Pressefreiheitsrankings unter der Lupe

10. Juni 2015 • Pressefreiheit • von

Ranglisten der Pressefreiheit sorgen oft für beträchtliche Unruhe in der Politik und auch den Medien selber – meist allerdings ohne differenzierte Reflexion der Rankings. Eine Publikation der Deutsche Welle (DW) Akademie von Laura Schneider wirft nun einen kritischen und doch konstruktiven Blick auf fünf Pressefreiheitsrankings. Denn für Journalisten, die über die Bewertung ihrer beruflichen Freiheit schreiben, ist es vor allem wichtig zu wissen, wie die Ranglisten zu beurteilen sind.

Pressefreiheit wird unterschiedlich bewertet.

Pressefreiheit wird unterschiedlich bewertet.

Regelmäßig geben die Organisationen Reporter ohne Grenzen (RoG), Freedom House (FH), International Research & Exchanges Board (IREX), die Friedrich Ebert Stiftung (FES) und die UNESCO ihre Einschätzungen zur internationalen Medienfreiheit ab. In ihrem praktischen Handbuch hinterfragt die Medienforscherin Laura Schneider nun, wie aussagekräftig diese Ranglisten der Pressefreiheit wirklich sind. Es ist schließlich nicht immer auf Anhieb ersichtlich, was die Stärken und Schwächen der einzelnen Rankings sind und wie diese Ranglisten überhaupt erstellt werden. Schneider analysiert die Aussagekraft der fünf bekanntesten Ranking-Daten sowie deren Erhebungsmethoden und stützt sich dabei auf Interviews mit Experten.

Die Kritikpunkte im Einzelnen:

Experten

Die Bewertungen der Pressefreiheit, so Schneider, sei zumeist voreingenommen – mal mit einer US-amerikanischen, mal mit einer französischen oder afrikanischen Brille: Die Experten, die die Indikatoren ermitteln oder bewerten und die die Kategorien oder Fragen gewichten, seien selten neutral. Bei der UNESCO-Bewertung der Pressefreiheit beispielsweise diskutieren zwar die 39 Mitgliedsstaaten des UNESCO International Programme for the Development of Communication (IPDC) die Indikatoren, aber: Die tatsächliche Beurteilung findet nur durch sehr wenige Menschen statt und birgt somit das Risiko einer Subjektivität. Das jedoch, stellt Schneider fest, sei nichts im Vergleich zu den Bewertungen vom Freedom House- und IREX-Ranking, bei denen die Bemessungen oftmals nur auf der Meinung einer einzigen Person basieren. Aber auch, wenn mehrere Menschen die Entscheidung über die Bewertung der Pressefreiheit treffen, läuft bei der Ranking-Erstellung nicht alles rund: So könnten sich die Experten, wie beispielsweise bei den Ergebnis-Diskussionen der FES mit zehn bis zwölf Experten, gegenseitig beeinflussen und manipulieren. Darüber hinaus bemängelt Schneider, dass von der FES gar nicht offengelegt wird, wie diese Experten überhaupt ausgewählt wurden. Transparenz in Punkto Bewertung ist also in allen Rankings ein deutlicher Minuspunkt.

Definitionen und Kategorien

Auch, wenn es um die Begriffsbestimmung geht, ist es nicht leicht, den Durchblick zu behalten. Die Mehrheit der Organisationen liefert keine genaue Definition ihres Verständnisses von Pressefreiheit. Beim Reporter-ohne-Grenzen-Ranking befeuert neben der fehlenden Definition des Begriffs Pressefreiheit auch die fehlende Offenlegung der Noten für die einzelnen Kategorien oder Fragen die Kritik der mangelnden Transparenz. Selbst die Anzahl der Befragten zur Bestimmung der Pressefreiheit wird nicht offengelegt. Auch andere legen bei den Pressefreiheits-Kategorien nicht alle Karten auf den Tisch: Bei der Rangliste von Freedom House werde nicht offengelegt, worauf die Gewichtung der einzelnen Aspekte basiere. Bei der IREX-Bewertung seien die Noten der einzelnen Indikatoren nicht veröffentlicht und die Gewichtung der Indikatoren und Kategorien nicht erklärt. Beim African Media Barometer (AMB) der FES fehle zwar auch eine Erläuterung zur Gewichtung der Indikatoren und Kategorien, die FES sei jedoch immerhin die einzige Organisation, welche alle Noten, Kategorien und Indikatoren der gesamten Länderergebnisse veröffentliche.

Aufbau der Fragebögen

Transparent, aber dagegen unübersichtlich oder mit methodischen Schwächen sei der Aufbau der Fragebögen: So enthalte in der Freedom House-Erhebung zur Pressefreiheit eine Frage gleich zwei oder mehr Fragen in einer. Folglich sei die Beantwortung und anschließende Bewertung mit nur einer Note nicht wirklich treffend. Auch das IREX-Ranking versucht es mit dem Zusammenfassen. Mehrere Indikatoren decken gleich zwei oder noch mehr Fragen ab, die dann von Diskussionsteilnehmern richtig beantwortet werden sollen. Andersherum führe aber die Detailverliebtheit des ROG-Rankings zu dem Problem, dass der Fragebogen sehr lang ist und viel Wissen über zahlreiche Aspekte fordert. Schneider sieht darin gleich zwei Gefahren: Zum einen könne dies dazu führen, dass der letzte Teil des Fragebogens nicht mehr mit der nötigen Aufmerksamkeit oder sogar gar nicht beantwortet werde. Zum anderen sei zu erwarten, dass die Befragten keine Experten auf allen Themenfeldern sind und daher manche Fragen nicht beantworten.

Aufbau des Forschungsapparats

Ob Forschungsteam, Erhebungsrhythmus oder Bandbreite der Ergebnisse – Mängel bei den Rankings sind auch bei der gesamten Betrachtung des Forschungsapparats festzustellen. Die Erhebung der Media Development Indicators (MDI) der UESCO erfolgt durch unterschiedliche Forschungsteams für jede seit 2008 abgegebene, sich auf nur wenige Länder fokussierende Beurteilung. So variiere die Qualität der Berichte enorm. Durch das Fehlen kontinuierlicher Veröffentlichungen und einer globalen Übersicht dienten die MDI eher der detaillierten Suche nach Informationen über ein Land. Auch das AMB und das IREX-Ranking gebe keine globale Übersicht über Pressefreiheit. Wie die Media Development Indicators der UESCO sollten beide Indizes eher zum Erlangen eines Überblicks über die Medienfreiheit in einer spezifischen Region oder in ausgewählten Ländern genutzt werden.

Doch die Schwäche, nicht global die Pressefreiheit zu bewerten, kann auch eine Stärke sein: Die Fokussierung auf wenige Länder ermöglicht eine detailliertere Betrachtung, die in den beiden großen Rankings von FH (197 Länder) und von ROG (180 Länder) fehlen. Dafür können die Großen einen Überblick über die Lage in einem Land (und im Vergleich zu anderen Ländern weltweit) liefern. Das FH-Ranking, welches es seit 1980 gibt, zeige neben der Ist-Situation auch globale Trends der Pressefreiheit und der Entwicklungen in einem Land oder einer Region auf. Das ROG-Ranking diene außerdem dazu, Informationen über die Sicherheit von Journalisten (Barometer der Pressefreiheit) und über bestimmte Vorfälle der Verletzung der Pressefreiheit weltweit zu erlangen.

 

Quelle: Schneider, Laura (2014): Media Freedom Indices. What They Tell Us – And What They Don’t.

Bildquelle: Khalid Albaih/flickr.com

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