Krasse Unterschiede

8. April 2019 • Qualität & Ethik • von

Öffentlich finanzierte Medienunternehmen verdanken ihre Existenzberechtigung nicht den Quoten. Zu messen wäre, welche Leistungen sie für welche Zielgruppen erstellen.

Was für atemberaubende Differenzen in Europa: Die Einwohner Deutschlands steuern kaufkraftbereinigt rund das 15-fache zur Finanzierung öffentlichen Rundfunks bei wie die Einwohner Polens zu ihrem Staatsfunk. Nicht ganz so stark variiert der Programmumfang, der zur „Grundversorgung“ für nötig gehalten wird: Das Spektrum reicht von 90 (!) öffentlich-rechtlichen Radio- und TV-Programmen in Deutschland bis zu neun Programmen in Lettland und Schweden. Entsprechend variieren die Programmstunden: 800.000 sind es in Deutschland jährlich, die Letten und Schweden müssen sich mit 80.000, also einem Zehntel davon begnügen.

Noch interessanter ist ein Vergleich der Programm-Kosten, denn auch wenn öffentliche Rundfunkanbieter keine Gewinnmaximierung verfolgen, sollen sie ja keine öffentlichen Mittel verschwenden. Die höchsten Produktionskosten pro Sendestunde hat mit 12.378 Euro Deutschland, die niedrigsten mit 342 Euro Lettland. Dort wird offenbar sehr viel mehr kostengünstiges Radio- als teures TV-Programm produziert. Aber selbst wenn man das berücksichtigt, bleiben die Unterschiede gigantisch.

Diese und weitere Einsichten verdanken wir einem Forscherteam um Tobias Eberwein (Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien), das soeben die ersten Daten eines europaweiten Vergleichs von „Kennzahlen des öffentlichen Rundfunks“ publiziert hat. Untersucht haben die Wissenschaftler 17 Länder. Noch spannender dürfte es werden, wenn sie demnächst ihre Erkenntnisse zum Output präzisieren, denn da sind Reichweiten, welche die Forscher ebenfalls nennen, schlichtweg keine geeigneten Indikatoren. Öffentlich finanzierte Medienunternehmen verdanken schließlich ihre Existenzberechtigung gerade nicht den Einschaltquoten. Zu messen wäre – und das ist viel schwieriger -, welche Leistungen sie für welche Zielgruppen im Interesse des Gemeinwohls erstellen, die kommerzielle Medien nicht erbringen können. Krimi-Exzesse im Hauptabendprogramm und Nachrichtensendungen bei ARD und ZDF, die zur Hälfte von der Sportredaktion bestückt werden, gehören ganz gewiss nicht dazu.

Der zitierte Forschungsbericht ist erschienen in: Jan Krone/Andreas Gebesmair (Hrsg.): Zur Ökonomie gemeinwohlorientierter Medien. Massenkommunikation in Deutschland, Österreich und der Schweiz, Baden-Baden: Nomos, 2019, S. 187-208

Erstveröffentlichung: tagesspiegel.de vom 7. April 2019 

Bildquelle: pixabay.de

 

 

 

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