
Interviews mit traumatisierten Menschen können belastend sein, für alle Teilnehmenden. Trotzdem sehen sich immer wieder auch Berufseinsteiger:innen mit dieser Herausforderung konfrontiert. Die interaktive Theaterform des Forumtheaters kann helfen.
Interviews mit Menschen, die ein Trauma durchlebt haben, gehören zu den größten Herausforderungen, denen Journalist:innen in ihrem Beruf begegnen. Dabei ist eine besonders belastende Form der journalistischen Arbeit der „Death Knock“ – hier sprechen Journalist:innen Familienangehörige oder Freunde unmittelbar nach einem plötzlichen Todesfall (Duncan, 2012). Trotz der damit verbundenen emotionalen und ethischen Herausforderungen werden solche Aufträge oft an Nachwuchsjournalist:innen vergeben. Diesen fehlt jedoch möglicherweise die Erfahrung im Umgang mit Traumata.
In einem kürzlich veröffentlichten Artikel, „The Journalist Always Rings Twice? Preparing Journalism Students to Interview Those Caught up in Trauma“, untersucht Glenda Cooper, wie Forumtheater – ein Ansatz, der Rollenspiele, Darstellungen und Diskussionen nutzt, um reale Situationen darzustellen und zu beleuchten – Journalismusstudierenden helfen kann, die Komplexität von „Death-Knock“-Interviews besser zu verstehen. Im Rahmen eines Ethikmoduls wurden zwischen 2023 und 2025 drei Workshops mit Journalismusstudierenden im letzten Bachelor-Studienjahr durchgeführt. Die Studierenden diskutierten zunächst die ethischen Fragen rund um die Berichterstattung über traumatische Ereignisse und schlüpften anschließend mithilfe von Forumtheater-Techniken in die Rollen von Journalist:innen, Fotograf:innen und Hinterbliebenen.
Dabei ergaben sich folgende wichtigste Ergebnisse:
Voreinstellungen gegenüber „Death Knocks“ hinterfragen
Zu Beginn der Workshops äußerten viele Studierende Unbehagen und Unsicherheit gegenüber „Death Knocks“. Sie assoziierten diese mit Einmischung, mangelnder Sensibilität und der Gefahr, trauernden Familien weiteren Schaden zuzufügen. Der im Deutschen am ehesten entsprechende, umgangssprachliche Begriff des „Witwenschüttelns“ ist ebenfalls sehr negativ konnotiert. Im Verlauf der Workshops begannen die Studierenden jedoch zu erkennen, dass Hinterbliebene sich manchmal dafür entscheiden, mit Journalist:innen zu sprechen, weil sie möchten, dass ihrer geliebten Person gedacht wird, ihre Erfahrungen anerkannt werden oder übergeordnete Themen beleuchtet werden.
Mit Rollenspielen Empathie und Selbstvertrauen aufbauen
Die Forumtheater-Übungen ermutigten die Studierenden, die Perspektiven aller Beteiligten zu erkunden. Durch Rollenspiele konnten die Studierenden die unterschiedlichen Belastungen, Motivationen und Annahmen untersuchen, die jede Person in das Gespräch einbringen könnte. Im Prozess wurde immer wieder innegehalten, Szenen wiederholt und abgeändert. Das half den Studierenden, in einem unterstützenden Umfeld mit alternativen Herangehensweisen zu experimentieren. Anstatt lediglich ethische Grundsätze zu diskutieren, konnten sie praktische Entscheidungen ausprobieren, zum Beispiel, wie sich sie als Journalist:innen vorstellen, ob sie eine Tasse Tee annehmen und wann sie beginnen, Fragen zu stellen. Die Studierenden stellten fest, dass solche Übungen ihnen halfen, sowohl Journalist:innen als auch Interviewpartner:innen als komplexe Individuen zu begreifen. Hier konnten sie auch reflektieren, wie kleine Gesten der Empathie den Ausgang eines Interviews beeinflussen können.
Entwicklung sensiblerer Interviewpraktiken
Im Anschluss an die Workshops berichteten die Studierenden von größerem Selbstvertrauen im Umgang mit Trauma-Interviews. Auch ihr Bewusstsein für die emotionalen Auswirkungen sowohl auf Angehörige als auch auf Journalist:innen empfanden sie als gestärkt. Viele gaben an, dass sie sich nun mehr Zeit für die Vorbereitung nehmen würden, bevor sie einen „Death Knock“ durchführen, einschließlich der Recherche zum Leben der verstorbenen Person, der Berücksichtigung kultureller oder religiöser Faktoren und der sorgfältigen Überlegung, wie und wann Kontakt aufgenommen werden soll. Die Studierenden hoben auch hervor, wie wichtig es ist, den Interviewpartnern ein gewisses Maß an Kontrolle zu geben.
Zu den Vorschlägen in diesem Zusammenhang gehörten, Familien bereits vor dem Eintreffen an ihrer Haustür zu kontaktieren und ihnen Zeit zum Trauern einzuräumen. Als zentrales Motiv kristallisierte sich außerdem heraus, das Thema zu vermenschlichen, anstatt lediglich Informationen zu sammeln. Mehrere Studierende reflektierten, dass die Workshops ihr Verständnis davon verändert hätten, was ein gutes Trauma-Interview ausmacht. Sie erkannten, dass es bei erfolgreichen Interviews nicht nur darum geht, die „großen Fragen“ zu stellen, sondern darum, durch sorgfältige Kommunikation, Mitgefühl und Respekt Vertrauen aufzubauen.
Implikationen für die journalistische Ausbildung
Die Studie legt nahe, dass Forumtheater Journalismusstudierenden einen wertvollen geschützten Raum bieten kann, um den Umgang mit herausfordernden Situationen zu üben, bevor sie diesen im Berufsleben begegnen. Durch die Verbindung von Theorie und praktischer Erfahrung hilft der Ansatz, Empathie, ethisches Bewusstsein und Selbstvertrauen zu entwickeln.
Dieser Artikel basiert auf folgendem Forschungsartikel:
Cooper, G. (2026). The Journalist Always Rings Twice? Preparing Journalism Students to Interview Those Caught up in Trauma. Journalism Practice, S. 1–20. https://doi.org/10.1080/17512786.2026.2693187
Dieser Artikel wurde zunächst am 20. Juli 2026 auf der englischsprachigen Webseite des EJO veröffentlicht.
Beitragsbild: Pexels
Schlagwörter:Interviewtraining, Journalismusausbildung, Pädagogik, Theater, Trauma

