Lieber kontrollieren als beeinflussen

1. Juni 2008 • Medienpolitik • von

Erstveröffentlichung: Neue Zürcher Zeitung

Studien zur Vielfalt der journalistischen Kulturen
Nationale und gesellschaftliche Faktoren prägen auch den Journalismus. Genaueres über die differenten Kulturen versuchen zurzeit die Kommunikationswissenschafter herauszufinden.

Die vergleichende Journalismus-Forschung hat zurzeit Hochkonjunktur, und ein wesentlicher Impuls geht von der Schweiz aus. Thomas Hanitzsch von der Universität Zürich konnte bei der Jahrestagung der International Communication Association (ICA) in Montreal erste Ergebnisse der bisher wohl umfassendsten Studie in diesem Bereich vorstellen, an der sich Forscher aus 19 Ländern beteiligen.

Professionalisierung, Globalisierung

Erstaunlich sind einige Gemeinsamkeiten der Journalismus-Kulturen: So halten es – mit Ausnahme Bulgariens – in allen Ländern mehr als zwei Drittel der befragten Journalisten für «sehr» oder «extrem» wichtig, unvoreingenommen zu berichten. Rund 60 Prozent der Journalisten bekennen sich ausserdem in den meisten Ländern zur «Wachhund»-Rolle. In fünf Ländern sind es sogar über 80 Prozent, die gegenüber ihren Regierungen Kontrollfunktionen wahrnehmen wollen. Lediglich in Rumänien betrachten dies weniger als die Hälfte der Journalisten als ihre Aufgabe. Hohe Übereinstimmung besteht auch darin, dass Journalisten «interessante Informationen» bereitzustellen hätten und einen politischen Informationsauftrag haben. Der Konsens bei diesen Antworten lässt sich dahingehend deuten, dass sich der Journalismus zumindest ansatzweise professionalisiert und auch globalisiert.
Aus weiteren Antworten werden allerdings auch drastische Unterschiede erkennbar. Die politische Tagesordnung bestimmen in der Schweiz und in Deutschland, aber auch in Spanien, Bulgarien, Brasilien und Australien nach eigener Einschätzung nur weniger als ein Viertel der Journalisten mit. In Russland sind es 35 Prozent, in der Türkei und in Uganda sogar mehr als die Hälfte. Die Regierungspolitik unterstützen in der Schweiz und in Deutschland jeweils zwischen 10 und 20 Prozent der Befragten; in Russland sind es knapp 30 Prozent, in Uganda schnellt der Prozentsatz bis auf 78 Prozent nach oben.

Eine Zusammenschau der Ergebnisse zeigt, dass die Journalismus-Kulturen in den untersuchten europäischen Ländern, ob im Osten oder Westen, sowie in Israel und Australien Gemeinsamkeiten aufweisen, während die anderen analysierten Länder – Brasilien, Indonesien, Russland, die Türkei und Uganda – von diesem Cluster weit entfernt sind.

Befragt wurden in jedem Land 100 Journalisten aus zwanzig verschiedenen Redaktionen – jeweils 2 leitende Redaktoren und 3 aus den unteren Rängen. Hinzu kommt in allen beteiligten Ländern eine Analyse der Medienunternehmen und der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen die Redaktionen arbeiten.

Internationale Mehrjahresstudie

Wolfgang Donsbach (TU Dresden) ergänzte die Präsentation mit ersten Daten aus einer Forschungsarbeit, welche den deutschen, den amerikanischen, den britischen und den italienischen Journalismus vergleicht. Sie wird nach rund 15 Jahren derzeit wiederholt. Damit soll erstmals ein Vergleich im Längsschnitt möglich werden; man kann dann zum Beispiel feststellen, ob die Journalismus-Kulturen konvergieren oder sich auseinanderentwickeln.

Bis anhin liegen allerdings zu dieser Studie nur die Ergebnisse aus Deutschland vor: Statt 30 Prozent sind demnach heute nur noch 18 Prozent der Journalisten im Nachbarland daran interessiert, auf politische Entscheidungen Einfluss zu nehmen. Die Öffentlichkeit möchten nur noch 9 Prozent beeinflussen – statt 16 Prozent vor 15 Jahren. Deutlich zugenommen hat dagegen die Zahl der Journalisten, die mit ihrer Arbeit ein möglichst grosses Publikum erreichen wollen. Zumindest im Bewusstsein der Journalisten hat auch die Recherche an Bedeutung gewonnen: 52 Prozent (vormals 42 Prozent) der Befragten stimmen zu, dass «gute Berichterstattung aus mehr besteht, als beiden Seiten Gehör zu verschaffen». Die Realität in den dünner besetzten Redaktionen sieht dagegen vermutlich anders aus.

Auch sonst sind solche Daten wohl mit einer gewissen Vorsicht zu geniessen. Wer sich ein bisschen in der Welt auskennt, ahnt, dass Forscher meist eigenwillig sind und sich trotz allen ehrenwerten Anstrengungen nur sehr bedingt auf gemeinsame Erhebungsstandards verpflichten lassen. Weiter besteht die Gefahr, dass die Journalisten «erwünschte» Antworten geben, die wenig mit ihrem tatsächlichen Verhalten in den Redaktionen und den Realitäten im Land zu tun haben. So glauben zum Beispiel 57 Prozent der russischen Journalisten, gegenüber ihrer Regierung «Wachhund»-Funktionen auszuüben; in Uganda, das auch nicht gerade für seine Pressefreiheit berühmt ist, sind es sogar 87 Prozent.

Sinkende Bereitschaft zur Teilnahme

Die Bereitschaft zur Teilnahme an solchen Untersuchungen ist ebenfalls zum Problem geworden. Früher konnten Forscher damit rechnen, dass sich mehr als die Hälfte der Adressaten beteiligten. Heute, so berichteten mehrere Wissenschafter in Montreal, seien es oft nur noch 20 Prozent. Das hat gewiss auch damit zu tun, dass die Professoren immer öfter ihre Studierenden ins Feld schicken, um für Abschlussarbeiten Daten zu sammeln. So werden die Redaktionen zunehmend mit Fragebögen bombardiert – oftmals auch noch mit unausgegorenen, die wenig Sachkenntnis verraten. Den Rekord bei der Antwort-Verzögerung halten übrigens zwei leitende Redaktoren des Schweizer Fernsehens. Die Zürcher Forscher bettelten ein halbes Jahr lang, bis sie die Antworten erhielten.

Weitere Informationen: www.worldsofjournalisms.org.

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