Ein Spektakel der Medien

27. Juni 2016 • Qualität & Ethik • von

Die britischen Medien haben im Entscheidungsprozess zum Brexit eine fragwürdige Rolle gespielt. Viele Publikationen machten kampagnenartig Stimmung für die Leave-Fraktion.

BrexitAm 23. Juni 2016 habe ich zum dritten Mal „History in the Making“ erlebt. Anders als der 9. November 1989 und der 11. September 2001 ging es beim Brexit um eine demokratische Entscheidung. Zugleich war das Plebiszit aber auch ein Spektakel der Medien. In deren Grundrauschen blieb mal wieder unterbelichtet, welch wichtige und fragwürdige Rolle die Medien selbst im Entscheidungsprozess gespielt haben.

Erstens belegt eine Studie des Reuters Institute der Universität Oxford, dass viele britische Medien kampagnenartig für den Brexit Stimmung gemacht haben. Zweitens hat Boris Johnson dabei eine besonders unselige Rolle gespielt – und zwar nicht erst, als er zur Galionsfigur der Brexit-Kampagne wurde. Jahrzehnte zuvor hatte er bereits als Journalist und Brüsseler Korrespondent die Antihaltung der Engländer gegenüber der EU bestärkt, indem er mit halb garen und halb wahren, aber eben auch besonders eingängigen Boulevard-Stories schon damals die Berichterstattungs-Standards der britischen Presse geprägt hat.

Drittens sind da die Absurditäten demokratischer Entscheidungen selbst, denen die Medien zu wenig Aufmerksamkeit widmen: Warum dürfen die Alten für die Jungen und die Engländer für die Schotten und Nordiren gleich mitentscheiden, ob sie in der EU bleiben? Sollte es bei solch „historischen“, weitreichenden Entscheidungen womöglich – wie bei Grundgesetzänderungen auch – einer Zweidrittelmehrheit bedürfen, damit nicht die eine Hälfte der Bevölkerung den anderen den Weg in die Sackgasse „diktieren“ kann?

Merkwürdigerweise haben bislang wenige Journalisten laut darüber nachgedacht, dass Demokratie eben weit mehr ist als Mehrheitsregel und Plebiszit: Rechtsstaat, zivile Umgangsformen, Minderheitenschutz und Pressefreiheit gehören auch dazu. Letztere ist – anders als in Großbritannien vor dem Brexit-Votum – verantwortungsbewusst auszuüben. Viele Medien im Vereinigten Königreich haben ihre Macht missbraucht. Ausnahmen wie Guardian, Financial Times, Economist und die BBC haben dem offenbar zu wenig entgegenzusetzen.

Erstveröffentlichung: tagesspiegel.de vom 26. Juni 2016

Bildquelle: pixabay.com

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  • Mainz06

    Gibt es so eine Untersuchungen auch für deutsche Medien?

    Ich vermute dort haben 99% gegen den brexit berichtet und wenn mal eine Gegenstimme zu Wort kam, wurde sie diffamiert.

    Ist das “Pressefreiheit” wenn alle nur eine Meinung haben?

  • Stephan Russ-Mohl

    Leider (noch) nicht – aber vermutlich wird dazu bald eine wissenschaftliche Abschlussarbeit vergeben. 99 Prozent scheint mir etwas hoch gegriffen, aber im Tenor haben Sie natürlich recht. Pressefreiheit ist das wohl trotzdem – denn keine Regierung zwingt via Zensur die Journalisten dazu, diese Position zu beziehen. Vielleicht ist es ja in diesem Fall sogar die “kollektive” Stimme der Vernunft – bei aller berechtigten Kritik an der EU, an der Geldpolitik von Draghi und der überbordenden Brüsseler Bürokratie würde es ja mehr helfen, wenn die Briten von innen die EU reformieren helfen würden, statt Instabilität und Zerfall ihres eigenen Landes zu riskieren.

  • Tim

    Ist das so? Reform von innen wäre einfacher? Die Geschichte (im Prinzip seit dem Vertrag von Maastricht) scheint mir eine andere Sprache zu sprechen. Die grundlegenden Fehler des Euro-Systems wurden beispielsweise bis heute nicht behoben.

    In jener Abschlußarbeit könnte man auch einmal prüfen, in welcher Weise die Medien EU-Kritiker darstellen. Ich habe ja den Eindruck, daß Kritiker des Status quo oft diffamierend als “EU-Gegner” dargestellt werden.

    PS: Was sind eigentlich heute “Medien” bzw. welche publizistischen Bereiche fließen 2016 in eine solche Analyse ein?

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