Öffentliches Interesse?

26. Dezember 2009 • Qualität & Ethik • von

Erstveröffentlichung: Schweizer Journalist 12/2009 + 01/2010

Wann, bitte schön, ist Journalismus im öffentlichen Interesse? Wer nicht selbstgefällig annimmt, dass alles, was Journalisten publizieren, dem Gemeinwohl dient, wird Mühe damit haben, plausible oder gar konsensfähige Antworten zu finden.

Einen bemerkenswerten Klärungsversuch haben jüngst Stephen Whittle und Glenda Cooper vom Reuters Institute der Oxford University unternommen. Ihre Studie befasst sich damit, unter welchen Umständen sich im Konflikt zwischen Privatsphäre und öffentlichem Interesse der Blick durchs Schlüsselloch beziehungsweise der Klick auf den Auslöser der im Handy versteckten Kamera rechtfertigen lässt.

Nein, bahnbrechend Neues haben die beiden Forscher nicht herausgefunden, aber ihre Recherche, die sich an einigen markanten Fällen aus der britischen Medienberichterstattung entlanghangelt, ist „auf den Punkt“. Die Autoren erinnern daran, wie nützlich es ist, „the public interest“ und „the public’s interest“ zu unterscheiden: Nicht alles, was die Öffentlichkeit, mithin Leser, Hörer und Zuschauer, interessiert, ist auch von öffentlichem Interesse. Die neuen Technologien, zumal das Internet, werden als treibende Kräfte identifiziert, die neu definierten, was in der Gesellschaft als Privatsphäre gilt. Dabei seien „Sex und Sexualität, Gesundheit, Familienleben sowie persönliche Korrespondenz und persönliche Finanzen“ weiterhin diejenigen Bereiche, die als „essenziell privat“ gälten – ausgenommen, es seien öffentliche Gelder im Spiel.

Vier Trends tangierten den Journalismus: Die Privatsphäre werde zunehmend kommerzialisiert, soll heissen, Celebrities machten im Zusammenspiel mit (zahlungs-)willigen Medien aus Teilen ihres Privatlebens ein schwungvolles Geschäft, während sie andere Bereiche umso mehr mithilfe der Gerichte zu schützen suchten. Zweitens sähen viele Menschen in sozialen Netzwerken wie Facebook „halb-private“ Sphären, während Journalisten diese dem öffentlichen Raum zurechneten und sie als Informationsquelle nutzten. Drittens würden auch in Grossbritannien die Gerichte die Privatsphäre vermehrt schützen, vor allem wenn es ums Fotografieren geht. Viertens würden Ressourcenmangel und Zeitknappheit im 24/7-Nachrichtenzyklus sowie die Annahme, der Öffentlichkeit sei ohnehin alles egal, weit mehr zu einem Hindernis für investigativen Journalismus als Befürchtungen, die Privatsphäre könnte ver-
letzt werden. Als Entscheidungshilfe für Journalisten, um herauszufinden, ob sich eine Recherche im öffentlichen Interesse rechtfertigen lässt, empfehlen Whittle und Cooper schliesslich einen simplen „impact test“: Handelt es sich um Fragen, die sich potenziell auf das Leben einer Vielzahl von Menschen auswirken, statt nur lüsterne Neugier zu befriedigen?

Wann Journalismus im öffentlichen Interesse ist und somit staatlich förderungswürdig, darum geht es auch Leonard Downie, dem früheren Chefredaktor der „Washington Post“, und Michael Schudson, Journalistik-Professor an der Columbia University. Es bedürfe gut ausgebauter Redaktionen, um„accountability journalism“ zu betreiben. So nennen sie jene investigative Spielart des Journalismus, der mächtige Akteure kontrolliert und diese dazu zwingt, über ihr Tun Rechenschaft abzulegen. Durch Werbeeinkünfte sei das „journalistische Ökosystem“ in Zukunft nicht mehr finanzierbar. Den Hoffnungen der beiden Autoren auf einen Mix aus privatwirtschaftlichen, staatlichen, universitären und philanthropischen Initiativen mag man mit Sympathie oder mit Skepsis begegnen – sie bedürfen auf jeden Fall weiterer Konkretisierung.

Auch die Medienforscher selbst haben indes ihre liebe Not mit dem Gemeinwohl. Sogar aus Australien strömten sie herbei, um auf einer internationalen Konferenz in Winterthur zu zeigen, dass, wie und warum Journalismusforschung im öffentlichen Interesse sei. Vermutlich jeder zweite Referent hat dann auch brav dieses öffentliche Interesse bemüht, aber keinem ist es letztlich gelungen, es präziser einzukreisen. Klar ist zumindest eines geworden: Solange Forscher ihre Erkenntnisse nur, in Fachsprache verklausuliert, in wissenschaftlichen Zeitschriften für eine Handvoll Fachkollegen publizieren, wird daraus die Gesellschaft keinen Nutzen ziehen.

Zumindest deshalb zücken wir den Hut vor Downie und Schudson. Medienforscher, aber auch Journalisten können von ihnen lernen, wie man zielgruppengerecht publiziert: Eine Kurzfassung ihres Reports ist in der „Washington Post“ erschienen, eine ausführlichere Variante findet sich, mit spannenden Kommentaren weiterer prominenter Medienexperten angereichert, im „Columbia Journalism Review“ und die Langfassung steht im Internet zum Download bereit.

Stephen Whittle/Glenda Cooper: Privacy, probity and public interest, University of Oxford: Reuters Institute for the Study of Journalism,

Privacy Probity and Public Interest – PDF

Leonard Downie/Michael Schudson: The Reconstruction of American Journalism, Columbia University: School of Journalism

Washington Post

CJR

Columbia

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