Wieso nicht barrierefreier Journalismus in seinem öffentlichen Auftrag versagt

29. September 2026 • Qualität & Ethik, Top • von

Eine Hand liegt auf einer Braille-Tastatur.

Barrierefreiheit fehlt nach wie vor in vielen Diskussionen über Diversität in Redaktionen. Dieses Versäumnis schließt nicht nur das Publikum aus. Es schwächt auch den Journalismus selbst und schränkt ein, wer ihn gestalten darf.

Nachrichtenorganisationen sprechen heute selbstbewusster über Diversität als noch vor einem Jahrzehnt. Viele diskutieren mittlerweile offener Geschlechterungleichheiten, ethnische und soziale Herkunft und präsentieren Inklusion als Teil ihrer redaktionellen Werte. Doch ein wichtiges Thema fehlt in diesen Diskussionen noch zu oft: Diversitätsbemühungen enden in vielen Redaktionen immer noch dort, wo Barrierefreiheit beginnen sollte.

Dieser Artikel konzentriert sich hauptsächlich auf Sehbehinderungen. Hier werden viele der Barrieren im Journalismus besonders sichtbar, oder vielmehr: Sie bleiben für diejenigen unsichtbar, die sie gestalten. Damit ist das Thema jedoch nicht erschöpft. Barrierefreiheit ist auch für gehörlose Menschen, Menschen mit Mobilitätseinschränkungen oder kognitiven Beeinträchtigungen, neurodivergente Nutzer, ältere Zielgruppen und viele andere, deren Bedürfnisse im digitalen Nachrichten-Design immer noch allzu oft als zweitrangig behandelt werden, relevant (W3C, 2018; AbilityNet, 2023).

Barrierefreiheit ist Teil des öffentlichen Auftrags

Wen bezieht Journalismus ein, wie funktioniert er und wem dient er? Behinderung wird häufig als separates Thema von dieser umfassenden Frage behandelt. Barrierefreiheit wird dann zu einem optionalen und technischen Nachtrag. Fragen werden vielleicht an Entwickler weitergereicht, in Compliance-Diskussionen untergebracht oder auf das Abhaken von Checklisten reduziert. Doch Barrierefreiheit ist kein Nebenthema. Sie trifft den Kern des Journalismus selbst.

Laut der Weltgesundheitsorganisation leben weltweit mindestens 2,2 Milliarden Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung im Nah- oder Fernbereich. Allein das sollte ausreichen, um die Thematik aus den Randbereichen des redaktionellen Denkens herauszuholen. Es geht hier nicht nur um demografische, rechtliche oder technische Aspekte, es geht um regulatorische und ethische Fragen. Im Vereinigten Königreich wird Barrierefreiheit zunehmend als Anforderung durch Rahmenwerke wie die „Public Sector Bodies Accessibility Regulations“ (britische Regierung, 2018) und Leitlinien für barrierefreie digitale Dienste (GOV.UK, 2022) festgelegt. Auch in Deutschland sind Regeln für die Barrierefreiheit im digitalen Raum durch Bundes-, Landes- und EU-Recht gesetzlich verankert.

Wenn Journalismus dazu dient, die Öffentlichkeit zu informieren, der Demokratie zu dienen und vielfältige Gemeinschaften zu erreichen, dann ist nicht barrierefreier Journalismus nicht einfach nur unbequem. Er ist schlechter Journalismus. Wenn eine Nachrichtenwebsite mit einem Screenreader schwer zu navigieren ist, wenn ein Bild wichtige Informationen enthält, aber keinen aussagekräftigen Alternativtext hat, wenn einem Video Untertitel oder ein Transkript fehlen, wird der Zugang zum Journalismus für viele Menschen erschwert oder unmöglich. Das ist nicht nur ein technisches Versagen, sondern ein redaktionelles.

Barrierefreiheit verbessert die allgemeine Nutzerfreundlichkeit

Barrierefreiheit entscheidet darüber, ob Journalismus gefunden, verfolgt, verstanden und als vertrauenswürdig angesehen werden kann. Sie entscheidet darüber, ob Menschen sich reibungslos durch einen Beitrag bewegen können oder gezwungen sind, sich durch die Formatierung zu kämpfen, bevor sie sich überhaupt mit dem Inhalt auseinandersetzen können. Standards wie die Web Content Accessibility Guidelines machen deutlich, dass Barrierefreiheit für die Nutzbarkeit durch alle Zielgruppen von grundlegender Bedeutung ist (W3C, 2018). Sie basieren auf den Prinzipien der Wahrnehmbarkeit, Bedienbarkeit, Verständlichkeit und Robustheit.

Barrierefreiheit sollte nicht als Zusatz oder Bonus betrachtet werden. Sie sollte Teil der journalistischen Qualität sein. Guter Journalismus dreht sich nicht nur um Genauigkeit, Wahrheitsgehalt und überzeugendes Storytelling. Er misst sich auch daran, ob er alle Teile der Öffentlichkeit widerspiegelt und ob er von ihnen tatsächlich genutzt werden kann. Eine aussagekräftige Recherche, ein wichtiges Interview oder ein Erklärbeitrag von öffentlichem Interesse verliert einen Teil seines Wertes, wenn große Teile der Zielgruppe keinen angemessenen Zugang dazu haben.

Außerdem kommt Barrierefreiheit in der Praxis selten nur einer Gruppe zugute. Was einem blinden Leser mit einem Screenreader hilft, kann auch für einen müden Pendler, der sich einen Artikel anhört, einen gehörlosen Zuschauer, der ein Video ohne Ton ansieht, oder jemanden, der schnell auf einem Mobilgerät navigiert, von Vorteil sein. Barrierefreies Design wird weithin als Verbesserung der Benutzerfreundlichkeit für alle Nutzer anerkannt.

Was können Redaktionen tun?

Die gute Nachricht ist, dass viele Barrieren nicht schwer zu beheben sind. In vielen Fällen sind sie eher das Ergebnis von Gewohnheit als von Notwendigkeit. Redaktionen können sofortige Verbesserungen erzielen, wenn sie Barrierefreiheit als Teil der täglichen redaktionellen Praxis betrachten. Die folgenden Empfehlungen basieren auf einer Kombination aus etablierten Standards zur Barrierefreiheit, bestehenden Forschungsergebnissen und professioneller Erfahrung in Redaktionen.

  1. Aussagekräftige Alternativ-Texte formulieren: Allzu oft werden Bilder entweder ohne Alt-Text belassen oder mit vagen Bezeichnungen wie „Foto“ oder „sprechender Mann“ versehen. Das reicht nicht aus. Alt-Text sollte beschreiben, was auf dem Bild wichtig ist. Praktische Leitfäden von Organisationen wie RNIB und WebAIM zeigen, wie Alt-Text nicht nur eine visuelle Beschreibung, sondern auch Bedeutung und redaktionelle Relevanz vermitteln kann.
  2. Abstand von bildbasiertem Storytelling nehmen: Viele digitale Geschichten stützen sich stark auf visuelle Layouts, Grafiken und eingebettete Inhalte. Diese mögen zwar ansprechend aussehen, sind ohne Sehvermögen jedoch schwer zu navigieren. Visuelles Storytelling kann wirkungsvoll sein, sollte aber nicht auf Kosten der Barrierefreiheit gehen. Wenn wesentliche Informationen in visuellen Elementen eingeschlossen sind, werden manche Nutzer von der Geschichte selbst ausgeschlossen. Wenn visuelle Elemente eine zentrale Bedeutung haben, trägt die Bereitstellung von Audiodeskription oder gleichwertigen Alternativen dazu bei, dass die Geschichte auf mehr als eine Weise zugänglich bleibt (W3C WAI, 2020; BBC, 2021).
  3. Benutzerfreundliche Audio- und Videoinhalte schaffen: Untertitel, Transkripte und eine klare Struktur sind unerlässlich. Der Ofcom-Kodex für Fernsehzugangsdienste und zugehörige Leitlinien betonen, dass Untertitel und barrierefreie Formate nicht nur gesetzliche Anforderungen sind, sondern von einem vielfältigen Publikum weitreichend genutzt werden.
  4. Die Navigation und Überschriftenstruktur der Website optimieren: Das mag technisch klingen, hat aber erhebliche redaktionelle Auswirkungen. Eine schlecht strukturierte Seite kann selbst das Lesen eines hervorragenden Artikels frustrierend machen. Tools wie WAVE und axe DevTools helfen dabei, häufige Barrieren zu identifizieren und die Inhaltsstruktur zu verbessern.
  5. Nutzer mit Behinderungen in Tests miteinbeziehen: Allzu oft werden Entscheidungen zur Barrierefreiheit getroffen, ohne die Menschen einzubeziehen, die davon am stärksten betroffen sind. Forschung und Praxis zeigen immer wieder, dass die Einbeziehung der Nutzer zu effektiveren und inklusiveren Designergebnissen führt (AbilityNet, 2021).

Barrierefreiheit nicht nur für das Publikum, sondern für Medienschaffende

Hinter diesen umsetzbaren Veränderungen liegt ein weiteres Problem, das seltener diskutiert wird. Wenn Redaktionen über Barrierefreiheit sprechen, konzentrieren sie sich in der Regel auf das Publikum. Das ist wichtig, aber bei Barrierefreiheit geht es nicht nur darum, wer Journalismus konsumieren kann. Es geht auch darum, wer ihn produzieren kann.

Medienschaffende mit Behinderungen, darunter blinde Journalisten und Journalisten mit Sehbehinderung, sehen sich innerhalb von Redaktionen nach wie vor mit vielen Barrieren konfrontiert. Diese Barrieren sind oft in Systemen und Routinen verankert: nicht barrierefreie Content-Management-Systeme, visuell orientierte Arbeitsabläufe und langbestehende Annahmen darüber, wie Journalismus zu produzieren sei. So ist Barrierefreiheit nicht nur im fertigen journalistischen Produkt, sondern auch in der Arbeitskultur, die dieses hervorbringt, nach wie vor unterentwickelt.

Hier stößt man auf einen Widerspruch: Viele Organisationen sprechen mittlerweile öffentlich über Inklusion, doch ihre alltäglichen Redaktionsstrukturen erschweren es einigen Menschen nach wie vor, uneingeschränkt teilzunehmen. Eine wirklich inklusive Redaktion sollte ein Ort sein, an dem sich Menschen willkommen, wertgeschätzt und unterstützt fühlen und ihr individuelles Potenzial entfalten können.

Diversität geht nicht ohne das Thema Barrierefreiheit

Dieses Prinzip gilt von der Personalauswahl über die Ausbildung, die Gestaltung von Arbeitsabläufen, die redaktionelle Planung und die berufliche Weiterentwicklung. Es erfordert auch, darauf zu achten, wie Behinderung dargestellt und thematisiert wird. Stilrichtlinien, wie sie beispielsweise vom National Center on Disability and Journalism entwickelt wurden, sowie Leitfäden von Organisationen wie Scope betonen die Bedeutung einer präzisen, respektvollen und stereotypfreien Sprache.

Deshalb sollte Barrierefreiheit Teil jeder ernsthaften Redaktionsdiskussion über Vielfalt, Gerechtigkeit und Inklusion sein, und nicht als Nischenanliegen außerhalb stehen. Damit Journalismus wirklich inklusiv ist, reicht es nicht aus, die Personen zu diversifizieren, die in Berichten vorkommen. Nachrichtenorganisationen müssen auch sorgfältiger darüber nachdenken, wer Zugang zu ihren Inhalten hat, wer dazu beitragen kann und wessen Bedürfnisse lange Zeit ignoriert wurden.

Barrierefreiheit ist kein Gefallen. Sie ist keine wohltätige Geste. Sie ist kein Spezialthema für ein kleines Publikum. Sie ist Teil dessen, was Journalismus öffentlich, glaubwürdig und nutzbar macht. Letztendlich geht es bei Barrierefreiheit nicht nur darum, Menschen mit Behinderungen zu unterstützen. Es geht darum, ob Journalismus seine Kernaufgabe erfüllt, die Öffentlichkeit zu informieren.

Dieser Beitrag erschien im Original am 7. Mai 2026 auf der englischsprachigen Webseite des EJO. Übersetzt und bearbeitet von Judith Odenthal mithilfe von DeepL.

Beitragsbild: Pixabay

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