Die Prognosekraft der Wirtschaftsberichterstattung

21. Mai 2014 • Ressorts • von

Viel von unserem Wissen zum aktuellen Wirtschaftsgeschehen beziehen wir aus den Nachrichten. Nachrichten können auch unsere Zukunftserwartungen färben. So lassen uns positive Wirtschaftsnachrichten optimistischer in die Zukunft blicken und umgekehrt. Wie ist das aber bei Wirtschaftsexperten?

Interessanterweise lassen sich auch unter gewissen Bedingungen Wirtschaftsexperten von Wirtschaftsnachrichten beeinflussen. Am Beispiel von ARD Tagesschau und ZDF heute zeigt sich, dass beide die Expertenerwartungen zum zukünftigen Konsum „vorhersagen“.

Bei einer positiven Stimmung der Wirtschaftsnachrichten erwarten Wirtschaftsfachleute, dass mehr eingekauft wird – bei einer negativen Stimmung, dass weniger eingekauft wird. Dagegen können die Wirtschaftsnachrichten der Tagesschau des Schweizer Fernsehens die Erwartungen von Schweizer Experten nicht vorhersagen.

Eigentlich sollten sich Wirtschaftsexperten weniger von der allgemeinen Wirtschaftsberichterstattung leiten lassen, weil sie auf exklusive direkte Erfahrungen und Spezialmedien wie Fachzeitschriften sowie Nachrichten-und Wirtschaftsmagazine zurückgreifen. Ihre Erwartungen stimmen immerhin nicht in jedem Fall mit der ARD- und ZDF-Wirtschaftsberichterstattung überein. Die Vorhersagbarkeit ergibt sich aber dann, wenn es sich um das Verhalten einer großen, sozial diffusen Gruppe, wie der allgemeinen Bevölkerung, handelt und wenn die allgemeine Wirtschaftslage unsicher ist. Konkret zeigt sich dies anhand der sinkenden und steigenden Konsumausgaben nach Beginn der Finanzkrise.

In Zeiten der Wirtschaftskrise sind private Konsumausgaben schwerer einzuschätzen, weshalb sich Wirtschaftsexperten an der Berichterstattung orientieren. Sie mutmaßen offenbar, dass die Bevölkerung den Nachrichten Hinweise zur Wirtschaftsentwicklung entnimmt und sich entsprechend verhält. Folglich sollte nach zuversichtlichen Nachrichten mehr und nach pessimistischen Berichten weniger Geld ausgegeben werden. Der Tenor der Wirtschaftsberichterstattung scheint den Experten also implizit Hinweise auf das Meinungsklima in der Bevölkerung zu vermitteln. Zusätzlich berichten die Hauptnachrichten auch über die Konsumstimmung. Durch diese Annahmen der Experten ergibt sich der Effekt, dass die Berichterstattung ihre Erwartungen vorhersagen kann.

Während die Konsumeinschätzungen der deutschen Wirtschaftsexperten deutlich von den beiden Nachrichtensendungen in ARD und ZDF beeinflusst werden, zeigen Schweizer Wirtschaftsexperten bei ihren Vorhersagen hingegen keine Einflüsse durch die Wirtschaftsberichterstattung der SRF Tagesschau. Vermutlich liegt das am Themenschwerpunkt Branchen- und Unternehmensberichterstattung sowie an einer geringeren Anzahl von Berichten zur Wirtschaft in der SRF Tagesschau verglichen mit der ARD Tagesschau und ZDF heute. Zu unternehmerischen Investitionen haben Wirtschaftsnachrichten für die Expertenerwartungen keine Prognosekraft. Egal ob positiv oder negativ – für Experten hängt die Investitionsfreude von Unternehmern nicht vom Tenor der Wirtschaftsnachrichten ab.

Die Ergebnisse beruhen auf einer Zeitreihenanalyse für die Jahre 2002-2006 sowie 2007-2011. Dabei wird verglichen, ob sich positivere Wirtschaftsnachrichten vor oder nach optimistischeren Erwartungen der Experten ergeben. Die von MediaTenor erhobenen Daten zur Wirtschaftsberichterstattung in den Hauptnachrichten der öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland und in der Schweiz wurden dazu mit Umfragedaten der World Economic Survey verknüpft. Bei dieser Verknüpfung bleibt jedoch ungeklärt, inwieweit die befragten Wirtschaftsexperten die TV-Hauptnachrichten tatsächlich nutzen. Daher kann nicht von einem direkten Einfluss, sondern von einer Vorhersagekraft der Wirtschaftsberichterstattung gesprochen werden.

Die Vorhersagekraft wird dabei mit dem sogenannten Granger-Kausalitätstest geprüft. Dieser testet, ob die Kombination von vergangenen Expertenerwartungen und vergangener Wirtschaftsberichterstattung die „aktuellen“ Expertenerwartungen besser vorhersagen. Dieser Test ist wichtig, da jetzige Erwartungen von Experten auch von ihren „gestrigen“ Erwartungen abhängen. Wirtschaftsberichterstattung muss eine zusätzliche Vorhersagekraft neben vergangenen Erwartungen besitzen, um als Granger-kausal zu gelten. Das ist für die ARD und ZDF Wirtschaftsnachrichten der Fall. Sie haben Prognosekraft für Expertenwertungen zur Konsumentwicklung. Das heißt, wenn die Stimmung der Wirtschaftsberichterstattung positiv ist, verbessern sich im folgenden Quartal auch die Expertenerwartungen.

Diese Studie wurde vom Schweizerischen Nationalfonds gefördert. Zur Veröffentlichung geht es hier: http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1424489613000647

Bildquelle: geralt / pixabay.com

 

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