Woher kommen Informationen?

4. November 2019 • Aktuelle Beiträge, Digitales, Qualität & Ethik • von

Und mit welchen Aussichten können Wahlen manipuliert werden? Stephan Russ-Mohl hinterfragt Wahlergebnisse und Zugeständnisse von Twitter.

Die Zitterpartie der FDP in Thüringen um den Einzug in den Landtag, aber auch die knappen Entscheide bei der US-Wahl von Donald Trump oder beim Brexit haben es uns vor Augen geführt: In Demokratien können wenige Stimmen den Ausschlag geben – und mitunter politische Erdrutsche auslösen. Dies wirft weiterhin die Frage auf, mit welchen Erfolgsaussichten Wahlen und Wahlentscheidungen manipulierbar sind. Mit wissenschaftlicher Gewissheit lässt sich das kaum beantworten – aber jene Forscher, die Entwarnung geben, weil sie Manipulations-Wirkungen bisher nicht „empirisch“ belegen konnten, machen es sich viel zu einfach.

Wir wissen inzwischen dank einer Studie von Propaganda-Forschern der Universität Oxford, dass allein die von Russland gesteuerte Internet Research Agency im US-Wahlkampf massiv manipulierte – mit Tausenden Fake Accounts, zielgruppengenauem Messaging, 20 eigenen Facebook-Seiten. Insgesamt wurden 39 Millionen Likes, 31 Millionen Shares, 3,4 Millionen Kommentare generiert und allein auf Facebook 126 Millionen Menschen erreicht. Vollkommen wirkungslos wird das wohl kaum geblieben sein.

Social Bots – also „Text-Roboter“, mit deren Hilfe bestimmte Interessenvertreter in sozialen Netzwerken Einfluss nehmen – sind außerhalb von Twitter schwer zu identifizieren. Bots kosten wenig Geld, treiben in der digitalen Welt ihr Unwesen und erzeugen ein Meinungsklima, indem sie zum Beispiel auf Facebook Botschaften „liken“, teilen und vervielfältigen und auch selbständig in tausendfachen Varianten in Umlauf bringen. Es gibt einen ständigen Wettlauf zwischen Hase und Igel – sprich: denen, die solche Accounts erstellen, und jenen, die sie zu identifizieren suchen. Die Bot-Jäger haben dabei einen schweren Stand: Selbst, wenn es ihnen gelingt, valide Daten zu erheben, sind ihre Studien nicht „replizierbar“. Diese können also nicht, wie das bei seriöser Forschung sonst möglich sein sollte, von anderen Forschern zur Überprüfung wiederholt werden – auch deshalb, weil Bots kommen und gehen und sich damit das Forschungsfeld ständig verändert.

Dass Twitter nun generell politische Wahlwerbung in seinem Netzwerk unterbinden will, ist ein erster Schritt. Aber solange wir nicht wissen, wie die Algorithmen der sozialen Netzwerke und Suchmaschinen uns Informationen zuteilen, wird sich der Missbrauchs-Verdacht nicht entkräften lassen.

Erstveröffentlichung: tagesspiegel.de vom 3. November 2019

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