Vorbild oder Hassobjekt?

2. November 2020 • Aktuelle Beiträge • von

Was bewirken besonders beeindruckende Reise- und Naturbilder von vermeintlichen Instagram-Profilen? Sozialer Vergleich im Netz kann auch positive Effekte haben.

Der amerikanische Sozialpsychologe Leon Festinger beschrieb schon 1954 in seiner Theorie des sozialen Vergleichs wie der Blick auf andere unsere Selbstwahrnehmung, unser Selbstwertgefühl und unser Wohlbefinden beeinflussen kann. Im Zeitalter der Sozialen Netzwerkmedien hat die Theorie in der Kommunikationswissenschaft eine gewisse Renaissance erlebt. Mit ihr kann man negative Effekte idealisierter Körperbilder, extremer Erfolgsgeschichten oder populärer Influencer-Profile erklären. Danach können z.B. übertrieben positive Selbstdarstellungen demotivierend sein oder Minderwertigkeitsgefühle, Missgunst und Unzufriedenheit auslösen. kann auch positive Effekte haben

Die positiven Effekte des sozialen Vergleichs im Netz haben jetzt Adrian Maier, Alicia Gilbert, Sophie Börner und Daniel Pössler von den Universitäten Mainz, Amsterdam und Hannover untersucht. Sie führten zwei Experimente mit mehr als 600 Studierenden und Instagram-Nutzern durch, denen sie besonders beeindruckende Reise- und Naturbilder von vermeintlichen Instagram-Profilen zeigten. Ihre Grundannahmen waren dabei, dass sehr ästhetische und emotional ansprechende Bilder eher dazu anregen, sich mit dem Urheber zu vergleichen als weniger aussagekräftige Fotos – und das solche Vergleiche eher positive, inspirierende Wirkungen auf die Gefühlslage der Nutzer haben.

Die Annahmen des Teams wurden in den Experimenten bestätigt. Die Teilnehmenden verglichen sich eher mit den Urhebern der aufwendigeren Fotos. Die positiven Effekte überwogen. Die Bilder wirkten auf die Probanden inspirierend und erzeugten weniger (negative) Missgunst als vielmehr (positiven) Neid und Ansporn. Die Befragten fühlten sich motiviert und betonten eher Gemeinsamkeiten als Unterschiede mit den Fotografen.

Auch wenn man einwenden könnte, dass die Abwesenheit personenbezogener Informationen und der Popularitätswerte der vermeintliche Profile hier einen Einfluss gehabt haben könnte, überwiegt doch die gute Nachricht: Vergleiche im Netz sind nicht immer schädlich – man kann dort auch Vorbilder finden.

 

Adrian Meier, Alicia Gilbert, Sophie Börner, Daniel Possler (2020):  Instagram Inspiration: How Upward Comparison on Social Network Sites Can Contribute to Well-Being, Journal of Communication, Volume 70, Issue 5, October 2020, Pages 721–743, https://doi.org/10.1093/joc/jqaa025

 

Erstveröffentlichung: tagesspiegel.de vom 1. November 2020

Bildquelle: pixabay.com

 

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