Bentley mit Spoiler

4. Juni 2018 • Redaktion & Ökonomie • von

Was tut ein neuer Chefredaktor immer als Erstes? Er macht ein neues Design seines Produkts.

Als Luzi Bernet im letzten Herbst neuer Chefredaktor der NZZ am Sonntag wurde, da sah man es kommen. Als erste Amtshandlung würde Bernet den grafischen Auftritt seines Blatts verändern.

Ein halbes Jahr später war es soweit. Das Layout der NZZ am Sonntag wurde umgestaltet. „Es ist uns wichtig, optische Signale zu setzen“, sagte Bernet in seinem Editorial.

Wir sind damit bei einem der ältesten, aber auch drolligsten Rituale der Medienbranche. Wenn irgendwo ein neuer Chefredaktor antritt, dann kann man sich mit Sicherheit auf eines verlassen. Er wird als Erstes die äußere Form seines Produkts verändern, also das Layout. Die innere Form hingegen, also der Inhalt, das hat noch Zeit.

Als Pascal Hollenstein publizistischer Leiter der NZZ-Regionalmedien wurde, bekamen die Luzerner Zeitung und das St. Galler Tagblatt 2017 umgehend ein neues Layout. Als Rudolf Matter neuer Oberchefredaktor von Radio und Fernsehen wurde, bekamen die Sendungen von „Tagesschau“ bis „10 vor 10“ umgehend ein neues Erscheinungsbild. Kaum war Markus Somm seinerzeit neu bei der Basler Zeitung, war auch die Grafik der Basler Zeitung neu.

Zuoberst im Impressum

Damit man nicht denkt, unser leiser Spott richte sich nur gegen außen: Als Roger Köppel 2001 Chefredaktor der Weltwoche wurde, wartete er sofort mit einem neuen Layout auf.

Das Layout-Ritual sagt viel über das Berufsbild des CR aus. Wenn man als neuer Chefredaktor oder neue Chefredaktorin anfängt, stößt man bei den Journalisten auf die übliche Mischung von Hoffnung auf Neues und Misstrauen gegen Neues. Es ist darum eine langwierige Aufgabe, eine Redaktion inhaltlich neu auszurichten. Da sitzen altgediente Journalisten, die ihre altgedienten Haltungen und Themen nicht über Nacht aufgeben, nur weil zuoberst im Impressum ein neuer Name steht.

Der Neue oder die Neue möchten aber nun ganz schnell das Bein heben, wie ein Hund oder ein Fuchs, um die eigene Duftmarke abzusondern und damit das frische Territorium persönlich zu markieren.

So bleiben für den neuen Chefredaktor zur schnellen Duftmarke nur Grafik und Typografie. Er sucht sich darum einen externen Designer, um das Blatt aufzumöbeln. Am besten sucht er sich eine Fachkraft aus dem internationalen Gestaltungsolymp. Damit ist Gewähr geboten, dass es bei den eigenen Heimwerkern vor Ort keinen Widerstand gegen die genialen Ideen des eingeflogenen Großmeisters gibt.

Bei der NZZ am Sonntag wählten sie für ihr Redesign den kanadischen Zeitschriften-Couturier Tyler Brûlé, den gefeierten Entwickler von trendigen Lifestyle-Gazetten wie Wallpaper und Monocle. Die Bedeutung von Brûlé ermisst sich schon daran, dass er eigentlich Brule heißt, das Circonflexe und den Aigu auf den Buchstaben seines Nachnamens aber nachträglich zur seiner Veredelung einfügte.

Kein Kopf, ein Gürtel

Brûlé renovierte die NZZ am Sonntag in seinem üblichen Schickimicki-Stil. Auf der Titelseite etwa prangt oben rechts nun ein großer, weißer Fleck. Weißraum nennen Grafiker diese Idee, unbedrucktes Papier als redaktionelle Leistung zu verkaufen. Wegen des großen, weißen Flecks da oben rutscht der Zeitungskopf weit nach unten. Er ist kein Kopf mehr, sondern ein Gürtel. Zu einem Traditionshaus wie der NZZ passt dieser Schabernack etwa gleich gut, wie wenn ein Bentley mit einem Spoiler daherkommen würde.

Man kann davon ausgehen, dass solche Scherze im Blatt in spätestens zwei Jahren wieder verschwunden sind. Aber egal, fürs Erste hat der neue Chefredaktor seine Duftmarke gesetzt.

Erstveröffentlichung: Weltwoche vom 24. Mai 2018

Bildquelle: Screenshot 

 

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