Kaffeehaus Europa

11. Mai 2021 • Internationales, Qualität & Ethik • von

Es gibt immer mehr Zusammenarbeit zwischen europäischen Journalisten, aber es gibt kein Medium, das ganz Europa abdeckt. Wäre die Gesellschaft bereit für einen paneuropäischen Journalismus? Und wie würde dieser aussehen?

Es ist ein regnerischer Freitagmittag und in einem kleinen Raum in Brüssel versuchen 15 junge Journalistinnen und Journalisten, nicht an die Stadt zu denken, in der sie gerade sind. Einer nach dem anderen lesen sie vor, was sie gerade in Windeseile auf kleine Zettelchen geschrieben haben. ‚Ein Zufallsgenerator für Videos mit Berichten aus ganz Europa‘, ‚Zwanzig Leute, die eine Tour in ihrer eigenen Stadt geben und diese livestreamen‘, ‚Eine Karte, die die Grenze zwischen Belarus und Russland zeigt, mit Geschichten, wie die Menschen den Konflikt auf beiden Seiten erleben‘,  ‚Sich digital zur Geburtstagsfeier eines beliebigen Europäers zuschalten‘, ‚Eine Karte mit europäischen Geräuschen: Wie klingt Europa?‘

Hierbei handelt es sich um das jährliche Brainstorming der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der journalistischen Plattform Are We Europe, die auf eine neue Art europäischen Journalismus machen möchten.  Obwohl sie sich in ihrem modernen Gebäude am Boulevard Barthélémy im angesagten Dansaert-Viertel nahe am politischen Herzen der EU befinden, ziehen sie es vor, die europäischen Institutionen nicht zu beachten. Junge Leute wollen andere Geschichten darüber, was es bedeutet, Europäer zu sein, sagen die Herausgeber. Die Tatsache, dass sie noch nicht wissen, was „Europäer sein“ bedeutet, sei der Grund dafür, dass ihr Medium nicht We are Europe heißt, sondern Are we Europe. Ein Fragezeichen fehle aus Marketinggründen, sagt Chefredakteur Kyrill Hartog. „Man kauft doch auch keine Schuhe von ‚Adidas?‘, oder?“

Are we Europe besteht seit fünf Jahren. Was im Jahr 2015 als Blog von Studierenden des Amsterdamer University College, einer Hochschule für freie Künste, begann, hat sich zu einer Website mit zehntausend Besuchern im Monat entwickelt. Außerdem gibt es ein Magazin, das viermal jährlich erscheint, und an der Journalisten aus ganz Europa mitwirken.

Jede Ausgabe hat ein eigenes Thema, wobei vorausgesetzt wird, dass es sich um Journalismus über Grenzen hinweg handelt. Im vergangenen Jahr erschien auf der Plattform und im Magazin u.a. eine Fotoserie über Jugendliche aus Georgien, die auch zur EU gehören wollen, eine investigative Geschichte über litauische „Elfen“, die online gegen Internettrolle aus Russland kämpfen, eine Kurzgeschichte über Paris während einer Hitzewelle und ein Essay über den Kampf einer englischen Küstenstadt gegen den steigenden Meeresspiegel.

Laut Chefredakteur Kyrill Hartog – niederländischer Vater, russische Mutter, aufgewachsen in Spanien – braucht Europa einen neuen Journalismus, der nicht nur Brüssel, sondern die ganze europäische Medienlandschaft abdeckt. Die Coronakrise habe ihm das wieder einmal bewusst gemacht, schrieb er Anfang März, als er in Luxemburg lebte, in einem Essay in der Zeitschrift Medium.

Zweimal täglich, beim Mittag- und Abendessen, schaue ich die Nachrichten im französischen Fernsehen. Viele von Macrons Reden kann ich auswendig, ich höre mir die Empfehlungen der Epidemiologen genau an und kenne die Todeszahlen. Dabei  scheint man zu vergessen, dass Covid-19 auch ein Problem außerhalb von Frankreich ist, zum Beispiel 15 km entfernt von hier, hinter der Grenze zu Deutschland. Wo sind die Bilder der deutschen Krankenhäuser, frage ich mich. Oder die O-Töne der belgischen Kinder, die zuhause sitzen und sich langweilen. Das Virus kennt keine Grenzen. Warum ist es dann so schwierig zu verstehen – oder noch schwieriger, Empathie zu empfinden – für das, was sich momentan auch in anderen Ländern abspielt?

Hartog ist nicht der Einzige, der die europäische Berichterstattung kritisiert. Europäische Politiker haben „fast nichts von der Presse zu befürchten“, sagte Arjen Lubach in der Fernsehsendung Zondag met Lubach Anfang November über die Brüsseler Berichterstattung. Sein Vorschlag: eine europäische Talkshow namens „EurOp1“. Obwohl sich Lubachs Kritik insbesondere gegen den politischen Journalismus richtet, vermittelt er im Kern die gleiche Botschaft wie Hartog von Are we Europe: Es fehlt offensichtlich ein noch allgemeineres Medium, ein gesamteuropäisches journalistisches Projekt.

In Strukturwandel der Öffentlichkeit (1962) beschreibt der deutsche Philosoph Jürgen Habermas, wie im Bürgertum des 18. Jahrhunderts neben der Literatur zunehmend gesellschaftliche und politische Fragen in Kaffeehäusern und Salons diskutiert wurden und so eine Öffentlichkeit entstand, in der sich die Mittelschicht ihre Meinung bilden konnte.  Der Meinungsaustausch durch unabhängige Zeitschriften spielte dabei eine große Rolle. Die Massenmedien, die hauptsächlich kapitalistischen Belange bedienen, hätten dafür gesorgt, dass dieses Ideal einer Öffentlichkeit verloren ging, argumentiert Habermas.

Seine Theorie stammt aus der Zeit vor dem Aufkommen des Internets und zeichnet ein eher idealistisches Bild des 18. Jahrhunderts. Die Bedeutung von gutem Journalismus bleibt jedoch für die Öffentlichkeit von Interesse. In Why Europe Needs a Constitution (2001) stellt Habermas fest, dass es, auch wenn es Medien gibt, die nationale Grenzen überschreiten, so wie die Financial Times, The Economist oder die Frankfurter Allgemeine Zeitung, auf dem Zeitungsmarkt nichts „spezifisch Europäisches“ gibt.

Könnte es sein, dass wir Europäer uns nicht gut untereinander verstehen, weil es keine echten „Kaffeehäuser“ mehr gibt, wo Diskussion und Informationsaustausch stattfinden? Könnte ein solches gesamteuropäisches Medium erfolgreich sein? Dann müsste es doch schon existieren? Und wie sollte es aussehen?

Es ist nicht so, dass sich in der europäischen Medienlandschaft nichts tut. Es gibt Initiativen wie The Black Sea, wo sich Autoren und Videomacher aus dem Balkan auf Erzähljournalismus spezialisieren, oder Oštro, ein Zentrum für investigativen Journalismus auf dem Balkan. Und was eine paneuropäische Perspektive angeht, ist Are We Europe nicht allein. Eurozine, ein Netzwerk von europäischen Kulturmagazinen, die gegenseitig ihre Artikel übersetzen, besteht bereits seit 1993. Nachrichtenseiten wie EurActiv.com und Politico Europe schreiben hauptsächlich über europäische Politik. Voxeurop.eu übersetzt europäische journalistische Veröffentlichungen. Forum.eu bietet jeden Tag sieben Artikel über Europa in sechs Sprachen an, die von Medien wie The New York Times, Die Zeit, El Mundo und Prospect Magazine stammen.

Es fehle nicht an begeisterungsfähigen Journalisten, sagt Thomas van Neerbos, Direktor des European Press Prize, der seit 2013 die besten journalistischen Veröffentlichungen in Europa auszeichnet. „Ich sehe viele sehr schöne Projekte, aber manchmal habe ich das Gefühl, dass dieselben zweihundert Europäer ein gutes Projekt starten und dann gegenseitig ihre Artikel erstellen, lesen und teilen, während der Rest Europas nur seine eigene nationale Zeitung liest. Ich finde es schade, dass es nicht eine große europäische Zeitung gibt.“

Europäische Medien, große und kleine, kooperieren immer öfter miteinander. Es gibt zum Beispiel eine Zusammenarbeit zwischen El País, Gazeta Wyborcza, La Stampa, Le Monde, The Guardian und der Süddeutschen Zeitung. Kollaborationen kommen auf jährlichen Konferenzen wie Dataharvest zustande. Medien können gemeinsam Fördermittel aus Fonds wie Investigative Journalism for Europe bekommen. Daraus kann ein Projekt wie Money to Burn entstehen, eine grenzüberschreitende investigative Geschichte über die Folgen für die Wälder Estlands durch europäische Subventionen für erneuerbare Energien. Aber zeigen diese Kooperationen auch, dass es Zeit für ein einziges paneuropäisches Medium ist? Oft wählt jedes teilnehmende Medium aus allen Informationen hauptsächlich die aus, die für sein nationales Publikum relevant sind. So werden in den Medien aus den unterschiedlichen Ländern unterschiedliche Beiträge veröffentlicht.

Radio und Fernsehen könnte man vielleicht als die bisher  „paneuropäischsten“  Medien bezeichnen, aber sie sind nicht finanziell unabhängig von der EU.  So gibt es zum Beispiel Euranet, ein Konsortium von Radiosendern aus unterschiedlichen Ländern, für das die Europäische Kommission die einzige Einnahmequelle ist. Der Fernsehsender Euronews erreicht nach eigenen Angaben vierhundert Millionen europäische Haushalte in 160 Ländern. Er wird allerdings, so ein Bericht des Europäischen Rechnungshofs, zu einem Drittel von der EU finanziert. Zwischen 2014 und 2018 hat der Sender 122 Millionen erhalten. Der Rechnungshof sieht nicht nur den Zugang von EU-Bürgern, sondern auch die finanzielle Rechenschaftspflicht, die der Sender tragen muss, obwohl er zu 88 Prozent in Privatbesitz ist, kritisch.

Alles in allem scheint die europäische Medienlandschaft ein Puzzle zu sein, dessen Teile nicht zusammenpassen. Es fehlt nicht an Enthusiasmus, aber der europäische Bürger ist meistens nicht derjenige, der, abgesehen von Steuergeldern, aus eigenem Antrieb dafür bezahlt.

Van Neerbosch glaubt, dass es doch gelingen kann, ganz Europa für dieses eine Projekt zu begeistern. Seiner Meinung nach braucht es dafür gar nicht ein so großes Projekt wie die Panama Papers, es kann auch eine lokale Geschichte sein, über die exzellent berichtet wird. „Mir ist es ehrlich gesagt egal, ob es in dem Beitrag um eine Gruppe von Bäckern aus Amsterdam geht, die beschließen, Dinge anders zu machen, oder um Bäcker aus Athen oder Paris.“

Wichtiger als die immer wiederkehrende Feststellung, dass es bis jetzt noch kein solches europäisches Medium gibt, ist vielleicht die Frage: Worum sollte es dann gehen? In Redaktionen hört man oft, dass Brüssel langweilig ist. Für Brüsseler Korrespondenten ist es oft schwierig, ihre Artikel zu publizieren, und viele Nachrichten bleiben aufgrund der geringen Zahl von Korrespondenten liegen. Ein europäisches Medium könnte dafür sorgen, dass Brüssel endlich die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient.

Aber dies ist nicht die Richtung, die Natalie Nougayrède einschlagen möchte, vormalig Russland-Korrespondentin und Chefredakteurin der französischen Zeitung Le Monde. Seit 2015 arbeitet sie beim Guardian, wo sie Kolumnen über Europa schreibt und 2018 die Rubrik Europe Now einführte, in der Platz für europäische (lokale) Geschichten ist, die über Nachrichten zum Brexit hinausgehen.

Wenn wir das Wort Europa sagen, müssen wir aufhören zu denken, dass wir damit die Brüsseler Blase meinen oder nationale Regierungen in der europäischen Organisation. Die Institutionen in Brüssel sind wichtig, aber nicht sehr spannend.  Spannend ist der Blick auf die Realität, in der die Menschen auf diesem Kontinent leben.

„Der Eiserne Vorhang ist immer noch in unseren Köpfen“, schrieb Nougayrède 2019 in einer Kolumne im Guardian über die Unruhen in Belarus. „Wir kennen uns in Europa nicht wirklich gut“, sagt sie, als die Kolumne während unseres Gesprächs zur Sprache kommt. „Das zu erkennen ist der Ausgangspunkt. Leider gibt es immer noch viele Vorurteile und Stereotype in Europa. Es fehlt an Informationen, um den Menschen die Augen zu öffnen.“

Dieser Mangel an Informationen besteht laut Nougayrède, weil viele traditionelle Medien europäische Nachrichten aus einer zu nationalen und vergleichenden Perspektive betrachten. „Wer geht besser mit Corona um, diese oder jene Regierung?“ oder „Wer hat mehr Ergebnisse erzielt beim letzten EU-Treffen, wer  hat mehr Geld?“ „Die Medien stellen oft solche Vergleiche an, besser wäre es sich anzuschauen, wie es jungen Menschen in unterschiedlichen Teilen von Europa geht, wie wir dafür sorgen, dass sich der Lebensstandard verbessert, die Umwelt, gesunde Ernährung, wie wir mit Minderheiten umgehen, und wie wir die Einwanderung betrachten.“

Ein paneuropäisches Medium könnte es sich vielleicht eher leisten als eine nationale Zeitung, Europa aus einer weniger vergleichender Perspektive zu beschreiben. Aber gab es wirklich noch nie ein Medium, das dies versucht hat? Doch, gab es: The European. Die „erste überregionale Zeitung Europas“ hatte ein kurzes, aber turbulentes Leben.

„Es wird Zeit, dass Europa seine eigene Geschichte erzählt“, sagte der britische Medienmogul Robert Maxwell bei der Ankündigung des Projekts im Jahr 1987 zu Journalisten, berichtete damals der Guardian. Die Zeitung sollte europäische Kultur, Wissenschaft und Industrie fördern. Maxwell war in den 1940er Jahren als Kriegsopfer aus der Tschechoslowakei geflüchtet und besaß nun unter anderem den Daily Mirror und Sunday Mirror, Verlage, ein Plattenlabel, Sprachschulen und einen Fußballverein.

The European erschien zum ersten Mal im Mai 1990. Maxwell hatte eigentlich eine Tageszeitung mit einer Auflage von 650.000 Exemplaren vor Augen, aber es wurde schließlich eine Wochenzeitung daraus, von der 225.000 wöchentlich gedruckt wurden. Das Logo der Zeitung war eine weiße Taube, die über den Kontinent flog und in deren Schnabel The European zu lesen war. Die Schlagzeilen auf der Titelseite der ersten Ausgabe lauteten: „Eine Währung für Europa“ und „Westdeutsche werden die Kosten der sowjetischen Besatzung tragen“.

Aber nach der Gründung ging es mit der Zeitung schnell bergab. Die Verkaufszahlen waren enttäuschend. Und im November 1992 verschwand Maxwell plötzlich spurlos von seiner Yacht nahe der Kanarischen Inseln. Seine Leiche wurde kurz darauf im Atlantik gefunden. Nach seinem Tod kam ans Licht, dass sein Imperium mit Schulden überhäuft war. Allmählich zeigte sich, wie es in einem Artikel des Time Magazine hieß, der kurz nach seinem Tod erschien, dass es sich um ein „Netz von 400 miteinander verbundene Firmen handelte, die von dem verstorbenen Medienmogul eng miteinander verflochten wurden“.

Das finanzielle Desaster bedeutete aber noch nicht das Ende von The European. 1992 kauften die Milliardärs-Zwillinge David und Frederick Barclay die Zeitung und machten daraus eine Nischenpublikation. Unter der Leitung des Herausgebers Adrew Garside stiegen laut der Zeitung The Independent die Verkaufszahlen von 80.000 auf 200.000 Exemplare pro Woche. Ein Drittel davon wurde in Großbritannien verkauft. Jedoch wurde nach dem Antritt von Chefredakteur Andrew Neil 1996 der Ton der Zeitung euroskeptischer. Und trotz eines neuen Kurses, der ein neues Format und schließlich eine Fortführung als Magazin beinhaltete, machte The European nach acht Jahren zu viele Verluste. Die Barclays boten die Zeitung zum Verkauf an, doch es fand sich kein neuer Käufer. Die letzte Ausgabe erschien am 14. Dezember 1998.

Hätte The European mit einer anderen Führung vielleicht überlebt? Oder ist eine Zeitung ohne eine klare Öffentlichkeit, mit Lesern, die nicht dieselbe Sprache sprechen, zum Scheitern verurteilt?

Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass es mittlerweile The New European (TNE) gibt, eine britische Zeitung,  die mit The European nichts zu tun hat, aber das Wort „new“ hinzugefügt hat, weil es vorher auch eine „alte“ European gab, wie die Zeitung mitteilte. Die Zeitung wurde 2016 als temporäre Pop-up-Kampagne gegen den Brexit gegründet, aber besteht noch immer. Im Februar 2020 Februar wurde TNE – inklusive Website und Podcasts – an eine Gruppe prominenter Investoren verkauft. Das Medium publiziert vor allem europäische und politische Nachrichten. Man fragt sich, ob The New European in die Fußspuren von The European treten möchte; Zielgruppe des Mediums sind vor allem die wohlhabenden Über-50-Jährige, wie ein Journalist von der BBC bemerkte.

Jedenfalls gibt es mehr als 25 Jahre nach dem Untergang von The European und den optimistischen 90er Jahren  immer noch fundamentale Probleme, wenn es um die europäische Öffentlichkeit geht, sagt der Medienwissenschaftler Stephan Russ-Mohl am Telefon aus seiner Heimat nahe Berlin. Er gründete 2004 das European Journalism Observatory, das eine Brücke zwischen Journalisten und Medienwissenschaftlern schlagen will. Bis 2018 war er Professor für Journalismus und Mediamanagement an der Università della Svizzera Italiana in Lugano in der Schweiz.

Neben einfachen Sprachbarrieren gibt es auch große kulturelle Barrieren. Obwohl wir die anderen Länder als Touristen kennen, ist den meisten von uns nicht bewusst, wie tief diese kulturellen Barrieren sind. Das gilt sogar für die deutschsprachige Schweiz, Deutschland und Österreich.

Russ-Mohl macht auch darauf aufmerksam, dass die medialen Infrastrukturen in einigen Ländern sehr unterschiedlich sind. „Und damit meine ich die Qualität von der Journalistenausbildung, den Mangel an Medienjournalismus und die Tatsache, dass es nur wenige Ombudsleute gibt.“

Andererseits, sagt er, sollten öffentliche Rundfunkanstalten auch viel mehr die Führung übernehmen. Sie könnten es sich leisten, europäische Programme in die jeweilige Landessprache zu übersetzen. „Eine Rolle dabei könnte auch künstliche Intelligenz spielen, die Übersetzer ersetzt und es einfacher macht, Europäern aus unterschiedlichen Ländern die gleichen Informationen zu vermitteln. Nicht zu vergessen ist die Bedeutung der Unterhaltung: Wir wissen so viel über die Vereinigten Staaten, weil wir amerikanische Filme und Serien schauen. Wenn wir ein europäisches Publikum wollen, sollten wir weniger amerikanische und mehr europäische Unterhaltung anbieten.“

Eine europäische Öffentlichkeit nach dem Ideal von Habermas  scheint also noch in weiter Ferne. Man könnte aber auch sagen, dass es dafür noch zu früh ist: Erst jetzt gibt es zum ersten Mal eine Generation junger Europäer, für die es selbstverständlich ist, europäisch zu denken. Sie kennen einfach nicht die Ära, als noch Zollbeamte die Grenze überwachten und in jedem Land mit einer anderen Währung bezahlt wurde. Mit einem EU-Stempel im Reisepass reist die „Generation Europa“ quer durch den Kontinent, um im Rahmen eines Erasmus-Austausches zu studieren oder Interrail-Urlaub zu machen.

Dass diese Gruppe junger Europäer Potential bietet für eine neue Art von europäischem Journalismus, sieht auch Natalie Nougayrède vom Guardian. 2019 bekam sie ein Forschungsstipendium an der deutschen Robert Bosch Academy, um zu untersuchen, was eine neue, stärker europäisch ausgerichtete Medieninitiative für die europäische Medienlandschaft bedeuten könnte. Als Teil ihrer Untersuchung startete sie im Sommer 2020 das Projekt „Summer of Solidarity“, an dem junge Journalisten und Medien aus ganz Europa mitarbeiteten, unter anderem auch Are We Europe und die niederländische Wochenzeitschrift De Groene Amsterdammer.

Europa war das Epizentrum der Pandemie. Es geschah etwas Außergewöhnliches. Ich dachte, dass wir diesen Moment nutzen sollten, um als Europäer miteinander zu teilen, was da mit uns passiert ist. Und damit meine ich nicht die Corona-Statistiken oder Regierungsentscheidungen, sondern einen kreativeren Ansatz.

Beispiele für Produktionen, die im Corona-Sommer entstanden sind: The Chain, ein Kettenbrief in Podcast-Form mit Liebeserklärungen von Europäern an ihre jeweiligen Länder, eine Geschichte über die Roma-Gemeinschaft in Tschechien, die sich den Black Lives Matter-Protesten anschloss, und ein Video über die Parallelen zwischen Quarantäne und dem Gefühl von Isolation, die queere Menschen erfahren.

Nougayrède ist noch beschäftigt mit den Ergebnissen ihrer Untersuchungen und möchte keine voreiligen Schlüsse darüber ziehen, was eine gesamteuropäische Plattform beinhalten sollte. Es wird in jedem Fall keine Plattform sein, die alles vereinheitlicht und homogenisiert. „Europa ist nun einmal fragmentiert, deshalb soll die Diversität erhalten bleiben. Aber bei der Produktion und Zusammenarbeit muss die europaweite Perspektive mehr zum Tragen kommen.“ Laut Nougayrède kann eine solche Initiative unterschiedliche Erlösmodelle beinhalten. „Es könnten Spenden, Philanthropie oder öffentliche Gelder sein. Auf jeden Fall sollten die ersten Schritte nicht auf ein striktes Einnahmemodell ausgerichtet sein, bei dem man erwartet, einen Gewinn zu erzielen.“

Nach dem Brainstorming folge ich Mick ter Reehorst auf die Dachterrasse des Redaktionsgebäudes. Zusammen mit Kyrill Hartog, Marije Martens und Ties Gijzel ist er von von Anfang an bei Are We Europe dabei. Wir schauen auf ein Meer von Brüsseler Dächern.

„Wir wollten eigentlich nicht nach Brüssel“, erzählt ter Reehorst. „Brüssel ist nicht das Zentrum Europas. Aber Kyrill und ich haben beide unseren Master in Paris gemacht. Nach dem Studium wollten wir nicht zurück nach Amsterdam. Brüssel war in der Mitte. Wir waren zufällig ein paar Mal für Konferenzen dort und die Leute waren wirklich an unserer Geschichte interessiert. Es fühlt sich manchmal ein bisschen widersprüchlich an, das finde ich selbst auch.  Aber in den vergangenen zwei Jahren war ich vielleicht dreimal im Europaviertel und das war’s.“

Eine Ausgabe von Are We Europe kostet dreizehn Euro. Von der Auflage von 1500 Stück geht etwa ein Viertel an die Mitglieder, ein Viertel an die Buchläden und andere Verteiler, der Rest wird über den Online-Shop verkauft. Etwas mehr als die Hälfte der Einnahmen stammt aus Zuschüssen, unter anderem von der der Europäischen Kulturstiftung, der Adessium Foundation und dem „Nederlands Stimulerungsfonds voor Journalistiek“. Auf der Suche nach dem perfekten Erlösmodell hat Are We Europe neben der Website und dem Magazin auch den kommerziellen Zweig AWE_studio gegründet,  der Inhalte für Museen, NGOs und europäische Organisationen produziert. Die Plattform arbeitet auch an einem Mitgliedschaftsmodell, bei dem Mitglieder zwischen 2,50 und 8 Euro bezahlen können. Bis Ende des Jahres will Are We Europe von 500 auf 2500 Mitglieder wachsen.

Bis auf Weiteres bleibt Are We Europe ein Nischen-Medium.  Zwar paneuropäisch, aber nur von einer ausgewählten Gruppe genutzt. „Wir haben immer gesagt, dass unsere Geschichten sowohl von einem Bergarbeiter in Kroatien als auch von einem Banker in London gelesen werden können“, sagt Ter Reehorst. „Aber das ist natürlich nicht der Fall.  Die Themen, der Stil und Magzine im Allgemeinen erreichen natürlich nur eine bestimmte Zielgruppe. Das wissen wir. Aber gleichzeitig denke ich, dass junge Leute eher bereit sind, Artikel über andere Länder in englischer Sprache zu lesen. Und falls man es mit einem Artikel nicht schafft, kann man ein Foto oder Video einsetzen. Das kann im Grunde auf dem Instagram-Kanal eines beliebigen Rumänen landen.“

Nach Ansicht des Medienwissenschaftlers Russ-Mohl ist es unausweichlich, dass die Elite die Führung bei der Entwicklung einer paneuropäischen Initiative übernimmt. „Wenn man in diesem Bereich etwas erreichen möchte, muss man dort anfangen und dann versuchen, sich an ein größeres Publikum zu richten. Aber das ist nicht leicht. Wer nur täglich die Bildzeitung oder The Sun liest, wird sich eher nicht für solch ehrgeizigen Projekte interessieren.“

Geduld ist laut Van Neerbos vom European Press Prize auch sehr wichtig. „Ich möchte den jungen Machern gerne sagen: Haltet durch. Zeitungen, die jetzt erfolgreich sind, haben seit hundert Jahren ihr Publikum aufgebaut. Es ist nicht so, dass die breitere Sichtweise nicht funktioniert, aber sie ist einfach viel neuer. Wenn neue Initiativen sicherstellen, dass sie gut und kostengünstig sind, dann können sie einige Zeit überleben. Und dann glaube ich wirklich, dass es, wenn es das Angebot gibt, letztlich auch eine Nachfrage dafür geben wird.“

Während wir von der Dachterrasse zu den Redaktionsräumen hinuntergehen, kommt Ter Reehorst noch einmal auf sein Plädoyer für innovativen europäischen Journalismus zurück und sagt: „Ich möchte mich eigentlich gar nicht den ganzen Tag nur mit Europa beschäftigen. Mein Ziel ist es auch, den Journalismus etwas spannender zu gestalten.”

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich auf Niederländisch in der Wochenzeitschrift De Groene Amsterdammer am 14. April 2021. Für das EJO wurde er auf deutsch übersetzt. Das EJO war nicht an der Erstellung des Original-Beitrags beteiligt. 

 

Bildquelle: Henri Lajarrige Lombard on Unsplash

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