Die rumänischen Medien und das goldene Schweigen

31. Oktober 2013 • Qualität & Ethik • von

Die rumänische Journalistin Miruna Munteanu berichtete über die Proteste gegen das Goldbergwerk in Rosia Montana – und wurde dafür von der Lokalzeitung, für die sie arbeitete, gekündigt. Hier schildert sie, wie es dazu kam:

Wenn Bürger auf ausländische Medien zurückgreifen müssen, um sich über die Lage im eigenen Land zu informieren, stecken die nationalen Medien offenkundig in einer sehr misslichen Lage. Genau dieses Bild zeigte sich vor ein paar Wochen in Rumänien, als Tausende Rumänen auf die Straße gingen und gegen den von der Regierung unterstützten Bau eines kontrovers diskutierten Goldbergwerks in Rosia Montana protestierten. Die Medien haben die Demonstrationen komplett ignoriert, mit Ausnahme eines Fernsehsenders, der zumindest am ersten Tag der Proteste live berichtete.

Über die Demonstrationen, die im Frühjahr 2012 letztlich die Regierung von Mihai Razvan Ungureanu zu Fall brachten, hatten die Medien ausführlich berichtet. Die Demonstrationszüge, die sich gegen das Bergwerk in Rosia Montana richteten, waren etwa zehnmal so lang – über sie wurde in den Medien aber Stillschweigen bewahrt, und das obwohl eine redaktionelle Übereinstimmigkeit bei den rumänischen Medien eigentlich nie vorkommt, da sie politisch stark polarisiert sind.

Die Frage nach dem Grund des Schweigens ist schnell beantwortet: Weil kein rumänisches Medium es sich leisten kann, einen großen Werbekunden zu verlieren. Die kanadische Goldgesellschaft „Gabriel Resources“, die in Rosia Montana den größten Gold-Tagebau Europas einrichten will, gibt seit Jahren Millionen Dollar für alle Arten von Werbung aus, von traditionellen Reklamefilmen über gesponserte Fernsehshows bis hin zu exotischen Recherchereisen für ausgewählte Journalisten.

In der rumänischen Medienindustrie sind in den vergangenen drei Jahren die Erlöse um 80 Prozent zurückgegangen. Mehr als 10.000 Journalisten haben ihren Arbeitsplatz verloren. Jurnalul National, einst die meistgekaufte Tageszeitung, hat ihren Angestellten sechs Monate lang kein Gehalt gezahlt.

Die Demonstrationen richten sich gegen Pläne der rumänischen Regierung, dem Unternehmen mit Hilfe einer Gesetzesänderung eine Goldgewinnung in großem Stil zu ermöglichen. Das neue Gesetz sieht unter anderem die Vereinfachung von Enteignungen für den Bergbau vor.

Rosia Montana besteht momentan aus 16 Ortschaften, die auf der antiken römischen Bergarbeitersiedlung Albernus Mayor errichtet wurden. Damit würde ein 2000 Jahre altes Kulturerbe zerstört werden. Auch neuere Sehenswürdigkeit wie sieben Kirchen, elf Friedhöfe und 41 Häuser, die als kulturell bedeutend gelten, müssten dem Bergbau weichen, über 2000 private Immobilien müssten den Standort wechseln. Die Besitzer sind schon seit Jahren dem Druck des kanadischen Investors ausgesetzt, der von den lokalen Behörden unterstützt wird. Die rumänische Regierung hat viele Gesetzesübertretungen wissentlich ignoriert – die Presse ist ihr nun gefolgt.

Es sind neben den Auswirkungen für die Bewohner und die Kulturstätten auch Umweltschäden zu befürchten: Laut Angaben der Rumänischen Akademie für Wissenschaften und des nationalen geologischen Instituts müssten vier Berge gesprengt werden, die Felsen abgeschliffen und in 240.000 Tonnen Zyankali eingeweicht werden. Der Giftmüll-Entsorgungsteich würde nur zehn Kilometer von der Stadt Abrud geschaffen werden. Mit 300 Hektar wäre er doppelt so groß wie Monaco.

Ich habe mehr als fünf Jahre bei Jurnalul National gearbeitet und ich wusste, dass Rosia Montana ein Tabuthema für die Zeitung war. Als das Thema „schlummerte“, habe ich es gemieden. Aber als der rumänische Ministerpräsident Victor Ponta, einst ein heftiger Gegner des Projekts, sich dazu entschied, das Projekt zu unterstützen – trotz seiner Versprechungen vor der Wahl, es nicht zu tun – konnte ich Rosia Montana und die wachsenden Proteste im ganzen Land nicht länger ignorieren.

Jurnalul National hat die zwei Leitartikel, die ich über das Thema geschrieben habe, nie veröffentlicht. Sie sind aber auch nie offiziell zurückgewiesen worden. Keiner hat mir je etwas über den Status der Texte gesagt.

Da ich keinen exklusiven Vertrag mit Jurnalul National hatte, habe ich die beiden Artikel in einem sozialen Medium veröffentlicht. Beide Artikel verzeichneten Rekordabrufzahlen – ein Zeichen dafür, dass das Thema wirklich „heiß“ war. Ein paar Tage später schickte Jurnalul National per E-Mail meine Kündigung. Anscheinend habe ich das Image der Zeitung beschädigt, indem ich „angedeutet“ habe, dass in der Redaktion Texte zensiert werden.

Die Demonstranten auf den Straßen Rumäniens deuten nichts an, sie schreien ihre Enttäuschung über die Medien laut heraus und äußern ihren Unmut auf Plakaten. „Das Schweigen ist golden“, ist auf einem zu lesen, auf einem anderen steht: „Die einzigen Jobs, die vom Bergwerk geschaffen werden, sind die in den rumänischen Medien.“

 

Erstveröffentlichung: Reuters Institute for the Study of Journalism

Übersetzt aus dem Englischen von Tina Bettels

Photo credit: the quick nick / Flickr CC

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