Medienangebote für Flüchtlinge

31. Mai 2017 • Aktuelle Beiträge, Digitales • von

2016 wurden laut BAMF 745.545 Erst- und Folgeanträge auf Asyl gestellt. Mit den Asylsuchenden kamen neue Herausforderungen – auch für die Medien. Nicht nur die Berichterstattung über Geflüchtete stand immer wieder im Fokus der Diskussion. Es wurden auch neue Medienangebote speziell für Geflüchtete geschaffen.

Das größte Angebot für Geflüchtete gibt es bei der Deutschen Welle.

Nahezu jeder Geflüchtete verfügt über ein Smartphone, wie eine Studie von Carola Richter, Marlene Kunst und Martin Emmer vom Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaften der Freien Universität Berlin belegt. Das Handy dient als unabdingliches Hilfsmittel zur Planung von Fluchtrouten wie zur Kommunikation, Blogs und Nachrichtenseiten als Informationsquellen, Lokalmedien zur Vermittlung mit der Bevölkerung am Ankunftsort: Medien sind für Menschen auf der Flucht aus verschiedenen Gründen essentiell wichtig.

Viel zu selten wird laut der Studie bei der Berichterstattung die Perspektive der Geflüchteten einbezogen oder für sie berichtet. Dies sei nicht nur ein Problem für die Bevölkerung in den Ankunftsländern, die dadurch falsche oder unvollständig informiert werden, sondern auch in den Herkunftsländern. Nach ihrer Ankunft in Deutschland müssen viele Flüchtlinge zunächst einen langwierigen Asylprozess durchlaufen. Erst danach dürfen sie arbeiten oder mit Ausbildung oder Studium beginnen. Laut der Studie besteht zwischen dieser oft nicht zufriedenstellenden Situation im Ankunftsland und den Berichten, die die Geflüchteten im Kontakt zu Daheimgebliebenen liefern, ein Konflikt. Um die Erwartungen der Angehörigen im Herkunftsland gäbe es viele „geschönte Berichte“. Dadurch entstünden auch Fehlinformationen, wie zum Beispiel die Annahme, in Deutschland erhalte jeder Geflüchtete ein Haus und ein Auto. Solche Ideen könnten eventuell sogar weitere Fluchtentscheidungen beeinflussen oder verstärken. Aber auch zur Integration am Ankunftsort, als Orientierungshilfe und zur Unterstützung im Umgang miteinander ist ein ausgewogenes Medienangebot relevant – sowohl für die Neuankömmlinge als auch für die Menschen im Ankunftsland.

Im Zuge der rasant wachsenden Zahl von Flüchtlingen, die während der letzten Jahre nach Deutschland kamen, stieg der Bedarf an Medienangeboten, die speziell auf Flüchtlinge ausgerichtet sind. Darauf reagierten der Staat ebenso wie etablierte Medien und Ehrenamtliche. Auch Geflüchtete selbst riefen verschiedene Projekte ins Leben. Dabei unterscheiden sich allerdings die Intentionen und Herangehensweisen.

Angebote von Staat und Ländern

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge startete im Januar 2016 in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit, dem Goethe Institut und dem Bayerischen Rundfunk die Ankommen App. Auf der Website heißt es: „Verstehen, wie Deutschland funktioniert, ist Grundlage für ein gutes Miteinander. Jeder Mensch hat die gleichen Pflichten und muss sich an das deutsche Gesetz halten. Aber: Jeder hat auch die gleichen Rechte. Sie lernen in der App die Regeln dieses Landes kennen und erfahren worauf Sie achten müssen. Lassen Sie sich darauf ein! Und fangen Sie gleich an…“

Die App ist mit dem PC oder Smartphone nutzbar. Sie stellt vor allem Informationen bereit, die direkt nach der Ankunft in Deutschland wichtig sind, aufgeteilt in die Unterthemen „Leben in Deutschland“, „Asyl, Ausbildung, Arbeit“ und „Deutsch lernen“. Es geht um praktische Informationen zum Asylprozess in Deutschland, aber auch Besonderheiten der deutschen Kultur werden in kleinen Artikeln erklärt, von der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau bis zur Mülltrennung. Zudem ist ein kostenloser Sprachkurs integriert – in regelmäßig neuen Lektionen können Anfänger sich im Lesen, Schreiben und Hörverstehen üben oder über die Chatfunktion auch miteinander in Kontakt treten. Das Angebot richtet sich explizit an neu Angekommene. Auffällig: Die Ankommen App bietet verschiedene Hilfestellungen an, erinnert aber auch an die Pflichten, die Asylbewerber im Ankunftsland haben. Eine Linksammlung verweist auf externe Angebote.

In einigen Bundesländern wurden ähnliche Probleme mit regionalerem Bezug ins Leben gerufen, so zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen. Die App Willkommen in NRW entstand im Rahmen des Hackatons „Jugend hackt“. Sie stellt eine Karte des Bundeslandes zur Verfügung und eine Auflistung der Kontaktdaten zu Polizei, Feuerwehr und Ärzten für Notfälle. In einem „Phrasebook“ stehen wenige einfache Vokabeln, sortiert nach Themen, deren Aussprache in einer Audiodatei überprüft werden kann.  Das Herzstück der Seite ist aber sicherlich das FAQ, das zahlreiche Fragen, vor denen Geflüchtete stehen könnten, beantworten. Die Antworten sind knapp und in leicht verständlicher Sprache formuliert.

Angebote von Medienunternehmen

Schnell stellten verschiedene deutsche Medien – sowohl öffentlich-rechtliche als auch private – Angebote speziell für Geflüchtete bereit. Das größte Angebot gibt es bei der Deutschen Welle. Es gibt hier regelmäßig aktuelle Nachrichten in Text und Ton, aber auch viele andere Beiträge der Deutschen Welle, die in verschiedene Sprachen übersetzt wurden. Einen großen Teil von „Erste Schritte in Deutschland“ nehmen Serviceangebote ein. Dazu gehören Texte, in denen zum Beispiel erklärt wird, wie das Asylverfahren abläuft oder wie man eine Wohnung bekommen kann. Videos unter dem Titel „Open your Heart“ behandeln verschiedene Themen, die im Alltag der Migranten relevant sein könnten und über die rein praktischen Basisinformationen hinausgehen: Wie geht man mit Sorgen und negativen Emotionen um? Wie funktioniert die deutsche Esskultur? „Mach dein Herz auf“ richtet sich aber auch an ehrenamtliche Helfer, die im Umgang mit Menschen anderer Kulturen ebenfalls vor Herausforderungen stehen. „Deutsche Direktheit“ wird hier ebenso thematisiert wie die Frage, was es bedeutet, durch eine Flucht mitten aus dem Leben gerissen zu werden. Außerdem werden Materialien zum Deutschlernen bereitgestellt: Texte, Videos, Audiodateien, Tests.

Als erstes deutsches Medium gründete der WDR im September 2015 ein Unterangebot für Flüchtlinge. Unter dem Titel Refugee Radio wird im Magazin COSMO (ehemals Funkhaus Europa) unter Programmchef Thomas Reinke eine fünfminütige Nachrichtensendung gesendet. Darin werden täglich um 11.55 Uhr wichtige Nachrichten des Tages auf Arabisch gebündelt. Zunächst gab es auch englische Nachrichten, diese wurden allerdings inzwischen wegen Überschneidungen mit dem Programm von WDRforyou eingestellt. Außerdem gab es Wissenswertes zum Leben in Deutschland, Informationen zur Fluchtroute, Hinweise zu Initiativen für Geflüchtete und so weiter. Seit Juli 2016 ist Refugee Radio als Rubrik in der seitdem täglichen 30-minütigen arabischen Magazinsendung  „Al-Saut Al-Arabi“ aufgegangen

Finanziert wird das Projekt aus dem Programmbudget der Radiowelle. „Wir glauben, dass Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – neu in einem Land sind und gerade am Anfang der dortigen Sprache nicht mächtig, Möglichkeiten zur unabhängigen Information und Orientierung brauchen“, erklärt Reinke. „Dies ist aus unserer Sicht ein Beitrag unter vielen anderen, der zur mittel- und langfristigen Integration beitragen kann.“ Laut seiner Aussage bestätigen positives Feedback und internationales Interesse den Erfolg des Projekts. Die Redaktion – bestehend aus professionellen Journalisten – stehe in engem Kontakt mit Geflüchteten. Ein ähnliches Konzept verfolgt der SWR: auch hier gibt es Online-News für Flüchtlinge auf Deutsch, Englisch,  Arabisch und Dari.

Die ARD stellt im Netz in einem „Guide for Refugees“ die Links zu den Angeboten anderer Medien zusammen. Zudem gibt es hier Bildwörterbücher und Videos zu aktuellen Theman – z.B. zur „Burka-Diskussion“. Auch für Kinder ist hier etwas dabei: „Die Maus international“ gibt es auf der Website auf Englisch, Französisch, Arabisch, Kurdisch und Dari. Auf der Website Planet Schule gibt es sogar eine Sitcom zum Deutschlernen.

Von Dezember 2015 bis April 2016 veröffentlichte Constantin Schreiber, der inzwischen bei Tagesschau und Nachtmagazin moderiert, unter dem Projekttitel Marhaba – Ankommen in Deutschland auf n-tv Videos, die sich vor allem mit Kulturunterschieden zwischen der arabischen Welt und Deutschland beschäftigen. Von „So tickt Deutschland“ über „Das Grundgesetz und die Scharia“ bis hin zu „Syrisches und Deutsches Essen“ werden sowohl politische als auch alltägliche Themen behandelt. Die Videos erklären die Programme deutscher Parteien, aber auch deutsche Weihnachtsgedichte auf Arabisch. Schreiber, der inzwischen bei der Tagesschau und beim Nachtmagazin moderiert, lebte selbst unter anderem in Syrien und Ägypten und spricht fließend Arabisch.  Die Videos sind deutsch untertitelt und beinhalten Interviews mit Politkern, Experten, Geflüchteten und in Deutschland lebenden Ausländern. 2016 erhielt Schreiber dafür den Grimme-Preis.

Ein ähnliches Projekt gibt es beim Bayerischen Rundfunk. Der Wegweiser für Flüchtlinge erklärt in Videos, wie das alltägliche Leben in Deutschland funktioniert. Von der Einrichtung eines Bankkontos über das Sparen beim Bahnfahren bis zur Krankenversicherung werden praktische Tipps gegeben und teilweise direkt vorgeführt. Verantwortlich ist hier der freie Mitarbeiter Henry Lai. „Die Idee war irgendwann da und wurde dann wie eine Hauruck-Aktion angegangen“, erzählt er. „Am Wochenende nach dem ersten Gedanken bin ich in eine Flüchtlingsunterkunft gefahren und habe mit den Leuten dort gesprochen, sie gefragt, was sie brauchen.“ Das Ergebnis sind zehn Folgen der Videoserie „“, die auf der Website des BR veröffentlicht wurden. Seit dem 26. September 2015 stellte der Sender jede Woche eine neue Folge online. Das Feedback, so Lai, sei überwiegend positiv ausgefallen. „Wir haben hauptsächlich Reaktionen von ehrenamtlichen Helfern bekommen“, sagt er. Außerdem habe die Universität Regensburg sich an dem Projekt beteiligt, indem sie im Rahmen eines Seminars die Beiträge arabisch untertitelte. Der Link zu den Videos wurde an mehrere Hilfsorganisationen weitergeleitet. „Man kann die Videos herunterladen, damit sie besser nutzbar sind, zum Beispiel im Unterricht.“ Henry Lai betont, wie wichtig es ihm war, Flüchtlinge direkt in die Planung der Inhalte einzubinden. „Es wird so viel über und so wenig für Geflüchtete berichtet“, überlegt er. „Medien sind ja dazu da, ein bisschen demokratiebildend zu sein.“

Unabhängige Projekte

Genauso wie Ehrenamtliche eine wichtige Rolle in der Organisation von Sprachkursen und bei der Integration spielen, wurden auch viele der Angebote für Flüchtlinge im Netz nicht von Professionellen gegründet. Menschen, die sich aus privater Motivation für Asylbewerber einsetzen möchten, wurden auf den Bedarf aufmerksam und riefen eine große Bandbreite von Apps und Websites ins Leben, zu denen stetig neue hinzukommen. Hier seien exemplarisch zwei Projekte vorgestellt.

Seit Oktober 2015 betreibt die Unternehmensberaterin Eva Glaum von Köln aus das Online-Projekt Refugees Welcome Map. „Wir versuchen, das Angebot in Zukunft mehrsprachig hinzukriegen – nur dann ist es für die Geflüchteten wirklich nutzbar“, erzählt sie. Dazu fehlten im Moment aber noch Freiwillige mit den nötigen IT-Kenntnissen.

Die Refugees Welcome Map bietet einen Überblick über Angebote für Geflüchtete in deutschen Städten. Unter der Kartenfunktion können Nutzer den Namen der Stadt eingeben, über die sie sich informieren wollen. Dann geht es weiter zu Institutionen, ehrenamtlichen Initiativen, Ämtern und weiteren Angeboten, die mit Adresse, Kontaktdaten und Link eingetragen sind.

Die Idee hatte Eva Glaum schon früh. Ein Jahr lang versuchte sie, Leute zu finden, die bereit waren, sie zu unterstützen. Ein Student aus Hamburg half ihr bei der technischen Seite der Arbeit. An der Weiterentwicklung der Karten können sich auch die Nutzer beteiligen: In ein Formular kann man Namen, Adresse und Kontaktdaten von (Hilfs-)angeboten für Geflüchtete eintragen. Diese werden vom Team der „Refugees Welcome Map“ geprüft und der Karte der jeweiligen Stadt zugefügt. Durch ein Farbsystem sind die unterschiedlichen Angebote leicht voneinander zu trennen: Ämter und Behörden sind zum Beispiel grau, Organisationen grün.

Das Problem bei ehrenamtlichen Projekten wie diesem ist die Finanzierung. Obwohl es Sponsoren gibt, muss sich Glaum immer wieder um den Fortlauf des Projektes sorgen. „Wir würden unser Angebot gerne in mehr Sprachen zur Verfügung stellen, aber dafür fehlen uns momentan die Ressourcen“, berichtet Glaum. Auch Freiwillige, die sich mit Programmierung und Webgestaltung auskennen, sind dringend gesucht.

Das Handbook Germany möchte besonders eng mit den Geflüchteten zusammenarbeiten – nicht „für“ sondern „mit“ ist hier das Motto. Die Redaktion ist mehrsprachig und setzt es sich zum Ziel, bestehende Informationsangebote zu bündeln. „Auf Facebook, What’s App, in Blogs und auf Twitter gibt es zahlreiche muttersprachliche Gruppen, die rege genutzt werden und in einer Form der Selbsthilfe agieren. Dort werden allerdings oft unpräzise, teils auch falsche Informationen untereinander ausgetauscht. Wir liefern mit handbookgermany.de vertrauenswürdige Informationen aus erster Hand“, heißt es auf der Website. Das Team besteht aus Flüchtlingen und Deutschen und hat deshalb nach eigener Aussage guten Kontakt zu den „Flüchtlingscommunities“. Um sich den Bedürfnissen der Nutzer anzunähern, ist Handbook Germany vor allem für Smartphones ausgerichtet. Es verbreitet seine Informationen auf Kanälen, die von vielen Geflüchteten genutzt werden, zum Beispiel auf Facebook oder Twitter.

Die Inhalte sind ebenso breit gefächert wie die Verbreitungskanäle: Sprachhilfen, praktische Tipps, Nachrichten, Unterhaltung, Informationen über Gesetze und Ämter gibt es hier. In diesem Sinne ist das Handbook Germany eine Art Meta-Plattform, die einen Überblick über andere Medienangebote liefert.

Anmerkung der Redaktion: In einer vorigen Version des Artikels hatte sich ein Fehler eingeschlichen. Darin stand, dass 23.175 Menschen 2016 in Deutschland Asyl beantragt haben. Diese Zahl umfasste nur die Folgeanträge, nicht die 722.370 Erstanträge auf Asyl, die 2016 gestellt wurden.

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