Innovatives Storytelling in der Ukraine

11. November 2019 • Aktuelle Beiträge, Digitales • von

Die Suche nach neuen Formaten des Storytelling treibt die Medienbranche weltweit um. Auch ukrainische Medien-Start-ups experimentieren mit Virtual-Reality-Projekten.

Einige der Start-ups produzieren Inhalte für ein internationales Publikum, zum Beispiel Dokumentationen, Projekte für Regierungen und Nichtregierungsorganisationen und kommerzielle Produkte für Marken. Auch ausländische Medien wie die New York Times, RFE/RL und Al Jazeera sind unter ihren Abnehmern. Ein ukrainisches Unternehmen hat sogar ein Trainingsprogramm zu „Augmented reality/virtual reality (AR/VR”) ins Leben gerufen.

Mitten in der Revolution

2016 haben die preisgekrönten Fotojournalisten Alexey Furman und Sergiy Polezhaka sich mit dem Grafik- und Webdesigner Kirill Zhylinsky zusammengetan und New Cave Media gegründet, eine Firma, die auf Storytelling mit VR-Technologien spezialisiert ist. Ihr erstes immersives Dokumentationsprojekt „Aftermath VR: Euromaidan”, erzählt die Geschichte der Revolution in Kiew Ende 2013 und Anfang 2014 nach.

Szene aus Aftermath VR: Euromaidan

Die als Euromaidan bekannten Proteste – der Name leitet sich von dem Platz in Kiew ab, auf dem die Demonstrationen stattfanden – wurden am Ende brutal unterdrückt. Am 20. Februar 2014 eröffneten Polizei und Regierungstruppen das Feuer auf die Demonstranten und Dutzende wurden erschossen. Insgesamt starben mehr als 100 Menschen während der Revolution.

Mit Archivmaterial, Fotogrammmetrie[1] und computergenerierten Bildern (abgekürzt CGI – vom englischen „computer-generated images) rekonstruierte New Cave Media die Orte des Geschehens. Die Nutzer können die Schritte der Protestierenden nachverfolgen und 360-Grad-Interviews mit Augenzeugen ansehen, die ihre Erinnerungen teilen.

„Aftermath VR: Euromaidan” wird vom Google News Lab, der Knight Foundation und der Online News Association (ONA) finanziert. Außerdem brachte eine Kickstarter-Kampagne 12.000 US-Dollar ein. New Cave Media nimmt außerdem durch eigene kommerzielle Produkte Geld ein. Im April 2019 wurde „Aftermath VR: Euromaidan“ beim goEast Filmfestival in Deutschland mit dem Open Frame Award ausgezeichnet. Auch beim Sheffield Doc/Fest im Juni wurde das Video gezeigt.

Die Firma hatte zuvor bereits für die New York Times ein 360°-Video über das von der ukrainischen nationalistischen Gruppe Azov geleitete Sommercamp Azovets für Kinder produziert. New Cave Media-Gründer Alexey Furman erklärt, dass er selbst die Initiative ergreife, um derart bedeutende Kunden wie die NYT zu gewinnen.

„Ein 360°-Video ist ein tolles immersives Medium, aber es funktioniert nicht für jede Story“, so Furman. „Da wir die lokalen Geschichten kennen, können wir selbst entscheiden, für welche dies die richtige Darstellungsform ist. Wir legen die Storys dann so an, dass sie sowohl für nationale als auch für internationale Medien interessant sind“.  Dank der Einnahmen aus kommerziellen Projekten schreibe New Cave Media seit zwei Jahren schwarze Zahlen.

Die Ukraine in den Fokus rücken

Auch die Initiative „Ukrainer“ nutzt 360°-Videos. Ukrainer möchte die Aufmerksamkeit nationaler und internationaler Rezipienten auf das Land lenken, in dem es sie auf Reisen in die verschiedenen Regionen der Ukraine einlädt. Das Ukrainer-Team teilt Geschichten über unbekannte Orte, besondere Menschen, Kunst, Geschichte und Kulinarisches.

(Dies ist der Trailer eines 360°-Videos über die historische Zugstrecke Polyssya – die längste ihrer Art in Europa.)

Gründer Bogdan Logvynenko beschreibt VR als „eine unglaubliche Chance für uns, Storytelling mit Technologie zu verbinden”, und fügt hinzu: „es gibt uns viel mehr Möglichkeiten als ein traditionelles Medienformat.“

Das Projekt wurde bei wichtigen ukrainischen Ausstellungen wie dem Book Arsenal präsentiert und war auch bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse vertreten. Aktuell versucht das Team, Gelder für seine weitere Entwicklung zu erwirtschaften. Durch eine Crowdfunding-Campaign sind bereits 75% der geplanten Summe zusammengekommen.

Einblick in die Sperrzone

2016 gründeten Kirill Pokutnyy und Sergei Tereshchenko mit Sensorama Lab das erste ukrainische Prduktionsstudio, das auf AR/VR, 3D und Animation spezialisiert ist. Eins der bemerkenswertesten Projekte Sensoramas ist „Chornobyl360“, welches ähnlich wie „Aftermath VR: Euromaidan“ von einer schmerzhaften Episode der ukrainischen Geschichte inspiriert ist. Es wurde zum 30. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl veröffentlicht und zeigt die 30 Kilometer lange Sperrzone aus verschiedenen Perspektiven. Der Nutzer kann so Bereiche einsehen, die bis heute nur Mitarbeiter des Kraftwerks betreten dürfen.

Auch dieses Projekt wurde zu Beginn durch eine erfolgreiche Kickstarter-Crowdfunding-Kampagne finanziert, bei der 34.000 Euro zusammenkamen. Pokutnyy zufolge hat auch die Ausstrahlung der HBO-Miniserie Chernobyl im Mai und Juni 2019 zum Erfolg des Sensorama-Films beigetragen, da Zuschauer so wieder auf die Thematik aufmerksam wurden.

Kostenloses Training

Bisher hat die Firma sich auf Zusammenarbeit mit Wirtschaftsunternehmen oder Bildungsinstitutionen konzentriert und ist noch keine Kooperationen mit Medienunternehmen eingegangen. Die Sensorama-Akademie trainiert ausgewählte, hochmotivierte Interessenten kostenlos im Umgang mit der AR/VR-Technologie und in der Produktion von 360°-Videos. So werden weitere Experten professionell für diese noch neue Branche geschult.

Ukrainische Medien nähern sich VR nur vorsichtig – aber Alexey Furman von New Cave Media ist überzeugt, dass Medienunternehmen bei Technologie-Trends auf dem neuesten Stand bleiben müssen, wenn sie bereit für Innovationen sein wollen. „Dadurch könnten wir uns ganz neue Publika erschließen“, hofft er.

Dennoch betont Furman, dass „AR und VR nur mit viel Zeit und Können zu meistern sind, und ich kann mir kaum vorstellen, dass sie zu einer üblichen Darstellungsweise für tagesaktuelle Nachrichten werden. Für Langzeitprojekte sind sie aber definitiv vielversprechend.“

 

Dieser Beitrag wurde zuerst auf der englischsprachigen EJO-Seite veröffentlicht.

Übersetzung aus dem Englischen: Johanna Mack

 

[1] Fotogrammetrie: Bilder werden mit einer speziellen Messkamera aufgenommen, die ihre Dreidimensionalität und ihre Lage im Raum bestimmt.

 

Bilder: Screenshots aus der Dokumentation Chornobyl360 (Sensorama Lab) und aus Aftermath VR: Euromaidan (New Cave Media).

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