Diversität in Redaktionen – viel Luft nach oben

18. September 2020 • Qualität & Ethik, Top • von

Das Jahr 2020 ist geprägt von Rassismus-Debatten und der Forderung nach mehr sozialer Gerechtigkeit, die die Diversität der Gesellschaft widerspiegelt. Mehrere aktuelle Studien zeigen auf, dass auch der Journalismus und die Medien das Ziel „Vielfalt” noch längst nicht erreicht haben. 

Die antisemitisch und rassistisch motivierten Anschläge in Halle und Hanau und die Ermordung George Floyds durch die US-amerikanische Polizei sind nur die extremsten Manifestierungen von Hass und Gewalt, denen von Diskriminierung betroffene Menschen täglich ausgesetzt sind. Bei der Bekämpfung von strukturellem Rassismus und struktureller Benachteiligung spielen Repräsentation und Chancengleichheit eine wichtige Rolle: Das gilt auch für die Medien. Die Darstellung verschiedener sozialer Gruppen in den Medien, ebenso wie der Zugang zu Arbeitsplätzen im Journalismus unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Hautfarbe, sind Fragen der sozialen Gerechtigkeit. Doch auch in den Medien, die wesentliche Akteure der Demokratie sind, fehlt es in Deutschland und anderswo auf der Welt noch an Diversität, wie mehrere aktuelle Forschungen zeigen.

„Gut gebildete, weiße Männer aus bürgerlichen Verhältnissen dominieren in den Redaktionen” erklärt Hristio Boytchev, Wissenschaftsjournalist und Mitautor der Studie „Wie divers sind deutsche Medien?” (zusammen mit Prof. Dr. Christine Horz, TH Köln, und Malin Neumüller). Die  im Mai 2020 veröffentlichte Recherche ist ein Projekt der Neuen deutschen Medienmacher*innen, eines bundesweiten Zusammenschlusses von Medienschaffenden, die sich für mehr Diversität in den Medien einsetzen, zum Beispiel durch Mentoring von Nachwuchsjournalist*innen, Trainings und Projekten gegen Hate Speech und Extremismus im Netz. Die Studie zeigt, dass die Zusammensetzung der deutschen Medien nicht die Vielfalt der Gesellschaft widerspiegelt. Das beeinträchtigt nicht nur die journalistische Qualität, sondern auch den gesellschaftlichen Diskurs, so die Autor*innen.

Diversität ist eine Frage der Demokratie

„Gerade aufgrund des besonderen, verfassungsrechtlichen Auftrags der Medien ist die Frage der Repräsentation aller Bevölkerungsgruppen im Journalismus auch eine Frage der Demokratie und Zugangsgerechtigkeit”, erklären die Autor*innen die Bedeutung des Themas. Die Studie beruht auf einer Befragung der Chefredaktionen aller deutschen Massenmedien. Untersucht wurde:

  1. Welche Daten liegen in den Medienhäusern über den Anteil an Mitarbeiter*innen mit Migrationshintergrund vor?
  2. Was halten die Chefredaktionen von der DJV-Resolution, dass „sich die Zusammensetzung der Gesellschaft auch in den Redaktionen widerspiegeln” solle?
  3. Welche konkreten Maßnahmen ergreifen sie, um dies zu erreichen?

Illustration: Lena Deser

Die Ergebnisse zeigen eine ernüchternde Erkenntnis: „Deutschland ist ein Einwanderungsland? Nicht in den Chefetagen der Massenmedien.” Sechs Prozent der deutschen Chefredakteur*innen haben einen „Migrationshintergrund”, davon die Hälfte aus Deutschlands Nachbarländern und der Rest aus der EU; niemand ist schwarz, muslimisch, oder gehört zu den größten Einwanderungsgruppen in Deutschland (türkisch, polnisch oder russisch). Jenseits der Chef*innen-Etagen sind die Redaktionen diverser – dennoch entspricht der Anteil der Journalist*innen mit Migrationshintergrund nicht dem Anteil, den diese Menschen an der Gesamtbevölkerung haben, nämlich 25 Prozent.

„Ich glaube, hier fehlt es immer noch an Sensibilität für das Thema innerhalb der Redaktionen. Wenn ich als weißer Bildungsbürger in einer Redaktion voller weißer Bildungsbürger sitze, fällt mir ja nicht unmittelbar auf, dass das nur ein bestimmter Ausschnitt aus unserer Gesellschaft ist, geschweige denn, dass das ein Problem sein könnte”, sagt Hristio Boytchev, Mitautor der NdM-Studie, im Interview mit dem EJO. „Und selbst wenn mir das auffällt, kann ich die Homogenität mit einer vermeintlichen Auswahl nach Qualität rechtfertigen – unterschlage aber dabei, dass ich dann eine recht enge Definition von Qualität verwende.”

Verschiedene Länder, verschiedene Herausforderungen

Nicht nur in Deutschland gibt es beim Thema Diversität in den Redaktionen noch Nachholbedarf. Die Studie Are Journalists Today’s Coal Miners?”, erstellt von Wissenschaftler*innen des Reuters Institute an der University of Oxford und der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, analysiert unter anderem den Umgang deutscher, schwedischer und britischer Chefredakteur*innen mit dem Thema Diversität. Außerdem betrachtet die Studie das Diversitätsmanagement in den größten Journalist*innenschulen dieser Länder.

Die Interviews mit Chefredakteur*innen, Redaktionsleiter*innen und Hauptverantwortlichen der Journalistenausbildung zeigen: Während die Frauen in allen drei Ländern auf verschiedenen Ebenen der Medienunternehmen in großer Zahl vertreten sind, verdienen sie oft weniger als ihre männlichen Kollegen. Außerdem fehlt es allen drei Ländern an Journalist*innen, die nicht aus urbanen Kontexten stammen, und an Journalist*innen, deren Familien Arbeiter oder wirtschaftlich benachteiligt sind. Besonders in Deutschland und Schweden sind Medienschaffende mit Migrationshintergrund unterrepräsentiert – als Gründe nennen die Chefredakteur*innen fehlende Sprachkenntnisse oder einen zu geringen Bildungshintergrund.

Obwohl es hier und da bereits vergleichbare Ansätze gibt, zeigt eine weitere Studie des Reuters Institute – „Race and leadership in the news media 2020: evidence from five markets” – dass nicht-weiße Chefredakteur*innen in Brasilien, Deutschland, Südafrika, Großbritannien und den USA unterrepräsentiert bleiben. Für die Analyse betrachteten die Forscher*innen ein Sample von 100 Online- und Offline-Nachrichtenredaktionen aus diesen Ländern. Obwohl es sich bei allen um sogenannte postmigrantische Gesellschaften handelt, ist nur in Südafrika eine Mehrzahl der Chefredakteur*innen schwarz (68 Prozent). In den USA fanden die Forscher*innen nur zwei schwarze Chefredakteur*innen; in Brasilien eine – und in Deutschland und Großbritannien keine* einzige*n.

Auch in Südafrika ist Rassismus im Journalismus aber noch immer an der Tagesordnung – nicht zu allen Bereichen der Medienarbeit haben schwarze und weiße Journalist*innen denselben Zugang. Das kann dazu führen, dass einige Sparten weiß dominiert bleiben – zum Beispiel, wenn es um investigative Recherchen geht: „Die Idee, investigative Journalistin zu sein, schüchterte mich ein”, wird die südafrikanische Journalistin Zanele Mji in einem Beitrag des Global Investigative Journalism Network (GIJN) zitiert. „Jetzt weiß ich warum: Weil ich keinen kannte, der so aussieht wie ich.”

Diversere Journalist*innen = diversere Perspektiven

Wer Artikel schreibt, Fotos macht und Interviewpartner auswählt, und wer Themen bestimmt, Foki setzt und Mitarbeiter einstellt, beeinflusst auch, was berichtet wird, wer zitiert und welche Sichtweisen wie dargestellt werden. Diversere Journalist*innen bedeuten diversere Perspektiven. Auch beim diesjährigen (digitalen) Global Media Forum der Deutschen Welle ging es im August um die Bedeutung von Diversität in internationalen Medienunternehmen. Dort kritisierte Deutsche-Welle-Intendant Peter Limbourg, dass marginalisierte Gruppen zu oft nur in Opferrollen dargestellt werden. Spätestens wenn Themen wie Flucht und Migration, die Black Lives Matter-Proteste oder rassistischer und antisemitischer Terror wie in Halle und Hanau Schlagzeilen machen, ist es für die Redaktionen aber essentiell, Zugang zu verschiedenen Communities und diversen Stimmen zu haben.

Diversität muss allerdings mehr sein als ein „Trend”, der sich gut verkaufen lässt: In der Corona-Krise, so beobachtet die tunesische Journalistin Asma Laabidi in einem Beitrag auf der Website des Deutschlandfunks, gab es plötzlich gesteigertes Interesse an ihren Sprachkenntnissen: „Urgent! Wir brauchen jemanden, der Arabisch spricht, wir wollen unseren Corona-Content übersetzen!” Dies, so Laabidi, weist aber nur auf die strukturelle Unterrepräsentation diverser Stimmen in den Redaktionen hin. „Es gab einen Shitstorm”, berichtet sie weiter in dem Beitrag, „die Leute haben gesagt: Äh, warum sucht ihr jetzt jemanden? Habt ihr keinen Journalist, der Arabisch spricht?”

Beim Global Media Forum warnte die indische Medienaktivistin Aruna Roy auch vor „Tokenism”, also davor, Mitglieder einer marginalisierten Gruppe nur deshalb und nur scheinbar zu integrieren, um einem „Diversitätstrend” nachzukommen, ohne aber Diversität zu einem wichtigen Bestandteil der redaktionellen Praxis werden zu lassen.

Wichtig? Ja. Umsetzen? Nein.

Illustration: Lena Deser

Die NdM-Studie von Hristio Boytchev und seinen Mitautorinnen ergibt: Zwei Drittel der befragten Chefredakteur*innen in Deutschland finden diverse Redaktionen wichtig; ein Drittel hingegen steht dem Thema neutral gegenüber und zehn Prozent lehnen das Konzept Diversität gar ab. „Viele haben sich positiv über Diversität geäußert, doch wie viele von ihnen meinen es ernst? Das wissen wir nicht”, so Boytchev. „Es gibt ja eine große Kluft zwischen vorgeblichem Willen nach mehr Diversität und entsprechenden Maßnahmen. Das zeigt, dass es sehr viel Luft nach oben gibt.”

Offen negativ zu Diversität haben sich gegenüber den Studienautor*innen nur wenige Redakteur*innen geäußert. Wenn, dann sei das oft verbunden mit dem Argument, dass man ja allein nach Qualität einstelle und fördere, erklärt Boytchev. „Oft schwingt hier ein ziemlich enges und einseitiges Verständnis von journalistischer Qualität mit. Als ob es nicht auch eine Qualität ist, mehrsprachig zu sein, bestimmte Milieus und Zielgruppen besser zu kennen, besondere Perspektiven und Sensibilitäten mitzubringen.” Die Autor*innen der Studie sind der Auffassung, dass Vielfalt an sich in der Redaktion eine Qualität ist – „dass also eine Redaktion nicht nur aus einer Überlegung zu Gleichberechtigung heraus vielfältig besetzt sein sollte, sondern weil sie dann journalistisch besser ist.”

Auch in Schweden ist man sich der Wichtigkeit von Diversität in den Redaktionen bewusst, dennoch folgen dieser Erkenntnis nur selten Handlungen. Eine Quote für Journalist*innen und Student*innen mit Migrationshintergrund hält man dort zum Beispiel nicht für umsetzbar. In Großbritannien hingegen gaben Chefredakteur*innen an, bewusst diverse Bewerber*innen anzusprechen, indem sie Ausschreibungen über verschiedene Kanäle verbreiten und auf einen bewussten Umgang mit Sprache achten.

Lösungsansätze?

Weiß, gebildet, bürgerlich – Schlagworte, die auch außerhalb des journalistischen Feldes in der öffentlichen Debatte immer wieder fallen. Es geht um soziale Gerechtigkeit, um die Gleichberechtigung nicht-weißer Menschen (auch BIPoC = Black, Indigenous and People of Color) und immer wieder auftretende Gewalt gegen ebendiese.

Die Frage ist: Hat der Journalismus mit seinen homogen besetzten Chef*innen-Etagen und Newsrooms dann – ganz offen gesagt – ein Rassismusproblem? Ja, sagt Hristio Boytchev: „Der strukturelle Rassismus, der ja in den letzten Monaten vor allem im Zusammenhang mit der Polizei diskutiert wurde, beschreibt Strukturen und Prozesse in Organisationen, die im Ergebnis regelmäßig BIPoC benachteiligen. Nach dieser Definition ist der Journalismus auch nicht frei von Rassismus.” Doch was tun? Wie wird die deutsche Medienlandschaft personell diverser? Die Studie von Boytchev und Horz gibt einige Empfehlungen: Neben konkreten Diversitätsstrategien – sowohl bei kommerziellen als auch bei öffentlich-rechtlichen Medienhäusern – fordern die Wissenschaftler*innen vor allem Änderungen auf Meso-Ebene; dazu gehören unter anderem

  • „Ausschreibungstexte, die Menschen mit Migrationshintergrund und ihre Kompetenzen ansprechen” sowie
  • der Umbau von Entscheidungsebenen und Gremien „mit Blick auf Vielfalt”,
  • „Weiterbildungsmaßnahmen für alle redaktionell Tätigen, um transkulturelle Kompetenzen auszubauen” und
  • „Talententwicklung” wie das Projekt „Journalismus macht Schule“ der Medienanstalt Berlin-Brandenburg.

In Sachen Transparenz kann laut der Studie vor allem die BBC ein Vorbild für andere öffentlich-rechtliche Medienanstalten sein: Das Haus veröffentlicht regelmäßig Daten über die interne Diversität auf seiner Website. Beim Global Media Forum riet Jamie Angus, Direktor der BBC World Service Group, Mitarbeiter von Medienunternehmen die Geschichten ihrer eigenen, diversen Communities erzählen zu lassen – das ist in einem der größten internationalen Medienunternehmen, dass Diversität schon durch seine globale Ausdehnung mitbringt, natürlich aber eine andere Aufgabe als beispielsweise bei einer deutschen Regionalzeitung.

 

Bildquelle: Maxpixels

Die Illustrationen stammen von Lena Deser. Sie ist Journalistin und Illustratorin. In ihren Zeichnungen, die sie auf Instagram (@lena.deser) teilt, visualisiert sie Daten und Statistiken rund um gesellschaftliche Ungleichheiten und soziale Gerechtigkeit. In ihren verständlichen Illustrationen werden die Menschen, die hinter den sonst oft so anonymen Zahlen stehen, sichtbar. Dabei liefert sie Kontextwissen, um die Studien auch kritisch einordnen zu können, und hinterfragt die vermeintliche Objektivität und Neutralität von Statistiken.

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