Anonyme Wissenschaftler

23. April 2019 • Qualität & Ethik • von

Die unbeantwortete W-Frage. Journalisten personalisieren alles – bis auf Forscher.

Der Neuen Zürcher Zeitung zufolge hat die „Johannes Gutenberg Universität“ in Mainz kürzlich eine Studie durchgeführt, wonach die Glaubwürdigkeit der Massenmedien weiter bröckelt. Und das „Framing Manual“, das in Deutschland der ARD einen Shitstorm einbrachte, weil es die Beitragszahler auf Gebührenerhöhungen einstimmen sollte und Wettbewerber des öffentlich-rechtlichen Rundfunks als „medienkapitalistische Heuschrecken“ diffamierte, war in der Berichterstattung zunächst eine Studie des „Berkeley International Framing Institute“.

Was haben die beiden Medienberichte gemeinsam – und zahllose weitere, die sich mit Forschungsergebnissen befassen? Sie beantworten eine der sechs W-Fragen höchst unpräzise, und zwar die besonders wichtige nach dem „Wer?“. Den Journalisten zufolge hat nicht der Medienforscher Karl Bücher oder die Forschergruppe um den Physiker Albert Einstein etwas herausgefunden – nein, deren Arbeitgeber, eine Universität oder eine Forschungsstätte, hat angeblich die Studie „durchgeführt“. In der Sportberichterstattung erfahren wir dagegen ganz selbstverständlich, dass Mario Gomez oder Xherdan Shaqiri der Torschütze war, und in der Politik äußert sich Bundespräsident Ueli Maurer und nicht das Finanzdepartement zu den bilateralen Verträgen. Bei Wissenschaftlern funktioniert diese Personalisierung, die sonst im Medienbetrieb so unerlässlich und prägend ist, dagegen so gut wie nie.

Eine große Ausnahme gibt es immerhin. Nobelpreise werden nicht der Harvard University oder der ETH Zürich verliehen, sondern an leibhaftige Forscher. Aber selbst Nobelpreisträger sind für Journalisten regelmäßig „no names“, bevor das Komitee in Stockholm seine Entscheidung kundtut – und erst danach wird in den Redaktionen eifrig bei Wikipedia gegoogelt, welch real existierende Menschen sich hinter den Preisträgern verstecken.

Umgekehrt gilt natürlich, dass sich Wissenschaftler in ihrem Nischendasein im Schattenreich öffentlicher Nichtbeachtung gut eingerichtet haben. Der Wiener Sozialforscher und „Entdecker“ der Aufmerksamkeitsökonomie, Georg Franck, erläutert das so: „Ein Mathematiker in einem speziellen Feld ist glücklich, wenn sein Aufsatz von dreißig Leuten gelesen wird. Immer vorausgesetzt, dass diese 30 die richtigen Leute sind. Im Vergleich zu Dieter Bohlen ist er unglaublich snobistisch. Für ihn zählt nicht die Aufmerksamkeit der Massen, sondern die Aufmerksamkeit derjenigen, die etwas von der Sache verstehen.“

Was Franck über den Mathematiker sagt, dürfte auch für die meisten Medienforscher gelten. Auch wir sind Snobs, und gerade deshalb im Umgang mit Journalisten und der Öffentlichkeit oftmals sprachlos. Nur weil wir als Experten etwas von Kommunikation verstehen, heißt das noch lange nicht, dass wir uns aktiv bemühten, jeweils unsere Erkenntnisse an mehr als an jene Handvoll Kolleginnen und Kollegen zu kommunizieren, die ohnehin schon eingeweiht sind.

Forschern gelinge es nur selten, so erläutert Franck weiter, aus Prominenz Kapital zu schlagen – ganz anders als Lady Gaga oder eben auch Journalisten wie Roger Köppel, Andrea Bleicher oder Jonas Projer. Es gebe „jede Menge berühmte Wissenschaftler, die deshalb aber kein höheres Gehalt beziehen als ihre Kollegen, die vielleicht nur Flaschen sind“, spitzt Franck zu.

Selbst wenn Forscher der Aufmerksamkeitsökonomie entsagen und gar nicht prominent werden wollen, sollten Journalisten sie endlich beim Namen nennen. Denn weder die Universität Mainz noch das obendrein obskure Berkeley International Framing Institute, das mit der berühmten Universität am gleichnamigen Ort in Kalifornien gar nichts zu tun hat, schreiben Forschungsberichte. In Mainz war es übrigens eine Forschergruppe um Christian Schemer, und in Berkeley die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling. Was die beiden unterscheidet: Die Mainzer Fachkollegen sind in ihrer Zunft angesehen, aber sonst kennt sie keiner. Wehling ist inzwischen zwar medienprominent und tingelte durch die Talkshows. Mit ihrem Manual hat sie übermütig in null Komma nix ihre akademische Reputation vernichtet.

Erstveröffentlichung: Schweizer Journalist April/Mai 2019

Bildquelle: pixabay.com

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