Automatisierung im Journalismus: Evolution statt Revolution

22. Mai 2019 • Aktuelle Beiträge, Digitales • von

Im letzten Jahr haben Tamedia und Keystone-SDA damit begonnen, algorithmisch Texte zu generieren. Die Automatisierung werde den Journalismus nicht auf den Kopf stellen, glauben sowohl die verantwortlichen Redakteure als auch Fachleute aus der Wissenschaft. Viele Fragen sind aber noch unbeantwortet. Einig ist man sich darüber, dass die Metapher vom „Roboterjournalismus“ den Fokus in eine falsche Richtung lenkt.

Nehmen uns Roboter die Arbeitsplätze weg? Klar ist: Automatisierung und Digitalisierung verändern die Arbeitswelt – und damit auch den Journalismus. Immer wieder werden massiv Stellen abgebaut und es fehlen nachhaltige Geschäftsmodelle. Liegt also die Zukunft des Journalismus in einer Technologie, die zu geringeren Kosten einen größeren Output erzeugt als Medienschaffende aus Fleisch und Blut?

Fachleute aus Wissenschaft und Journalismus haben diese Fragen an der Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für Kommunikations- und Medienwissenschaft (SGKM) im April in St. Gallen diskutiert. Tamedia-Chefredakteur Arthur Rutishauser und Stefan Trachsel, Projektleiter bei Keystone-SDA, gaben Einblicke in die Rolle ihrer „Roboterjournalisten“ Tobi und Lena. Edda Humprecht, Oberassistentin am IKMZ der Universität Zürich, und Colin Porlezza, Senior Lecturer an der City, University of London, brachten die wissenschaftliche Sicht in die Diskussion ein.

Bei der „Associated Press“ und der Los Angeles Times verfassen Algorithmen schon seit einigen Jahren Teile des redaktionellen Angebots.

Tobi (Tamedia) und Lena (Keystone-SDA) folgen Vorbildern aus den USA. Bei der Nachrichtenagentur „Associated Press“ sowie der Los Angeles Times verfassen Algorithmen schon seit einigen Jahren Teile des redaktionellen Angebots. Dabei geht es vor allem um Meldungen mit weitgehend standardisiertem Aufbau aus den Bereichen Sport-, Börsen- und Finanznachrichten, Verkehrs- und Wetterberichte oder einfache Wahlberichterstattung. Potenzial haben aber letztlich alle Bereiche, in denen große Datensätze vorliegen.

In Deutschland haben die Berliner Morgenpost und die Stuttgarter Zeitung beispielsweise Daten zur Feinstaubbelastung genutzt. Für ihren „Feinstaubradar“ hat die Stuttgarter Zeitung 2018 den Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung erhalten.

Eindrücklich ist die Produktivität von Tobi und Lena: Sie generieren innerhalb weniger Sekunden tausende Kurznachrichten in deutscher und französischer Sprache.

Tobi und Lena haben noch keine Journalistenpreise gewonnen, sind sie doch im letzten Herbst bei der Berichterstattung zu Volksabstimmungen das erste Mal zum Einsatz gekommen. Eindrücklich ist ihre Produktivität aber schon jetzt: Sie generieren innerhalb weniger Sekunden tausende Kurznachrichten in deutscher und französischer Sprache. Tobi generierte für Tamedia gar eine personalisierte Berichterstattung, basierend auf der Angabe der eigenen Postleitzahl und dem persönlichen Abstimmungsverhalten.

Stefan Trachsel von der Nachrichtenagentur Keystone-SDA bot in der Diskussion Einblicke in die aufwändigen Vorarbeiten, die notwendig sind, bevor ein Algorithmus produktiv eingesetzt werden kann. Journalistinnen müssen zuerst die Textbausteine und Satzstrukturen entwickeln, die der Algorithmus dann kombiniert und an den definierten Positionen mit passenden Daten bestückt. Außerdem werden strukturierte Daten in guter Qualität benötigt. Lohnenswert ist der Einsatz der Technik also nur dann, wenn sich die gleiche Vorlage mehrfach oder zumindest für eine große Menge ähnlicher Texte verwenden lässt.

Bei Tamedia gehe es darum, mittels automatisierter Textgenerierung zusätzliche redaktionelle Dienstleistungen anzubieten, vor allem im Lokal- und Regionalbereich.

Tamedia-Chefredaktor Rutishauser nennt denn auch eine quantitative Ausweitung der Berichterstattung als Hauptmotiv. Bei Tamedia gehe es darum, mittels automatisierter Textgenerierung zusätzliche redaktionelle Dienstleistungen anzubieten, vor allem im Lokal- und Regionalbereich. In den nächsten Jahren ziele Tamedia auch auf automatisierte Texterstellung in den Bereichen Wirtschaft und Sport. So könnte Tobi beispielsweise Beiträge über Sportarten und Spielklassen generieren, welche die Redaktion bislang nicht abdecken kann.

Laut Trachsel soll auch Lena zukünftig für die Produktion von Sportmeldungen genutzt werden. Damit würde Keystone-SDA der Anschluss an andere Nachrichtenagenturen in Europa gelingen, die sich auf Grund der guten Verfügbarkeit von Sportdaten hier bereits positioniert haben. Derzeit muss sich die Sportredaktion von Keystone-SDA auch neu aufstellen, weil Tamedia den Dienst per Ende 2018 gekündigt hat.

Was weiterhin Menschen leisten müssten, seien kritische Einordnungen und Kontextualisierungen.

Trachsel macht klar, dass die automatisierte Texterstellung den Journalismus entlasten kann. Es wird ein quantitativer Output generiert, wie ihn kein Journalist leisten könne. Was aber weiterhin Menschen leisten müssten, seien kritische Einordnungen und Kontextualisierungen. Es gehe im Idealfall also um ein sinnvolles Zusammenspiel zwischen Mensch und Software.

Ein solches Zusammenspiel wird allerdings von bedrohlicheren Szenarien überschattet. Die Wissenschaftler Humprecht und Porlezza sind sich einig, dass solche Szenarien mit dem oft verwendeten Begriff des „Roboterjournalismus“ verbunden sind. Humprecht betont, dass es die Debatte emotionalisiere, wenn man Algorithmen und Software als „Roboter“ bezeichne. Das erzeuge fälschlicherweise das Bild eines praktisch kostenlosen Arbeiters, der die teuren menschlichen Arbeitskräfte ersetzen wird. Vergessen werde dabei, dass die Algorithmen von Menschen erarbeitet werden und in der gesamten Programmierung und Datenaufbereitung viel „Manpower“ stecke. Porlezza erinnert an die überall kursierenden Bilder von tippenden Roboterhänden – ganz so, als würde die Software einen Arbeitsplatz benötigen und ohne menschliches Zutun arbeiten.

Der derzeitige Stand der Automatisierung gehe nicht enorm über die Serienbrieffunktion im Textverarbeitungsprogramm Word hinaus.

In diese Diskussion schaltete sich auch Philipp Bachmann ein, Oberassistent am IKMZ der Universität Zürich. Aus seiner Sicht wird in den derzeitigen Debatten zu stark der Eindruck einer Revolution erweckt. Stattdessen handle es sich aber um kontinuierliche Entwicklungen und Veränderungen im Journalismus. Der derzeitige Stand gehe nicht enorm über die Serienbrieffunktion im Textverarbeitungsprogramm Word hinaus. Tatsächlich belegen Studien von 2017 und 2018, dass es sich in der derzeitigen internationalen Praxis zumeist um einfache Formen der automatischen Textproduktion handelt. Nur wenige Redaktionen arbeiten an komplexeren Anwendungsmöglichkeiten, bei denen das System auch Daten recherchiert, mit anderen Daten abgleicht und zu Texten verarbeitet.

Auch Stefan Trachsel betont, dass eine „Entmystifizierung“ des Themas wichtig sei: Bei Keystone-SDA hätten die Journalistinnen und Journalisten durch den Einsatz von Lena gemerkt, dass ihr heutiger Job durch diese Technologie nicht gefährdet sei. In der Redaktion habe man schnell festgestellt, dass Lena nur repetitive Aufgaben erledige, die für niemanden reizvoll seien. Zudem koste die Programmierung viel Zeit. Die Kollegen und Kolleginnen würden sich inzwischen bemühen, nicht mehr von „Roboterjournalismus“ zu sprechen, sondern von „automatisiertem Journalismus“. Trachsel gesteht jedoch schmunzelnd ein, dass ihm das selbst auch noch nicht immer gelinge.

Es wird vor allem über die Leistungen von automatisiertem Journalismus gesprochen und zu wenig über Fragen nach der Art der Kennzeichnung.

Für Humprecht und Porlezza gibt es noch zwei weitere kritische Punkte, die auch bisherige Studien hervorheben (siehe Andreas Graefes „Guide to Automated Journalism“, S. 42–45). Zum einen ist dies die Frage nach dem Monitoring. Hier würde wahrscheinlich noch unterschätzt, welche Ressourcen notwendig seien, um den hohen Output der Algorithmen auf Fehler zu prüfen. Außerdem müssten standardisierte Qualitätssicherungsprozesse definiert und Fragen der Haftung geklärt werden. Trachsel stimmt dem zu: Diese Fragen seien noch offen und eine erhöhte Sensibilität in der Praxis notwendig.

Zum anderen ist die Frage der Transparenz noch nicht ausreichend geklärt. In der Öffentlichkeit werde vor allem über die Leistungen von automatisiertem Journalismus gesprochen. Zu wenig beleuchtet würden Fragen nach der Art der Kennzeichnung. Porlezza differenziert hierbei die Frage nach der Autorschaft: Sollen Redaktionen kenntlich machen, dass Inhalte automatisch generiert wurden? Oder geht es auch um Informationen zum Algorithmus? Wer soll als Autor oder Autorin eines solchen Textes stehen? Schließlich stecke ein ganzes Team hinter der Entwicklung einer entsprechenden Software und der verknüpften Datenbank.

Ab welchem Grad automatisierter Journalismus bei Keystone-SDA gekennzeichnet wird oder ob beispielsweise nur die verantwortlichen Journalisten angegeben werden sollen, sei noch nicht abschließend geklärt, sagte Trachsel. Die Abgrenzung sei manchmal nicht leicht und Standards müssten sich noch etablieren.

Je mehr sich die Technik im Journalismus durchsetze, umso weniger Aufwand werden Redaktionen betreiben, um Automatisierungen kenntlich zu machen.

Für Tamedia-Chefredakteur Arthur Rutishauser ist wichtig, dass in der aktuellen Phase Automatisierungsprozesse stets gekennzeichnet werden. Es handle sich in der Schweiz um erste Experimente. Weil sich diese Form des Journalismus erst etablieren müsse und das Vertrauen in den Journalismus nicht verspielt werden soll, sei Tamedia hier transparent. Auch die beteiligten Mitarbeiter würden mit ihrem jeweiligen Verantwortungsbereich genannt. Bei der Verwendung externer Datenbanken sei zudem wichtig, die Quellen zu nennen. Hier ein Beispiel. Allerdings wendet Rutishauser ein, dass dies in Zukunft vermutlich nicht so bleiben werde. Je mehr sich die Technik im Journalismus durchsetze, umso weniger Aufwand würden Redaktionen betreiben, um Automatisierungen kenntlich zu machen.

Wissenschaftliche Arbeiten zu automatisiertem Journalismus stellen bereits jetzt eine uneinheitliche Praxis fest. Manche Redaktionen, wie etwa die Nachrichtenagentur „Associated Press“, kennzeichnen automatisierte Berichte. Andere Redaktionen tun dies nicht oder nicht konsequent. Bislang fehlen im Journalismus ethische Richtlinien hierzu. In der Wissenschaft besteht Konsens, dass es solche Richtlinien braucht und Redaktionen automatisiert erstellte Berichte kennzeichnen sollten. Der Deutsche Journalistenverband hatte dies bereits 2017 gefordert. Auf dem Journalistentag 2018 sprach sich der Verband dann deutlich dafür aus, entsprechende Regelungen im deutschen Pressekodex zu verankern. Die Schweizer Berufsverbände hingegen sind bezüglich dieser Fragen noch nicht aktiv geworden.

Für verschiedenste Arbeits- und Distributionsschritte gibt es inzwischen Software, die diese teilweise oder ganz automatisieren.

Ein kürzlich veröffentlichter Bericht des Beratungs- und Forschungsunternehmens Goldmedia, der im Auftrag des Bakom erstellt wurde, zeigt auf, dass sich der Einsatz von Algorithmen im Schweizer Journalismus nicht auf automatische Textgenerierung beschränkt. Für verschiedenste Arbeits- und Distributionsschritte gibt es inzwischen Software, die diese teilweise oder ganz automatisieren. Dies umfasst beispielsweise die personalisierte Auswahl von Nachrichten, die Prüfung und Bewertung von Nutzerkommentaren oder die Recherche auf Online-Plattformen und Datenbanken.

Die offenen Fragen und die noch spärliche Forschung zum Thema zeigen vor allem eines: Wir brauchen eine breiter geführte, öffentliche Debatte dazu, was Automatisierung im Journalismus bedeutet und wie dabei Transparenz entstehen kann – damit Nutzerinnen und Nutzer auch zukünftig in die Auswahl- und Darstellungsleistungen von Redaktionen vertrauen können.

Erstveröffentlichung: Medienwoche vom 16. Mai 2019

 

Der Beitrag ist Teil einer Serie der Schweizer Medienwoche zu aktueller kommunikationswissenschaftlicher Forschung, an der sich zunächst Forscherinnen des DGPuK-Mentoring Programms, der MFG – MedienforscherInnengruppe sowie von Zürcher Hochschulen beteiligen.

Bislang in der Serie erschienen:

Die Nicht-Themen zum Thema machen

Facebooks gesellschaftliche Verantwortungslosigkeit

Wie weit geht die Meinungsfreiheit für Bots?

Die Wissenschaft als Schlagzeilenlieferantin 

Wie Medien mitbestimmen, was ein Risiko ist

 

Bildquelle: Gerd Altmann/pixabay.de

 

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