Lettland: Mehr Vertrauen in Zeitschriften als in Zeitungen

18. April 2017 • Internationales, Qualität & Ethik • von

Zeitungen in Lettland haben zu kämpfen. Die Leser werfen ihnen vor, in ihrer Berichterstattung die politischen Ansichten ihrer Besitzer zu unterstützen und misstrauen ihnen zunehmend. Zudem schrumpfen die Werbeeinnahmen, da Werbetreibende ihr Geld lieber für den wachsenden digitalen Mediensektor des Landes ausgeben. Aber trotz der düsteren Aussichten für gedruckte Nachrichten scheint in Lettland ein Bereich der Printmedien zu blühen: die Zeitschriften.

Special-Interest-Zeitschriften erzielen in Lettland höhere Umsätze als Tageszeitungen. Spitzenreiter sind Spartenmagazine über Wissenschaft und Geschichte, die jüngere Rezipienten ansprechen, und Zeitschriften, die sich auf Promi-News spezialisiert haben.

Aber auch Nachrichten-, Lifestyle-, Freizeit- und Gesundheits-Magazine werden immer populärer, wie eine Studie der Pressevertriebsdienstleister Preses Serviss und Narvesen zeigt, die vom Meinungsforschungsinsitut SKDS durchgeführt wurde.

Der letzte Baltic Media Health Check, der 2014/2015 vom Baltic Center for Investigative Journalism in Riga herausgegeben wurde, verzeichnete für viele Zeitschriften gleichbleibende oder sogar erhöhte Umsätze und Gewinne, während die Zeitungsumsätze in der Regel zurückgegangen sind und eine Reihe von Verlagen sogar Verluste verzeichnen musste.

Im Jahr 2015 gab es 322 Zeitschriftentitel mit einer Gesamtauflage von 29,3 Millionen Stück pro Jahr, so die letzten veröffentlichten Daten des Central Statistical Bureau in Lettland.

Die fünf meistverkauften Lifestyle-Magazine sind das Frauenmagazin Ieva, das im Jahr 2014 eine Auflage von 56 100 Exemplare hatte, die Promi-Magazine Kas Jauns (Auflage: 42 200) und Privata Dzive (Auflage: 50 500), das Feature-Magazin Ievas Stasti (Auflage: 45 700) und das Rezeptmagazin Ievas Virtuve (Auflage: 40 100). Viele dieser Magazine gibt es auch online. In der Studie sind aber nur Zahlen zu den Printtiteln erhoben worden.

Anda Rozukalne, Professorin für Kommunikationswissenschaft an der Riga Stradins Universität, meint, dass die Letten (besonders jene, die lettisch sprechen) mehr Zeitschriften als Zeitungen lesen, weil sie als „inspirierend“ und für den Alltag relevant gelten – oder zumindest diese Illusion erzeugen. Zeitungen und deren Online-Auftritte würden die Leser entweder als „politisch beeinflusst“ oder „voll von oberflächlichen Informationen, mit einer kurzen Haltbarkeit“ empfinden, so Rozukalne.

Ehemals beliebte Zeitungen verlieren an Glaubwürdigkeit

Das Magazin Ir, 2010 auf den Markt gekommen, verkauft sich nun besser als Diena, die die meistverkaufte lettischsprachige Tageszeitung des Landes war. Laut TNS Latvia hat Ir eine Reichweite von 70.000 Lesern pro wöchentlicher Ausgabe. Im Gegensatz dazu ist in den vergangenen neun Jahren die Auflage von Diena um 70 Prozent auf 30.000 Stück pro Tag gesunken. Im Jahr 2015 erwirtschaftete die Zeitung nur noch einen Gewinn von rund 60.000 Euro. Diena, einst die beliebteste Tageszeitung Lettlands, hat ihre Glaubwürdigkeit und Leser verloren.

Viele frühere Leser glauben, dass die Talfahrt der einst populären liberalen Tageszeitung Diena 2010 begann, als ein großer Anteil der Zeitung an den lettischen Bauunternehmer Viesturs Koziols, der zahlreiche Verbindungen zur Politik hat, verkauft wurde und sie damit ihre Unabhängigkeit verlor. Eine Reihe von Redakteuren verließ die Zeitung zu dieser Zeit, um Ir aufzubauen.

Die Leser scheinen sie mitgenommen zu haben. Während die Auflage von Diena gesunken ist, wächst die von Ir stetig weiter.

Die einzige Zeitung in lettischer Sprache im Land, die noch einen Gewinn erzielt, ist die überregionale Latvijas Avize. Sie verkauft etwa 15.000 Exemplare pro Tag und ist damit die meistverkaufte Zeitung Lettlands.

Lettlands schrumpfende Bevölkerung hat der Verlagsindustrie des Landes nicht gerade geholfen. Lettland hat zurzeit eine Bevölkerung von zwei Millionen, sechs Prozent weniger als im Jahr 2000. Auswanderung ist laut der Vereinten Nationen die Hauptursache für den Bevölkerungsrückgang.

Nur die lettische russischsprachige Wochenzeitung MK Latvija kann mit den Verkaufszahlen von Latvijas Avize mithalten – sie verkauft rund 45.000 Exemplare pro Ausgabe und ist damit die populärste Wochenzeitung Lettlands.

In Lettland ist etwa ein Drittel der Bevölkerung russischsprachig. Von 252 Zeitungen (im Jahr 2015) werden 48 in russischer Sprache herausgegeben, die meist Kreml-konform berichten.

Originalversion auf Englisch: Latvians Trust Magazines More Than Newspapers

 

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