Journalismus muss als Beruf tragfähig bleiben

27. April 2020 • Aktuelle Beiträge, Medienpolitik, Redaktion & Ökonomie • von

Damit Journalismus seine öffentliche Funktion ausfüllen kann, muss er glaubwürdig sein. Glaubwürdigkeit ist ohne Unabhängigkeit kaum vorstellbar. Henrik Müller, Professor für Wirtschaftspolitischen Journalismus am Institut für Journalistik der TU Dortmund, zu den Voraussetzungen für unabhängigen Journalismus.

Demokratische Gesellschaften brauchen unabhängigen Journalismus. Und das heißt zu allererst: unabhängige Journalistinnen und Journalisten. In Zeiten, da jede und jeder über soziale Medien Meinungen und vermeintliche Wahrheiten verbreiten kann, ist ihre Aufgabe noch anspruchsvoller geworden. Journalisten agieren nun als „Scouts“, die die Bürger durch die zerklüfteten Landschaften moderner Öffentlichkeiten geleiten (Müller 2020a). Dazu müssen sie verstehen, was in der Gegenwart für die Gesellschaft wichtig ist, was in der Vergangenheit falsch gelaufen ist und welche Fehlentwicklungen sich für die Zukunft abzeichnen. Im Idealfall schafft Journalismus eine geteilte Fakten- und Wissensbasis, eine „shared reality“ (Donsbach 2014, 665–666), durch die überhaupt erst kollektive Handlungsfähigkeit in einer Demokratie möglich wird.

Um dieser Aufgabe gerecht werden zu können, müssen Journalisten aus ihrer eigenen spezifischen Anreizlogik heraus handeln können. Dazu bedarf es drei Dimensionen der Unabhängigkeit (Müller 2017, 44): Journalisten müssen intellektuell unabhängig sein, also in der Lage, eigene Deutungen der Fakten und Zusammenhänge zu entwickeln. Sie müssen ideologisch unabhängig sein, also innerlich frei für neue Erkenntnisse und eigene Urteile, die es selbstkritisch zu reflektieren gilt. Und sie müssen wirtschaftlich unabhängig sein: materiell in der Lage, selbständig Prioritäten zu setzen, ökonomische, politische und institutionelle Interessen kritisch zu hinterfragen und sich ein eigenes Bild von der Realität durch aufwändige Recherchen zu machen.

Journalismus muss glaubwürdig sein

Damit Journalismus seine öffentliche Funktion ausfüllen kann, muss er glaubwürdig sein. Vertrauen ist dafür eine zentrale Ressource. Dies ist eine Grundvoraussetzung für die Arbeitsteilung in einer Wissensgesellschaft: Nicht jeder muss alles wissen, aber er muss wissen, wem er vertrauen kann, die Dinge zu wissen, die er selbst nicht weiß. Bürger, die angesichts von hochgradig komplexen gesellschaftlichen Entwicklungen bei vielen Themen nur über „dünnes Wissen“ (Müller 2018, 66-68; 2020b, 100ff) verfügen, müssen sich darauf verlassen können, dass Medien die Komplexität der Gegenwart zwar effektiv reduzieren, aber nicht verfälschen. Fakten müssen stimmen, eine angemessene Neutralität und Quellenvielfalt gewahrt sein, Analysen müssen treffend sein und Zuspitzungen nicht überdreht.

Glaubwürdigkeit ist ohne Unabhängigkeit kaum vorstellbar. Unabhängigkeit wiederum bedeutet nicht völlige Objektivität, sondern Neutralität in dem Sinne, dass Medien die Wirklichkeit aus einem bestimmten eigenen Blickwinkel erfassen und dies transparent machen. Besteht hingegen der Verdacht, dass sich Medien externen Interessen unterwerfen, zumal wenn dies verdeckt geschieht, ergeben sich gravierende Auswirkungen auf die Glaubwürdigkeit.

So verstandener Journalismus ist ein hochqualifizierter Beruf. Die Komplexität der Themen, die gestiegene Bedeutung wechselnder digitaler Technologien, die Intensität des medialen Wettbewerbs verbunden mit enormem Zeitdruck machen Qualitätsjournalismus zu einem Geschäft mit hohem Professionalisierungsbedarf. Parallel dazu haben Kostensenkungsrunden in den Medienhäusern vielerorts zu einer Verschlechterung der Beschäftigungsbedingungen geführt. Dies betrifft sowohl die Bezahlung als auch die Arbeitsplatzsicherheit. Die Medienkrise infolge der Corona-Rezession verschärft diese Entwicklung weiter. Während andere Wirtschaftszweige in nicht allzu ferner Zukunft wieder über Fachkräftemangel klagen, mit hohen Gehältern und attraktiven Karrierewegen locken werden, dürfte es absehbar schwieriger werden, fähige junge Leute für den Journalistenberuf zu motivieren.

Ausübung des journalistischen Berufs muss Lebensunterhalt sichern

Um seine Rolle auch in Zukunft ausfüllen zu können, muss der Journalismus wirtschaftlich tragfähige Berufsperspektiven bieten. Um frei und verantwortlich handeln zu können, bedarf es der Einbettung journalistischer Akteure in einen Berufsstand, der durch ein gemeinsames Verständnis der eigenen Rolle, eine berufsständische Ethik sowie berufsständische Selbstkontroll- und Sanktionsmechanismen geprägt ist. Genauso wichtig: Die Ausübung des Berufs muss den Lebensunterhalt sichern. Eine Bedingung, die angesichts erodierender kommerzieller journalistischer Geschäftsmodelle in Frage gestellt ist. Wer Journalismus nur als Nebenerwerb oder als Hobby betreiben kann, ist kaum lösbaren Interessen- und Rollenkonflikten ausgesetzt.

Auch in der Vergangenheit wurden nur wenige Journalisten reich, aber die Verdienstmöglichkeiten konnten sich durchaus mit Akademikern auf vergleichbarer Hierarchiestufe in anderen Arbeitsfeldern messen. Ist dies nicht mehr gewährleistet, so ist mit einer Abwanderung der besten Köpfe in andere Berufe zu rechnen. Auch Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit erfordern hinreichend befriedigende Verdienstmöglichkeiten. Journalisten, die nebenher ihren Lebensunterhalt in PR oder Werbung aufbessern müssen, können kaum unabhängig arbeiten.

Journalismus als Beruf umfasst mehr als die Aussicht auf einen angemessenen Lebensstandard durch Vollzeittätigkeit, nämlich:

„Journalisten teilen ein Gefühl gemeinsamer beruflicher Identität, sie haben gemeinsame berufliche Wertvorstellungen und es herrscht Übereinstimmung über die Rollendefinitionen gegenüber Kollegen und Berufslaien. Im Bereich des beruflichen Handelns wird eine gemeinsame Sprache gesprochen, die Laien nur teilweise zugänglich ist, die Berufsgruppe kontrolliert das berufliche Handeln ihrer Mitglieder, sie ist deutlich erkennbar von ihrer sozialen Umwelt abgegrenzt und sie steuert die Selektion und berufliche Sozialisation der Berufsanwärter.“ (Kepplinger 2011, 231)

Journalismus als Geschäftsmodell steht zur Disposition

Anders gewendet: Wären Journalisten Laien, die einfach gern schreiben oder ein paar Filme ins Netz stellen, ließen sich die oben formulierten Standards nicht einhalten. Journalismus erfordert, Komplexität erfassen und reduzieren zu können, Neutralität zu wahren und das eigene Tun permanent zu reflektieren. Der individuelle Journalist als neigungsgetriebener Einzelkämpfer kann dies kaum leisten. Verstöße gegen Berufsstandards müssen sanktioniert werden. Da die Presse frei und unabhängig sein soll, ist eine effektive Selbstkontrolle erforderlich. Sie beginnt mit der Ausbildung und setzt sich im Berufsalltag innerhalb von Redaktionen und außerhalb durch berufsständische Institutionen wie den Presserat fort.

Die Prekarisierung des Journalistenberufs zu verhindern, ist eine fundamentale Voraussetzung für das Fortbestehen einer qualitativ hochwertigen, vielfältigen Medienlandschaft. Dazu bedarf es stabiler Institutionen, innerhalb derer Journalisten ungestört von politischen und wirtschaftlichen Einflüssen ihrer Arbeit nachgehen können. In der Vergangenheit bestanden diese Institutionen in Deutschland zuvörderst aus privaten Verlagen, TV- und Radiosendern sowie den öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Hörfunkanstalten. Werbe- und Vertriebserlöse sowie Gebühren sicherten den journalistischen Institutionen über lange Zeit ein gedeihliches Auskommen. Sie waren im Großen und Ganzen in der Lage, ihre Leute anständig zu bezahlen und dem Druck der werbetreibenden Wirtschaft, des Staates und der Politik standzuhalten.

Nun aber steht der Journalismus als Geschäftsmodell zur Disposition. Im digitalen News-Business wandern die Erlöse zu den großen Plattformbetreibern Google, Facebook & Co. (Gostomzyk et al. 2019). Wo Geschäftsmodelle brüchig werden, verliert der Beruf seine ökonomische Basis.

Aus diesen Überlegungen ergeben sich drei Schlussfolgerungen:

Erstens, um seine wirtschaftliche Unabhängigkeit zu wahren, ist der Journalismus auf Unterstützung von außen angewiesen. Intellektuelle und ideologische Unabhängigkeit können journalistische Institutionen selbst herstellen, beginnend mit einer fundierten Bildung und Ausbildung des Nachwuchses. Wirtschaftliche Unabhängigkeit hingegen hängt von volkswirtschaftlichen, technologischen und rechtlichen Rahmenbedingungen ab, die sich außerhalb der Reichweite individueller journalistischer Institutionen befinden. Viele Ansätze sind denkbar, wie wir in unserem Aufruf des Instituts für Journalistik der TU Dortmund skizziert haben: neues privatwirtschaftliches journalistisches Unternehmertum, stiftungsfinanzierte Angebote, die Verbreiterung und Intensivierung des öffentlichen-rechtlichen Journalismus wo nötig, die Förderung des Journalismus nach dem Vorbild der Film-, Kultur- oder Forschungsförderung, eine kooperationsorientierte Weiterentwicklung der Medienordnung, insbesondere Kooperationen und Allianzen zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Medienunternehmen.

Zweitens, Journalismus braucht Distanz zu seinen Financiers.
 Die deutsche Medienlandschaft darf nicht in Richtung Staats- und Oligarchenjournalismus abgleiten. Abschreckende Beispiele gibt es international reichlich. Wenn es unumgänglich ist, zusätzliche private und öffentliche Gelder zu mobilisieren, muss gleichzeitig klar sein sein, dass sich niemand Wohlgefallen erkaufen kann. Unabhängigkeit gegenüber den Mächtigen in Politik und Wirtschaft erfordert klare Governance-Strukturen, die den Journalismus vor dem Zugriff seiner Financiers schützen.

Drittens, Journalismus als Beruf muss in stabilen Institutionen verankert sein.
 Journalistische Institutionen brauchen eine längerfristige Finanzierungsperspektive. Nur dann sind sie in der Lage, Redaktionsteams jene Stabilität zu bieten, die Unabhängigkeit erst ermöglicht. Wer in ständiger Angst um seinen Job lebt und sich fragt, ob er nicht vielleicht schon bald bei einem Unternehmen, einer Behörde oder einer NGO als Öffentlichkeitsarbeiter anheuern muss, kann kaum jene Distanz in alle Richtungen wahren, die Voraussetzung für die Erfüllung der öffentlichen Aufgabe des Journalismus ist. Individuelle Rechercheprojekte mit jeweils ein paar Tausend Euro zu unterstützen, ist schön und gut, löst aber das Grundproblem der Medienkrise nicht. Um nicht missverstanden zu werden: Dies ist keine Forderung nach einer Ewigkeitsgarantie für etablierte Verlage, Sender und Anstalten. Die Medienlandschaft ist im Wandel. Nutzungsgewohnheiten verändern sich. Neue Technologien erfordern neue Organisationsformen. Künftige Finanzierungswege dürfen keine Innovationsbremse sein. Sie sollten neutral sein gegenüber etablierten und neuen journalistischen Institutionen.

Referenzen:

Donsbach, Wolfgang (2014): Journalism as the new Knowledge Profession and Consequences for Journalism Education, in: Journalism, 15, 6, 661–677

Gostomzyk, Tobias/Jarren, Otfried/Lobigs, Frank/Neuberger, Christoph (2019): Kooperationsorientierte Weiterentwicklung der Medienordnung: eine vbw Studie, München (https://www.vbw-bayern.de/Redaktion/Frei-zugaengliche-Medien/Abteilungen-GS/Planung-und-Koordination/2019/Downloads/19-11-20-Kooperationsorientierte-Weiterentwicklung-der-Medienordnung.pdf)

Kepplinger, Hans Mathias (2011): Journalismus als Beruf, Wiesbaden

Müller, Henrik (2017): Funktion und Selbstverständnis des wirtschaftspolitischen Journalismus, in: Kim Otto/ Andreas Köhler (Hrsg.): Qualität im wirtschaftspolitischen Journalismus, Wiesbaden, 27–48

Müller, Henrik (2018): The Personal, the Political, and Populism. Why Brits voted to leave the EU. And why others may follow, in: Christa Jansohn (Hg.): Brexit means Brexit? The Selected Proceedings of the Symposium, Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz 6–8 December 2017, Mainz, 61–74, (http://www.adwmainz.de/fileadmin/user_upload/Brexit-Symposium_Online-Version.pdf)

Müller, Henrik (2020a): Journalisten als Scouts. Ein Zwischenruf zur journalistischen Bildung, in: Astrid Blome/ Tobias Eberwein/Stefanie Averbeck-Lietz (Hrsg.):  Medienvertrauen: Historische und aktuelle Perspektiven (Dortmunder Beiträge zur Zeitungsforschung, Band 69), Berlin

Müller, Henrik (2020b): Kurzschlusspolitik. Wie permanente Erregung unsere Demokratie zerstört, München

 

Dieser Beitrag basiert in Teilen auf Müller (2020a).

 

Erstveröffentlichung: Webseite des Instituts für Journalistik der TU Dortmund

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