Schweiz: Jeder vierte Artikel basiert auf Agenturen

13. Februar 2018 • Qualität & Ethik • von

Die Schweizer Nachrichtenagentur SDA hat im Januar Kürzungspläne angekündigt, die weitreichende Folgen für den Informationsjournalismus in der Schweiz haben werden. Wie eine Studie des fög der Universität Zürich zeigt, stammen mehr als zwei Drittel der Agenturmeldungen in Schweizer Medien von der SDA. Insgesamt basiert rund ein Viertel der Inhalte in Schweizer Medien vollständig oder teilweise auf Meldungen von Nachrichtenagenturen.

Seit Anbeginn des professionellen Journalismus nehmen Nachrichtenagenturen eine wichtige Funktion ein. Sie liefern einen wertvollen Rohstoff für die Arbeit in den Redaktionen. Wer im Ausland oder in bestimmten Regionen keine Korrespondenten hat, kann auf die geprüften Inhalte von Nachrichtenagenturen zurückgreifen. Trotz der Verlagerung der journalistischen Recherche ins Netz bilden Nachrichtenagenturen eine vertrauenswürdige Quelle für Informationen, die gerade im schnelllebigen Onlinebusiness nicht immer eigenständig vor Ort geprüft werden können.

Diese Studie hat untersucht, welche Bedeutung Nachrichtenagenturen für die Schweizer Medien haben. Dazu verwenden wir Daten des Jahrbuchs Qualität der Medien. Diese liegen der Berechnung des dort erstellten Qualitäts-Score zugrunde und werden über eine manuelle Inhaltsanalyse erhoben. Es wurden 20 reichweitenstarke Newssites und 26 Zeitungen untersucht. In einem zweiten Teil wird die Bedeutung der Schweizerischen Depeschenagentur SDA und anderen Nachrichtenagenturen mittels automatisierter Inhaltsanalyse ermittelt.

Agenturen liefern Information für rund einen Viertel der Medienberichterstattung

Rund ein Viertel der Inhalte in Schweizer Medien (24%) basiert vollständig (15%) oder teilweise (9%) auf deklarierten Agenturmeldungen (vgl. Abb. 1). Demgegenüber werden 62% der Berichterstattung durch die Redaktionen erstellt. Basis der Untersuchung bildet die Zeichnung der Artikel durch die Redaktionen selbst. Bei 13% aller untersuchten Artikel fehlen jedoch jegliche Angaben zur Quelle (keine Zeichnung), so dass nicht erfasst werden konnte, ob es sich um einen Agentur-Beitrag handelt. Tatsächlich wäre die Bedeutung von Agenturmeldungen in der Medienberichterstattung deshalb noch größer. Eine frühere Studie des fög zeigte denn auch, dass es einen erheblichen Anteil an nicht-deklarierten Agenturmeldungen gibt (vgl. Eisenegger, Oetiker und Schranz, 2013).

Abb. 1. Die Grafik zeigt Anteile von Agenturbeiträgen, redaktionellen Beiträgen und Beiträgen ohne Zeichnung am Total der Berichterstattung im gesamten untersuchten Mediensample.

Die Agenturanteile hängen stark von den Mediengattungen und Typen ab. Generell werden auf den Newssites mehr Agenturmeldungen verarbeitet (33%) als in den Pressetiteln (18%). Auf den Newssites sind die Agenturbeiträge zudem rund doppelt so lange (durchschnittlich 2185 Zeichen) wie in den gedruckten Zeitungen (1085 Zeichen). Für die Onlineausgabe spielen Überlegungen zu Positionierung und Selektion keine so starke Rolle wie bei der gedruckten Ausgabe. Die Rolle von Agenturmeldungen hängt auf den Newssites folglich weniger stark von den Medientypen ab.

Stärkere Unterschiede zwischen den Medientypen können bei der Presse festgestellt werden (vgl. Abb. 2). Die Abonnementspresse (25%) setzt am stärksten auf Agenturmeldungen. Hier werden viele kurze Agenturmeldungen abgedruckt, die meist eine Ergänzung zum redaktionellen Angebot darstellen. Die Sonntagspresse (5%) verwendet fast keine Agenturmeldungen. Ihr Geschäftsmodell ist weniger durch Tagesaktualität getrieben, sondern basiert auf Hintergrund und Einordnung. Agenturmeldungen sind daher weniger relevant. Bei der Boulevard-Presse ist der Anteil an ausgewiesenen Agenturmeldungen tief (4%), der Anteil an Artikeln ohne Zeichnung durch die Redaktion hingegen besonders hoch (44%). Die Studie aus dem Jahr 2013 (Eisenegger, Oetiker und Schranz) zeigt, dass ein substanzieller Teil dieser nicht gezeichneten Artikel auf Agenturmeldungen beruht.

Abb. 2. Die Grafik zeigt für die Medientypen die Anteile von Agenturbeiträgen, redaktionellen Beiträgen und Beiträgen ohne Zeichnung am jeweiligen total der Berichterstattung.

Agenturmeldungen wichtig für Politikberichterstattung und internationale Themen

Nicht für alle Themen sind Agenturmeldungen gleich wichtig. Insgesamt fokussieren 32% der Beiträge, die integral oder partiell auf Agenturmeldungen basieren, auf Politik (vgl. Abb. 3). Ebenfalls wichtig sind Agenturen für die Berichterstattung über Human-Interest-Themen (29%). Rund 16% der abgedruckten Agenturmeldungen befassen sich mit Sport und 15% mit Wirtschaft. Am wenigsten Agenturmeldungen werden für die Kulturberichterstattung (8%) verwendet. Im Vergleich zu den Anteilen der Themen in der redaktionellen Berichterstattung kann ein Untergewicht an Kulturberichterstattung (-8PP) und ein Übergewicht an Politikberichterstattung (+4PP) gemessen werden. Die Anteile von Human Interest, Sport und Wirtschaft sind in der redaktionellen Berichterstattung relativ ähnlich.

Abb. 3. Die Grafik links zeigt die Verteilung der Agenturbeiträge nach verschiedenen Themenbereichen. Die Grafik rechts zeigt die Über- bzw. Unterverteilung im Vergleich zur redaktionellen Berichterstattung in Prozentpunkten.

Agenturmeldungen erfüllen eine besonders wichtige Funktion im Bereich der Auslandberichterstattung. Vor allem für Medien, die sich keine teuren Korrespondentennetze leisten möchten oder können. Unsere Analyse zeigt, dass 65% der deklarierten Agenturmeldungen in Schweizer Medien einen internationalen Fokus haben (vgl. Abb. 4). Demgegenüber stützt sich die nationale (20%) und lokale Berichterstattung (15%) eher weniger auf Agenturmeldungen, da Journalisten vor Ort präsent sein können. Der Anteil der Agenturbeiträge an der Auslandberichterstattung ist um 18 Prozentpunkte höher als in der redaktionellen Berichterstattung. Für die regionale Berichterstattung ist der Anteil Agenturmeldungen dafür deutlich tiefer (-11 PP). Die gilt etwas abgeschwächt auch für Berichterstattung mit einem nationalen Fokus (-6PP).

Abb. 4. Die Grafik links zeigt die Verteilung der Agenturbeiträge nach geografischem Fokus (Bezugsraum) in den Meldungen. Die Grafik rechts zeigt die Über- bzw. Unterverteilung im Vergleich zur redaktionellen Berichterstattung in Prozentpunkten.

SDA wichtigste Nachrichtenagentur der Schweiz

Die wichtigste Nachrichtenagentur in der Schweiz ist eindeutig die SDA (vgl. Abb. 5). 71% der Agenturmeldungen in Schweizer Medien gehen auf ihr Konto. Weit abgeschlagen folgen die AFP (Frankreich, 15%), die DPA (Deutschland, 6%) und Reuters (USA, 5%). Die weiteren untersuchten Agenturen AWP (Schweiz), ANSA (Italien), Bloomberg (USA), APA (Österreich), TASS und Interfax (beide Russland) kommen zusammen auf einen Anteil von sehr geringen 3%. Schweizer Medien orientieren sich in den verschiedenen Sprachregionen jeweils auch an der Agentur aus dem angrenzenden Ausland. In Medien der französischsprachigen Schweiz ist der Anteil an Inhalten von ausländischen Agenturen höher als in der Deutschschweiz. Sie benutzen hauptsächlich Inhalte der AFP in ihrer Berichterstattung. Deutschschweizer Medien verwenden hauptsächlich die Meldungen der DPA, wenn sie nicht auf SDA zurückgreifen. Die Verwendung von ausländischen Agenturen hängt auch vom Medientyp ab. Für die gedruckten Ausgaben der Qualitätsmedien Neue Zürcher Zeitung (NZZ) und Le Temps sind ausländische Agenturen (18% bzw. 19%) sogar wichtiger als die SDA (13% bzw. 15%).

Abb. 5. Die Grafik zeigt die Anteile der einzelnen Agenturen am Total der Berichterstattung, die teilweise oder integral auf Agenturmeldungen beruht.

 Konsequenzen des Ressourcenabbaus

Die SDA hat als Zulieferer von Basisinformationen für den Schweizer Medienmarkt eine elementare Bedeutung. Ein Abbau oder Strategiewechsel hin in Richtung Gewinnmaximierung dürfte deshalb weitreichende Folgen haben. Zum einen sind ökonomische Auswirkungen auf die Akteure des Medienmarktes zu erwarten. Vor allem für kleinere Verlage wäre es problematisch, wenn die SDA ihre Dienstleistung abbaut oder immer teurer verkauft. Dies hätte negative Auswirkungen auf die Vielfalt der Themen in diesen Medien. Zudem hätte dies eine Vernachlässigung der Auslandberichterstattung zur Folge, da diese bereits jetzt zu einem hohen Masse auf Inhalte der SDA abgestützt ist. Dies in einer Zeit, in der im Zuge des Abbaus des Korrespondentennetzes die Auslandberichterstattung ohnehin bereits an Bedeutung eingebüßt hat.

Die SDA hat somit auch aus einer medienpolitischen Sicht eine wichtige Funktion für die Schweiz. Sie ermöglicht eine Perspektive aus der Schweiz ins Ausland, insbesondere in Medien mit geringen Ressourcen. Die SDA nimmt deshalb im schweizerischen Mediensystem eine zentrale Stellung ein. Gerade deshalb darf die Frage, welche Strategie die SDA in Zukunft verfolgt, nicht nur eine medienökonomische Frage sein.

Bildquelle: pixabay.com 

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