Die Situation des unabhängigen russischsprachigen Journalismus – Ein Interview mit Zhanna Nemtsova

6. Februar 2024 • Internationales, Top • von

Zhanna Nemtsova. Bildquelle: Alexei Todoski

Die Situation für unabhängige russische Journalist:innen war schon vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine nicht einfach. Mit den jüngsten Entwicklungen wird es für nichtstaatliche russische Medien noch schwieriger, ihre Arbeit fortzusetzen. Viele Journalist:innen mussten ihr Heimatland verlassen und veröffentlichen nun aus dem Exil.

Zhanna Nemtsova ist selbst eine ehemalige Journalistin. Sie verließ ihr Heimatland, nachdem ihr Vater, der Oppositionspolitiker Boris Nemtsov, im Jahr 2015 von der russischen Regierung ermordet wurde. Sie gründete daraufhin die Boris-Nemtsov-Stiftung und organisiert in diesem Rahmen eine Sommerschule, um junge russischsprachige Menschen zu fördern, die sich für unabhängigen Journalismus und eine demokratische Zukunft Russlands interessieren. Auch durch einen russischsprachigen Studiengang an der Karls-Universität in Prag möchte sie Nachwuchsjournalist:innen ausbilden. Mit dem EJO hat Zhanna Nemtsova über die aktuelle Situation des unabhängigen russischsprachigen Journalismus sowie die Arbeitsmethoden und Ziele der Sommerschule gesprochen.

EJO: Wie würden Sie die aktuelle Situation des unabhängigen Journalismus in russischer Sprache beschreiben?

Zhanna Nemtsova: Der unabhängige Journalismus wird in Russland unterdrückt, er ist verboten. Deshalb sind die meisten unabhängigen russischen Journalist:innen jetzt im Exil. Die Mehrheit der unabhängigen Medienunternehmen haben ihre Teams ins Ausland verlagert – das ist sozusagen Offshore-Journalismus. Dennoch haben viele russische Medien, die aus dem Exil arbeiten, immer noch freiberufliche Journalist:innen im Land. Natürlich müssen sie sehr vorsichtig sein und die Sicherheitsprotokolle ernst nehmen. Diese Umstände machen eine unabhängige journalistische Arbeit enorm schwierig.

Da Russland immer mehr isoliert wird, ist es auch für Exil-Journalist:innen kompliziert, die Verbindung zu ihrem Publikum in Russland aufrechtzuerhalten.  Da sie im Ausland leben, verstehen sie wahrscheinlich weder die vorherrschenden Stimmungen im Land noch kennen sie die Bedürfnisse des russischsprachigen Publikums.

Welche Möglichkeiten gibt es noch für unabhängige Journalist:innen, mit dem russischsprachigen Publikum in Kontakt zu bleiben?

Die Möglichkeiten sind sehr begrenzt. Nach dem Einmarsch in die Ukraine wurden viele Medien und Social-Media-Plattformen blockiert und können nur noch über einen VPN erreicht werden. Aber das Informationsministerium macht diese VPNs konsequent zunichte, sodass man neue VPNs benutzen muss. Die Regierung versucht, unabhängige journalistische Medien von ihrem Publikum im Land abzuschneiden, um ihren Einfluss zu verringern. Und das funktioniert. Die Menschen sind es leid, sich diese zusätzliche Mühe zu machen, und sie nutzen gesperrte Plattformen viel weniger als früher. Nur Telegram und YouTube sind nicht blockiert, sodass die meisten Exil-Medienplattformen dort ihre Kanäle haben.

Es sind also hauptsächlich technische Schwierigkeiten, die den Zugang zu unabhängigen Informationen in Russland behindern?

Nicht nur, ein weiteres großes Problem ist die Nachrichtenvermeidung. Es gibt so viele negative Informationen über den laufenden Krieg, den Russland gegen die Ukraine führt, dass die Menschen begonnen haben, Nachrichten zu meiden. Dies ist auch eine Folge der politischen Strategie des Regimes: In der Anfangsphase des Krieges gab es viele verschiedene Erklärungen für den Einmarsch in die Ukraine. “Wenn wir nicht in die Ukraine einmarschiert wären, hätte uns die NATO angegriffen”, “Wir sind in die Ukraine einmarschiert, weil es dort Faschismus gibt” und so weiter. Das war eine sehr kluge Strategie, denn irgendwann waren die Menschen so verwirrt, dass sie sagten: “Wir werden nie die ganze Wahrheit erfahren”. Sie haben im Grunde aufgegeben, zu verstehen, was in der Ukraine vor sich geht. Darüber hinaus behauptet die Regierung, dass ausländische Medien Russland ruinieren wollen und dass man daher Nachrichten aus dem Ausland nicht vertrauen könne. Neben den technischen Schwierigkeiten muss man also auch dieses unglaubliche Misstrauen überwinden.

Und schließlich hat der unabhängige russische Journalismus auch mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Da viele Medienunternehmen kriminalisiert wurden, müssen sie in Europa andere Geschäftsmodelle finden. Das ist nicht einfach und kann auch dazu führen, dass man sich zu sehr auf Geldgeber verlässt, was wiederum die Qualität der journalistischen Arbeit beeinträchtigen kann.

Worin sehen Sie derzeit die Aufgaben der im Exil lebenden russischen Dissidenten?

Ich erwarte nicht, dass das Putin-Regime in absehbarer Zeit zusammenbricht. Was wir jetzt haben, ist also Zeit. Und das Gute an der Zeit ist, dass man sich eine gute Strategie ausdenken kann. Mit der Nemtsov-Stiftung wollen wir eine neue Generation künftiger russischer Führungskräfte ausbilden. Denn anders als in Deutschland haben nicht-regimetreue Menschen in Russland seit über zwanzig Jahren keine Chance mehr, für öffentliche Ämter zu kandidieren, gewählt zu werden oder in staatlichen Einrichtungen zu arbeiten. Was die Medien anbelangt, so haben die jüngeren Journalist:innen nie Erfahrungen mit der Arbeit für große Medien gemacht, sondern waren meist im so genannten aktivistischen Journalismus tätig. Sie wissen also sehr wenig darüber, wie man in diesem Bereich arbeitet und wie man sich gut präsentiert. Wir müssen diese Menschen ausbilden; wir brauchen Tausende von qualifizierten jungen Menschen, um den Übergang zur Demokratie möglich und nachhaltig zu gestalten. Das Schlimme an der Zeit ist jedoch: je länger Putin an der Macht ist, desto negativer wird sich das auf das Land auswirken, und es wird viel schwieriger sein, es wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Jedes Jahr Putinismus bedeutet ein weiteres Jahr der Indoktrination, der Isolation und der Abkehr von der westlichen Zivilisation.

Sie haben gerade über diese zukünftigen Aktivist:innen, Journalist:innen und Anführer:innen gesprochen. Sehen Sie die Möglichkeit, dass diese Menschen die Demokratie aus dem Exil heraus wiederbeleben können, oder müssen sie eines Tages nach Russland zurückkehren und diesen Wandel im Lande selbst herbeiführen?

Wenn wir von der geringen Wahrscheinlichkeit sprechen, dass Russland zur Demokratie übergeht, dann denke ich, dass die Menschen in Russland die Initiative ergreifen werden. Aber sie werden eine Menge qualifizierter Leute brauchen, die ihnen helfen, und ich denke, dass die Exilgemeinschaft dazu beitragen kann. Aber um diese Leute zu bekommen, muss man sie ausbilden und eine lebendige Gemeinschaft aufrechterhalten, und genau das tun wir. Deshalb freue ich mich auch sehr, dass unsere Sommerschule nächstes Jahr nach Dortmund kommt. Unsere jungen Studierenden werden die Möglichkeit haben, sich mit den Studierenden der TU Dortmund auszutauschen, und das könnte einen sehr nachhaltigen Effekt für die Zukunft haben. In zehn Jahren könnten die Dortmunder Studierenden zu den wichtigsten Journalist:innen in Deutschland gehören, und wahrscheinlich werden unsere Journalist:innen oder Aktivist:innen eine wichtige Rolle in Russland, der Ukraine und Weißrussland spielen, und diese Verbindung ist sehr, sehr wichtig.

Sie erwähnten die Sommerschule, die Sie jedes Jahr organisieren, um junge russischsprachige Menschen auszubilden, die als Journalist:innen arbeiten möchten. Vergangenes Jahr fand sie in Bochum statt. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht, insbesondere im Hinblick auf den anhaltenden Krieg in der Ukraine?

Diesmal haben wir Ukrainer:innen und Russ:innen zusammengebracht, und das war natürlich ein großes Risiko. Aber ich habe die Position der Nemtsov-Stiftung zum Krieg sehr deutlich gemacht: Wir unterstützen die Ukraine in diesem Krieg und wir wollen, dass die Ukraine gewinnt. Ich denke, dass wahrscheinlich alle unsere Studierenden aus Russland, Belarus, der Ukraine und anderen Ländern diese Meinung teilen. Es gab keine Zusammenstöße, alle unsere Mentor:innen sprachen über die Ukraine, und wir hatten auch einige ukrainische Mentor:innen.

Eine Herausforderung ist, dass die Teilnahme an der Sommerschule für Menschen aus Russland ein großes Risiko darstellt. Denn die Nemtsov-Stiftung kann jederzeit auf eine schwarze Liste gesetzt werden. Jede:r russische Staatsbürger:in mit Wohnsitz in Russland, der oder die mit einer unerwünschten oder auf der schwarzen Liste stehenden Organisation in Verbindung steht, kann in Russland strafrechtlich verfolgt werden. In Bochum hatten wir also die mutigsten neun Studierenden aus Russland.

Warum steht die Nemtsov-Stiftung noch nicht auf der schwarzen Liste und haben die Studierenden, die die Sommerschule besucht haben, bereits Konsequenzen in Russland zu spüren bekommen?

Ich weiß nicht, warum wir noch nicht auf der schwarzen Liste stehen. Manchmal folgt sie keiner Logik. Wahrscheinlich sind wir noch unter dem Radar. Aber ich trete ziemlich öffentlich auf und mache deutlich, was meine Position gegenüber der Ukraine und Putin angeht. Es kann also jederzeit passieren.

Und natürlich sind sich unsere Studierenden aus Russland der Risiken bewusst, aber sie wollen trotzdem teilnehmen, weil sie im Moment nur sehr wenige Möglichkeiten haben, zu reisen. Wir versuchen, alles so sicher wie möglich für sie zu machen. So erlauben wir unseren Teilnehmenden beispielsweise nicht, Bildmaterial in den sozialen Medien zu veröffentlichen, und wir bitten sie, auf ihren Smartphones keine Spuren unserer Kommunikation zu hinterlassen. Wenn die russische Regierung jedoch Menschen verfolgen will, wird sie das tun. Aber soweit ich weiß, hat bis heute niemand in Russland irgendwelche Probleme im Zusammenhang mit der Nemtsov-Stiftung gehabt.

Wie erleben die Studierenden aus der Ukraine und Russland die Sommerschule?

Für die Ukrainer:innen ist diese Schule ein Rückzugsort, vor allem für diejenigen, die noch immer in der Ukraine leben. Denn sie erleben jeden Tag Herausforderungen. Selbst wenn sie in Kyiv sind.  Das ist hart, und deshalb ist die Summerschool für sie ein Ort, an dem sie ohne Luftalarm schlafen können, an dem ihnen keine Bomben auf den Kopf fallen. Und für die Teilnehmenden aus Russland ist es auch ein Rückzugsort, an dem sie einen Wechsel der Umgebung spüren können. Denn in Russland ist das Umfeld sehr toxisch und repressiv.

Worauf legen Sie bei der Ausbildung besonderen Wert und welche Werte wollen Sie den jungen Journalist:innen vermitteln?

Natürlich ist es ein Ausbildungsprogramm, das darauf abzielt, ihre Medienkompetenz zu verbessern. Wir haben nicht jedes Jahr das gleiche Programm. Wir versuchen, unser Programm auf die Bedürfnisse unserer Teilnehmenden abzustimmen. Sie sagen uns, was sie gut können, was sie schlecht können, was ihre Interessen sind, und so versuchen wir jedes Jahr, ein ganz anderes Programm zu entwerfen, um auf ihre Bedürfnisse einzugehen. Ich glaube sehr an die Vernetzung, nicht nur zwischen Studierenden aus einem Land, sondern auch zwischen Menschen aus verschiedenen Ländern, damit sie miteinander an verschiedenen Projekten arbeiten können. Ich möchte, dass sie sich mit den Medien vernetzen, damit sie als freiberufliche Journalist:innen für verschiedene Medien arbeiten können. Und schließlich möchte ich ihren Horizont erweitern, deshalb habe ich einige Kurse, die nichts mit Journalismus zu tun haben, sondern mit Kultur, Literatur, Film und wichtigen politischen Debatten.

In Russland sind die Menschen sehr russlandzentriert. Wir denken, dass sich die ganze Welt um unser Land dreht, das übrigens nur etwa 3 % des BIP ausmacht. Wenn man so sehr auf sein Land fixiert ist, versteht man so viele Dinge absolut falsch. Das Ziel dieses Programms ist es, ihre Sichtweise zu erweitern und ihnen zu zeigen, dass es nicht nur um Russland geht. Die Welt ist voll von anderen Ländern, anderen Umgebungen und anderen Herausforderungen.

Welche Pläne haben Sie für die diesjährige Sommerschule, die am Erich-Brost-Institut stattfinden wird?

Vergangenes Jahr hatten wir leider keine deutschen Studierenden. Dieses Jahr werden wir das anders machen. In der ersten Woche werden viele deutsche Studierende dabei sein, und alle unsere Kurse werden auf Englisch stattfinden. Ich finde es gut, dass die Teilnehmenden die Möglichkeit bekommen, sich mit den deutschen Studierenden zu unterhalten und zu erfahren, was in Deutschland vor sich geht. Denn unser Land ist sehr isoliert und es ist nicht einfach, einen deutschen Studierenden in Moskau zu finden. Das bedeutet, dass sie viele Vorurteile oder falsche Vorstellungen über Deutschland oder deutsche Studierende haben oder darüber, was Ihre Ideen sind. Ich denke, es wird eine sehr bereichernde Erfahrung sein, und ich freue mich sehr über die Zusammenarbeit zwischen deutschen Universitäten und der Nemtsov-Stiftung. Außerdem habe ich fünf Jahre in Deutschland verbracht, es ist also kein völlig fremdes Land für mich.

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