„Die Zähne des Watchdogs schärfen“

23. Januar 2019 • Qualität & Ethik, Top • von

Auf der 2. Global Constructive Journalism Conference in Genf wurde bis zur Schmerzgrenze für lösungsorientierte Berichterstattung geworben.

Der dänische Journalist Ulrik Haagerup (rechts) will mehr Konstruktives in den Medien. (Foto: Mathias Svold)

Innerhalb der nächsten fünf Jahre wolle er einen Kulturwandel im Journalismus erreichen, hatte Ulrik Haagerup vor einem Jahr, auf der ersten Global Constructive Journalism Conference, verkündet. Der 55-jährige ehemalige Nachrichtenchef des öffentlich-rechtlichen Danmarks Radio und Autor des vielgelesenen Buches „Constructive News“ streitet mit dem von ihm gegründeten Constructive Institute an der Universität in Aarhus für mehr Lösungsorientierung in der Berichterstattung: weniger Negativismus, Skandalisierung, Personalisierung, Konflikte – dafür mehr Recherchen über gelungene Projekte und gelöste Probleme, damit die Nachrichtenkonsumenten nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern sich einbringen; damit sie nicht apathisch und zynisch werden, sondern aktiv und engagiert.

Es bleiben Haagerup also noch vier Jahre für die Herkulesaufgabe: Es geht gegen fest verwurzelte Glaubenssätze von Redakteuren und Journalisten („If it bleeds, it leads“, „Only bad news are good news“) und gegen ein Rollenselbstverständnis, das den Journalisten zwar als Chronisten und als Aufdecker von Missständen sieht, aber keinesfalls als Verbreiter von Werbebotschaften oder Erfolgsmeldungen. Viel Gegenwind schlägt den Vertretern dieses Berichterstattungsmusters daher entgegen – und entsprechend breiten Raum nahm am vergangenen Freitag auf der 2. Global Constructive Journalism Conference in Genf die Legitimation der Idee an sich ein. Anstatt dass Praktiker in Workshops an qualitativ hochwertigem Konstruktiven Journalismus feilten, ging es neben der Vernetzung der Akteure vor allem um Rechtfertigung und Werbung in eigener Sache.

Dafür boten Ulrik Haagerup und sein Team einiges auf. Der wohl größte Coup war es, Johan Galtung für einen Auftritt zu gewinnen – jenen legendären, mittlerweile 88-jährigen Friedens- und Konfliktforscher, der seine Karriere in den 1960er Jahren als Kommunikationswissenschaftler begonnen hatte. „Galtung & Ruge 1965“, das ist die Zitatangabe für seine klassische Studie, die in der Konfliktberichterstattung norwegischer Tageszeitungen zwölf Nachrichtenfaktoren identifizierte und an der bis heute keine Studie zur Nachrichtenwerttheorie vorbeikommt. Mit sanfter Stimme legte Galtung seine Ansichten über Konflikte und Gewalt dar, über „Airport Journalism“ (der vor allem Staatschefs zeigt, die ins Flugzeug ein- oder aus dem Flugzeug aussteigen) und über eine US-Presse, die während der Kubanischen Revolution 1958 zwar über die Schwierigkeiten der Ehefrau des US-Botschafters schrieb, ihren Hund auszufliegen, aber kein Wort über die Tausenden schwarzer Frauen, die aus der Prostitution befreit wurden.

Stargast der Konferenz: Friedens- und Nachrichtenwertforscher Johan Galtung (Mitte), zusammen mit Moderator Jan Wifstrand (links) und Ulrik Haagerup. (Foto: Mathias Svold)

Als der Marketing-Profi Haagerup merkte, dass Galtung die von ihm intendierte Message nicht so recht rüberbrachte, sprang er auf und spitzte zu, damit es auch jeder versteht: „Das ist historisch! Der Mann, der die Nachrichtenkriterien erfunden hat, sagt nun: Wir haben ihn falsch verstanden. Die Kriterien waren gar nicht als Handlungsanweisung gemeint!“ Diese Sensation, die Haagerup am selben Morgen schon als Online-Artikel im Guardian veröffentlicht hatte, ist freilich gar keine: Gängige Nachrichtenfaktoren wie „Konflikt“ hat Galtung weder erfunden noch als erster gefunden – schon in den 1930er Jahren wurden sie in amerikanischen Journalisten-Handbüchern gelehrt, – und Galtung hat sie nie als Handlungsanweisung gemeint, sondern im Gegenteil schon 1965 in seinem Aufsatz den Journalisten empfohlen: „Try and counteract all twelve factors.“ Galtung revanchierte sich für dieses wohl gewollte Missverständnis auf seine Weise und kritisierte wiederum die Veranstalter der „Global Constructive Journalism Conference“ für etwas, das ihm als Interkulturalisten wichtig war: „Sie missverstehen das Wort ‚global‘. Dies ist eine westliche Konferenz, Sie stecken in der anglo-amerikanischen Falle.“

Tatsächlich war die Konferenz vor allem eine Veranstaltung von Westeuropäern und Nordamerikanern für Westeuropäer und Nordamerikaner. Es sollte der Beweis erbracht werden, dass die Kernprinzipien des westlichen Watchdog-Journalismus durch lösungsorientierte Berichterstattung keineswegs erschüttert, sondern im Gegenteil erst erfüllt würden. „Uns geht es nicht darum, gute Gefühle zu produzieren, sondern der Gesellschaft nützliches Wissen zur Verfügung zu stellen“, sagte David Bornstein, der Chef des Solutions Journalism Network in New York, welches neben der European Broadcasting Union (EBU), dem World Editors Forum und dem Suchmaschinen-Quasi-Monopolisten Google ein Partner der Konferenz war. „Viele investigative Storys haben keine Wirkung, weil das Publikum zu den aufgedeckten Missständen keine Alternativen erfährt. Wenn wir aber zeigen, dass es woanders besser läuft und warum, schärfen wir die Zähne des Watchdogs.“

Nina Fasciaux, eine andere Mitarbeiterin des Solutions Journalism Network, drückte es so aus: „Wenn wir identifizieren, wo welche Antwort auf ein Problem funktioniert, wird der Watchdog zusätzlich zum Guide Dog, und aus einem unvermeidlichen Missstand wird ein inakzeptabler.“ Schützenhilfe gab es von Praktikern, die von ihren lösungsorientierten Rubriken berichteten, etwa des BBC World Service, des Schwedischen Fernsehen SVT oder des Guardian. Mark Rice-Oxley, der beim Guardian für die Konstruktiv-Abteilung „The Upside“ zuständig ist, ergänzte ein wichtiges Argument: „Wir wundern uns, warum die Briten für den Brexit gestimmt haben – aber wir haben eben selten über die Vorteile der EU berichtet, sondern meistens über Streitigkeiten und Halunken.“

Homöopathische Kritik am Ansatz gab es in einem kurzen Streitgespräch zwischen Ulrik Haagerup und Philippe Mottaz, dem ehemaligen Nachrichtenchef des Radio Télévision Suisse (RTS). Mottaz findet es „gefährlich, durch die Diskussion um Konstruktiven Journalismus den existierenden Journalismus als destruktiv zu degradieren“. Dies spiele all jenen Akteuren in die Hände, die weder Demokratie noch Freiheit noch einen starken, unabhängigen Journalismus wollen. „Journalismus ist unteilbar – so wie Freiheit.“ Wenn man Journalismus verbessern wolle, dann nicht durch eine solche Kampagne von außen, sondern es müsse die Repräsentation der Gesellschaft in den Redaktionen erhöht werden. „Journalismus muss sich selbst neu erfinden, aber bottom-up, nicht top-down.“ Ulrik Haagerup konterte: Natürlich wolle er die Medien von innen reformieren. Und mit einer anschaulichen Tabelle illustrierte er, dass Konstruktiver Journalismus die Breaking News und das Investigative Reporting nicht ersetzen, sondern ergänzen solle.

Dass Mottaz nicht nur die Idee des Konzepts gefährlich findet, sondern auch das finanzielle Engagement von Google, bei dem sich schließlich jede Menge (Algorithmen-)Macht und Datensammelwut konzentriert, erfuhr man dann im Pausengespräch: „Die Versuchung für neue Medieninitiativen, Geld von Tech-Konzernen zu nehmen, ist natürlich groß, nachdem die alten Geschäftsmodelle von der digitalen Disruption zerstört wurden. Doch die GAFAs wollen mit solchen Partnerschaften vor allem sich selbst schützen, nämlich davor, selbst als Medienunternehmen mit entsprechender Verantwortung eingestuft zu werden.“ Der Genfer Unternehmer, der gerade das Medienprojekt „Geneva Global Insider“ entwickelt, ist daher der Meinung: „Wer Medieninitiativen startet, sollte dieser Versuchung widerstehen oder zumindest die Konditionen solcher Partnerschaften absolut transparent machen.“

Am Ende dieses langen Konferenztages, für den die Teilnehmer aufgrund der Finanzspritze von Google keine Tagungsgebühr entrichten mussten, verliehen Haagerup und Bornstein gemeinsam den „Future of Journalism Global Award“. Dieser ging an eine Journalistin, die eine Reportage über den erfolgreichen Kampf der Demokratischen Republik Kongo gegen die Schlafkrankheit geschrieben hatte – allerdings war es keine Journalistin aus dem Kongo, sondern vom britischen Guardian. Und schließlich stellte Haagerup noch ein Werbe-Video namens „A Global Call for Responsible Journalism“ vor, das ihm der globale Marketing-Konzern Mindshare kostenlos produziert hatte. Spätestens in diesen dreieinhalb Minuten Hochglanz-Emotionalisierung gegen die herkömmliche Medienlogik und für Berichte über positive Langzeittrends ging jegliche Differenzierung verloren, und die Veranstalter verhedderten sich in einen performativen Widerspruch: Wurde zuvor stets betont, dass guter lösungsorientierter Journalismus keine „Wunderwaffen“ oder „Allheilmittel“ propagiere, sondern stets auch die Grenzen einer Lösung aufzeige, so wurde lösungsorientierter Journalismus hier nicht nur als Allheilmittel für die ökonomischen und die Vertrauensprobleme der Medienindustrie verkauft, sondern auch als Wunderwaffe gegen Populismus, Polarisierung und Fake News.

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