Bürgerjournalismus in der Türkei: Nur eine Quelle

19. Juli 2019 • Forschung aus 1. Hand, Qualität & Ethik • von

Eine aktuelle Studie zeigt: Obwohl professionelle Journalisten in der Türkei die Arbeit von Bürgerjournalisten schätzen, zögern sie, mit ihnen zusammen zu arbeiten.

Nach den Gezi-Park-Protesten 2013 ging die türkische Regierung noch härter gegen unabhängige Medien vor.

Der Journalismus in der Türkei ist geprägt von immer strengeren Einschränkungen der Meinungsfreiheit. Dies zeigt sich in der ständig zunehmenden staatlichen Überwachung sowohl der Mainstream- als auch der alternativen Medien, die von den Eigentümern regierungsfreundlicher Konglomerate wie der Mediengruppen Demirören, Turkuvaz, Dogus und Ciner noch vorangetrieben wird.

Alternative Stimmen sind durch die Inhaftierungen vieler Journalisten und durch Einschränkungen der Internetfreiheit weiter geschwächt worden. Ereignisse wie die Gezi-Park-Proteste von 2013 und der Putschversuch von 2016 wurden von der Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan als Vorwand benutzt, um die zunehmende Unterdrückung der Opposition und ein hartes Durchgreifen gegen unabhängige Medien zu „rechtfertigen”.

Diese Bedingungen haben den Spielraum reduziert, in dem alternative und oppositionelle Medien tätig sein können, sodass die wenigen, die heute noch aktiv sind, sich nicht auf traditionelle Weise entwickeln konnten, sondern kreative Wege finden mussten. Professionelle Journalisten, die ihre Arbeitsplätze in den Mainstream-Medien verloren haben, haben neue Online-Nachrichtenmedien gegründet, und auch viele Bürger, die zur Teilnahme an Protestbewegungen inspiriert wurden, haben sich an der Gründung neuer Medien beteiligt.

Um das Verhältnis zwischen professionellem Journalismus und Bügerjournalismus in der Türkei besser verstehen zu können, haben wir 306 professionelle Journalisten, die sowohl bei Mainstream- als auch bei alternativen Medien arbeiten, quantitativ befragt.

Eine unbehagliche Beziehung?

Der daraus resultierende Bericht „Citizen Journalism: A Dilemma for Professional Journalists“ konzentriert sich auf die Bereiche, in denen es ein Interaktionspotenzial zwischen professionellen Journalisten und Bürgerjournalisten gibt, wie z.B. bei der Produktion von Nachrichten und der Nutzung  von neuen Technologien und Social Media. Auch die Auswirkungen, die der im Juli 2016 verhängte Ausnahmezustand auf die Produktion und das Teilen von Nachrichten hatte, kommt darin zur Sprache. Schließlich fasst der die Ansichten von professionellen Journalisten über Bürgerjournalismus zusammen.

Wichtigste Ergebnisse

  • Professionelle Journalisten in der Türkei haben es schwer, sich von der starren Vorstellung einer “idealen” Form des Journalismus zu lösen (definiert als objektiv und unvoreingenommen) – ein Ideal, das unter den gegenwärtigen politischen Bedingungen praktisch unmöglich zu erreichen ist. Sie werden auch durch die Arbeitspraktiken der Manager der Medienunternehmen, bei denen sie arbeiten, eingeschränkt. Dies gilt insbesondere für Journalisten, die in den Mainstream-Medien arbeiten, da diese hauptsächlich im Besitz von regierungsfreundlichen Unternehmen sind, und weniger für Journalisten, die für alternative Medienplattformen arbeiten.
  • Viele professionelle Journalisten neigen dazu, die „aktivismusorientierten“, „gerechtigkeitsorientierten“ oder „lokalen“ Aspekte des Bürgerjournalismus zu ignorieren. Sie definieren den Bürgerjournalismus eher als Quelle für ihre eigene Arbeit – aber selten als eine eigenständige Form der Berichterstattung, die als Inspiration für einen anderen Ansatz des Journalismus dienen könnte.
  • Professionelle Journalisten heben oft das Potenzial des Bürgerjournalismus als Quelle für neuartiges Material hervor und weisen gleichzeitig daraufhin, dass die Verwendung dieses Materials Risiken birgt, da es nicht immer ersichtlich ist, ob bei der Produktion des Materials journalistische Kodizes beachtet wurden.
  • Professionelle Journalisten sehen den Bürgerjournalismus in erster Linie als eine Möglichkeit, Informationen über zivilgesellschaftliche Initiativen zu erhalten, die von den Mainstream-Medien ignoriert werden.
  • Sie sind jedoch der Ansicht, dass sich die von den Bürgern bereitgestellten Inhalte noch in einem Rohzustand befinden und einer weiteren Überarbeitung bedürfen, bevor sie veröffentlicht werden können. Viele professionelle Journalisten halten Bürgerjournalisten für unerfahren und erkennen ihnen journalistische Fähigkeiten ab. Die Hälfte der befragten Journalisten äußerte die Befürchtung, dass der Bürgerjournalismus, wenn er sich breiter etabliert und vom Publikum akzeptiert wird, die Verbreitung von Desinformationen fördern könnte.

Wie könnte sich die Beziehung entwickeln?

Die Antworten auf die Frage, wie sich die Beziehungen der Berufsjournalisten zu den Bürgerjournalisten in Zukunft entwickeln könnten, lassen sich in drei Hauptthemen gliedern:

Zusammenarbeit: Die häufigste Antwort war, dass der Bürgerjournalismus in Zukunft als Teil der aktuellen professionellen Journalismuspraxis gesehen werden könnte, entweder „in Form einer Zusammenarbeit mit ihm oder als Erweiterung davon“. Aus dieser Perspektive werden die Bürger „weiterhin die konventionellen Medienplattformen mit den notwendigen Informationen und Daten versorgen, um professionelle Journalisten zu unterstützen, aber es werden professionelle Journalisten sein, die letztendlich die Nachrichten kuratieren und veröffentlichen“.

Unabhängigkeit: Die zweite Tendenz sieht den Bürgerjournalismus als unabhängig vom professionellen Journalismus und geht davon aus, dass der Bürgerjournalismus seine eigenen Praktiken und Definitionen weiterentwickeln wird. Die Herausforderungen der Arbeit in den Mainstream-Medien veranlassen viele türkische professionelle Journalisten, den Bürgerjournalismus als eine praktikable Alternative zum konventionellen Journalismus und möglicherweise als Mittel zur Überwindung dieser Schwierigkeiten zu betrachten.

Bedrohung: Die dritte Tendenz unter den professionellen Journalisten besteht darin, zu glauben, dass „die Praktiken des Bürgerjournalismus nicht als Journalismus angesehen werden können und eine Bedrohung für den professionellen Journalismus darstellen“. Die Zahl der Journalisten, die den Bürgerjournalismus als Bedrohung für die Zukunft ihres Berufs sehen, ist jedoch recht gering.

Der Bericht „Citizen Journalism: A Dilemma for Professional Journalists“ fasst die Ergebnisse eines Forschungsprojekts zusammen, das mit Unterstüzung der Guardian Foundation und des norwegischen sozialwissenschaftlichen Verbandes Samfunnsviterne durchgeführt wurde. Projektleiter war Yunus Erduran, der den Bericht zusammen mit Bora Ataman und Barış Çoban, beide am Department of Communication Sciences der Doğuş University, Istanbul, mitverfasste.

Übersetzung aus dem Englischen von Johanna Mack.

Bildquelle: Istanbul Resist #5 von Murat Livaneli, Flickr/CC BY 2.0

 

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