikel diskutierten Projekte zeigen, dass die akademische Zusammenarbeit in der Forschung und Ausbildung im Bereich Journalismus und Massenkommunikation in einer fragmentierten globalen Kommunikationsordnung zunehmend als kommunikative und epistemische Infrastruktur fungiert. Gleichzeitig veranschaulichen sie auch die Spannungen, die der internationalen Zusammenarbeit innewohnen. Fragen der Sprache, epistemischer Autorität, digitaler Ungleichheit und institutioneller Asymmetrie bleiben zentrale Herausforderungen. Zusammenarbeit führt nicht automatisch zu Gleichheit oder Pluralität; sie erfordert eine kontinuierliche Aushandlung kommunikativer Machtverhältnisse und kontextueller Unterschiede.

Dennoch legen diese Beispiele auch nahe, dass transnationale akademische Zusammenarbeit Räume für pluralistische und vernetzte Formen der Journalismusausbildung und der Massenkommunikationsforschung schaffen kann. Insbesondere in Bereichen, die von globalen Krisen und geopolitischer Polarisierung geprägt sind, wird eine solche Zusammenarbeit zunehmend unerlässlich, um zu verstehen, wie öffentliche Kommunikation grenzübergreifend entsteht.

In diesem Sinne sollte akademische Zusammenarbeit nicht lediglich als unterstützender Rahmen für Forschung und Lehre betrachtet werden. Sie ist selbst zu einer zentralen kommunikativen Praxis geworden, durch die globales öffentliches Wissen, professionelle Journalismuskulturen und demokratischer Diskurs im 21. Jahrhundert ausgehandelt werden.

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