Gesundheitsjournalismus: Gegen das schlechte Image

11. Oktober 2017 • Aktuelle Beiträge, Qualität & Ethik • von

10 Tipps für eine glaubwürdige und verantwortungsvolle Berichterstattung über Gesundheitsthemen. 

Widersprüchliche Gesundheitsberichterstattung im Daily Express: An einem Tag erhöht Käse das Risiko für Krebserkrankungen, am anderen Tag bekämpft er sie.

Im März veröffentlichte die britische Boulevardzeitung Daily Express eine provokative Schlagzeile: „Käse erhöht das Risiko dieser tödlichen Krebserkrankung“. Nur einen Tag später konterte The Sun mit einer konkurrierenden Käsegeschichte: „Viel Käse hilft beim Abnehmen – und ist nicht schlecht fürs Herz“.

Gesundheitsjournalismus hat einen schlechten Ruf. An einem Tag hilft irgendetwas beim Abnehmen, am nächsten sorgt es für Extrakilos. Wenn man den Schlagzeilen Glauben schenkt, könnte man von fast allem Krebs bekommen.

Man kann aber auch anders über Gesundheitsthemen berichten, wie ich in meiner Studie zur Qualität im Gesundheitsjournalismus erläutere. Die Studie basiert hauptsächlich auf Interviews mit Journalisten und Experten aus den USA und dem Vereinigten Königreich, die sich auf Gesundheits- und Wissenschaftsjournalismus spezialisiert haben. Sie wurde von Oktober 2016 bis April 2017 durchgeführt.

Die Studie soll zeigen, wie man verantwortungsvollen und glaubwürdigen Gesundheitsjournalismus macht, der von vielen gelesen und zudem in den sozialen Medien geteilt wird:

  • Der Autor sollte wissenschaftliche Beweise aus Forschungsergebnissen ziehen, diese aber nicht als Primärquelle für Nachrichten nutzen. Eine endlose Flut neuer Studienergebnisse zu präsentieren, vermittelt zwar einen oberflächlichen Eindruck von Aktualität, macht den Leser aber nicht schlauer. Anstatt immer neue Studienergebnisse wiederzugeben, sollte man sich lieber seine eigenen Themen suchen und sie in den Kontext wissenschaftlicher Nachweise setzen.
  • Wenn man doch einmal eine einzelne Studie vorstellt, sollte man ihre Qualität prüfen. Man sollte den Forschungsbericht mit früheren Untersuchungen in Zusammenhang setzen und zusätzlich unabhängige Experten befragten. Mögliche Vorbehalte gegen die Studie und deren Mängel sollten zudem erwähnt werden.
  • Es ist wichtig, transparent zu sein. Man sollte zu den Originalquellen verlinken und eine mögliche Befangenheit der Interviewpartner nicht verschweigen.
  • Man sollte kein falsches „Gleichgewicht“ herstellen Die Welt ist voll von Verschwörungstheoretikern, deren Behauptungen man nicht mit den Sichtweisen von Experten gleichsetzen kann. Wenn Interviewpartner etwas Gegensätzliches sagen, sollten nicht nur ihre Argumente wiedergegeben werden, sondern es sollten auch die wissenschaftlichen Nachweise dahinter recherchiert werden.
  • Wenn es sich um ein komplexes Thema handelt, sollte man sich genügend Zeit nehmen, um einen langen Artikel zu schreiben. Das Thema sollte in einen größeren Zusammenhang und den Kontext der gesamtgesellschaftlichen Diskussion gesetzt werden. Leute lesen auch online lange Geschichten, sie müssen nur fesseln.
  • Wenn möglich, sollte ein Aufhänger gefunden werden, mit dem die Leser sich leicht identifizieren können. Man sollte sich auf Menschen fokussieren und den Zusammenhang zwischen ihren Erfahrungen und den wissenschaftlichen Ergebnissen aufzeigen. Wenn der Beitrag lang ist, sollte man sich auf die Prinzipien des narrativen Journalismus stützen: Eine Hauptfigur finden und ihre Geschichte erzählen.
  • Um zu erreichen, dass Beiträge in den sozialen Medien geteilt werden, sollte man wissen, wie die Nutzer ticken. User teilen Geschichten in den sozialen Medien, um anderen zu helfen, um intelligent zu erscheinen, ihre Identität auszudrücken oder ihre Überraschung, ihre Freude und ihren Ärger zu zeigen.
  • Wenn es um ein besonders schwieriges medizinisches Thema geht, zum Beispiel Antibiotika-Resistenz oder Fettleibigkeit, sollten auch mögliche Lösungen für diese Probleme thematisiert werden. Wenn den Lesern ein Hoffnungsschimmer präsentiert wird, fühlen sie sich handlungsfähiger.
  • Die Aufmerksamkeit des Publikums in den sozialen Medien kann gewonnen werden, indem interessante Überschriften, ein attraktives Bild und ein packender Einstieg gewählt werden. Mögliche Hindernisse wie langsam ladende Fotos oder Multimedia-Angebote, die Extraklicks verlangen, sollten vermieden werden.
  • Der Autor/die Autorin sollte immer er/sie selbst bleiben. Wenn Thema und Medium es erlauben, sollten Humor und eigene Persönlichkeit in den Beitrag einfließen. So kann der Autor leichter einen Zugang zu den Nutzern finden – als Individuum und nicht als entfernter Repräsentant eines Medienunternehmens.

Forschungsfragen: Die Studie basiert auf 11 halb-strukturierten Interviews mit Journalisten und Experten. Die Interviews befassten sich mit dem kompletten journalistischen Prozess, von der Themenfindung bis zur Produktion und Präsentation des Beitrags.

Frage 1: Mit welchen Methoden können Journalisten die Glaubwürdigkeit und Richtigkeit von Gesundheitsinformationen sicherstellen?

Frage 2: Wie können Journalisten das Interesse des Publikums für den Gesundheitsjournalismus verstärken?

Frage 3: Wie werden diese Methoden in neuen und in traditionellen Medien umgesetzt?

 

Originalversion auf Englisch: Ten Tips for Writing Reliable and Engaging Health Articles

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