Vier Jahre Krieg: Der ukrainische Journalismus am Rande des Burnouts

4. März 2026 • Internationales, Pressefreiheit, Top • von

Vier Jahre Krieg waren für die ukrainischen Medien nicht nur eine Zeit der Herausforderungen, sondern eine tiefgreifende Transformation des Berufsstandes. Eine neue Studie des Instituts für Massenkommunikation dokumentiert diese Entwicklung für die Jahre von 2022 bis 2025. Sie zeigt den Weg der Journalistengemeinschaft von Schock und Mobilisierung über Erschöpfung und Anpassung, bis zur reiferen Arbeit unter Kriegsbedingungen. Die wichtigste Schlussfolgerung der Studie: Der ukrainische Journalismus hat überlebt. Gleichzeitig sieht er sich großen Problemen gegenüber.

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Die sich langsam entwickelnde Personalkrise

In den vier Kriegsjahren hat die ukrainische Medienlandschaft einen stillen, aber radikalen Wandel ihrer Prioritäten erlebt. Während Journalist:innen 2022 vor allem über Sicherheit und physisches Überleben sprachen, steht heute die langsame, zermürbende Wirtschafts- und Personalkrise im Vordergrund. Journalist:innen haben gelernt, unter Beschuss zu arbeiten, aber ihre Energie schwindet und ihre Geldbeutel leeren sich.

Psychische Erschöpfung gehört bereits das dritte Jahr in Folge zu den drei größten Herausforderungen. Nach einem Höchststand von 82 % im Jahr 2023 ist der Wert im Jahr 2025 leicht auf 76% gesunken, aber dieser Schein der Besserung trügt. In Wirklichkeit ist Erschöpfung zur neuen Normalität geworden. Ukrainische Journalist:innen arbeiten unter ständiger Überlastung ohne ausreichende Erholung, mit einem hohen Maß an Angst und beruflichem Burnout. Die größte Gefahr ist hier langfristig: Die Branche riskiert nicht nur den Verlust von Ressourcen, sondern auch von Menschen.

Besonders beunruhigend ist die Entwicklung im Personalbereich. Während 2024 43 % der Medienvertreter:innen über Personalprobleme sprachen, waren es 2025 bereits 49 %. Die Gründe dafür sind bekannt: Journalist:innen werden mobilisiert, Fachkräfte verlassen das Land oder wechseln in besser bezahlte Bereiche. Die Redaktionen sind unfähig, mit den Gehältern zu konkurrieren. Der Markt verliert nach und nach erfahrene Fachkräfte, und der Nachwuchs wächst langsamer, als der Bedarf steigt.

Es gibt jedoch auch Hinweise auf eine erfolgreiche Anpassung. Der Anteil der Journalist:innen, die sich über alltägliche Schwierigkeiten bei der Arbeit beklagen, ist von 67 % im Jahr 2022 auf 37 % im Jahr 2025 gesunken.

Redaktionen haben gelernt, ohne Büros, während Stromausfällen und in verteilten Teams zu arbeiten.

Die technologische und organisatorische Flexibilität der ukrainischen Medien erwies sich als deutlich höher als zu Beginn der Invasion zu erwarten war. Diese Anpassung hat jedoch auch eine Kehrseite: Bei der Lösung operativer Probleme stieß die Branche auf wesentlich komplexere finanzielle und personelle Probleme.

Wie Verarmung und Erschöpfung den Beruf verändern

Die finanzielle Lage ukrainischer Journalist:innen ähnelt zunehmend einer langsamen Verarmung. Obwohl sich der Anteil derjenigen, die über eine Verschlechterung ihres persönlichen Einkommens berichten, formal in den Jahren 2024 und 2025 bei 42,5 % stabilisiert hat – nach einem Höchststand von 61,3 % im Jahr 2022 – bedeutet dies keine echte Entlastung. Die größte Gruppe der Medienvertreter:innen im Jahr 2025 mit 43% gibt zwar an, dass sich ihre finanzielle Lage „nicht verändert” habe, aber angesichts der Inflation und des Anstiegs der Wechselkurse bedeutet dies in der Praxis einen Verlust an Kaufkraft. Bezeichnenderweise schwindet der wirtschaftliche Optimismus: Nach dem Spendenaufschwung im Jahr 2023 sank der Anteil derjenigen, die eine Verbesserung ihres Einkommens verzeichneten, auf 14,5 %. Das wirft die Branche fast wieder auf das Krisenniveau zu Beginn der Invasion zurück. Der Beruf tritt in eine Phase chronischer Stagnation ein, in der finanzielles Wachstum eher die Ausnahme als die Regel ist.

Parallel dazu findet eine noch gefährlichere Verschiebung von akutem Stress zu chronischer psycho-emotionaler Erschöpfung statt. Im Jahr 2025 berichtete die Hälfte der Journalisten von ständiger Müdigkeit, 36 % haben Schlafprobleme und 38 % Konzentrationsschwierigkeiten, was sich auch direkt auf die Qualität ihrer Arbeit auswirken kann.

Besonders beunruhigend ist der Anstieg des Gefühls der Hoffnungslosigkeit auf 34 % und die Tatsache, dass 61 % der Medienmitarbeiter:innen nicht für die Zukunft planen – ein Indikator für ein „eingefrorenes Leben”, der sich seit zwei Jahren kaum verändert hat.

Am größten ist der Rückgang des Anteils derjenigen, die Hoffnung und Glauben an einen Sieg der Ukraine haben: von 72 % im Jahr 2022 auf nur noch 14 % im Jahr 2025. Das zeigt deutlich, dass die emotionalen Ressourcen erschöpft sind und die Journalistengemeinschaft in einen Modus des langfristigen psychologischen Überlebens übergegangen ist.

Ukrainische Journalist:innen stützen sich dabei in erster Linie auf private Ressourcen. Die wichtigste Säule sind seit vier Jahren in Folge Familie, Kinder und Haustiere. Gerade der persönliche Raum spielt also eine Schlüsselrolle für die emotionale Stabilisierung. Für einen Teil der Medienvertreter:innen wird die Arbeit auch zu einem Mittel, ihr inneres Gleichgewicht zu bewahren – 29 % beschreiben sie als eine Art „Therapie durch Aktion”. Weitere Stützen sind Weiterbildung und Selbstentwicklung mit 28%, sowie der Austausch mit Kollegen und Freunden mit 26%. Dieser trägt dazu bei, das Gefühl der beruflichen Gemeinschaft aufrechtzuerhalten.

Gleichzeitig gibt der Anstieg des Anteils derjenigen, denen nichts hilft auf 6%, Anlass zur Sorge: Es handelt sich um einen kleinen, aber symptomatischen Kern tiefer Apathie, der sich unter den Bedingungen eines langwierigen Krieges ausweiten könnte.

Die größte Schwachstelle des Erholungssystems bleibt das fast vollständige Fehlen professioneller psychologischer Unterstützung. Nur 12 % der Journalist:innen nehmen Psychotherapie oder medikamentöse Hilfe in Anspruch, und nur 5 % nutzen Sport als Mittel gegen Stress. Vor diesem Hintergrund tritt der Mediensektor in eine Phase der systemischen Überlastung ein: Der Anteil derjenigen, die überdurchschnittlich viel arbeiten, stieg von 49 % im Jahr 2022 auf 66 % im Jahr 2024. Trotz eines gewissen Rückgangs des Gefühls der Zensur auf 26% sind Einschränkungen weiterhin spürbar, oft in Form von Selbstzensur. 7 % der Medienmitarbeiter:innen bekunden ihre Absicht, den Beruf aufzugeben. Angesichts des Personalmangels birgt dies das Risiko einer langsamen, aber spürbaren Ausblutung der Branche, die sich bisher hauptsächlich auf die internen Ressourcen ihrer Mitarbeiter:innen stützt.

Die wichtigste Schlussfolgerung aus der Entwicklung der letzten vier Jahre erscheint paradox. Die ukrainischen Medien sind institutionell stärker geworden, aber ressourcenmäßig schwächer. Sie haben gelernt, im Krieg zu arbeiten, neue Sicherheitspraktiken entwickelt, die Zusammenarbeit mit dem Staat ausgearbeitet und sich technologisch an die Krisenbedingungen angepasst. Gleichzeitig tritt die Branche in eine Phase anhaltender finanzieller, personeller und psychologischer Erschöpfung ein. Und wenn zu Beginn des Krieges die wichtigste Frage lautete: „Wie überleben wir heute?“, stellt sich nun immer dringlicher eine andere: Reichen die ukrainischen Medienressourcen aus, um den Marathon eines langen Krieges durchzuhalten?

Dieser Artikel wurde zunächst am 25. Februar 2026 auf der ukrainischen Seite des EJO veröffentlicht. Ins Deutsche übersetzt von Judith Odenthal mithilfe von DeepL.

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