Lob tut gut, Kritik bringt weiter

23. Oktober 2026 • Qualität & Ethik, Top • von

Etablierte Medienhäuser fahren ihre medienjournalistischen Angebote seit Jahren zurück. Frederik von Castell glaubt trotzdem nicht, dass es schlecht steht um die Zukunft des Medienjournalismus. Im Interview mit EJO spricht er über sein Verhältnis zu Kritik, die Zusammenarbeit von Journalismus und Wissenschaft und romantische Hoffnung.

EJO: Du bist Chefredakteur beim Medium Magazin, vorher hast du bei Übermedien gearbeitet. Du warst aber auch lange als Datenjournalist tätig. Gab es einen bestimmten Moment, in dem du dich ganz dem Medienjournalismus verschrieben hast?

Frederik von Castell

Frederik von Castell ist seit 2024 medium magazin-Chefredakteur. Davor war er Redaktionsleiter bei „Übermedien“, Faktencheck-Redakteur bei dpa, Datenjournalist (u.a. HR und SWR) und Mitarbeiter am Journalistischen Seminar der Universität Mainz. Er gibt als Trainer und Lehrbeauftragter Kurse für Medien- und Datenjournalismus, Recherche, Factchecking und Verifikation. Und findet Medienjournalismus gut, wenn er weder auf den streng erhobenen Zeigefinger und schnelle Verrisse aus ist, noch der Branche in braven Gesprächen eine Nabelschau liefert. Foto: Iona Dutz

von Castell: Tatsächlich passierte das, als ich bei der dpa in der Abteilung Fact-Checking gearbeitet habe. Das ist ein toller Job gewesen. Und trotzdem wollte ich nach einem halben Jahr unbedingt in den Medienjournalismus. Ich habe dort gemerkt: Ich möchte Fact-Checking machen, aber ich möchte Fact-Checking so machen, dass es auch die Medien betrifft.

Ich war während der Covid-Pandemie bei der dpa. Wir hatten besonders mit Falschaussagen in Bezug auf Gesundheitsverhalten oder im Zusammenhang mit Verschwörungstheorien zu tun. Das Fact-Checking hat aber sehr selten einbezogen, dass auch Medien Teil des Problems sein können, etwa, indem sie Verschwörungstheoretikern im Namen ausgewogener Berichterstattung eine Plattform geben. Das hat man während Corona ganz oft gemerkt. Wenn ein Experte einen sehr vorsichtigen Kurs vorgeschlagen hat, musste immer jemand entgegengesetzt werden, der gesagt hat: Das brauchen wir alles nicht. Wenn dieser Mensch dann aber keinerlei Qualifikationen hatte, habe ich damit meine Probleme gehabt. Das hätte ich gerne öffentlich kritisiert. Das ging aber nicht wirklich, weil diese medienjournalistische Rolle im dpa-Factchecking nicht vorgesehen war.

Ich wollte aber nicht denen die Bühne für Kritik überlassen, die „Lügenpresse“ schreien. Ich wollte seriöse Medienkritik machen. So kam eins zum anderen und ich zu Übermedien. Seitdem will ich auch gar nichts anderes als Medienjournalismus mehr machen.

Wie würdest du deine Beziehung zu Kritik beschreiben und unterscheidet sich die von der Beziehung der Branche dazu?

In Texten, die ich direkt an unsere Leser:innen richte, schreibe ich immer: Lob tut gut, Kritik bringt uns weiter. Ich habe in meinem Leben keinen einzigen Schritt nach vorn gemacht, weil Leute mir gesagt haben, wie gut ich sei. Ich bin nur in den Momenten besser geworden, in denen ich Kritik bekommen habe oder in denen ich mir Kritik gesucht habe.

Ich habe schon viele Praktikant:innen betreut und immer mit jüngeren Menschen zusammengearbeitet. Auch denen kann man es natürlich leicht machen und alle Fehler einfach stillschweigend ausbügeln. Das ist aber Betrug an diesen Menschen.

Für mich ist Kritik generell überhaupt nichts Negatives. Nur Kritik zu machen, ist mir aber auch zu einfach. Noch lieber kritisiere ich, und zeige gleichzeitig, wie andere es besser machen. Ich finde, so macht man aus Medienkritik Medienjournalismus mit Mehrwert. Dazu gehört die Fehleranalyse genauso wie das praktische Learning.

Nur kritisieren und nur Erde verbrennen ist nicht effizient, weil die Menschen sich dann abkapseln. Fair kritisieren, niemandem für immer das Gesicht rauben, ein mahnendes Beispiel geben, aber gleichzeitig eine Lösung aufzeigen – das finde ich am coolsten. Dann ist es auch guter Medienjournalismus.

Beim Medium Magazin kürt ihr jedes Jahr die „Top 30 bis 30“, und macht auf junge Talente im Journalismus aufmerksam. Geht es auch hier darum, den Blick auf das Positive zu lenken?

Wir wollen damit dem Nachwuchs eine Bühne geben. Wir versuchen, 30 verschiedene Menschen zu finden. Nicht die 30 „besten“, sondern 30 möglichst verschiedene Vorbilder – Leute, die eine Ausprägung der Branche zeigen, die andere vielleicht noch nicht gesehen haben. Mit diesen Leuten kann man in Kontakt kommen und sich gegenseitig unterstützen. Diese Funktion versuche ich noch stärker hervorzuheben.

Ich muss mich öfter Diskussionen dazu stellen, dass wir die „Top 30 bis 30“ wählen. Ich kann aber aus ganz persönlicher Erfahrung sagen, dass sie eine wahnsinnig wichtige Funktion erfüllen. Ich bin im Jahr 2020 einer der „Top 30“ geworden. Wenn das nicht passiert wäre, wäre ich wahrscheinlich heute nicht mehr im Journalismus.

Ich habe zu der Zeit als freier Mitarbeiter im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gearbeitet und hatte eine kleine Stelle an der Universität. Die war aber zeitlich limitiert. Dann kam die Pandemie. Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk gab es immer mehr Aufgaben für immer weniger Geld. Es wurde wirklich knapp. Das Konto war im Minus. Es war klar, dass ich nicht mehr lange in dem Job hätte bleiben können. Nach der Wahl in die „Top 30“ haben mich mehr Leute unterstützt und meinen Wert erkannt. Vor allem sind  andere Menschen von außen auf mich aufmerksam geworden.

Jetzt wähle ich selbst seit drei Jahrgängen die „Top 30“ mit aus. Ich rufe jede und jeden Einzelnen an, wenn klar ist, dass sie dabei sind. Das ist der schönste Arbeitstag des ganzen Jahres. Und jedes Mal sind bei diesen 30 Anrufen fünf dabei, denen es ähnlich geht wie mir. In dem Moment merken die: „Okay, anscheinend gehöre ich doch hierhin.“ Und mir ist auch bewusst, dass für diese fünf oder zehn Leute 50 oder 100 andere da draußen sind, die auf den Anruf warten und keinen bekommen. Ich sehe das. Aber ich gehe jedes Mal in die Diskussion und sage: Sonst macht es keiner. Sonst wird der Nachwuchs überhaupt nicht gestärkt.

Ich sehe die zwei Seiten auf jeden Fall: Einesteils ist es toll, wenn man Menschen ein Gefühl von Motivation und Wertschätzung geben kann. Andernteils ist der Konkurrenzdruck sowieso hoch und viele, gerade junge Medienschaffende, haben das Gefühl, nicht mithalten zu können. Da kann es natürlich noch einmal mehr demotivieren, bei so einer Auswahl herauszufallen.

Besonders denen, die am Anfang stehen, will ich sagen: Ich habe studiert, bis ich 26 Jahre alt war. Ich habe mit 30 Jahren immer noch vor allem an der Universität gearbeitet. Datenjournalist war ich eher nebenbei. Hauptberuflich in den Journalismus bin ich mit 31 Jahren gegangen. Ein Jahr später war ich ein Redaktionsleiter, drei Jahre später ein Chefredakteur.

Das klingt jetzt richtig nach einem Angeberlebenslauf, aber jeder einzelne Schritt war einfach Zufall. Ich hatte jedes Mal Glück, kannte jemanden oder war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und vor allem, machen wir uns nichts vor: Ich weise wenige bis keine Merkmale auf, wegen derer andere diskriminiert werden. Als weißer bärtiger Typ mit Deutsch als Muttersprache und dem Privileg einer relativ reibungslosen, weil vom Elternhaus ermöglichten Bildungsvita, habe ich es in der Branche sehr, sehr viel leichter als andere. Wer sich zurechtlegt, dass das nicht dazugehören würde, der spinnt oder belügt sich selbst.

Aber es läuft bei niemandem nach demselben Schema. Ich erlebe so viele Journalist:innen in der Ausbildung, gerade im Alter von 20 bis 25 Jahren, die sich einen unfassbaren Druck machen. Da will ich jedes Mal sagen: Du bist schon so gut. Das Einzige, was es noch braucht, ist Erfahrung. Mein Tipp ist: Lernt früh, solide für euch selbst zu arbeiten und glänzt dann. Zu schnellen Sprüngen kann man manchmal nicht gerecht werden. Ich hatte das große Glück, dass ich erst langsame Schritte gehen konnte und dann für die größeren bereit war.

Den Druck habe ich aber auch gespürt, das haben wir alle. Ich spüre ihn immer noch, aber jetzt geht das eher klar: Denn die Zukunft des Journalismus hinzukriegen, das sollte das Problem von Menschen in meinem Alter und älter sein, das dürfen wir denen, die neu dazukommen, nicht direkt aufhalsen. Wir sind die, die dafür sorgen müssen, dass so viele wie möglich ihr volles Talent in den Journalismus hineintragen können, dass der Druck in der Branche abnimmt, dass die Arbeitsbedingungen wieder besser werden. Das muss nicht der Nachwuchs selbst leisten.

Du hast angesprochen, dass dir klar ist, dass auch Diskriminierungsmerkmale eine Rolle spielen. Inwiefern berücksichtigt das Medium Magazin solche Faktoren bei der Auswahl der „Top 30 bis 30“?

Erstmal denken wir von einer anderen Perspektive aus. Wir schauen uns an, wie vielfältig die Spielarten von Journalismus sind. Wir wollen den klassischen „Wald-und-Wiesen-Lokaljournalismus“ genauso beachten wie jemanden, der vielleicht nur noch interaktive Livestream-Formate macht. Wir suchen nach den spannendsten Profilen.

Insgesamt habe ich das Gefühl, dass die Auswahl automatisch diverser geworden ist – besonders, was das Merkmal Geschlecht angeht. Ohne es bewusst anzuvisieren, hatten wir die letzten Jahre ein Überangebot an tollen, jungen, weiblich gelesenen Journalistinnen. „Divers“ meint aber auch noch andere Dinge: Wir sehen mittlerweile öfter Leute, die einen anderen als den klassischen Weg über Journalistenschule und Volontariat in den Journalismus gewählt haben. Das ist eine gute Nachricht. Gleichzeitig sehe ich es sehr kritisch, wenn große Medienmarken nur sehr wenige Stellen ausschreiben, und die an die Absolvent:innen der besten Universitäten verteilen.

Auf die Herkunft der Familie oder ähnliches schauen wir bei unserer Auswahl nicht. Die gute Nachricht ist – hier spreche ich wieder aus der mutmaßlich unqualifizierten Perspektive als weißer Mittdreißiger –, dass die Branche sich auch hier weiterentwickelt. Gleichzeitig haben wir kürzlich eine große Recherche des Kitt Kollektivs veröffentlicht. Die hat gezeigt, dass in vielen Redaktionen immer noch rassistische Strukturen verankert sind. Das darf nicht sein.

Auch das Thema soziale Durchlässigkeit, beziehungsweise Undurchlässigkeit, des Journalismus wurde im Kontext mit der Studie „Klassismus im Journalismus“ viel diskutiert. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass soziale Herkunft im Journalismus immer noch eine wichtige Rolle spielt.

Das Problem ist: Selbst den Quereinstieg muss man sich leisten können. Man muss Journalismus erstmal nebenbei machen können. Das hat sich leider nicht verändert. Die Möglichkeiten, den Ausbildungsweg zu beschreiten, haben sich aber erweitert. Ich habe das Gefühl, es ist besser möglich, mit Umwegen in den Journalismus hineinzukommen.

Das versuche ich zu unterstützen, nicht nur durch Formate wie die „Top 30“, sondern auch in der Zusammenarbeit mit Autor:innen. Ich habe noch nie in den Lebenslauf eines Autors oder einer Autorin hineingeschaut. Ich kriege den Text und ich spreche mit den Menschen, wenn ich Defizite sehe. Wenn es sehr viele gibt, arbeitet man vielleicht nur einmal zusammen. Aber in der Regel erkenne ich in zehn Minuten am Telefon, ob jemand Journalismus gut und gerne machen will. Und ehrlicherweise ist es mir dann völlig egal, ob die Person von der Henri-Nannen-Schule kommt oder das in einem Onlinekurs nebenbei gelernt hat.

Ich würde gerne noch über die Veränderung beim Medium Magazin sprechen. Bis zum März 2026 wart ihr vor allem ein Print-Magazin, dann habt ihr euch als Online-Magazin neu ausgerichtet. Wie hat sich eure Arbeitsweise dadurch verändert?

Statt sechs Ausgaben des gedruckten Magazins im Jahr produzieren wir jetzt vier. Hier setzen wir einen stärkeren Schwerpunkt mit größeren Kernthemen, während wir online versuchen, 365 Tage im Jahr als Magazin abzuliefern. Das ergänzt sich sehr gut. Vorher hatten wir oft das Problem, dass wir Themen nicht mitnehmen konnten, weil das Heft erst sechs Wochen später in den Druck ging. Bis dahin war das Thema dann zu alt. Jetzt lassen wir nichts mehr liegen, sondern legen sofort für unser Digitalangebot los.

Die Veränderung hat natürlich eine ganze Reihe von Umstellungen in den Produktionsabläufen bedeutet. Wir machen als Redaktion sehr viel selbst und sind ein sehr kleines Team. Wir müssen uns ständig neu sortieren. Viele Dinge probieren wir aus, lassen sie aber auch wieder, wenn sie nicht funktionieren – also, wenn sie zum Beispiel viel Spaß machen, aber niemanden interessieren, oder einfach zu viel Zeit kosten.

Kurz zusammengefasst: Es läuft. Und wir sind nicht allein da draußen. Viele sagen, der Medienjournalismus würde versinken. Im Digitalen ist er aber viel präsenter als noch vor fünf Jahren. Natürlich haben andere Player mehr Reichweite, gerade rechtsalternative Content-Creators gibt es viele. Die haben die Fläche aber nicht mehr für sich allein. Wir bieten eine seriöse, journalistische Perspektive, sodass User:innen beim Scrollen einer Geschichte aus mehreren Blickwinkeln begegnen können.

Messt ihr als Redaktion die Reichweite eurer Beiträge?

Ein bisschen. Aber wir sprechen kein Massenpublikum an, sondern vor allem Journalist:innen. Wenn wir einen Artikel zu Bildrechten im Fotojournalismus veröffentlichen und ihn nur tausend Leute sehen, haben wir möglicherweise trotzdem die gesamte Zielgruppe dafür erreicht. Wenn wir ein Ratgeberstück zum Umgang mit einem presserechtlichen Informationsschreiben veröffentlichen, ist mein Ziel nicht, dass es am ersten Tag von 15.000 Menschen gelesen wird. Wenn ein:e Journalist:in das nächste Mal ein presserechtliches Informationsschreiben bekommt, soll die Person unseren Artikel finden und verstehen, was das bedeutet und was man tun kann. Wenn das erst ein halbes Jahr später passiert, auch gut. Wichtig ist, dass das Publikum weiß, dass wir dieses Wissen und diesen Service bieten können. Dann findet sich der Rest. Reichweite ist für uns erst aussagekräftig, wenn man der Sache Zeit gibt. Es ergibt für uns keinen Sinn, jeden Tag auf die Zahlen zu gucken.  In den sozialen Medien ist mir ein organisches Wachstum lieber, als einzelne Spitzen zu erreichen. Lieber haben wir konstant drei oder vier gute Beiträge pro Woche als einmal im Monat einen, der durch die Decke geht.

Auch im Hinblick auf KI halte ich die Strategie für nicht schlecht. Das Nutzerverhalten wandelt sich: Nutzer:innen suchen sich nicht bei Google die Fakten zusammen, sondern wollen die Fakten als Antwortpaket auf ihre Problematik geliefert haben. Sie stellen eine Frage und suchen die Lösung. Wenn das eigene Produkt, wie unseres, Probleme angeht und Praxis und Service bietet, ist das für diese neue Welt nicht so verkehrt. Außer die KI nimmt sich die Inhalte einfach. Ein ähnliches Problem gab es zum Beispiel mit Google Snippets früher auch schon.

Große Online-Plattformen und Journalismus vertragen sich nicht immer auf Anhieb gut. Das Medium Magazin ist jetzt auch auf Mastodon, einem unabhängigen Kurznachrichten-Dienst, der als Alternative zu X gehandelt wird und zum sogenannten „Fediverse“ gehört. Was hat euch dort hingebracht?

Das Medium Magazin ist das zweite Medium, das ich ins Fediverse gebracht habe. Bei Übermedien habe ich es damals auch gemacht. Vielleicht ist das Teil einer romantischen Hoffnung.

Also ist es auch ein Statement?

Unter anderem auf jeden Fall. Ich fände es nicht gut, wenn wir die ignorieren würden, die versuchen, ein freies Internet zu prägen. Gleichzeitig macht es viel Arbeit. Wir bespielen insgesamt sechs verschiedene Social-Media-Kanäle: Am meisten nutzen wir vier Netzwerke, die sich im Grunde als Kurznachrichtendienste bezeichnen lassen. Das sind BlueSky, Threads, X und Mastodon. Hier teilen wir kürzere Texte. LinkedIn und Instagram ähneln sich auf den ersten Blick nicht, sind aber in der Vorbereitung sehr ähnlich. Hier teilen wir längere Captions. Diese sehr einfache Social-Media-Strategie ist auch unseren Ressourcen geschuldet. Wir machen unser Angebot, und wer uns folgt, sieht es. Auch im Fediverse wächst die passende Zielgruppe. Deshalb probieren wir es aus.

Gleichzeitig haben wir uns zum Beispiel von Facebook getrennt, weil dort nichts mehr passiert ist. Vor meiner Zeit war das lange die erfolgreichste Plattform für das Medium Magazin. Auch X erscheint uns von Monat zu Monat irrelevanter für unsere Arbeit. Dort habe ich aber noch mehr das Gefühl, die Flagge hochhalten zu müssen.

Das EJO arbeitet mit wissenschaftlichem Fokus. Medienforschung und Medienjournalismus müssten doch eigentlich sehr gut Hand in Hand gehen, oder? Wie sieht da eure Zusammenarbeit aus?

Wir versuchen, so viele relevante Ergebnisse aus der Wissenschaft wie möglich zu erfassen und zu übersetzen. Die Kunst im Medienjournalismus ist die Vermittlung von Medienwissenschaft, ohne zu vergessen, dass Journalist:innen auch ganz normale Konsument:innen sind. Auch sie wollen gute Geschichten lesen. Es gibt viele Menschen, die Wissenschaftler und Journalisten sind, und beide Welten verbinden können. Solche Menschen sind brillant, weil sie dem Journalismus, erst recht dem Medienjournalismus, Tiefe geben.

Ich finde es aber immer noch absurd, wie oft die Zusammenarbeit misslingt. Fast immer scheitert es leider an der Kommunikation. Forschende haben oft den Anspruch, sehr ausführlich zitiert zu werden. Das würde nur bei einer sehr spitzen Zielgruppe funktionieren und meistens sehr viel weniger erklären, als es so manche:r Kommunikationswissenschaftler:in glaubt. Mir ist als Journalist sehr wichtig, ganz genau zu verstehen, was jemand herausgefunden hat und was ich aufschreibe. Aber dann muss auch das Vertrauen geleistet werden, dass ich den Inhalt in eine Sprache für eine größere Zielgruppe übersetze. So, wie ich der Qualifikation des Gegenübers immer ein Stück weit vertrauen muss, muss ich das auch für meine Arbeit erwarten dürfen.

Was mir leider auch viel zu oft auffällt: Sehr viele Menschen in der Kommunikationsforschung sind selbst gar nicht in den Redaktionen unterwegs oder waren es schon sehr, sehr lange nicht mehr. So tendieren sie dazu, die Medienwelt in den immer gleichen Langzeitstudien und Fragebögen zu erfassen. Dabei sehen sie die aktuellen Themen und Probleme in den Medienhäusern nicht. Ich habe bestimmt schon 50-mal in meinem Leben einen Fragebogen zum Rollenverständnis von Journalist:innen nach Weischenberg vorgesetzt bekommen. Es bringt mich zur Verzweiflung, wenn immer wieder die gleichen Fragen gestellt werden, um möglichst viel Vergleichbarkeit herzustellen und dabei die Realität links und rechts außer Acht gelassen wird.

Aus der Perspektive eines Medienjournalisten: Was wünschst du dir denn von Kommunikations- und Journalismusforschung?

Bohrt die dicken Bretter! Tragen wir als Journalist:innen dazu bei, dass immer mehr Menschen eine extreme Partei wählen? Was machen wir falsch? Wirklich: Findet heraus, was wir falsch machen. Diese Fragen müssen wir klären, und dabei brauchen wir als Journalist:innen Hilfe von denen, die sich wissenschaftlich mit uns auseinandersetzen. Beantwortet mir doch endlich diese Frage: Hilft es der AfD, wenn Tino Chrupalla bei Caren Miosga sitzt, oder schadet es ihr? Und befragt dafür nicht nur die Fernsehzuschauer:innen. Findet Metriken, die die Wirkung der Snippets vom Auftritt auf seinem TikTok-Account erfassen. Ich habe das Gefühl, dass wir die Kernprobleme mit den jetzigen Fragestellungen nicht lösen.

Ein weiteres Thema, zu dem ich mir dringend mehr Input aus der Medienwissenschaft wünsche, ist der Lokaljournalismus. Wie sehen realistische Zukunftsszenarien aus, wer ersetzt seine Funktion im Zweifel? Und wir dürfen nicht nur an das denken, was danach kommt. Wir müssen auch an diejenigen denken, die mit dem Lokaljournalismus etwas verlieren, das sie ihr Leben lang hatten.

Ich sehe da viel zu viel Dunkelfeld.  Vielleicht sind wir aber auch alle zu wenig im Dialog miteinander und ich sehe die Dialogangebote, die innovativen Felder, die Handlungshilfen einfach nicht. Wer sich da angesprochen fühlt: Bitte melde dich!

Also würdest du zum Beispiel gerne mehr praktische Workshops für Redaktionen sehen?

Es gibt viele Möglichkeiten, Forschung und Praxis gut zu kombinieren. Das Journalistische Seminar in Mainz, meine Ausbildungsstätte und mein erster Arbeitgeber, veranstaltet zum Beispiel zwei Akademien im Jahr zu Verbraucherjournalismus und Finanzjournalismus. Bei der Akademie zu Verbraucherjournalismus bin ich einer der Referenten. Ich erkläre, wie man Faktenchecks durchführt und wieso Faktenchecks und Verbraucherjournalismus super zusammenpassen. Die Universität bietet also diese Fortbildungen an, bei denen Expert:innen und Praktiker:innen zusammenkommen. Auch die Netzwerk Recherche-Konferenz in Hamburg ist so ein Beispiel, wo die Ebenen Reflektion und Praxis aufeinandertreffen. Dort lernen alle Seiten wahnsinnig viel.

Wie blickst du im Moment der Zukunft des Medienjournalismus entgegen?

Wir haben lange alle gejammert – ich habe auch viel gejammert –, dass es immer weniger Häuser gibt, in denen Medienjournalismus gemacht wird. Das stimmt. Aber ich glaube: Das große Gejammer ist vorbei. Es etabliert sich viel Neues. Übermedien zum Beispiel ist eine einzige Erfolgsgeschichte. Zum ersten Mal seit vielen Jahren sehe ich auch wahnsinnig viele junge Autor:innen, die Medienjournalismus machen wollen. Die Angst davor ist endlich verschwunden. Und ich bleibe dabei: Selbst, wenn es sich manchmal vertan anfühlt, die Arbeit ist nicht umsonst. Die, die es brauchen, finden das Angebot. Für Medienjournalismus wird es immer eine Zielgruppe geben – solange es Journalist:innen gibt.

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