Neue Medienjournalismus-Studie: Sample sorgt für Kritik

29. Juli 2021 • Qualität & Ethik, Top • von

Mitte Juli veröffentlichte die Otto Brenner Stiftung (OBS) unter der Autorenschaft von Hektor Haarkötter und Filiz Kalmuk von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg das Arbeitsheft ‚Medienjournalismus in Deutschland – Seine Leistungen und blinden Flecken‘. Auf Twitter löste die Publikation schnell Diskussionen über die vermeintlich eigenen blinden Flecken der Studie aus. Autoren und Herausgeber haben auf die Kritik reagiert und verweisen auf „weiteren Forschungsbedarf“.

Ein Blick auf die sieben Forschungsfragen des Autorenteams zeigt, dass sich Haarkötter und Kalmuk für ihre Studie viel vorgenommen haben: Es ging ihnen nicht bloß darum, zu bewerten, ob Medienjournalismus eher informations- oder unterhaltungsorientiert, eher meinungsbetont oder sachlich ist, oder ob sein Fokus eher auf den privaten oder auf den öffentlich-rechtlichen Medien liegt. Die Autoren waren auch bestrebt festzustellen, ob es eine „Beißhemmung“ der Mediengattungen untereinander gibt (in diesem Fall wurden nur Tageszeitungen untersucht, dazu im Folgenden mehr), ob ein „‚news bias‘“ – vor allem mit Blick auf politische Akteure – festzustellen ist und ob mehr Männer oder Frauen Medienjournalismus betreiben.

Haarkötter und Kalmuk arbeiten dabei mit einem Mixed-Methods-Modell. Von Mai 2019 bis August 2019 haben sie die Berichterstattung von sechs deutschen Tageszeitungen (Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Tageszeitung [taz], Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Tagesspiegel und Kölner Stadt-Anzeiger)  untersucht und dabei insgesamt 2.053 Artikel ausgewertet. Neben den quantitativen Elementen gibt es auch immer wieder Auszüge aus Interviews mit Redakteuren der betreffenden Medien sowie mit jeweils einem Redakteur des Deutschlandfunks und der Tageszeitung Die Welt. Aus der Welt seien jedoch aufgrund der Unschärfe zwischen Feuilleton und Medienressort keine Artikel kodiert worden. Schade, denn die Analyse der Inhalte eines Mediums aus dem konservativen Springer-Haus wäre sicherlich interessant gewesen.

Kritik auf Twitter

Ohnehin ist das Sample der Analyse der Hauptkritikpunkt der Twitter-Community an der neuen OBS-Studie: Auf der Plattform ist vor allem eine Debatte darüber entfacht worden, wieso nur gedruckte Tageszeitungen und keine digitalen Angebote untersucht wurden und ob die Autoren damit nicht einen „wesentlichen Teil der journalistischen Realität (…) ausblenden“ würden, so ein Twitter-User. Außerdem stieß die Tatsache, dass die Autoren von einer „‚Beißhemmung‘“ der Zeitungen untereinander sprechen, aber digitale Formate, die den Printmedien gegebenenfalls stärker auf den Zahn fühlen, nicht behandeln, auf Kritik.

Die OBS und das Autorenteam äußerten sich zu der Kritik in einer Stellungnahme, in der sie eingestanden, dass digitaler Medienjournalismus zwar von großer Bedeutung sei, die „Relevanz dieses Bereichs“ jedoch auch „nicht in Zweifel gezogen“ worden sei. Rein aus „forschungspragmatischen Gesichtspunkten, die auch finanzielle Aspekte zu berücksichtigen haben“, habe man sich dazu entschieden, nur Tageszeitungen zu untersuchen. Autoren und Stiftung verweisen auf weiteren Forschungsbedarf.

Reportagen, Kommentare und Interviews sind unterrepräsentiert

Zu vielen Bereichen liefern Haarkötter und Kalmuk durchaus interessante Einblicke. So zeigen die Autoren, dass mit Blick auf die Informations- und Unterhaltungsorientierung unter den untersuchten Zeitungen vor allem die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) aus der Reihe fällt: Hier enthalten 77 Prozent der Artikel unterhaltungsorientierte Elemente, während es bei den anderen Zeitungen nur 34 bis 55 Prozent sind. Zudem weist das Medienressort der WAZ einen deutlichen Hang hin zum Thema ‚Fiction/Unterhaltung‘ auf, während sich die restlichen Medien zu einem deutlich größeren Teil der Medienpolitik widmen (Ausnahme ist hier wiederum der Kölner Stadt-Anzeiger mit 55 Prozent ‚Sonstiges‘, laut der Autoren „vor allem Themen wie Musik, Kunst und Literatur“).

Im Ganzen betrachtet findet die meiste Berichterstattung innerhalb des Samples in Form von klassischen Berichten (51 Prozent) und Kritik (24 Prozent) statt, gefolgt von den deutlich unterrepräsentierten Darstellungsformen Reportage/Feature (8 Prozent), Kommentar (5 Prozent) oder Interview (4 Prozent).

Auch zeigt die Studie, dass sich im Ganzen zwar 53 Prozent der Berichterstattung auf die privaten Medien beziehen (37 Prozent auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, weitere 10 Prozent auf sonstige und staatliche Organisationsformen), jedoch werden, wenn es speziell um „Fernsehsender“  geht, ARD und ZDF deutlich häufiger thematisiert als die privaten  Anbieter (zusammen ca. 27,8 Prozent gegenüber ca. 5,26 Prozent für RTL, Sat.1 und Pro7, n=1.407). Haarkötter und Kalmuk kommen dennoch zu dem Schluss, dass in der Medienberichterstattung der Blick auf private Medien überwiege. Dieses Paradoxon lasse sich beispielsweise so erklären, dass pro Artikel bis zu drei Medien codiert werden konnten. Dazu die Autoren: “Ein Artikel befasst sich beispielsweise mit einem neuen Show-Format auf dem Sender Pro7, das von einem ehemaligen SWR-Moderator präsentiert wird […]”. In diesem Fall ist das erste codierte Element der private Sender Pro7, das zweite jedoch der öffentlich-rechtliche Sender SWR.

Auch Diversität im Fokus

Gegen Ende ihrer Studie widmen sich die Autoren dem Thema Diversität: Bei allen untersuchten Medien ist die Zahl der Autoren im Bereich Medienjournalismus deutlich größer als die Zahl der Autorinnen. Besonders sticht der Tagesspiegel mit einem Verhältnis von 82 Prozent (Männer) zu 7 Prozent (Frauen) hervor (11 Prozent entfallen auf nicht entsprechend gekennzeichnete Inhalte). Hier bleibt jedoch aus, welchen konkreten Mehrwert es für den Medienjournalismus hätte, wenn es mehr Autorinnen gäbe. Der Satz „Diversität ist eines der gesellschaftlich wichtigen Themen der Zeit“ bleibt der einzige Aufhänger des Unterkapitels zum Geschlechterverhältnis.

Abschließende Empfehlungen an den Medienjournalismus

Haarkötter und Kalmuk schließen mit sechs Empfehlungen. Einerseits fordern sie eine stärkere Fokussierung des Medienjournalismus‘ auf den Journalismus selbst („hin zu einer stärkeren journalistischen Beobachtung der Beobachter*innen“) und weniger auf Unterhaltungsangebote. Des Weiteren kritisieren die Autoren, dass Digitalthemen sowie dem Radio nicht genug Aufmerksamkeit gewidmet werde. Sie fordern zudem einen stärkeren Fokus auf öffentlich-rechtliche Medien, auf Medien im europäischen Kontext sowie auf den „Medienalltag der normalen Bevölkerung“ und die „neue, private Seite der Mediengesellschaft“.

Vielleicht könnten die Zeitungsjournalisten dann auch mal schauen, mit welchen Themen sich ihre Online-Kollegen im Bereich Medienjournalismus so beschäftigen.

 

Die Studie ist als Download auf der Website der OBS erhältlich.

 

Bildquelle: Roman Kraft/Unsplash 

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