Bolivien: Unabhängiger Journalismus unter Druck

14. Januar 2021 • Aktuelle Beiträge, Pressefreiheit, Qualität & Ethik • von

Boliviens Geschichte ist geprägt von zahlreichen politischen Umstürzen, Unruhen und extremen Positionen. Immer wieder hat sich das auch auf die Unabhängigkeit des Journalismus in dem Andenstaat ausgewirkt. Wie sich diese Umstände sowie die jüngste politische Krise im Land rund um die Präsidentschaftswahlen im Herbst 2019 auf die Rahmenbedingungen des bolivianischen Journalismus ausgewirkt haben, untersucht eine Bachelorarbeit.

„Journalist sein ist ein Kriegsberuf.“ So schätzt der bolivianische Journalist Andrés Rodríguezseine Arbeit im Jahr 2020 ein. Dabei herrscht in Bolivien zu dieser Zeit kein Krieg – wohl aber ein politisch und gesellschaftlich instabiles Umfeld, das bolivianische Journalist*innen in ihrem Arbeitsalltag enorm einschränkt. Ex-Präsident Evo Morales, der erste indigene Präsident Boliviens und gleichzeitig der Präsident mit der längsten Amtszeit in der Geschichte des Landes, flüchtete im November 2019 nach Wahlbetrugs-Vorwürfen ins Exil und hinterließ ein tief gespaltenes Land. Mit Jeanine Añez ernannte sich eine rechtskonservative Katholikin zur Übergangspräsidentin. Die Anhänger*innen dieser wirtschaftsnahen, rechten Elite, die zuvor über Jahrhunderte an der Macht war, kämpften nun gegen die indigen geprägte, ländliche Bevölkerung, die sich durch Morales endlich in der Politik vertreten sah. Es gab Auseinandersetzungen auf den Straßen, Militäreinsätze, Demonstrationen und über Wochen hinweg immer wieder Tote.

Wie meine Interviews mit zehn Medienexpert*innen und Journalist*innen in Bolivien zur aktuellen Lage des Journalismus in Bolivien zeigen, haben die Spaltung und die Unsicherheit in der Bevölkerung, die durch die missglückten Wahlen und die neue, rechte Übergangsregierung verstärkt wurden, auch den Journalismus im Land massiv beeinflusst. Sie beklagen vor allem den politischen Einfluss auf den Journalismus und die damit zumindest fragwürdige Unabhängigkeit vieler bolivianischer Medien.

Zwar hatten Journalist*innen hatten bereits in der knapp 14-jährigen Amtszeit von Evo Morales mit zunehmenden Restriktionen und Finanzierungsproblemen zu kämpfen, doch im Zuge der politischen Krise im Herbst 2019 hat sich die Situation nochmals verschlechtert. Auch die Sicherheitslage von Journalist*innen gestaltet sich schwierig, da in den letzten Jahren der politische Druck auf Medienschaffende stark zugenommen hat. Immer wieder werden „Lügenpresse“-Vorwürfe laut.

Starke Polarisierung der Gesellschaft

„Politik und Medien und Politik und Journalismus lassen sich in Bolivien nicht trennen“, sagt Benedikt Borchers, Projektleiter der Deutschen Welle Akademie in Bolivien. Das habe mehrere Gründe, erklärt der Journalistik-Absolvent der TU Dortmund. Dazu zählen unter anderem die stark monopolisierten Besitzstrukturen von Medienhäusern in Händen von Familien, die einer bestimmten politischen Linie zugeordnet sind. Je nach Ausrichtung des Hauses gestaltet sich also die Berichterstattung. Das zeigte sich unter anderem in den Berichten über die Präsidentschaftswahlen 2019. Morales-treue Medien berichteten anders als traditionell linkskritische Medien, wie die Auswertung der Interviews und der Berichterstattung ergab. „Es gab viel Druck von allen Seiten, und die Medien haben sich maximal unter Druck setzen lassen“, erklärt die Onlinejournalistin Enid Patricia Lopez Camacho.

Auch die Journalist*innen selbst wurden dementsprechend jeweils einer politischen Linie zugeordnet. Je nach Berichterstattung führte das, vor allem in den Wochen direkt nach den Wahlen, häufig zu körperlichen und verbalen Bedrohungen gegen Medienschaffende. So wurde beispielsweise Videojournalist*innen das Filmen verwehrt oder Equipment zerstört. Das berichtet unter anderem der Videojournalist Gerardo Bravo: Im Zuge einer Recherche für die Zeitung Los Tiempos im Herbst 2019 wurde er auf der Straße angegriffen, mit Steinen beworfen und bedroht. Auch die Onlinejournalistin Fabiola Chambi schildert ähnliche Erfahrungen: „2019 war eines der schwierigsten und komplexesten Jahre für Journalisten aller Zeiten.“

Wirtschaftlich am Abgrund

Neben den Problemen durch den politischen Einfluss und die gesellschaftliche Spaltung beeinflusst auch die ökonomische Situation der bolivianischen Medien den Journalismus. Ähnlich wie in vielen anderen Ländern der Welt befinden sich auch die Medienhäuser in Bolivien bereits seit einigen Jahren in einer wirtschaftlichen Krise, die durch die Covid-19-Pandemie und die Ereignisse im Herbst 2019 weiter verstärkt wurde. Alle zehn der in dieser Studie befragten Medienexpert*innen kamen zu diesem Schluss. Gründe hierfür sind unter anderem fehlende alternative Geschäftsmodelle. Seitdem Digitalriesen wie Google und Facebook die meisten Werbeanzeigen abgreifen, nehmen die Medienhäuser deutlich weniger Geld durch die Schaltung dieser ein. Das Problem ist ein globales, und lässt sich zum Beispiel auch in Deutschland beobachten.

In Bolivien verstärkt es unter anderem die finanzielle Abhängigkeit der Medien von staatlichen Zuwendungen: 60-70 Prozent der Werbeeinnahmen beruhen auf staatlicher Werbung – und damit auf dem Wohlwollen der jeweiligen Regierung. Gerade unter Morales hat dies dazu geführt, dass kritische Medien mit dem Entzug von Einnahmen rechnen mussten, wenn die Regierung ihre Berichterstattung nicht unterstützte.

Problem: Selbstzensur

All diese Faktoren führen zu einer der größten Schwierigkeiten des bolivianischen Journalismus, der Selbstzensur. Die Studie zeigt, dass sich alle befragten (aktiven) Journalist*innen im Laufe ihrer Karriere bereits selbst zensiert haben – zum Beispiel, weil die Linie des Medienhauses, bei dem sie angestellt waren, nicht zu einer bestimmten Meldung über die Regierung passte. Laut Benedikt Borchers ist der Journalismus in Bolivien also weniger durch direkte Zensur oder Einschränkungen geprägt, denn offiziell ist die bolivianische Presse frei und unabhängig. Das ist auch in der Verfassung festgehalten. Vielmehr führe die Selbstzensur und die über Jahrhunderte gefestigten Strukturen der indirekten politischen Einflussnahme zu einem nur bedingt unabhängigen Journalismus.

Was helfen kann? Nach den Erkenntnissen der Studie nehmen die Möglichkeiten für das Publikum, sich an der Berichterstattung zu beteiligen, zu. So können Nutzer*innen Kritik, Anregungen oder Verbesserungsvorschläge häufiger direkt an Journalist*innen und Medien richten, etwa durch Kommentarfunktionen bei Onlineangeboten der Zeitungen und Rundfunksender. Durch die Kommunikation zwischen Nutzer*innen und Journalist*innen und durch die Vernetzung untereinander können so mehr Perspektiven beleuchtet werden. Falschinformationen können möglicherweise besser erkannt werden.

Es bleibt spannend, inwieweit sich die bolivianischen Medien unter der neuen Regierung von Luis Arce (Movimiento al Socialismo) entwickeln werden. Klar ist allerdings: Die tiefe gesellschaftliche und politische Spaltung lässt sich nicht so einfach beheben. Zumindest nicht, solange stets dieselben Strukturen den Eliten abwechselnd zur Macht verhelfen und die Medienhäuser ihre Berichterstattung dementsprechend ausrichten.

 

Quellen:

Lobigs, F. (2016). Finanzierung des Journalismus – von langsamen und schnellen Disruptionen. In Meier, K., Neuberger, C. (Hrsg.), Journalismusforschung. Stand und Perspektiven (S.69-137). 2. aktualisierte und erweiterte Auflage. Baden-Baden: Nomos.

Lupien, P. (2013). The Media in Venezuela and Bolivia: Attacking the “Bad Left” from Below. Latin American Perspectives, 40(3) (S. 226–246). https://doi.org/10.1177/0094582X13476004.

 

Melina Miller (2020): Journalismus in Bolivien. Eine Analyse der aktuellen Lage des bolivianischen Mediensystems. Bachelorarbeit am Institut für Journalistik der Technischen Universität Dortmund.

 

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