Anti-LGBTQ+-Desinformation: Menschenrechte als Schlachtfeld im Kulturkampf

29. Dezember 2025 • Aktuelle Beiträge, In eigener Sache, PROMPT, Qualität & Ethik • von

Dieser Artikel ist Teil der PROMPT-Reihe.

In ganz Europa und darüber hinaus tauchen immer wieder dieselben Themen im Zusammenhang mit Anti-LGBTQ+-Desinformation auf: Transfrauen im Sport, „woke“ Schulen, „Gender-Ideologie“ in Institutionen. Selten handelt es sich dabei um isolierte Ausbrüche. Neue Forschungsergebnisse aus dem EU-finanzierten PROMPT-Projekt zeigen, wie diese Kontroversen in ein größeres Desinformationsökosystem eingebunden sind, in dem LGBTQ+-Rechte zu einem bequemen Schlachtfeld für umfassendere politische und geopolitische Kämpfe werden.

Von vereinzelten Skandalen zu einem narrativen Ökosystem

In den letzten Jahren sind Transgender- und geschlechtsdiverse Menschen – insbesondere Transfrauen – in den Mittelpunkt von Online-Desinformationskampagnen gerückt. Diese Kampagnen werden oft von rechten oder fundamentalistischen Akteuren vorangetrieben und richten sich gegen LGBTQ+-Personen nicht nur als Individuen, sondern als Symbole für alles, was angeblich „falsch” an liberalen Demokratien ist.

Die EU hat begonnen, dies als strukturelles Problem zu behandeln. Im Rahmen des Gesetzes über digitale Dienste wird geschlechtsspezifische Gewalt nun als systemisches Risiko anerkannt, dem große Plattformen begegnen müssen. Anti-LGBTQ+-Desinformation ist ein wesentlicher Teil dieses Risikos: Sie verbindet Belästigung, Hassrede und verschwörungstheoretische Narrative, die in Offline-Gewalt übergreifen können.

PROMPT (Predictive Research On Misinformation & Propagation Trajectories), ein von Horizon finanziertes Projekt, untersuchte, wie diese Narrative in großem Maßstab funktionieren. Anhand mehrsprachiger Social-Media-Daten von Twitter/X, Facebook und Instagram aus dem Frühjahr und Sommer 2025 identifizierten die Forscher die wichtigsten Storylines, die sich gegen LGBTQ+-Gemeinschaften richten, und verfolgten, wie sie sich zwischen Plattformen und Gemeinschaften bewegen.

Das Ergebnis ist eindeutig: Was wie eine Reihe unzusammenhängender Skandale aussieht, ist in Wirklichkeit ein sich wiederholendes Narrativmuster, das ständig an neue Themen und Ereignisse angepasst wird.

Die zentralen Handlungsstränge

Mehrere Narrative tauchen immer wieder auf verschiedenen Plattformen und in verschiedenen Sprachen auf. Sie treten selten allein auf und verstärken sich oft gegenseitig.

  1. LGBTQ+-Personen als „korrumpierender Einfluss” auf moralisch „reine” Gesellschaften

Dies ist das häufigste Narrativ im gefilterten Datensatz, mit 890 Einträgen, die vom PROMPT Corpus Analyser markiert wurden.

Anstatt ein Thema auf der Titelseite zu sein, steht es oft im Hintergrund anderer Diskussionen. Beiträge über Wahlen, die Ukraine oder Schulpolitik fügen LGBTQ+-Referenzen als eine Art moralischen Kompass ein: Die „Korrumpierung” eines „reinen“ sozialen Körpers wird eher angedeutet als immer ausdrücklich erwähnt.

Die CIB-Analyse zeigt, dass diese Erzählung regelmäßig zusammen mit folgenden Themen auftritt:

  • Angriffe auf die „Gender-Ideologie” und
  • antiwestliche/Anti-EU-Handlungsstränge,

was bedeutet, dass sie leicht in andere Beschwerden eingebunden werden kann. Unabhängig vom oberflächlichen Thema dient die Geschichte vom korrumpierenden Einfluss dazu, Ausgrenzung als kulturelle Selbstverteidigung zu normalisieren.

  1. „Gender-Ideologie” hat Institutionen erobert

Dies ist mit 503 Einträgen die zweithäufigste LGBTQ+-Erzählung im Korpus. Sie behauptet, dass wichtige Institutionen – Schulen, Gerichte, Verbände, Medien, Regulierungsbehörden – „erobert” und zu Vehikeln für „Gender-Ideologie” gemacht worden seien.

Die Daten zeigen Folgendes:

  • Auf Twitter/X verbreitet sich diese Erzählung durch intensive Weiterverbreitung und Koordination: Eine kleine Anzahl von Accounts verbreitet wiederholt dieselben Beispiele (Schulpolitik, Sportfälle, Gerichtsurteile) als Beweis für die Vereinnahmung von Institutionen.
  • Auf Facebook sickert dieselbe Erzählung in breitere Threads über Wahlen, öffentliche Verwaltung oder die Ukraine ein, sodass LGBTQ+-Themen auch dann im Hintergrund bleiben, wenn sie nicht das Hauptthema sind.

Qualitative Überprüfungen und CIB-Ergebnisse bestätigen, dass diese Erzählung eng mit der Ablehnung der Elite verbunden ist. Die Beiträge bewegen sich oft von Anschuldigungen wie „Schulen sind außer Kontrolle“ oder „Gerichte sind zu weit gegangen“ hin zu Forderungen nach sehr konkreten Maßnahmen: Verbote, Ermittlungen, Kürzungen der Mittel auf Ebene der Schulbehörden, Ministerien oder Verbände.

  1. Die „natürliche Familie” und die „natürliche Ordnung” sind bedroht

Die Erzählung von der „natürlichen Familie” taucht 299 Mal im gefilterten Datensatz auf. Sie stellt heteronormative Familien als einzige legitime Grundlage für soziale und demografische Stabilität dar und präsentiert LGBTQ+-Rechte als direkte Bedrohung dieser „Ordnung”.

Die Erzählung gibt es in zwei Versionen:

  • religiöse Varianten („Gottes Plan“, moralischer Verfall)
  • säkulare Varianten (Biologie, gesunder Menschenverstand, demografische Ängste, elterliche Autorität)

In beiden Fällen werden LGBTQ+-Rechte als direkter Angriff auf die „natürliche Ordnung“ und/oder die „natürliche Familienstruktur“ dargestellt. Beiträge über elterliche Rechte, Fruchtbarkeit oder das Überleben der Nation gleiten leicht in eine Anti-LGBTQ+-Rhetorik ab. Oft ist dies mit einer anti-europäischen oder anti-westlichen Haltung verbunden: Die Verteidigung der „natürlichen Familie“ wird zu einem Mittel, um „fremde“ Werte abzulehnen.

  1. LGBTQ+-Rechte als westlicher Kulturkolonialismus

In dieser Erzählung wird die Inklusion von LGBTQ+ als fremde Auferlegung dargestellt – als Zeichen eines dekadenten Westens, der versucht, seine zersetzenden Werte zu exportieren. Der Corpus Analyser von PROMPT markiert 255 Einträge unter dieser Storyline.

Die Daten zeigen Folgendes:

  • Es verbindet sich schnell mit EU-skeptischen und anti-ukrainischen Narrativen: Ausdrücke wie „Gayropa” oder „Westen im Niedergang” tauchen in verschiedenen Communities immer wieder auf.
  • Selbst innerhalb einer fokussierten LGBTQ+-Abfrage findet man oft angrenzende geopolitische Storylines gebündelt. In denselben Beiträgen werden Pride, EU-Richtlinien, NATO oder die Unterstützung der Ukraine als Teil eines einzigen „zivilisatorischen” Pakets diskutiert.
  • Diese Erzählung ist besonders auf Facebook sichtbar, wo LGBT-Themen in Debatten über Souveränität, Korruption und Krieg eingebunden werden.

Der Effekt ist, dass Anti-LGBTQ+-Botschaften als nationale Selbstverteidigung umgedeutet werden: Die Ablehnung der „Gender-Ideologie” wird zu einem Mittel, um Tradition, Identität und Souveränität gegen den Westen/die EU zu schützen.

  1. LGBTQ+-Identitäten als Gefahr für die öffentliche Gesundheit

Diese Erzählung ist vom Umfang her kleiner195 Beiträge –, aber strategisch wichtig. Sie behandelt LGBTQ+-Identitäten und geschlechtsbejahende Pflege als klinische Gefahren.

Die Ergebnisse zeigen, dass:

  • Gemeinschaften Inhalte cross-posten, die LGBTQ+-Personen und Pflegepraktiken pathologisieren, oft unter Verwendung von Analogien zu Verstümmelung oder irreversiblen Schäden.
  • Durch diese Darstellung wird die Debatte von „Moral“ auf einen angeblichen Gesundheitsnotstand verlagert, ohne dabei die moralische Panik vollständig aufzugeben.
  • Diese Argumentation erscheint oft zusammen mit Beiträgen zum Thema „institutionelle Vereinnahmung“: Krankenhäuser, Aufsichtsbehörden oder Ärzteverbände werden als nicht mehr unabhängig dargestellt, was das Misstrauen gegenüber dem öffentlichen Gesundheitswesen verstärkt.

In der Praxis wird der „Schutz von Kindern“ zu einer scheinbar evidenzbasierten Begründung für Verbote, Mittelkürzungen und Prüfungen, wodurch politische Maßnahmen gegen die Gesundheitsversorgung von Transpersonen einen wissenschaftlichen Anstrich erhalten.

  1. LGBTQ+-Rechte als Bedrohung für die Sicherheit von Kindern

Die Erzählung der „Kindersicherheit“ ist in absoluten Zahlen weniger häufig (175 Beiträge), aber innerhalb koordinierter Communities sehr sichtbar. Sie behauptet, dass die Förderung von LGBTQ+-Rechten Kinder durch „Indoktrination“, „Grooming“ und/oder die Konfrontation mit „unangemessenen“ Inhalten gefährdet.

  • Auf Twitter/X sind die Communities, die diese Argumentation vertreten, eng miteinander verbunden und weisen starke Koordinationsmuster auf.
  • Auf Facebook taucht derselbe Rahmen innerhalb breiterer Threads auf (z. B. unter Beiträgen über Wahlen oder den Krieg in der Ukraine).

In diesen Kontexten wird der Kinderschutz zu einem moralischen geopolitischen Kompass, da außenpolitische und wahlpolitische Entscheidungen als Prüfsteine der Zivilisation dargestellt werden.

CIB und rhetorische Analysen zeigen, dass diese Argumentation häufig mit der Argumentation der „Gender-Ideologie” einhergeht. Schulfälle und Lehrpläne werden als Beweis dafür angeführt, dass Institutionen „vereinnahmt“ worden sind, was das Gefühl verstärkt, dass Kinder sowohl vor Inhalten als auch vor den Institutionen selbst geschützt werden müssen.

  1. Integrität und Sicherheit des Frauensports

Die Storyline „Integrität und Sicherheit des Frauensports“ geht aus der Koordinationsanalyse eindeutig als wichtiger operativer Treiber des Anti-LGBTQ+-Diskurses hervor, insbesondere im Zusammenhang mit Transrechten.

Die Daten zeigen, dass

  • Beiträge über Transfrauen im Frauensport durchweg ein hohes Engagement im gesamten Datensatz hervorrufen.
  • Die Koordinationsanalyse bestätigt, dass Sportdebatten die Diskussion auf andere Themenbereiche ausweiten, wie z. B. Schulen und Lehrpläne, Toiletten und Umkleideräume, Bücher und Bibliotheksregale sowie Krankenhäuser und Kliniken.
  • Diese Diskussionen haben eine starke emotionale Wirkung, da sie Ressentiments über empfundene Ungerechtigkeit („unfaire Vorteile”, „gestohlene Medaillen”) und Ängste um Sicherheit und körperliche Privatsphäre ausnutzen.

Die Erzählung über die Integrität des Frauensports fungiert somit als sozial akzeptable „Eingangstür“, d. h., sobald die Prämisse der Fairness („wir müssen den Frauensport schützen“) etabliert ist, wird es einfacher, benachbarte Positionen voranzutreiben – strengere Kontrollen von Toiletten, Beschränkungen für Bücher, Untersuchungen in Krankenhäusern –, während der Fokus weiterhin auf „Integrität“ und „Sicherheit“ liegt und nicht auf expliziter Anti-LGBTQ+-Feindseligkeit.

In der Praxis fungiert die Erzählung über den „Frauensport“ als Brücke zwischen identitätsbasierten Forderungen und eher mainstreamorientierten Anliegen und hilft Anti-LGBTQ+-Akteuren, ihr Publikum zu vergrößern und Forderungen nach einer umfassenderen Einschränkung von Rechten und Schutzmaßnahmen zu legitimieren.

Ein gemeinsamer Werkzeugkasten mit rhetorischen Mitteln und Überzeugungstechniken

Die Analyse von PROMPT zeigt, dass hinter diesen Erzählungen eine relativ kleine Reihe von Überzeugungstechniken und rhetorischen Tricks steckt, die immer wieder verwendet werden.

Zu den häufigsten Überzeugungstechniken gehören:

  • Zweifel säen: Andeuten, dass Schulen, Gerichte, Krankenhäuser oder Medien etwas verheimlichen – oder bereits „vereinnahmt“ wurden –, ohne unbedingt eine klare Anschuldigung zu erheben.
  • Appelle an Autoritäten: Zitieren von Gerichtsverfahren, Untersuchungen oder offiziellen Berichten in einer Weise, die suggeriert, dass sie schlimmste Befürchtungen bestätigen, auch wenn dies nicht der Fall ist.
  • Etikettierung und Beschimpfungen: „Woke“, „Groomer“, „radikale Linke“, „biologische Männer“ – Sprache, die gewählt wird, um Wut, Ekel und ein Gefühl der Bedrohung der eigenen Identität zu provozieren.
  • Schiefe Ebenen und falsche Dilemmata: Argumentation, dass die Zulassung von Transmädchen im Sport „das Ende des Frauensports“ bedeuten würde oder dass die Gesellschaft sich zwischen dem „Schutz von Frauen“ und der Anerkennung von Transrechten entscheiden müsse.
  • Übergeneralisierung: Eine einzelne kontroverse Geschichte wird zum Beweis dafür, dass „alle Schulen gekapert“ sind, „alle Krankenhäuser korrupt“ sind oder „das System kaputt“ ist.

Diese Überzeugungstechniken werden dann durch den strategischen Einsatz rhetorischer Mittel wie Übertreibungen, belastete Metaphern, starke Gegensätze („Eltern vs. Eliten”, „Tradition vs. Woke”) und emotional aufgeladene Anekdoten verstärkt. Ein sensationeller Fall wird zum Symbol für eine vermeintliche Zivilisationskrise.

Diese rhetorischen Mittel und Überzeugungstechniken werden eingesetzt, um emotionale Reaktionen wie Angst (um Kinder, um die körperliche Unversehrtheit, um die soziale Ordnung), Wut und Ressentiments (gegenüber Institutionen und „Eliten“) und Ekel (oftmals angeheizt durch drastische oder entmenschlichende Sprache) hervorzurufen, verbunden mit einem diffuseren Gefühl des Kontrollverlusts.

Viele dieser Techniken werden auch von Pro-Rechte-Akteuren eingesetzt, was die Polarisierung verdeutlicht. Empörte Appelle an Autoritäten und eine emotionale Sprache sind nicht ausschließlich in Anti-LGBTQ+-Desinformationskampagnen zu finden. Der Unterschied liegt darin, wie Narrative gebündelt werden, wie konsequent sie auf schutzbedürftige Gruppen abzielen und wie sie über verschiedene Themen und Plattformen hinweg wiederverwendet werden.

Zwei Plattformökologien

Die Art und Weise, wie diese Narrative verbreitet werden, hängt auch von der Struktur der jeweiligen Plattform ab.

Auf Twitter/X wird die Konversation weitgehend von Aktivisten geleitet. Die Analyse der Top-Accounts im LGBTQ+-Korpus durch PROMPT zeigt eine enge Gruppe konservativer und reaktionärer Stimmen, die das Engagement dominieren. Accounts wie Libs of TikTok, Gays Against Groomers, Matt Walsh oder J.K. Rowling tauchen wiederholt unter denjenigen auf, die die meisten Reaktionen und Shares generieren.

Eine kleine Anzahl von Accounts gibt das Tempo vor: Sie posten häufig, schneiden Inhalte aus und formulieren sie um und verbreiten schnell Geschichten, die zu bestehenden Narrativen passen. Mainstream-Nachrichtenredaktionen spielen in diesem Bereich eine relativ marginale Rolle.

Auf Facebook sieht das Bild anders aus. Die größten Akteure im LGBTQ+-Korpus sind hauptsächlich Medien und professionelle Seiten. Titel wie TELEGRAPH.CO.UK, HuffPost oder LGBTQ Nation strukturieren einen Großteil der sichtbaren Konversation, auch wenn in Kommentarbereichen und kleineren Communities weiterhin Anti-LGBTQ+-Narrative zirkulieren.

Was beide Plattformen jedoch gemeinsam haben, ist die Intensität der Aufmerksamkeit. Beiträge zu LGBTQ+-Themen generieren im Vergleich zu anderen von PROMPT untersuchten Themen ungewöhnlich hohe Interaktionsraten pro Beitrag, oft mit starken Spitzen bei bestimmten Kontroversen. Für Akteure, die Desinformation verbreiten, macht dies LGBTQ+-Narrative zu einem attraktiven Instrument: Sie sind emotional aufgeladen, lassen sich leicht in andere Debatten einbinden und ziehen zuverlässig Aufmerksamkeit auf sich.

Warum dies für den Journalismus wichtig ist

Für Redaktionen haben die Ergebnisse von PROMPT mehrere Implikationen.

Erstens ist Anti-LGBTQ+-Desinformation nicht nur ein „Nischenthema”, das eine Minderheit betrifft. Sie ist ein Mittel, um breitere politische Fragen zu moralisieren: über das Vertrauen in Institutionen, darüber, wer zur Nation gehört, über die Beziehung zur EU oder zum „Westen”. Geschichten, die scheinbar von Sportregeln, Schulrichtlinien oder Krankenhausrichtlinien handeln, können schnell zu Vehikeln für umfassendere Narrative über Verfall, Vereinnahmung und Niedergang werden.

Zweitens reicht es möglicherweise nicht aus, sich nur auf die Entlarvung einzelner Behauptungen zu konzentrieren. Faktenchecks sind unerlässlich, insbesondere wenn bestimmte Behauptungen über Politik, Recht oder Gesundheit dazu dienen, Verbote und/oder Beschränkungen zu rechtfertigen. Oft tauchen dieselben Narrative jedoch in neuer Form wieder auf, verbunden mit neuen Vorfällen. Das Verständnis der zugrunde liegenden Handlungsstränge und die Berichterstattung darüber können dem Publikum helfen, Muster zu erkennen, anstatt einzelne Skandale zu betrachten.

Drittens ist es wichtig zu erkennen, dass Anti-LGBTQ+-Desinformation eng mit geschlechtsspezifischer Belästigung und Gewalt verbunden ist. Viele der Beiträge im PROMPT-Korpus verbreiten nicht nur Desinformation, sondern entmenschlichen, pathologisieren und greifen LGBTQ+-Personen auf eine Weise an, die zu Aggressionen im realen Leben führen kann. Diese Narrative lediglich als „Kontroversen” zu behandeln, birgt die Gefahr, dass dieser Schaden normalisiert wird.

Die Arbeit von PROMPT liefert keine einfachen Antworten. Aber sie macht eines deutlich: Eine kleine Gruppe sich überschneidender Narrative, die durch gemeinsame emotionale und rhetorische Mittel transportiert werden, spielt eine übergroße Rolle dabei, wie LGBTQ+-Rechte – und viele andere Themen – online diskutiert werden.

Für Journalisten, die über diese Debatten berichten, ist es ein erster Schritt, die Struktur hinter dem Lärm zu erkennen, um zu berichten, ohne unbeabsichtigt genau die Narrative zu befeuern, auf die sich Desinformationsakteure stützen.

Dieser Artikel stützt sich auf Ergebnisse des PROMPT-Narrativberichts über Anti-LGBTQ+-Desinformation, der auf mehrsprachigen Social-Media-Daten basiert, die zwischen April und August 2025 gesammelt wurden. PROMPT (Predictive Research On Misinformation & Propagation Trajectories) wird vom Programm „Horizont Europa” der Europäischen Union finanziert und bringt Forscher, Journalisten und zivilgesellschaftliche Organisationen zusammen, um besser zu verstehen, wie Desinformationsnarrative über Plattformen und Grenzen hinweg verbreitet werden.

Bild: Marco Verch, ccnull.de

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