„Flüchtlingskrise“: Schaffen wir das?

4. Oktober 2018 • Qualität & Ethik • von

„Wir schaffen das“: Diesen Satz, den Bundeskanzlerin Angela Merkel 2015 zu Beginn der Debatten um die sogenannte „Flüchtlingskrise“ aussprach, greift eine aktuelle Studie von Regina Greck auf. Sie untersucht, wie lösungsorientiert deutsche Regionalzeitungen im Jahr 2015, als so viele Migranten nach Deutschland kamen wie nie zuvor (genauer gesagt: 900.000), das Thema Flucht und Migration behandelt haben

Greck setzt zwei Schwerpunkte: Erstens analysiert sie, mit welchen Frames das Thema dargestellt wird; zweitens untersucht sie, ob und inwiefern die Berichterstattung der Regionalzeitungen lösungsorientiert ist. Lösungsorientierung ist einer der Schlüsselbegriffe des konstruktiven Journalismus, mit dem sich inzwischen viele Medienorganisationen und auch die Forschung befassen.

Laut Greck ist bei der Berichterstattung über Migration und Flucht die Abwägung der Journalisten zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik besonders wichtig, um zum Beispiel zur Integration beizutragen, Vorurteilen vorzubeugen oder politische Lösungsansätze zu thematisieren. Journalisten, die sich dem konstruktiven Journalismus verschrieben haben, versuchen, statt Problematiken mögliche Lösungsansätze zu thematisieren.

Die Autorin beruft sich auf bisherige Studien, denen zufolge Migranten in der Berichterstattung häufig eher problemorientiert dargestellt werden. Demnach werden sie oft mit Kriminalität und mit Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt in Zusammenhang gebracht. Vor allem seit den Anschlägen des 11. September 2001 würden auch die Stichworte „Terror“ und „Islam“ in diesem Zusammenhang häufig fallen. Einerseits werde das Thema Migration also häufig mit negativ besetzten Frames „gerahmt –  so finde sich für das Jahr 2015 außerdem das negative Framing von Migration als „Flut“ oder „Krise“ in der Berichterstattung –  andererseits werde gerade im Jahr 2015 unter dem Stichwort „Willkommenskultur“ auch positiv über Flüchtende berichtet. Ob 2015 auch Elemente des konstruktiven Journalismus in der Migrationsberichterstattung angewandt wurden, soll eine Analyse des Frame-Elements „Handlungsaufforderung“ deutlich machen.

Greck wählte als Analyseobjekte Beiträge aus Regionalzeitungen, weil diese ihrer Ansicht nach besonders relevant für Informationen über Geschehnisse vor Ort sind. Die insgesamt 1231 analysierten Artikel stammten aus der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, der Stuttgarter Zeitung, der Südwestpresse, der Thüringer Allgemeinen Zeitung, den Nürnberger Nachrichten, der Frankfurter Neuen Presse, der Sächsischen Presse und der Mitteldeutschen Zeitung. Ausgewertet wurden die Quellen mit Blick auf die Frame-Elemente Problemdefinition, Ursachenzuschreibung, Handlungsaufforderung und Bewertung.

Ergebnisse: Viele Probleme, wenig Lösungsstrategien

Eins vorweg: Im zweiten Halbjahr des Jahres 2015 gab es deutlich mehr Artikel zum Thema Migration als im ersten.

Als Problemdefinitionen standen in der Regionalpresse die Unterbringung von Geflüchteten, mögliche politische Lösungen für die „Krise“ und Migranten als soziokulturelles „Problem“ im Vordergrund. Kriminalität spielte hingegen nur eine untergeordnete Rolle. In 56 Prozent der untersuchten Texte wurden Akteure als Verursacher derartiger „Probleme“ definiert (zuerst Geflüchtete, gefolgt von Bundespolitikern und rechtsextremen Gruppierungen).  In 44 Prozent der Texte wurden Situationen als Ursachen von Problemen genannt. Besonders häufig ging es dabei um politische Umstände (36 Prozent), aber auch um soziale Ursachen (32,7 Prozent), Krieg (11,2 Prozent) oder wirtschaftliche Umstände (8,2 Prozent) als Auslöser für Migration.

Nur 42,4 Prozent der kodierten Problemdefinitionen wurden in den Artikeln wertend eingeordnet, davon zwei Drittel (62Prozent) negativ, ein Viertel (24,4 Prozent) positiv und der Rest ambivalent.

Dennoch wurden häufig Defizite im Umgang mit der „Flüchtlingskrise“ angesprochen. Nur zwei Drittel der Artikel boten lösungsorientierte Handlungsstrategien für die aufgezeigten Probleme an. Diese Handlungsaufforderungen bezogen sich häufig auf politisches Handeln (71,3 Prozent) und forderten zum Beispiel eine andere Verteilung der Asylsuchenden oder Änderungen der Asylgesetze. Deutlich seltener ging es bei den Handlungsempfehlungen um soziales Handeln (21,4 Prozent, z.B. Aufforderungen zu sozialer Hilfe für Geflüchtete), das Handeln der Geflüchteten selbst (4,5 Prozent) oder militärisches Handeln (1,4 Prozent). Rund die Hälfte der Empfehlungen und Aufforderungen war an Politiker gerichtet.

Frames in der deutschen Regionalberichterstattung

Aus der Analyse und Interpretation dieser Ergebnisse ergeben sich laut Greck fünf Frames, mit denen die deutsche Regionalberichterstattung 2015 das Thema Migration bzw. Flucht einordnete.

Am häufigsten machte sie den Brennpunktframe aus (25,5 Prozent der Artikel), der Migranten als soziokulturelles Problem darstellt, welches nur die Bundespolitik lösen könne.  Beim Integrationsframe (21,7 Prozent) werden die „Willkommenskultur“ und Hilfen für Geflüchtete oder Immigranten in den Blick genommen, beim Kapazitätsframe (20,6 Prozent) die Unterbringung und Versorgung der Ankommenden (meist mit einer negativen Einschätzung verbunden). Der Protestframe (16,9 Prozent) thematisiert Protest und Gewalt gegen Geflüchtete. Am seltensten kam der Lösungsframe vor (15,3 Prozent). Er schlägt Handlungsstrategien, v.a. auf Bundesebene, vor.

Kriminalität und Terrorismus als Frames für die Migrationsberichterstattung spielten in den untersuchten Beiträgen – entgegen früheren Studienergebnissen z.B. von Sommer und Ruhrmann (2010) oder Goedeke Tort et al. (2016) – keine Rolle. Der Fokus auf Kulturunterschiede und Migrationspolitik hingegen bestätigt frühere Untersuchungen. Logistische Fragestellungen spielten im Vergleich zu den früheren Studien eine größere Rolle. Ökonomische Perspektiven, z.B. von Migranten als Arbeitskräfte, wurden hingegen von der analysierten Regionalpresse kaum beachtet.

Konstruktive Berichterstattung über Migration?

Grecks Ergebnisse lassen darauf schließen, dass die regionale deutsche Migrationsberichterstattung sich 2015 eher wenig an den Idealen des konstruktiven Journalismus orientierte. Am seltensten tauchten Handlungsempfehlungen bei den Frames „Brennpunkt“ und „Integration“ auf. Hier zeigt sich ein scheinbarer Widerspruch: Obwohl Migration im „Integrationsframe“ positiv bewertet wird, liefern die Beiträge, die sich in diesen Frame einordnen lassen, nur selten Lösungsvorschläge. Politische Lösungsvorschläge kamen eher bei den weniger häufigen Frames zu „Kapazität“ und „Protest“ vor.

Greck beobachtet, dass sich die Berichterstattung im Laufe des Jahres 2015 deutlich wandelte. Im ersten Quartal überwog der Integrationsframe, der aber im zweiten und dritten Quartal immer mehr vom Brennpunktframe abgelöst wurde. Im vierten Quartal rückte die Integration dann erneut verstärkt in den Fokus. Zudem zeichnen sich regionale Unterschiede ab: Im Osten gab es mehr Berichterstattung mit dem Integrationsframe, im Westen wurde häufiger der Brennpunktframe angewandt. Die Autorin interpretiert dies so, dass die Zeitungen in Ostdeutschland eventuell mit der Konzentration auf Integration der eher als ausländerfeindlich geltenden Stimmung in den neuen Bundesländern entgegenwirken wollten.

Dass die deutsche Regionalpresse im „Migrationsjahr“ 2015 hauptsächlich Probleme aufzeigt, aber wenig Lösungsvorschläge parat hat, wertet Regina Greck als „Ratlosigkeit“ der Medien gegenüber der damals aktuellen Situation. Da die von ihr ermittelten Frames sich von üblichen Frames der Migrationsberichterstattung teilweise unterscheiden, vermutet sie, dass sich 2015 zu diesem Thema eine Eigendynamik entwickelt habe.

Greck, Regina. 2018. „Schaffen wir das? Frames im medialen Diskurs zur Flüchtlingskrise in der deutschen Regionalpresse des Jahres 2015 und ihre Lösungsorientierung.“ Publizistik Jg. 63, Nr. 3, S. 359-382.

 

Bildquelle: Marco Verch / Flickr CC: Migration destination Germany; Lizenzbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

 

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