Frauen im Fußball – wo das Geschlecht (k)eine Rolle spielt 

12. November 2020 • Forschung aus 1. Hand, Qualität & Ethik, Top • von

Fußball ist eine männlich konnotierte Sportart. Das zeigt sich schon an der Sprache: Auf dem Platz steht eine Mannschaft, auf den Rängen sitzen Zuschauer. Doch was passiert, wenn Frauen Fußball spielen? Eine Bachelorarbeit am Institut für Journalistik der TU Dortmund hat untersucht, wie Frauen in der Berichterstattung über Fußball sprachlich dargestellt werden.

„So sexy sind Deutschlands Fußball-Frauen“ (RP-Online 2019) und „Wo die Fussball-WM der Frauen Rekorde bricht und warum die Gleichstellung weit entfernt ist“ (NZZ vom 07. Juli 2019) – dies sind beides Schlagzeilen zur Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen 2019. So unterschiedlich diese beiden Artikel auch anmuten, eins haben sie gemeinsam: Sie stehen in direktem Bezug zum gesellschaftlichen Bild von (fußballspielenden) Frauen, denn Medien beeinflussen unser Geschlechterbild. Einerseits (re)produzieren sie Geschlechterverhältnisse und -hierarchien, andererseits können sie diese aber auch verändern und aktualisieren.

Wie schon die beiden genannten Schlagzeilen andeuten, spielen Geschlechterbilder in der Fußballberichterstattung eine besondere Rolle. Das liegt daran, dass Fußball in Deutschland durch historische sowie strukturelle Rahmenbedingen eine männlich konnotiere Sportart ist. Über Frauen im Fußball wird deshalb auch anders berichtet als über Männer –  inhaltlich und sprachlich, wie bisherige Studien (bspw. Kevin Kunz (2016), Bettina Staudemeyer (2018) und Sina Lautenschläger (2014)) zeigen. Sprache bildet zudem die Basis für Ungleichbehandlung und Diskriminierung. Nicht zuletzt deswegen ist der sich aktuell vollziehende Wandel des gesellschaftlichen Geschlechterbilds eng mit einem Wandel unserer Sprache verbunden.

Anknüpfend an diese Vorüberlegungen habe ich im Rahmen meiner Bachelorarbeit am Institut für Journalistik der TU Dortmund untersucht, wie die Akteurinnen der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen 2019 sprachlich dargestellt wurden. Dazu habe ich eine qualitative Inhaltsanalyse von 45 Online-Artikeln der Medien Bild, Kicker und FFussball-Magazin durchgeführt. Die Artikel wurden zwischen dem 24. Mai und dem 21. Juli 2019 veröffentlicht. Im Fokus der Untersuchung standen unter anderem geschlechterbezogene Stereotype, aber auch Personenbezeichnungen sowie Fachtermini und die Bezeichnungen der WM und der Sportart untersucht.

Insgesamt kommt die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Berichterstattung zwischen einer Nicht-Beachtung und einer Überbetonung des Geschlechts der Akteurinnen schwankt. Dies war bei allen untersuchten Medien der Fall, nennenswerte Unterschiede gab es nicht.

Stereotype: Leistung statt Aussehen im Fokus

Die Nicht-Beachtung spiegelt sich vor allem in der Verwendung von Geschlechterstereotypen wider. Überraschenderweise waren diese fast ausschließlich männlich und positiv. Besonders häufig fiel das Attribut „stark“. Außerdem bezogen sich fast alle Stereotype auf die fußballerische Leistung der Spielerinnen, weibliche Äußerlichkeiten oder Charakterzüge wurden nicht explizit hervorgehoben. Frauen wurden in erster Linie also als Fußballerinnen inszeniert, nicht als Frauen. Die Ergebnisse können in zwei verschiedene Richtungen interpretiert werden: Einerseits scheinen Frauen, um im Fußball als erfolgreich zu gelten, männliche Attribute aufweisen zu müssen. Anders als bisherige Studien aufzeigen, scheinen sie diese Eigenschaften aber nicht mehr mit einer Betonung ihrer weiblichen Attribute auszugleichen zu müssen. Andererseits stellt sich die Frage, ob Geschlechterstereotype sich allmählich auflösen, womit eine Einteilung in männliche und weibliche Stereotype hinfällig wäre.

Auf dem Platz: Fußballerinnen. In den Rängen: Zuschauer

Dass das Geschlecht der Akteurinnen keinen Einfluss auf die Sprache hat, zeigt sich auch an anderen Stellen. So wurden etwa Personenbezeichnungen nicht immer passend zum Geschlecht verwendet. Gruppen, die nicht eindeutig weiblich sind, wurden in der Regel mit dem generischen Maskulinum bezeichnet. Das heißt, dass zwar immer korrekt von Fußballerinnen gesprochen wurde, übrige Gruppen aber stets mit generischem Maskulinum bezeichnet wurden (bspw. Zuschauer, Journalisten) – Frauen außerhalb des Spielfelds kommen somit nicht vor. Auf die Spitze getrieben wird dieses Phänomen an Stellen, an denen nur um Frauen geht, aber dennoch die männliche Form verwendet wurde. So heißt es etwa in einem Artikel der Bild „Wer sind die Experten?“ und weiter „ARD-Expertin ist wie gewohnt Nina Künzer […]. Im ZDF analysieren die früheren Nationalspielerinnen Lira Alushi, Lena Lotzen, Kim Kuhlig und Celia Sasic“. Dieses Ergebnis weist daraufhin, dass Medienschaffenden das Bewusstsein für das Geschlecht der Akteurinnen fehlt. Dieser Eindruck wird auch durch weitere Ergebnisse verstärkt. So wurden fast keine geschlechtergerechten Bezeichnungen verwendet. Einige Male wurde zwar auf neutrale Nomen zurückgegriffen, diese scheinen aber eher als Synonyme verwendet worden zu sein, um Abwechslung in den Artikeln zu erzeugen.

Fachtermini: Mannschaft vs. Frauen-Team

Während die Ergebnisse zu Geschlechterstereotypen und Personenbezeichnungen ausschließlich eine Nicht-Beachtung des Geschlechts aufweisen, ist die Lage bei den Fachtermini nicht ganz so eindeutig: Hier wurde sowohl eine Nicht-Beachtung als auch eine Überbetonung des Geschlechts festgestellt. Während Begriffe, bei denen nur die weibliche Endung -in angehängt werden muss, in die feminine Form umgewandelt wurden (bspw. Stürmerin), wurden andere, männlich konnotierte Begriffe (bspw. Mannschaft) unverändert übernommen, statt diese durch weibliche oder geschlechtsneutrale Worte zu ergänzen (bspw. Frauschaft oder Team). Das Geschlecht wurde also nur teilweise zum Anlass genommen, die Sprache anzupassen. Außerdem gab es einige Fachtermini, die explizit auf das Geschlecht der Akteurinnen verwiesen – oftmals an Stellen, an denen dies eigentlich nicht notwendig gewesen wäre (bspw. Frauen-Team). Das Geschlecht wurde hier somit überbetont. Dies war auch fast immer in Bezug auf die Bezeichnung der Sportart bzw. der WM der Fall. Es wurde vielfach von „Frauenfußball“ und „Frauen-WM“ gesprochen. Somit wurde der von Frauen gespielte Fußball als Abweichung des von Männern gespielten Fußballs dargestellt: Frauen spielen keinen Fußball, sondern „Frauenfußball“, sie nehmen nicht an einer WM teil, sondern an einer „Frauen-WM“ und sie spielen in einer „Frauen-Nationalmannschaft“ oder sind ein „Frauen-Team“.

Fehlendes Bewusstsein für Geschlecht und Sprache

Auch wenn die Ergebnisse – aufgrund der Stichprobenwahl und -größe – nicht repräsentativ sind, so legt die Analyse der drei Medien die Vermutung nahe, dass Journalist*innen das Bewusstsein für das Geschlecht ihrer Protagonist*innen bzw. für die Auswirkungen fehlt, die Sprache auf das gesellschaftliche Geschlechterbild hat. Insbesondere bezüglich der Berichterstattung über von Frauen gespielten Fußball sollten Journalist*innen zudem auch die geschichtlichen und strukturellen Rahmenbedingungen kennen, da Sprache diese widerspiegelt und verfestigen kann.

Klar ist aber auch: Medienschaffende allein können das Bild von Frauen (im Fußball) nicht verändern. Die Verantwortung einer geschlechtergerechten bzw. an das Geschlecht angepassten Sprache und Darstellung liegt ebenso bei Vereinen und Verbänden, der Werbeindustrie sowie den Frauen im Bereich des Fußballs selbst. Außerdem sollten auch Wissenschaftler*innen, welche in diesem Bereich forschen, vermeiden, bestimmte sprachliche Muster zu (re-)produzieren. Schlussendlich kann nur ein Zusammenspiel aller Akteur*innen das Bild von Frauen (im Fußball) beeinflussen. Sprache ist dafür ein wichtiger Ausgangspunkt.

Jagdmann, Miriam (2020): Spielt Geschlecht (k)eine Rolle? Die Darstellung von Akteurinnen in der Berichterstattung über die Fußball-WM der Frauen 2019 am Beispiel von Online-Artikeln von Bild, Kicker und FFussball-Magazin. unveröffentlichte Bachelorarbeit am Institut für Journalistik der TU Dortmund.

Quellen:

Kunz, Kevin (2016): Das Spiel der Anderen – die Entwicklung der Berichterstattung zu Frauenfußball-Großturnieren seit der WM 2011 in Deutschland. In: Freiburger Zeitschrift für GeschlechterStudien, 22(1), S. 49–63.

Schöndorfer, Simone (2014): Darstellungsarten von Sportlerinnen in deutschen Tageszeitungen. Eine Untersuchung zur Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2011. In:  kommunikation.medien, 3, S. 1-14.

Staudemeyer, Bettina (2018): Von Frauen gespielter Fußball – Medieninszenierungen seit 2011. In: Schweer, Martin K.W. (Hrsg.): Sexismus und Homophobie im Sport. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 105–123.

 

Bildquelle: pixabay.de 

 

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