
Obwohl Albanien seit Jahrzehnten über einen journalistischen Ethikkodex verfügt, bezweifelt ein großer Teil der Bevölkerung, dass sich die Medien tatsächlich daran halten. Was erwarten albanische Bürger*innen von ihren Medien und wieso versagen die Strukturen?
33% der Albaner*innen sehen vor allem das öffentliche Interesse als die am stärksten
vernachlässigte journalistische Pflicht, noch vor anderen Ethikpflichten wie Genauigkeit,
Unabhängigkeit oder Rechenschaftspflicht. 2023 gingen rund 390 Beschwerden bei der
staatlichen Medienaufsichtsbehörde Autoriteti i Mediave Audiovizive (AMA) ein. Auch eine Stichprobe des Albanian Media Council (AMC) zeigt: Innerhalb eines Monats wurden in zehn Medien mehr als 70 Verstöße gegen den Ethikkodex dokumentiert. ¹ Zwei aktuelle Studien greifen diese Thematik auf: Was erwartet die albanische Öffentlichkeit von ihren Medien, und reichen die bestehenden Kontrollmechanismen aus, um diese Erwartungen zu erfüllen?
Beide Studien kommen zu einem ähnlichen Ergebnis: In Albanien mangelt es nicht an formalen Regeln. Bereits seit 1996 existiert der nationale Ethikkodex für Journalist*innen, der 2018 mit Unterstützung der Europäischen Union und des Europarats überarbeitet und dann auf Online-Medien ausgeweitet wurde. Allerdings werden die Standards des Kodex, wie sorgfältige Recherche, redaktionelle Unabhängigkeit und eine klare Orientierung am öffentlichen Interesse, häufig verletzt. Damit stellt sich die Frage: Warum bleibt der Kodex wirkungslos?
Die Erwartungen und Wahrnehmungen der Öffentlichkeit
Die Politikwissenschaftlerinnen Pranvera Skana und Blerina Gjerazi von der Universität
Aleksandër Moisiu in Durrës kombinierten für ihre 2024 in Frontiers in Communication
veröffentlichte Studie „Public perception of media social responsibility in developing countries: a case study of Albania“ eine repräsentative Bevölkerungsbefragung mit qualitativen Interviews und einer Fokusgruppe. Zwischen Oktober 2022 und März 2023 wurden 1.321 Fragebögen face-to-face in den fünf albanischen Städten Tirana, Durrës, Elbasan, Shkodra und Vlora erhoben. Ergänzt wurde die Erhebung durch 20 qualitative Tiefeninterviews mit Stakeholdern wie Professor*innen, Analyst*innen sowie Medienforscher*innen. Im September 2023 folgte die Fokusgruppe mit 28 Journalist*innen aus unterschiedlichen Mediengattungen.²
Ergebnisse der Bevölkerungsbefragung und Fokusgruppe
Die Studie unterscheidet dabei zwischen dem, was die Öffentlichkeit von den Medien erwartet, und dem, was sie tatsächlich wahrnimmt. Bei den Erwartungen stehen Genauigkeit und Wahrheitsgehalt an erster Stelle (27 %), gefolgt von Unabhängigkeit, also der Freiheit von politischem und wirtschaftlichem Einfluss (15%), dem sensiblen Umgang mit schwierigen Themen (14 %) und der Orientierung am öffentlichen Interesse, die 12 Prozent priorisieren. In der Bewertung dreht sich dieses Bild: Genau das öffentliche Interesse sehen die Befragten mit 33 Prozent als die am stärksten vernachlässigte Pflicht, noch vor Unabhängigkeit und Diversität. Bei 44 Prozent der Befragten lassen sich die Erwartungen der Social Responsibility Theory zuordnen. Danach sollen Medien dem öffentlichen Interesse dienen, unterschiedliche Perspektiven abbilden und ihre demokratische Verantwortung wahrnehmen. Damit verbinden viele Befragte Medien mit einer demokratischen Grundfunktion. Hier wird deutlich, wie hoch die Erwartungen der albanischen Bevölkerung an ihre Medien sind. 43 Prozent sehen Desinformation als
die größte Herausforderung. Die Journalist*innen in der Fokusgruppe führen die Defizite bei der sozialen Verantwortung der Medien vor allem auf wirtschaftlichen Druck, eine politisch ausgerichtete Medienlandschaft und den daraus resultierenden Vertrauensverlust der Öffentlichkeit zurück. ²
Analyse der Kontrollmechanismen und Medienselbstregulierung
Während die erste Studie zeigt, wie die Bevölkerung Medien wahrnimmt, untersucht die zweite Studie, weshalb die bestehenden Kontrollmechanismen diese Defizite kaum beheben können. Belina Budini und Anjeza Xhaferaj von der Europäischen Universität Tirana analysierten 2026 ebenfalls in Frontiers in Communication unter dem Titel „Media self-regulation in Albania, 2018–2025: institutions, practices, and complaint-handling pathways“ mittels Theory-Testing Process Tracing das albanische Medienselbstregulierungssystem. Als Methode kombinierten sie drei klassische qualitative Beweistests: den Hoop-Test, den Smoking-Gun-Test und den Straw-in-the-Wind-Test, um kausale Mechanismen in ihrer Dokumentenkorpusanalyse zu prüfen. Die Quellenbasis umfasste Ethikcodes, institutionelle Regelwerke, Beschwerdeentscheidungen, Regulierungsbulletins sowie Berichte der EU, des
Europarats und der OSZE. ³
Fallbeispiele aus der Praxis
Untersucht wurden drei Fälle: Erstens eine Entscheidungsreihe des freiwilligen Albanian Media Council (AMC) und der Alliance for Ethical Media (AEM) aus dem Jahr 2025, die sich mit Beschwerden über redaktionelle Berichterstattung im Onlinebereich und Persönlichkeitsrechtsverletzungen befasste; zweitens eine Beschwerdeserie bei der staatlichen AMA aus den Jahren 2023 bis 2024, die mit Verwarnungen und Geldbußen gegen reichweitenstarke Reality- und Talkformate endete; drittens der politische Prozess rund um das sogenannte Anti-Diffamierungspaket von 2019 bis 2024, ein Gesetzesvorhaben, das staatliche Aufsicht auf ein breites Spektrum von Online-Publikationen ausweiten sollte. ³
Erkenntnisse und Grenzen der Regulierung
Die Ergebnisse zeichnen ein differenziertes Bild. Der freiwillige Presserat (AMC/AEM) veröffentlicht begründete, öffentlich zugängliche Entscheidungen. Ob die betroffenen Medien diese umsetzen, lässt sich jedoch nicht nachweisen. Die staatliche AMA agiert reaktiver und schneller: 2023 gingen 390 Beschwerden ein, der höchste jemals verzeichnete Jahreswert; 2024 waren es 349. In beiden Jahren stellten Bürgerinnen und Bürger die dominierende Beschwerdegruppe dar. 2024 identifizierte die AMA zudem 241 potenziell regelwidrige Inhalte, klassifizierte 77 davon als Verstöße und verhängte 52 Verwarnungen sowie 15 Geldbußen. Doch die Zuständigkeit der AMA endet an den Grenzen des Rundfunks. Online-Medien, in denen ethische Verstöße besonders häufig auftreten, bleiben weitgehend unkontrolliert. Das Anti-Diffamierungspaket, das diese Lücke hätte schließen sollen, scheiterte: Der Staatspräsident legte Veto ein, außerdem kritisierte die Venedig-Kommission, das beratende Rechtsgremium des Europarats für Verfassungsfragen, den zu weiten Anwendungsbereich, die fehlende Unabhängigkeit der vorgesehenen Behörde und die unverhältnismäßig hohen Strafen. 2022 wurde das Paket zurückgezogen. Albanien belegt mittlerweile im RSF-Pressefreiheitsindex 2026 Platz 83 von 180 – eine leichte Verschlechterung gegenüber Platz 80 im Jahr 2025, jedoch immer noch eine große Verbesserung gegenüber Rang 99 im Jahr 2024. Strukturelle Defizite in der Transparenz des Medieneigentums und der redaktionellen Unabhängigkeit bestehen trotzdem weiterhin. ³
Fazit und Ausblick
Beide Studien kommen zu einem ähnlichen Schluss: Albanien mangelt es nicht an ethischen Regeln, sondern an ihrer konsequenten Durchsetzung. Der Presserat trifft Entscheidungen, aber niemand prüft, ob die Medien sich an diese halten. Die staatliche Behörde erfasst nur den Rundfunk; Online-Medien bleiben außen vor. Zusätzlich erschwert politischer und wirtschaftlicher Druck die unabhängige Berichterstattung. Die albanische Bevölkerung erwartet Genauigkeit, Unabhängigkeit und Orientierung am öffentlichen Interesse und nimmt wahr, dass diese Erwartungen nicht erfüllt werden. Der European Media Freedom Act (EMFA) könnte neue Impulse setzen, vorausgesetzt, seine Vorgaben werden nicht nur übernommen, sondern auch wirksam umgesetzt. ³
Beitragsbild: Pixabay
Quellen und Literatur
Budini, B., & Xhaferaj, A. (2026). Media self-regulation in Albania, 2018–2025: Institutions, practices, and complaint-handling pathways—A process-tracing study. Frontiers in Communication, 11, 1754359. https://doi.org/10.3389/fcomm.2026.1754359
European Parliament & Council of the European Union. (2024). Regulation (EU) 2024/1083 of the European Parliament and of the Council of 11 April 2024 establishing a common framework for media services in the internal market (European Media Freedom Act). Official Journal of the European Union. https://eur-lex.europa.eu/eli/reg/2024/1083/oj
Këshilli Shqiptar i Medias (Albanian Media Council). (2018). Code of Ethics for Journalists and Ethical Guidelines for Online Journalism. https://kshm.al
Këshilli Shqiptar i Medias (Albanian Media Council). (o. D.). About the Albanian Media Council. https://kshm.al
Press Councils in Europe. (o. D.). Albanian Media Council. https://presscouncils.eu/Members/Albania
Reporters Without Borders. (2024). 2024 World Press Freedom Index: Albania. https://rsf.org/en/index
Reporters Without Borders. (2025). 2025 World Press Freedom Index: Albania. https://rsf.org/en/index
Skana, P., & Gjerazi, B. (2024). Public perception of media social responsibility in developing countries: A case study of Albania. Frontiers in Communication, 9, 1338587. https://doi.org/10.3389/fcomm.2024.1338587
Venice Commission. (2020). Albania – Opinion on draft amendments to the Media Law (Opinion No. 980/2020). Council of Europe. https://www.venice.coe.int
Fußnoten
¹Këshilli Shqiptar i Medias. (2018). Code of Ethics for Journalists and Ethical Guidelines for Online Journalism.https://kshm.al; Press Councils in Europe. (o. D.). Albanian Media Council. https://presscouncils.eu/Members/Albania
² Skana, P., & Gjerazi, B. (2024). Public perception of media social responsibility in developing countries: A case study of Albania. Frontiers in Communication, 9, 1338587. https://doi.org/10.3389/fcomm.2024.1338587
³ Budini, B., & Xhaferaj, A. (2026). Media self-regulation in Albania, 2018–2025: Institutions, practices, and complaint-handling pathways—A process-tracing study. Frontiers in Communication, 11, 1754359. https://doi.org/10.3389/fcomm.2026.175435
Schlagwörter:Albanien, Medienkontrolle

