Islamberichterstattung negativ wie nie zuvor

20. Februar 2013 • Qualität & Ethik, Ressorts • von

Ein Duft von Jasmin wehte zu Beginn des Jahres 2011 durch die islamische Welt. Er wehte von Nordafrika in den Nahen und Mittleren Osten, eine Region, die viele Jahre lang den Geruch des Krieges verströmt hatte. Die tiefgreifenden politischen, ökonomischen und sozialen Umwälzungen, die mit der „Jasmin-Revolution“ in Tunesien begannen und die sich in den folgenden Wochen zum „Arabischen Frühling“ entwickelten, lösten nicht nur in den beteiligten Länder, sondern auch in den deutschen Medien euphorische Reaktionen aus: Die Süddeutsche Zeitung schrieb von einem „Aufstand der Araber“, der Spiegel von „Arabiens Stunde Null“. Der Stern beschwor den „Kampf um die Freiheit“, die Frankfurter Allgemeine Zeitung erhob die Ereignisse gar zur „Arabellion“.

Dem politischen Wandel in der islamischen Welt folgte ein medialer in Deutschland: Die Islamberichterstattung, auf der Makroebene traditionell von Elitenzentrierung und Negativfokussierung auf Ereignisse wie Kriege, Krisen und Katastrophen geprägt (vgl. Hafez 2002) sowie auf der Mikroebene von Stereotypen, Vorurteilen und Feindbildern durchsetzt (vgl. Schiffer 2004), normalisierte sich in den Monaten der Arabischen Revolution auffällig (vgl. Brinkmann 2011). Durch die „Arabellion“ schien etwas möglich, was viele Jahre undenkbar war: ein überwiegend neutrales, angstfreies und optimistisches Islambild in der deutschen Presse. Die Arabische Revolution des Jahres 2011 also als positives Schlüsselereignis der Islamberichterstattung?

Erst zehn Jahre zuvor waren es die Anschläge von „9/11“, in deren Folge sich das Islambild in den deutschen Medien zunehmend radikalisierte (vgl. Imran 2004). Auf die Aufstände in Tunesien, Ägypten und Libyen reagierte die westliche Welt jedoch zunächst mit Sympathie und vorsichtigem Optimismus: „Ein Stromstoß geht durch die arabische Welt. (…) Nicht der Islam war Vorbild, sondern die Revolte in Tunesien. (…) Das also ist die Botschaft: Der Nahe Osten kann doch verändert werden, von innen und aus eigener Kraft“, schrieb Rainer Hermann in der FAZ. Und Stefan Gassel (Stern) prognostizierte für den „Arabischen Frühling“ bereits eine ähnlich historische Sogkraft in der islamischen Welt, wie sie das Ende des Kalten Krieges in Europa entwickelt hatte: „Der Sieg der friedlichen Protestbewegungen von Tunis und Kairo hat überall in der arabischen Welt etwas aufbrechen lassen. Es könnte ein ähnlicher Moment sein, wie ihn Europa 1989 erlebte als die Berliner Mauer fiel. (…) Aus den Untertanen sind Bürger geworden. Eine neue Zeitrechnung hat begonnen.“ Der niederländische Historiker Gert Somsen sah in der Arabischen Revolution sogar eine „Antithese zum 11. September“, die das Islam- und Muslimbild der westlichen Welt nachhaltig verändern werde.

Vor diesem Hintergrund untersucht die Masterarbeit „Ein Hauch von Jasmin“ die deutsche Islamberichterstattung vor, während und nach der Arabischen Revolution und geht dabei der Frage nach, ob sich das medial vermittelte Islambild durch den „Arabischen Frühling“ verändert und welche langfristigen Entwicklungen sich daraus für die Islamberichterstattung ergeben. Dafür wurden in zwei Untersuchungszeiträumen – jeweils vom 1. Januar bis zum 31. März 2011 und 2012 – die Ausgaben der überregionalen Tageszeitungen Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Süddeutschen Zeitung sowie der Nachrichtenmagazine Spiegel und Stern untersucht.

Im Rahmen dieser Vollerhebung wurden in insgesamt 361 Ausgaben 2626 Artikel mit einem inhaltlichen, geografischen oder thematischen Bezug zum Islam analysiert. Mit Hilfe verschiedener formaler Kategorien (wie die Darstellungsformen und Informationsquellen der Islamberichterstattung, aber auch deren Platzierung und Umfang), inhaltlicher Kategorien (etwa die Themen, Länder und Akteure der Islamberichterstattung) und wertender Kategorien (wie die Bewertung der Ereignisse, Akteure und des Islam) wurden übergeordnete Themen und Strukturen der Islamberichterstattung während der Arabischen Revolution herausgefiltert. Gleichzeitig wurden 791 Artikel, die als beschreibende Darstellungsformen (Reportage, Portrait) oder wertende Darstellungsformen (Leitartikel, Kommentar, Glosse) verfasst waren, qualitativ analysiert, um ein umfassendes Bild der Islamberichterstattung zeichnen zu können.

Die Ergebnisse sind einerseits eindeutig: Die Arabische Revolution ist ein Schlüsselereignis, das in der deutschen Islamberichterstattung eine absolute Ausnahmeposition einnimmt. Andererseits ist das Ergebnis ernüchternd: Auch wenn sich die zuvor überwiegend negativ geprägte Islamberichterstattung während der Arabischen Revolution für einen kurzen Zeitraum inhaltlich normalisiert, fällt sie nur ein Jahr später in alte Negativmuster zurück. Die zentralen Resultate der Studie im Überblick:

  • Die Artikelumfänge nehmen in den untersuchten Tageszeitungen und Nachrichtenmagazinen während der Arabischen Revolution  im Vergleich zum Langzeitvergleich von Hafez (2002) deutlich zu, fallen aber bereits im Folgejahr wieder, verbleiben insgesamt jedoch auf einem höheren Niveau als vor den Aufständen.
  • Für die besondere Bedeutung des Schlüsselereignisses „Arabische Revolution“ sprechen auch die prominenten Platzierungen der Islamberichterstattung auf den nachrichtlich relevanten ersten Seiten, während Texte über die islamische Welt ein Jahr später überwiegend auf den Seiten der traditionellen Auslandsberichterstattung zu finden sind.
  •  Die Arabische Revolution bestimmt die Themenstruktur im Untersuchungszeitraum 2011. Vor und nach der Revolution dominierende Themen wie „Allgemeine Politik“, vor allem aber „Kriege und Konflikte“ sowie „Terrorismus“ kommen im Revolutionsjahr nur am Rande vor. Anschließend gewinnen vor allem die genannten Negativthemen wieder an Bedeutung.
  • Die geografische Struktur der Islamberichterstattung wird von der Arabischen Revolution ebenfalls kurzfristig aufgebrochen: Neben dem traditionell einflussreichen Ägypten rücken vor allem die Revolutionsländer Tunesien und Libyen in den Fokus, die vor und nach den Aufständen nur selten vorkommen. Der temporäre Bedeutungsverlust traditioneller Großmächte wie Iran, Saudi-Arabien oder Türkei, die viele Jahre lang die Islamberichterstattung prägten, hat sich bereits ein Jahr später wieder weitgehend ausgeglichen.
  • In der Akteursstruktur sorgt die Arabischen Revolution ebenfalls für kurzfristige Veränderungen: Zwar werden die traditionellen Probleme wie Eliten-, Politik- und Personenzentrierung in keinem der Untersuchungszeiträume aufgehoben, dennoch präsentiert sich die Islamberichterstattung im „Arabischen Frühling“ ausgeglichener als zuvor und danach: Gruppen und Einzelpersonen des Volkes kommen erstmalig (und vielleicht auch einmalig) auf nennenswerte Anteile.
  • Der Bedeutungsgewinn von Akteuren des Volkes zeigt sich auch bei der Bewertung der Handlungsträger: Während der Arabischen Revolution werden die Träger der Aufstände wie nichtorganisierte Gruppen oder Einzelpersonen der islamischen Welt überwiegend neutral bis positiv dargestellt, offizielle Staatsvertreter wie Könige, Polizei oder Militär als Gegner der Revolution fast ausschließlich negativ bewertet. Dieser Effekt ist bereits ein Jahr nach Beginn der Proteste wieder verschwunden: Im Jahr 2012 werden alle islamischen Akteure deutlich negativer bewertet als während der Arabischen Revolution, insbesondere die zuvor wohlwollend betrachteten Handlungsträger des Volkes.
  • Vor der Arabischen Revolution ist die Islamberichterstattung der deutschen überregionalen Presse vor allem negativ geprägt, während der Arabischen Revolution dominieren überwiegend neutrale Ereignisse. Zudem kommt es im Vergleich mit früheren Studien zu einer Verdreifachung positiver Bezüge. Die Arabische Revolution sorgt letztlich für eine Normalisierung der Islamberichterstattung – jedoch nicht lange: Im Folgejahr sind die positiven Effekte wieder verschwunden: Der Anteil der Negativberichterstattung liegt mit mehr als zwei Dritteln erstens deutlich höher als vor dem „Arabischen Frühling“ und zweitens höher als in jeder anderen Studie über die Islamberichterstattung deutscher Printmedien. Nicht nur auf der Ebene der Makrostrukturen verpuffen die positiven Einflüsse der Arabischen Revolution – auch auf der qualitativen Mikroebene fällt die Islamberichterstattung in bereits überwunden geglaubte Stereotype, Vorurteile und Feindbilder zurück.
  • Die vor der Arabischen Revolution in vielen Studien (u.a. Hafez 2002, Schiffer 2004 und Imran 2004) nachgewiesenen Problemmuster und Negativstrukturen der Islamberichterstattung wie die Verknüpfung von islamischer Religion und Politik, der Konstruktion eines „Feindbild Islam“ sowie der „Islamophobie“ deutscher Medien, können im Revolutionsjahr 2011 quantitativ gar nicht und qualitativ nur ansatzweise bestätigt werden. Insgesamt spielt der Islam während der Arabischen Revolution keine tragende Rolle in der Islamberichterstattung. Beides ändert sich bereits ein Jahr nach Beginn der Aufstände: Einerseits gewinnt der Islam in der Berichterstattung enorm an Bedeutung, gleichzeitig wird die Religion des Islam verstärkt negativ bewertet. Sowohl auf der Mikro- als auch auf der Makroebene lässt sich ein Rückfall in traditionelle Negativmuster der Islamberichterstattung beobachten.

Auch wenn die Arabische Revolution mit Blick auf die Ergebnisse dieser Studie keinen Wendepunkt der Islamberichterstattung markiert und nicht zu langfristigen Medieneffekten auf das Islambild führt, ist das Kapitel aus wissenschaftlicher Perspektive damit keineswegs abgeschlossen. In diesem Zusammenhang ergibt sich auch die Frage, welchen Beitrag die Journalistik und die Kommunikationswissenschaften, letztlich aber auch die Politik leisten können, um die deutsche Islamberichterstattung auch langfristig zu normalisieren. Eine zentrale Überlegung wäre es, in der Berichterstattung über die islamische Welt verstärkt Journalisten mit Migrationshintergrund zu Wort kommen zu lassen, um Missverständnisse abzubauen und Unverständliches besser einzuordnen.

Denn eines ist sehr auffällig: Über den Islam schreiben in deutschen Medien kaum Journalisten mit einem entsprechenden kulturellen Hintergrund. Die Deutungshoheit liegt bei einigen wenigen deutschen Journalisten, die – mögen sie auch Experten für Nordafrika sowie den Nahen und Mittleren Osten sein – dem Gegenstand ihrer Berichterstattung, dem Islam, in den meisten Fällen äußerlich bleiben.

Die Islamberichterstattung deutscher Medien ist auf jeden Fall ein Thema, das auch über die Jahre 2011 und 2012 hinaus wissenschaftlich begleitet werden sollte. Auch weil mit der Arabischen Revolution 2011 – zehn Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001, der anschließenden Stigmatisierung des Islam und der zunehmenden „Islamophobie“ – eine Gelegenheit verstrichen ist, die Islamberichterstattung nachhaltig zu normalisieren. Die „historische Chance, das Islambild zu verbessern“, die Kai Hafez in der Arabischen Revolution sah, scheint für den Augenblick vertan. Der Duft der Jasmin-Revolution ist nur ein Jahr später wieder verweht.

Ausgewählte Literatur

  • Brinkmann, Janis (2012): Ein Hauch von Jasmin. Die deutsche Islamberichterstattung vor, während und nach der Arabischen Revolution. Eine quantitative und qualitative Medieninhaltsanalyse. Masterarbeit an der TU Dortmund.
  • Brinkmann, Janis (2011): „Arabellion” im Abendland. Die Islamberichterstattung der deutschen überregionalen Presse während der Arabischen Revolution 2011. Bacherlorarbeit an der TU Dortmund.
  • Hafez, Kai (2002): Die politische Dimension der Auslandsberichterstattung. Bd. 2: Das Nahost- und Islambild der deutschen überregionalen Presse. Baden-Baden.
  • Hafez, Kai/Richter, Carola (2007): Das Islambild bei ARD und ZDF. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (Bonn) 26-27/2007, S. 40-46.
  • Imran, Maren (2004): Feindbild Islam? Zur Qualität der Berichterstattung in überregionalen Tageszeitungen vor und nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Ludwig-Maximilian-Universität, München.
  • Schiffer, Sabine (2004): Die Darstellung des Islams in der Presse. Sprache, Bilder und Suggestionen. Eine Auswahl von Techniken und Beispielen. Nürnberg.
  • Somsen, Geert J. (2011): Der arabische Frühling und das Ende der “Antithese des 11. September”. In: Arabische Zeitenwende. Aus Politik und Zeitgeschichte, Jg. 61, 39/2011, S. 49–54.

Bildquelle: Gerd Altmann  / pixelio.de

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