Für wen sind diese Nachrichten? Westliche Narrative in afrikanischen Medien

14. Januar 2026 • Aktuelle Beiträge, Internationales, Redaktion & Ökonomie • von

Auf dem afrikanischen Kontinent bleibt die Suche nach Nachrichten aus anderen afrikanischen Ländern in Lokalzeitungen, Nachrichtensendungen, Radio und Fernsehen oft erfolglos. Wenn südafrikanische Fernsehnachrichten mit  den jüngsten Entwicklungen um die US-Wahlen beginnen und dabei die tödlichen Überschwemmungen in Mosambik ignorieren, wirft das eine quälende Frage auf: Wessen Nachrichten sind wichtig?

Auf dem gesamten Kontinent warnen Kritiker, dass afrikanische Journalisten und Medien mehr Raum für westliche Geschichten aufwenden als für wichtige Entwicklungen in benachbarten afrikanischen Ländern.

Dieses Muster ist nicht neu. Wissenschaftler und Branchenbeobachter argumentieren seit langem, dass die Medienlandschaften Afrikas unverhältnismäßig stark von westlichen Nachrichtenagenden geprägt ist. Die Dominanz der Meldungen von Agenturen wie Reuters, Agence France-Presse (AFP) und Associated Press (AP) sorgt oft dafür, dass internationale Nachrichten die afrikanische Berichterstattung verdrängen. Diese werden jedoch oft aus westlicher Perspektive betrachtet.

„Afrikanische Medien und Netzwerke neigen dazu, westliche Perspektiven stärker zu beachten als die ihrer eigenen Kollegen“, bemerkt Professor Herman Wasserman, Vorsitzender des Fachbereichs Journalismus an der Stellenbosch University in Südafrika. „Dies verstärkt das Problem der westlichen Dominanz im globalen Nachrichtenfluss.“

Mandla Radebe, Associate Professor an der Universität Johannesburg,  hatte ebenfalls südafrikanischen Medien dafür kritisiert, dass sie bei ihrer Berichterstattung über den Krieg in der Ukraine eine westliche Voreingenommenheit zeigten, indem sie sich auf westliche Quellen stützten und deren Sichtweisen übernahmen. Auch J. Siguru Wahutu, Assistenzprofessor für Soziologie und Afrikastudien an der Yale University in den USA, schrieb, dass afrikanische Nachrichtenorganisationen häufig Informationen von Nachrichtenagenturen reproduzieren und diesen Narrativen den Vorzug geben.

Während des Staatsstreichs im Niger 2023 beispielsweise veröffentlichten viele afrikanische Zeitungen Artikel von Reuters oder AFP, anstatt eigene Reporter nach Niamey zu entsenden. Die Artikel waren zwar sachlich korrekt, präsentierten die Ereignisse jedoch oft aus westlicher Perspektive, mit Blick auf den französischen Einfluss und Migrationsströme, und ließen regionale Dynamiken wie die innerhalb der Wirtschaftsgemeinschaft westafrikanischer Staaten (ECOWAS) außer Acht.

Fehlende Hintergründe durch Fallschirmjournalismus

Westliche Journalisten, deren Berichte von afrikanischen Medien verwendet werden, neigen dazu, „Fallschirmjournalismus” zu betreiben. Dabei „springen“ Reporter in einem Gebiet ab, um über eine Krise zu berichten, und verschwinden schnell wieder, ohne viel Kontext zu liefern.  Die von ihnen produzierten Berichte erwecken jedoch einen Anschein der Autorität über die behandelten Themen. Ironischerweise spiegeln afrikanische Journalisten manchmal denselben Ansatz wider, indem sie westliche Rahmenbedingungen und Quellen übernehmen, anstatt sich mit den lokalen Gemeinschaften, dem Kontext und den Dynamiken auseinanderzusetzen und ihre eigenen Perspektiven einzubringen.

Das Al Jazeera Institute kritisiert diesen Fallschirmjournalismus als „ein fehlerhaftes Modell, das Berichten ihre Komplexität nimmt und Stereotypen perpetuiert”. Wenn afrikanische Journalisten diesen Ansatz imitieren, führt dies laut dem Institut dazu, dass Berichte von kontinentaler Bedeutung zu schnellen, ausgeliehenen Reportagen verflacht werden.

Redakteure berichten, dass ein Teil des Problems im Druck durch die Zuschauer liegt. „Internationale Nachrichten haben Prestige“, gab ein in Nairobi ansässiger Redakteur zu, der anonym bleiben wollte. „Geschichten über die Wahlen in den USA oder Großbritannien werden als ‚ernsthafter‘ angesehen als das, was nebenan in Tansania passiert.“ Dieses Streben nach Prestige bedeutet oft, westliche Prioritäten zu kopieren, anstatt afrikanische Narrative aufzubauen.

Die Faktoren Journalistenausbildung und Wirtschaft

Hinter den Entscheidungen der Redaktionen stehen häufig tiefere strukturelle Probleme. Die journalistische Ausbildung in weiten Teilen Afrikas ist nach wie vor unterfinanziert und ungleichmäßig.

Die UNESCO hat wiederholt auf den Mangel an Ausrüstung, veraltete Lehrpläne und fehlende praktische und grenzübergreifende Ausbildungsmöglichkeiten hingewiesen. Die journalistische Ausbildung an mehreren Schulen des Kontinents umfasst keine Schwerpunkte im internationalen Journalismus.

Wirtschaftliche Herausforderungen verschärfen das Problem. Es ist kostspielig, einen Reporter von Nairobi nach Kinshasa oder von Johannesburg nach Lusaka zu entsenden. Redaktionen, die bereits mit sinkenden Werbeeinnahmen zu kämpfen haben, geben solchen Investitionen selten Vorrang. Es ist weitaus kostengünstiger, ein Paket von AFP, AP oder BBC zu übernehmen.

Dies kann jedoch angesichts des technologischen Fortschritts nicht länger als Entschuldigung akzeptiert werden. Smartphones haben sich als ausreichendes Mittel erwiesen, um Nachrichten zu sammeln, zu produzieren und zu verbreiten. Sie könnten mit minimalen Kosten effektiv eingesetzt werden. So könnten Medienhäuser Korrespondenten und Freiberufler in mehreren Ländern engagieren, statt eigene Mitarbeiter entsenden zu müssen.

Politische Risiken sind ein weiterer Hemmfaktor. Im Jahr 2023 hat die Junta in Burkina Faso die BBC und Voice of America  nach kritischer Berichterstattung suspendiert. In Niger sind Journalisten Einschränkungen und Schikanen ausgesetzt, was die regionale Berichterstattung noch gefährlicher macht. In solchen Kontexten ziehen es Redakteure möglicherweise vor, relativ „sicher” über US-Politik oder europäische Klimaproteste zu berichten, anstatt sich auf das Minenfeld der nationalen oder regionalen Politik zu begeben.

Die Kosten des Wegschauens

Die Folgen dieser unausgewogenen Berichterstattung sind gravierend. Die Bürger bleiben über Themen, die sie direkt betreffen uninformiert, von Gesundheitskrisen bis hin zu regionaler Handelspolitik.

Im Jahr 2022 berichteten viele afrikanische Medien ausführlich über den Krieg in der Ukraine, während den Cholera-Ausbrüchen in Malawi und Kamerun trotz ihrer verheerenden regionalen Auswirkungen relativ wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Regierungen und Unternehmen werden weniger kritisch hinterfragt, wenn Journalisten nationale oder regionale Untersuchungen scheuen. Ein ghanaischer Medienanalyst drückte es so aus: „Wenn Ihre Titelseite sich um Trump dreht und nicht um den Korruptionsskandal Ihres Nachbarn, können (korrupte) Politiker aufatmen.“

Eine Analyse der Medienberichterstattung über Afrika aus dem Jahr 2023 durch African Development Bank Group (AfDB) ergab außerdem, dass voreingenommene Darstellungen eine erhebliche wirtschaftliche Belastung darstellen. Dadurch falsch bewertete Finanzrisiken und entgangene Investitionen kosten den Kontinent jährlich Milliarden von Dollar. Stereotypische Darstellungen führen zu höheren Kreditkosten und verringern ausländische Investitionen. Schätzungen gehen davon aus, dass Afrika allein aufgrund überhöhter Kreditkosten jährlich bis zu 75 Milliarden Dollar verliert.

„Negative Stereotypen in den internationalen Medien kosten Afrika jährlich 3,2 Milliarden Pfund“, lautet eine Schlagzeile in einem Artikel der Zeitung Guardian vom 17. Oktober 2024, in dem über eine Studie von Africa Practice & Africa No Filter berichtet wird, die schätzt, dass negative Stereotypen in den globalen Medien Afrika jährlich bis zu 3,2 Milliarden Pfund an überhöhten Zinszahlungen für Staatsschulden kosten.

Der Bericht von Africa Practice & Africa No Filter selbst, der „die wirtschaftlichen Folgen einer solchen voreingenommenen Berichterstattung durch die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen der Voreingenommenheit der Medien in der Wahlberichterstattung und ihren Auswirkungen auf die Finanzströme“ erörterte, wies darauf hin, dass „die Darstellung Afrikas in den Medien seit langem von hartnäckigen Stereotypen dominiert wird“.

Der Bericht fügt hinzu: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass afrikanische Länder während der Parlamentswahlen erhöhte Aufmerksamkeit in den Medien erhalten, wobei der Fokus unverhältnismäßig stark auf negativen Themen wie Gewalt und Wahlbetrug liegt. Diese Betonung ist im Vergleich zur Berichterstattung über nicht-afrikanische Länder mit ähnlichen politischen Risikobedingungen ausgeprägter, was zu einer höheren negativen Stimmung und höheren Voreingenommenheitswerten für afrikanische Nationen führt. Bemerkenswert ist, dass der Begriff „Gewalt“ in der Medienberichterstattung, insbesondere in Schlagzeilen im Zusammenhang mit Wahlen, stark mit Afrika assoziiert wird.“

Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass „diese voreingenommenen Darstellungen reale Konsequenzen haben, da sie die Risikowahrnehmung überhöhen und zu ungerechtfertigt hohen Kreditkosten führen – selbst für afrikanische Länder mit guter Bonität. Darüber hinaus bieten sie Kreditinstituten eine Rechtfertigung für die Gewährung unfairer Kreditbedingungen gegenüber afrikanischen Staaten“.

Der Bericht spekuliert, dass andere wichtige Entwicklungsfaktoren wie Tourismus, ausländische Direktinvestitionen und Entwicklungshilfe in ähnlicher Weise von der Risikostimmung beeinflusst werden, die stark von den Narrativen der globalen Medien geprägt ist.

Anzeichen für einen Wandel

Es gibt Bemühungen, diesen Trend umzukehren. Das African Investigative Publishing Collective (AIPC) hat Pionierarbeit bei der Zusammenarbeit und grenzüberschreitenden Untersuchung von Themen wie illegalem Holzeinschlag und Bergbau geleistet. Organisationen wie die Pan African Media Alliance for Climate Change (PAMACC) fördern einen lösungsorientierten Journalismus, der die Widerstandsfähigkeit und Innovationskraft Afrikas hervorhebt.

Von Geldgebern unterstützte Schulungsprogramme versuchen ebenfalls, Qualifikationslücken zu schließen. Die 2021 ins Leben gerufene STREAM-Initiative der UNESCO fördert aktualisierte Lehrpläne, digitale Tools und regionale Stipendien für Journalisten. Allerdings sind solche Initiativen nach wie vor in Umfang und Reichweite begrenzt.

Kritiker argumentieren, dass der afrikanische Journalismus eine bewusste Verlagerung hin zu einer kontinentalen Perspektive benötigt. Dies würde zum Beispiel beinhalten, Journalisten darin zu schulen, afrikanische Geschichten als miteinander verbunden zu betrachten. Redaktionen müssten mit mehr Ressourcen ausgestattet werden, um grenzüberschreitende Berichterstattung aufzubauen, und die Medien vor politischer Einflussnahme zu schützen.

„Solange die afrikanischen Medien nicht anfangen, afrikanische Geschichten für ein afrikanisches Publikum zu erzählen, werden wir uns immer durch die Brille anderer betrachten“, wird die südafrikanische Journalistin Khadija Patel zitiert.

Diese Herausforderung ist gewaltig: Strukturelle Unterfinanzierung, politische Risiken und die Anziehungskraft westlicher Prestigeobjekte werden nicht über Nacht verschwinden. Aber es steht viel auf dem Spiel: Ohne ein stärkeres Engagement für die innerafrikanische Berichterstattung laufen die Menschen auf dem Kontinent Gefahr, besser über Washington und Paris informiert zu sein als über ihre eigenen Nachbarn.

Dieser Artikel wurde zunächst vom African Journalism Eductors Network (AJEN) veröffentlicht. Ins Deutsche übersetzt von Judith Odenthal mithilfe von DeepL.

Bildquelle: Pexels

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