Lieber vertuschen

4. Januar 2008 • Qualität & Ethik • von

Neue Zürcher Zeitung, 14. Januar 2008

US-Studie zu Berichtigungen in Medien
Eine Studie des Medienwissenschafters Scott R. Maier von der Universität Oregon hat ergeben, dass mehr als 98 Prozent aller in US-Tageszeitungen publizierten Fehler nicht berichtigt werden.

Der Forscher hat insgesamt 1220 Beiträge in zehn verschiedenen Regionalzeitungen unter die Lupe genommen, in denen die im Artikel genannte Primärquelle mindestens einen Fehler identifiziert hat. Davon wurden von den Zeitungen nur gerade 23 korrigiert. Das Ergebnis ist deshalb aufsehenerregend, weil bisher der Umgang mit Fehlern in den USA als vorbildlich galt. Fast alle Tageszeitungen haben dort, anders als in der Schweiz und in Europa, fest eingerichtete Korrekturspalten, in denen die Redaktion Berichterstattungsfehler des Vortages korrigiert.

Ihren Sinn und Zweck, zur Qualitätssicherung beizutragen und Glaubwürdigkeit zu vermitteln, scheinen laut Maier indes die Korrekturspalten zu verfehlen. Das Vorhandensein eines Correction Corner genügt offenbar nicht, um Mängeln in der Berichterstattung entgegenzuwirken – es handelt sich eher um Kosmetik. Korrekturspalten könnten ein Instrument sein, die Zahl der Fehler zu reduzieren, die Reaktionen unterlaufen. Denn kein Journalist will – womöglich wiederholt – wegen seiner Fehler vor dem Publikum und vor den Kollegen am Pranger stehen.

Zwar hat eine grossangelegte US-Studie schon vor Jahren belegt, dass Leserinnen und Leser nicht nur Akkuratesse in der Berichterstattung, sondern auch die Bereitschaft, Fehler einzugestehen und freiwillig richtigzustellen, zu schätzen wissen. Doch vermutlich wirkt das Eigeninteresse der Journalisten, Fehler zu vertuschen, eben stärker als der Wunsch, die Glaubwürdigkeit beim Publikum aufzubessern. Die Herausforderung ans Redaktionsmanagement besteht somit wohl auf beiden Seiten des Atlantiks darin, dafür zu sorgen, dass Mängel in der Berichterstattung über die schiere Kosmetik hinaus kontinuierlich offengelegt und verlässlich berichtigt werden.

(Eine frühere Version dieses Textes, verfasst für den Sschweizer Journalist 10 + 11 / 2007, steht übersetzt auf den englisch-, italienisch- und polnischsprachigen EJO-Websites) 

 

 

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