KI im Journalismus: Von neuen Möglichkeiten und Grenzen

11. Dezember 2020 • Aktuelle Beiträge, Digitales • von

Wie weit sind Anwendungen der künstlichen Intelligenz inzwischen in den journalistischen Alltag vorgedrungen? Welche Möglichkeiten gibt es bereits und was steht erst noch bevor? Eine Bestandsaufname.

Künstliche Intelligenz (Abkürzung KI, englische Abkürzung AI) ist ein Teilgebiet der Informatik, welches sich laut Lexikon der Neurowissenschaft mit der Erforschung von Mechanismen des intelligenten menschlichen Verhaltens (Intelligenz) durch Computersimulationen befasst. Doch so einfach diese allgemeine Definition auch erscheint, so viele Mängel bringt sie mit sich. Denn die Begriffe „Intelligenz“ und auch „intelligentes menschliches Verhalten“ sind für sich noch gar nicht abschließend definiert. Hier gibt es noch reichlich Spielraum, um das Verständnis voranzubringen, was wir unter „menschlicher Intelligenz“ überhaupt verstehen.

Wie Wirtz und Weyerer schreiben, wurde KI zu Beginn „im Sinne heuristischer Systeme verstanden“, hat sich dann aber „im Laufe der Zeit und mit zunehmendem Intelligenzgrad zunächst zu wissensbasierten Systemen und danach zu lernenden Systemen entwickelt“.  Die beiden Wissenschaftler verfolgen hier einen integrativen Definitionsansatz: Danach wird KI als „Fähigkeit eines Computersystems verstanden, menschenähnliches intelligentes Verhalten zu zeigen, das durch bestimmte Kernkompetenzen wie Wahrnehmung, Verstehen, Handeln und Lernen gekennzeichnet ist“.

Künstliche Intelligenz ist damit heute ein Sammelbegriff für Technologien, bei denen, wie die Autoren Goldhammer, Dieterich und Prien es formulieren, „autonom handelnde computerbasierte Software-Systeme die Leistungen des menschlichen Verstandes virtuell nachahmen, um selbstständig und ohne menschlichen Eingriff effiziente Lösungen von komplexen Problemen zu ermöglichen“.

Künstliche Intelligenz im Journalismus: Vom Wetterbericht über Bilanzberichte bis zum „Corona Watch“

Inzwischen ist die Kollegin Maschine auch im Journalismus schon häufig im Einsatz: so führte die schwedische Zeitung Aftonbladet im März 2020 in der Corona-Pandemie ein KI-gestütztes System ein, um innerhalb von wenigen Sekunden Quellen nach neuesten Covid-19 Nachrichten zu durchsuchen. Der sogenannte „Corona Watch“ hilft damit den Journalisten bei ihrer täglichen Arbeit, den Leserinnen und Lesern aktuellste Informationen zur Verfügung zu stellen. Und auch Microsoft News (MSN) setzt seit Mai 2020 verstärkt  künstliche Intelligenz bei bestimmten redaktionellen Tätigkeiten ein – was in Großbritannien und den USA mehr als 70 Entlassungen von Journalisten, die von Zeitarbeitsfirmen stammten, zur Folge hatte. Microsoft weist von sich, dass die  Umstrukturierung etwas mit den wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie zu tun habe und begründet ihn mit „natürlicher Geschäftsentwicklung“.

Ein Überblick vom NDR demonstriert, dass schon im November 2018 die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua den weltweit ersten durch künstliche Intelligenz gesteuerten Nachrichtensprecher einführte. Und auch die amerikanische Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg lässt aktuell schon ein Drittel ihrer Bilanzberichte von KI schreiben.

In Deutschland hält der algorithmische Journalismus etwas zögerlicher Einzug in die Redaktionen: Die Stuttgarter Zeitung betreibt beispielsweise ein Feinstaubradar und automatisiert so Feinstaubberichte für Stuttgart und das Umland. In der NOZ-Mediengruppe werden die Wetterberichte für mehr als 1.100 Gemeinden in Schleswig-Holstein automatisiert verfasst. Eine Anzahl an Berichten also, die durch menschliches Schreiben täglich gar nicht zu leisten wäre.

Und in Zukunft?

Es wird noch vielfältige neue Anwendungsmöglichkeiten für KI im Journalismus geben, wie auch ein Beitrag in einem Band der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) deutlich macht – darunter automatische Korrektursysteme, die zum Beispiel Rechtschreib- und Grammatikfehler korrigieren. So könne KI in Zukunft Fehlerfreiheit garantieren und damit Arbeitsabläufe im schnellen Online-Journalismus verkürzen, schreibt Norbert Lossau in seinem Beitrag für den KAS-Band mit dem Titel „Wie künstliche Intelligenz die Medien verändert“. Dies würde selbstverständlich auch die Qualität der journalistischen Texte steigern. Automatische Korrektursysteme würden in Zukunft aber auch in der Lage sein, Hasskommentare eigenständig zu erkennen und dann zu löschen. Aktuell gebe es zwar schon Software, die per Schlagwort auf problematische Inhalte hinweist.

„Doch die Leistungsfähigkeit dieser regelbasierten Systeme ist begrenzt, weil sie die Bedeutung von Texten nicht verstehen. Das werden KI-Systeme mit semantischer Kompetenz voraussichtlich bald können“, so Lossau. Der nächste Schritt erfolge, wenn auch die semantische KI, die Texte inhaltlich erfassen kann, voll ausgereift sei. Denn dann, so Lossau, werde es sprachlich gute Übersetzungen geben, die dem internationalen Journalismus Vorschub leisten könnten. Wenn die Forschung nun weiter gehe und KI-Systeme selbstständig journalistische Texte verfassten, über die Sportnachrichten oder den Wetterbericht hinaus, sei „der (nahezu) vollautomatische Newsroom“ keine Utopie mehr.

Doch laut eines Beitrags im technikjournal werden auch die Grenzen des Einsatzes von KI im Journalismus künftig noch gegeben sein, denn „Roboter können nicht einordnen“. Eine Aufgabe, die dem Journalismus aber immanent ist. Und auch Reinhard Karger, Unternehmenssprecher des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) kommt in einem Interview auf die Frage „Wo liegen die Grenzen von automatisiertem Journalismus?“ zu dem Ergebnis: „Gewisse Textsorten – bei denen die persönliche Erfahrung wichtig ist – wie die Reportage, der Kommentar, die Kritik oder die Glosse können mittel- langfristig nicht von Maschinen erstellt werden.“ So bleibt abzuwarten, wie tiefgreifend Künstliche Intelligenz den journalistischen Alltag verändern wird bzw. kann.

 

Literatur

Buxmann, P. und Schmidt, H. (2019). Künstliche Intelligenz. Mit Algorithmen zum wirtschaftlichen Erfolg. Springer Gabler, Berlin.

Lossau, N. (2018) Wie Künstliche Intelligenz die Medien verändert. In: Digitalisierung und Künstliche Intelligenz: Orientierungspunkte. Arnold N. und Wangermann, Tobias (Hrsg.) 2018, Berlin

Manhart, K. (2017) Eine kleine Geschichte der Künstlichen Intelligenz. http://www.cowo.de/a/3330537. Abruf am: 11.06.2020

Wirtz, B und Weyerer, J.C. (2019) Künstliche Intelligenz: Erscheinungsformen, Nutzungspotenziale und Anwendungsbereiche, in WiSt- Wirtschaftswissenschaftliches Studium, Nr.10 / 2019, S. 4 – 10.

 

Bildquelle: pixabay.com

 

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