Russische Exilmedien im Baltikum

24. September 2019 • Aktuelle Beiträge, Pressefreiheit • von

Im Baltikum haben sich russische Medien angesiedelt, die sich viel trauen – und damit zur Zielscheibe von Pro-Kreml-Kräften werden.

Die Ukraine-Krise löste 2014 ein Kräftemessen zwischen Russland und dem übrigen Europa aus und leitete eine neue Phase im „Informationskrieg“ des Kremls ein. Dies ging einher mit einem harten Vorgehen gegen Regierungskritiker, sodass viele politische Aktivisten und unabhängige Journalisten Russland verließen und in den Nachbarländern Zuflucht suchten.

Viele kritische russische Medienschaffende landeten im Baltikum, wo schon immer eine bedeutende russischsprachige Minderheit lebte. Bisher wurden diese russischsprachigen Gemeinschaften von russischsprachigen Medien bedient, die vermieden, ihr oft für die Kreml-Propaganda empfängliches Publikum nicht zu verärgern.

Mehr Medienaktivismus

Als im Zuge der Ukraine-Krise exilierte Journalisten aus Russland im Baltikum und in anderen ehemaligen Sowjet-Staaten unabhängige Medien gründeten, veränderte sich aber diese russischsprachige Medienlandschaft.

Eins der ersten und bis heute eins der bekanntesten Medien ist Meduza, eine unabhängige Nachrichten-Website, die im Oktober 2014 in der lettischen Hauptstadt Riga von einem ehemaligen Chefredakteur der russischen Nachrichten-Website Lenta.ru gegründet wurde und sich an ein Publikum in Russland richtet.

Neben Meduza, das bisher die meiste Aufmerksamkeit erregt hat, sind weitere neue russische Medien entstanden, von denen vor allem zwei innovative Wege gehen: der YouTube-Sender ARU TV und die Website Beware of Them, die Menschenrechtsverletzungen sichtbar macht. Anstatt die vorgefassten Meinungen von russischsprachigen Minderheiten in der Region zu verstärken und dem Publikum nach dem Mund zu reden, stellen sie Stereotype in Frage und verfolgen das Ziel, ihr Publikum zu informieren und aufzuklären.

Interaktion mit dem Publikum

Der gesellschaftskritische Satire-YouTube-Sender ARU TV wurde 2015 in Estland von einigen politischen Flüchtlingen, dem weißrussischen Bürgeraktivisten Pavel Marozau und dem russischen Journalisten und Musikkritiker Artemy Troitsky gegründet. Der Kanal experimentiert mit verschiedenen Formen (animierte Musikvideos, Cartoon-Memes) und innovativen Tools zur Verbreitung von Inhalten.

Auch auf die Interaktion und Kommunikation mit dem Publikum legt ARU TV großen Wert. In Zusammenarbeit mit einigen Medienwissenschaftlern (einschließlich des Autors dieses Artikels) analysieren die Macher des Kanals, wie verschiedene Arten von Humor (Parodie, Mimik, Spott, Ironie,  Übertreibung,  Dramatisierung usw.) beim Publikum ankommen und sich auf die Zuschauerzahlen und Interaktion mit dem Publikum auswirken.

Aufdecken von Missbräuchen

Das Projekt „Beware of Them“ wurde im Mai 2018 in Russland gegründet, ist aber heute teilweise in Lettland angesiedelt. Es war von Anfang an eng mit verschiedenen politischen Protestbewegungen verbunden und begann als Online-Datenbank, die mit dem Ziel eingerichtet wurde, Mitglieder von regierungsfreundlichen Milizen, paramilitärischen Gruppen und Strafverfolgungsbehörden zu identifizieren, die an gewaltsamen Übergriffen auf regierungsfeindliche Demonstranten beteiligt waren.

Bald darauf wurde der Umfang des Projekts erweitert, und andere Gruppen oder Einzelpersonen, die vom Kreml unterstützt Verbrechen gegen die russische Zivilgesellschaft begangen hatten oder an der russischen Hybrid-Kriegsführung im Ausland teilgenommen hatten, wurden ebenfalls in der Datenbank vermerkt.

Die Mitglieder des Teams von „Beware of Them“ kombinieren in ihrer Arbeit Elemente des investigativen Journalismus und des Bürgerjournalismus. Um Fehlverhalten und Missbrauch durch Behörden und regierungsnahe Gruppen aufzudecken, verlassen sie sich stark auf Augenzeugenfotos und auf Videomaterial, das mit Smartphones aufgenommen wurde.

Drohungen und Rachefeldzug

Diese Medien leisten unschätzbare Dienste für die Demokratie in der Region, und genau aus diesem Grund – und wegen ihrer Kompromisslosigkeit – sind sie zum Ziel von Bedrohungen und Angriffen durch Pro-Kreml-Kräfte geworden. Wie ARU TV-Gründer Pavel Marozau berichtet, hätten nach der Veröffentlichung einiger Videos Hacker die Website lahmgelegt.

Die große Anzahl von „Dislikes“ für ein ARU-Video, das die russische Führung verspottet, ließ den Verdacht aufkommen, dass die Seite von Trollen ins Visier genommen wurde.

Darüber hinaus seien zum Zeitpunkt der russischen Präsidentschaftswahl 2018 animierte Musikvideos von ARU TV durch russische Trolle angegriffen worden. Ein vor der Wahl veröffentlichtes Video, das die russischen Behörden verspottete, erhielt eine große Anzahl von „Dislikes“, was darauf hindeutet, dass es Ziel einer koordinierten Kampagne wurde. Seit einigen Jahren schützt Googles kostenloses Project Shield die Website vor weiteren DDOS-Angriffen.

Mitglieder des Teams „Beware of Them” waren ebenfalls mehrmals Ziel von Bedrohungen. Im Mai 2018 starteten paramilitärische Gruppierungen einen Rachefeldzug gegen die Projektgründer und drohten ihnen mit körperlicher Gewalt.

Im Oktober 2018 forderten dann Alexander Sherin, der für Wladimir Schirinowskis ultranationalistische LDPR-Partei im russischen Parlament sitzt, und der Fernsehsender Tsargrad TV, der dem konservativen Oligarchen Konstantin Malofejew gehört, den russischen Generalstaatsanwalt auf, eine Verfügung zu erlassen, um das Portal „Beware of Them“ zu blockieren.

Die anhaltende Hetzkampagne zwang die Gründer des Projekts, Anton Gromov und Victor Oleynik, das Land zu verlassen und ihr Projekt in Lettland weiterzuführen.

 

Dieser Text wurde am 28. August 2019 auf der englischen EJO-Seite veröffentlicht.

Übersetzt von Johanna Mack

Hauptbild: Von der Facebook-Seite des Senders ARU TV/ Zweites Bild: Screenshot ARU TV-YouTube-Kanal.

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