Der Journalismus in der „Aufmerksamkeitsfalle“

1. März 2018 • Qualität & Ethik • von

Der Publizist und Medienwissenschaftler Matthias Zehnder zeigt auf, wie Medien zu Populismus führen können – indem sie sich vor den Karren von Populisten wie Trump, Strache, Blocher, Le Pen und Gauland spannen lassen.

Es ist jetzt etwas mehr als ein Jahr her, dass „ein politischer Nobody, dessen ganzer Wahlkampf aus Lügen, Hass und Pöbeleien bestanden hatte“, zum Präsidenten der Vereinigten Staaten vereidigt wurde. Matthias Zehnder erinnert daran, dass die allermeisten Medien „dringend von einer Wahl des Polit-Neulings abgeraten hatten“ und schiebt dann seine steile These hinterher, am Großerfolg von Donald Trump seien „ganz zuvorderst die Medien selber schuld. Und zwar konkret die Journalisten.“

Um diesen scheinbaren Widerspruch aufzulösen, sieht Zehnder seine Berufskollegen in der Aufmerksamkeitsfalle zappeln. Zehnder weiß, wovon er redet, denn er ist einer der raren Grenzgänger zwischen Medienforschung und Medienpraxis. Als vormaliger Chefredakteur der Coop-Zeitung und der bz Basel/bz Basellandschaftliche Zeitung war er zwar bislang mehr auf der Praxisseite unterwegs, aber immerhin hat er an der Universität Basel in Medienwissenschaften promoviert und beschäftigt sich weiterhin intensiv mit interaktiven Medien und Medienphilosophie.

An den Werbedollars, so argumentiert Zehnder nachvollziehbar, kann es jedenfalls nicht gelegen haben, dass Trump gewonnen hat: Von den 342 Millionen Dollar, die im Wahlkampf für Fernseh-Werbung ausgegeben wurden, stammten drei Viertel aus dem Clinton-Lager, Trump selbst sie mit gerademal 13 Prozent am TV-Werbeaufwand beteiligt gewesen. Wenn dennoch Trump ins Weiße Haus eingezogen ist, so habe das am redaktionellen Teil der Medien gelegen: „Die Journalisten hatten viel häufiger über Trump berichtet als über Clinton“. Mehr als über Trump hätten die Medien nur „über das Winterwetter“ offeriert.

Mit seiner Schuldzuweisung lehnt sich Zehnder an die Arbeiten des Sozialforschers Georg Franck an, der vor seiner Emeritierung an der TU Wien lehrte und als erster darauf aufmerksam machte, dass wir in einer „Aufmerksamkeitsökonomie“ leben. Aus Sicht von Zehnder ist es der verschärfte Kampf um die Aufmerksamkeit von uns allen, der die Medien immer boulevardesker werden lässt, der die niedrigen Instinkte bedient und der es letztlich Populisten wie Trump, Strache, Blocher, Le Pen und Gauland immer wieder ermöglicht, mit ihren Provokationen die Journalisten schlagzeilenträchtig vor ihren Karren zu spannen. Die Medien steckten in der „Aufmerksamkeitsfalle“: Um „glaubwürdig zu bleiben, müssen sie relativieren, um Aufmerksamkeit zu holen, müssen sie verabsolutieren“, sprich: zuspitzen, übertreiben, emotionalisieren und moralisieren. Das Problem dabei: „Aufmerksamkeit zahlt sich sofort aus, eine Investition in die Glaubwürdigkeit erst mit der Zeit.“ Auch immer mehr seriöse Medien entschieden sich in diesem Dilemma für den Sofortgewinn.

Dabei lieferten die Journalisten allerdings nur das, was die Konsumenten haben wollen. Diese seien mit 250 Fernsehkanälen und der weiterhin anschwellenden Informationsflut im Internet überfordert: „So stehen wir nicht nur im realen Supermarkt oft ratlos vor dem Joghurtregal, sondern auch im medialen Supermarkt vor dem Inhaltsangebot.“ Ökonomen sprechen vom „Paradox der Auswahl“. Dass wir zu viel Wahlmöglichkeiten haben, quält uns – und dann greifen wir eben „immer mehr zu den meist kostenfreien Schleckereien fürs Gehirn und lassen die eher kostenpflichtigen geistigen Vitamine links liegen“. Die Amerikaner nennen solche Angebote Brain Candy, und Zehnder spricht vom „Schlaraffenland-Problem“: Die „Online-Hirn-Zuckerl“ hätten „mit den Gummibärchen gemeinsam, dass man erst aufhören kann, wenn die Tüte leer ist“. Im Unterschied zur Süßigkeitenpackung sei allerdings „das Internet nie leer“.

Zehnders Analyse bleibt auch stark im Abgang. Da wirft er die Frage auf, weshalb sich auch seriöse Medien wie New York Times, Washington Post und  CNN den Populismus-Effekten nicht entziehen könnten und über Trump genauso viel berichteten wie dessen Hausmedien Breitbart News und Fox News. Seine Antwort: „Weil die Art, wie Trump mit Fakten umgeht, für seriöse Medien ein echter Skandal ist.“ Seriöse Medien seien darauf ausgerichtet, Skandale aufzudecken und „die Wahrheit zu finden“, doch im Populismus gebe es die Wahrheit nicht mehr. „Was wahr ist, bestimmt der Stärkere. Und stärker ist, wer die Medien dominiert. Also der populistische Politiker.“

Matthias Zehnder (2017): Die Aufmerksamkeitsfalle. Wie die Medien zu Populismus führen, Basel: Zytglogge Verlag

Erstveröffentlichung: Schweizer Journalist 2/3 2018

Bildquelle: Gage Skidmore / Flickr CC: Donald Trump; Lizenzbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

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