20 Jahre European Journalism Observatory: Ein Blick zurück und in die Zukunft

18. Februar 2025 • Aktuelle Beiträge, In eigener Sache • von

Alle EJO-Teams kamen 2023 in Berlin zusammen, um über aktuelle Themen und neue Strategien zu beraten.

Seit 20 Jahren berichtet das European Journalism Observatory (EJO) über aktuelle Entwicklungen in der Journalismusforschung und den Medienlandschaften Europas. Damit ist es eines der nachhaltigsten Projekte, das der Journalismusforschung europaweit zu mehr Sichtbarkeit verhelfen soll. Anlässlich dieses Jubiläums denken der Gründer des  EJO, Stephan Russ-Mohl, und einige Redakteure über die ursprüngliche Idee des Projekts nach und wie sich  das Netzwerk sowie die Medienlandschaften der Partnerländer seitdem verändert haben.

Über das EJO

Im Jahr 2004 gründete Stephan Russ-Mohl das EJO mit Kollegen der Università della Svizzera italiana in Lugano; die ersten Websites erschienen auf Deutsch, Italienisch und Englisch. Heute ist das EJO ein dezentralisiertes Netzwerk renommierter Institute in ganz Europa: vom Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund und der City University London über die Karls-Universität Prag und die Universität Breslau bis hin zur Kiewer Mohyla Universität und der Complutense-Universität Madrid. Die Plattform unterhält derzeit Websites in derzeit 11 europäischen Sprachen: Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch, Portugiesisch, Spanisch, Lettisch, Polnisch, Tschechisch, Ukrainisch und Ungarisch. Ihre Förderung verdankt sie heute ganz wesentlich der Essener Stiftung Presse-Haus NRZ. In den Anfangsjahren waren zudem die Stiftung Corriere del Ticino sowie der Schweizer National-Fonds und die Robert Bosch Stiftung wichtige Förderer.

Vor kurzem wurde das Netzwerk um das Volda University College in Norwegen und das Institut für Kommunikationsstudien in Nordmazedonien erweitert. Das ukrainische Team hat seine Tätigkeit nach zwei Jahren erzwungener Abwesenheit aufgrund des russischen Krieges in der Ukraine wieder aufgenommen. Kollegen des renommierten tunesischen Institut de Presse et de Science de l’Information (IPSI) gründeten einen Ableger des EJO für den arabischsprachigen Raum – das Observatoire du Journalisme Arabe (AJO), das in französischer und arabischer Sprache erscheint. Das EJO kooperiert auch mit externen Partnern – dazu gehört neben verschiedenen Medien auch das Afro Media Network.

Das EJO-Konsortium hat gemeinsam zahlreiche vergleichende Studien zu aktuellen Themen des europäischen Journalismus realisiert, darunter:

Neben den Veröffentlichungen forscht das EJO – Netzwerk für gemeinsame vergleichende Studien, richtet Konferenzen aus und ist Teil der Journalistenausbildung an den beteiligten Universitäten.

Johanna Mack: Welche Vision stand hinter der Gründung des EJO 2004?

Stephan Russ-Mohl ist Gründer des EJO und bis 2018 Professor für Journalismus und Medienmanagement an der Università della Svizzera italiana in Lugano. Er schrieb für die „Neue Zürcher Zeitung“, den „Tagesspiegel“ sowie für Branchenblätter.

Stephan Russ-Mohl: Das war eine Zeit, als der Wissenschaftsjournalismus floriert hat im deutschsprachigen Raum und als der Medienjournalismus sich in einer ersten Blüte gefunden hat. In dieser Zeit war es, glaube ich, ein realistisches Ziel, dass man Medienforschung und insbesondere Journalismusforschung so journalistisch aufbereitet, dass die Hauptzielgruppe, nämlich die berufstätigen Journalistinnen und Journalisten, aber auch das breitere Publikum, ein Stück weit mitkriegen, was die Medien und Journalismusforschung zu bieten hat und inwieweit sie über Journalismus und journalistisches Arbeiten und über den Medienbetrieb aufklären kann.

Unser Ziel war, Wissenschaftsjournalismus auch auf die Kommunikations- und Medienforschung hin auszudehnen und das nicht mehr allein zu machen, sondern im Team mit anderen, vor allem Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern, die dann für die einzelnen Websites zuständig sein sollten.

Und woher kam die Idee, dieses Projekt in einem internationalen Zusammenhang umzusetzen?

Ich war schon an der Freien Universität Berlin sehr engagiert in Richtung europäischer Journalismus und wir hatten dort ein Journalistenkolleg aufgebaut und das Programm der European Journalism Fellowships installiert. Seitdem dürfen jährlich mehrere Stipendiaten, bereits berufserfahrene Journalistinnen und Journalisten aus ganz Europa und vor allem Osteuropa, ein Jahr lang in Berlin verbringen, Weiterbildung betreiben, auftanken und an eigenen Rechercheprojekten arbeiten. Das Vorbild dafür waren amerikanische Programme, die es zu dieser Zeit in Harvard, Stanford und noch an 34 weiteren Universitäten gab.

Später bin ich an die Università della Svizzerá italiana gewechselt. Da war dann die Frage, was kann man machen an einer kleinen neu gegründeten Universität tief in der Schweizer Provinz in Lugano? Ein Stipendienprogramm so wie in Berlin hätte nicht funktioniert. Dazu brauchte man eine große Stadt.

Aber von der vielsprachigen Schweiz aus den Journalismus in ganz Europa zu beobachten und sich dabei vor allem auf die Medienforschung zu stützen, das war irgendwie naheliegend. Und daraus ist dann das Journalism Observatory entstanden – zunächst mit drei Sprachvarianten: Deutsch, Englisch und Italienisch. Sukzessive ist es uns gelungen, mehr Geld einzuwerben, um weitere Sprachvarianten zu eröffnen. Die weiteren Sprachvarianten waren aus meiner Sicht sehr, sehr wichtig: Wenn Journalistinnen und Journalisten sich auf Fachliteratur einlassen, dann in ihrer Muttersprache.

Ich glaube, man kann nicht davon ausgehen, dass alle Journalistinnen und Journalisten so gut Englisch sprechen und so viel Zeit haben, dass sie sich mit Forschung und mit dem eigenen Metier auf Englisch und im internationalen Kontext befassen können. Deshalb war die Idee, die existierende Journalismusforschung journalistisch aufzubereiten und in die einzelnen europäischen Sprachen zu übersetzen. Damals gab es noch nicht solche Übersetzungssoftware, mit der wir heute arbeiten können und deshalb war die Idee, in jeder Sprache einen bereits journalistisch erfahrenen Doktoranden zu haben.

Nun ist das Netzwerk schon seit 20 Jahren aktiv, teils noch mit der ursprünglichen Besetzung, teils mit neuen Redakteuren und wird in einigen Ländern immer noch gefördert. Wie siehst Du die Entwicklung des EJO in dieser Zeit?

Ich freue mich einfach sehr, dass es dieses EJO noch gibt. Ich bin auch ein bisschen stolz drauf, als einer der Gründerväter.

Natürlich muss sich so ein Projekt dann auch an die vollkommen veränderten Rahmenbedingungen anpassen. Also als wir angefangen haben, wie gesagt, war eine Blütezeit des Wissenschaftsjournalismus, Anfangsblütezeit des Medienjournalismus. Der wurde dann sehr schnell wieder zurückgefahren, weil die Mediengewaltigen zwar alle andere gerne an den Pranger stellen, aber es sehr ungern gesehen haben, dass sie selbst zum Thema der Berichterstattung geworden sind. Das, denke ich, war der Hauptgrund, weshalb der Medienjournalismus dann doch nicht so richtig funktioniert hat.

Was sich dann über die sozialen Netzwerke entwickelt hat und wie der Journalismus letztendlich unter dem Siegeszug von Facebook und Google und dem Einbruch der Werbeerlöse gelitten hat – das war ja alles Anfang des Jahrtausends auch nicht absehbar. So haben sich einfach ganz viele Dinge verändert und an die muss man sich anpassen, wenn man überleben möchte, und das ist euch, glaube ich, dann doch ganz gut gelungen.

       

Bei den Jahrestreffen kamen die EJO-Teams regelmäßig auch persönlich zusammen.

Das EJO hat ja 20 Jahre Wandel auch in den Medienlandschaften miterlebt und mitbeobachtet. Welche Schlaglichter oder Aspekte dieses Wandels sind ganz besonders wichtig?

Das Wichtigste ist sicherlich, dass sich die Finanzierungsbasis total verschlechtert hat. Im Journalismus generell, und das gilt natürlich insbesondere für Wissenschafts- und Medienjournalismus. Denn es herrscht ja im Journalismus der Glaube vor, dass das Wichtigste überhaupt der Politikjournalismus ist und das zweitwichtigste der Sportjournalismus, und alles andere fällt irgendwie dann schon tendenziell hinten runter, obwohl wahrscheinlich die Prioritäten der Leserinnen und Leser und der Mediennutzerinnen und -Nutzer durchaus andere sein könnten. Und wenn man einen Moment mal einfach nur darüber nachdenkt, wie stark Wissenschaft unseren Alltag und unser Leben prägt, ebenso wie die Medien, dann wäre es einfach naheliegend zu sagen, ja, das ist mindestens genauso wichtig wie Politikberichterstattung. Und sicherlich wichtiger als Sportberichterstattung. Aber in der Richtung überhaupt nur nachdenken, scheint im Journalismus relativ schwierig zu sein. Da wundere ich mich manchmal, wie letztendlich doch gedankenlos man das bestehende System akzeptiert, obschon es ja schon gravierende Mängel hat.

Welche Mängel sind das?

Ich habe das jüngst auf zwei Stichworte zu reduzieren versucht. Das eine ist Aufmerksamkeitsökonomie, die dafür sorgt, dass all die Themen, mit denen man Klicks erzeugen kann und den Leuten Angst einjagen kann, in den Vordergrund rücken und Vieles andere tendenziell hinten runterkippt. Das Paradebeispiel war im Rückblick die Corona-Berichterstattung.

Und das andere Stichwort, das auch eine ganz große Rolle spielt, ist im politischen Raum der Kampf um die kulturelle Hegemonie, der auch Formen angenommen hat, die dem Journalismus wenig zuträglich sind. Dieser Kampf wird eben nicht nur zwischen den etablierten Parteien, also SPD, Grünen. Linken und der CDU/CSU und FDP sowie inzwischen auch BSW und AFD ausgetragen, sondern der findet auch in den Redaktionen statt, und wir haben in den Redaktionen inzwischen einen viel zu hohen Anteil von Journalistinnen und Journalisten, die aktivistisch tätig sind. Die meinen, zu wissen, wo es hingehen soll, statt die Bürgerinnen und Bürger als selbständig denkende Menschen zu akzeptieren und einfach nur das Ziel zu haben, sie mit den nötigen Informationen und Nachrichten zu versorgen, und zwar eben möglichst unparteiisch und so, dass die Leute selbst sich ein Urteil bilden können.

Der Korridor, in dem sich der Mainstream-Journalismus in Deutschland inzwischen bewegt, ist aus meiner Sicht sehr viel enger geworden. Und das ist der Demokratie nicht zuträglich, und das hat auch die Konsequenz, dass populistische Parteien wie die AfD und das Bündnis Sahra Wagenknecht sehr viel Zulauf haben, weil sehr viele Menschen inzwischen das Gefühl haben, sie würden von den Leitmedien und insbesondere auch vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk leider etwas einseitig informiert.

Gab es vielleicht Erkenntnisse aus dem Netzwerk, aus der Zusammenarbeit, die überraschend waren, oder die sich anders entwickelt haben, als vorher gedacht?

Auch das habe ich im Rückblick unterschätzt: wie unterschiedlich die Kulturen in den einzelnen Ländern sind, sowohl die Journalismuskulturen als auch die Wissenschaftskulturen. Aber das ist vielleicht auch eine Stärke von Europa, dass es eben doch so viel Unterschiedliches vereint.. Die einzelnen Websites haben allerdings auch oft stärker in ihrer Landessprache agiert anstatt voneinander Inhalte zu übernehmen, was die ursprüngliche Idee war. Das gilt jetzt sicherlich nicht nur für die Medienforschung, sondern das ist, glaube ich, ein generelles Problem, dass wir ganz stark im Journalismus auf die eigene Landessprache fixiert sind. Und wenn dann noch irgendwas stattfindet, dann ist das der angelsächsische Sprachraum, da hat man irgendwie ein bisschen Zugang, und da kriegt man ein kleines bisschen mit, und vielleicht liest man auch den Economist, wenn man ein sehr gebildeter, sehr neugieriger Journalist ist. Aber dass man eine französische Zeitung oder eine italienische Zeitung liest, oder eine spanische Website regelmäßig beobachtet? Das ist doch sehr, sehr selten.

EJO Polen

Michał Kuś redigiert die an der Universität Breslau angesiedelte polnische EJO-Seite mit Adam Szynol.

20 Jahre EJO sind sicherlich eine ideale Gelegenheit, um sowohl die Entwicklung unseres Netzwerks als auch die Entwicklung der Medien weltweit und aus einer nationalen, polnischen Perspektive zu betrachten. Die polnischen Medien stehen nicht nur vor den Herausforderungen der Digitalisierung der Medien und der Entwicklung der Online-Medien, sondern sind auch zu einer Plattform und in einigen Fällen zu Akteuren in Prozessen geworden, die mit der sich vertiefenden sozio-politischen Polarisierung des Landes mit all ihren (hauptsächlich ungünstigen) Erscheinungsformen zusammenhängen.

Im Rahmen des EJO-Konsortiums haben wir versucht, Kollegen aus der Wissenschaft und dem Ausland dabei zu helfen, diese Prozesse zu verstehen, sowohl im Hinblick auf die Besonderheiten des polnischen Falles als auch um diese Phänomene in einer breiteren, internationalen Perspektive zu sehen. Dies zeugt meiner Meinung nach vor allem von der Relevanz unseres gemeinsamen Projekts, und Situationen, in denen wir mit unserer Botschaft sowohl große, meinungsbildende Medien in einzelnen Ländern als auch solche mit internationaler Reichweite (und damit deren Publikum) erreichen konnten, waren für das Team von EJO Polen eine Quelle besonderer Zufriedenheit.

Wir freuen uns auch sehr darüber, dass sich die Zusammenarbeit innerhalb von EJO nicht nur auf Veröffentlichungen auf unseren Webseiten und den Austausch von Inhalten beschränkt, sondern sich auch in einer rein wissenschaftlichen Zusammenarbeit niederschlägt, d.h. in gemeinsamen Projekten und Veröffentlichungen in anerkannten Verlagen und wissenschaftlichen Zeitschriften.

EJO französischsprachige Schweiz

Cécile Détraz ist Redakteurin der französischsprachigen EJO-Seite, die von Annik Dubied geleitet wird.

Seit 2017 haben die Hunderte von Artikeln, die von der Akademie für Journalismus und Medien der Universität Neuenburg veröffentlicht wurden, einen guten Überblick über die Medienproblematik in der französischsprachigen Welt gegeben.
Vor sieben Jahren beschäftigten sich unsere Autoren mit digitalen Algorithmen und GAFAS. Das Ende der gedruckten Zeitung Le Matin im Jahr 2018 war ein Paradebeispiel für die Schwierigkeiten der Presse in der Schweiz. Eine Zeit, die leider an das erinnert, was die Schweizer Presse derzeit durchmacht, da die Entlassungswellen und die Medienkonzentration anhalten.

2019 gab es eine Reihe von Beobachtungen zum Verhältnis zur Öffentlichkeit und zu Fragen der Desinformation und der Fake News, da das Vertrauen in Journalisten weltweit weiter schwindet. Im Jahr 2020 wurde das Aufkommen der Covid-19-Gesundheitskrise jedoch von einer Welle von Fehlinformationen begleitet, die uns an die Bedeutung von Qualitätsjournalismus erinnerte.

Die Jahre 2019 bis 2021 waren für innovative Initiativen in den Schweizer und französischsprachigen Medien im Allgemeinen sehr fruchtbar. Newsletter übernehmen Redaktionen, das neue Online-Medium heidi.news wird entwickelt, Journalisten investieren in Twitch, um neue Zielgruppen zu erreichen, und Podcasts, die in anderen Ländern schon seit einiger Zeit beliebt sind, werden in der Westschweiz immer häufiger.

Das Thema des automatisierten Journalismus tauchte erstmals 2021 auf unserer Website auf und wurde drei Jahre später zu einem der Hauptthemen. Parallel zu diesen Bedenken brach 2022 der Krieg in der Ukraine aus, was das EJO-Netzwerk dazu veranlasste, die Praxis des Kriegsjournalismus zu hinterfragen.

Seit 20 Jahren beleuchtet und analysiert EJO die Herausforderungen des heutigen Journalismus. Obwohl einige der Beobachtungen nicht ermutigend sind, war das Netzwerk immer bestrebt, durch gemeinsame Überlegungen von Forschern und Fachleuten mögliche Lösungen aufzuzeigen.

„Regards d’experts“: ausführliche Videointerviews zum besseren Verständnis der Veränderungen im zeitgenössischen Journalismus

Im Jahr 2018 begann das französischsprachige EJO mit Videointerviews mit Fachleuten des Journalismus zu experimentieren. Das erste Interview wurde in New York mit dem amerikanischen Journalisten Ted Conover geführt. Er spricht über seine Praktiken, die Immersionsberichterstattung, die ethischen Dilemmata, auf die er stößt, und den Einfluss des Storytellings auf die journalistische Landschaft. Er spricht auch über die Notwendigkeit, dass Journalisten ihre Methoden transparenter machen müssen.

Insgesamt haben im Laufe der Jahre ein Dutzend Forscher und Journalisten an dem Projekt teilgenommen und einen Überblick über die Herausforderungen gegeben, vor denen der zeitgenössische Journalismus steht, aber auch – und vor allem – über die Initiativen, die in bestimmten Medien bereits bestehen, um ihnen zu begegnen. Dies gilt insbesondere für unsere Interviewreihe über künstliche Intelligenz, in der drei Leiter großer französischer Nachrichtenredaktionen – Le Monde, l’Agence France Presse und franceinfo – uns erzählen, wie sie diese Werkzeuge in ihre tägliche Arbeit integrieren und welche ethischen und beruflichen Fragen sich dabei stellen.

 

 

 

 

 

 

 

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