Mach mir eine Szene

24. Juni 2019 • Aktuelle Beiträge, Qualität & Ethik • von

Wie durchschaut man sofort, wenn Journalisten ihre Artikel verfälschen? Eine Anleitung.

Heute beginnen wir mit einer Quizfrage, bei der Sie mit Sicherheit scheitern werden. Es geht um Journalismus. Ich lege Ihnen den Anfang eines Artikels vor, der im Tages-Anzeiger erschien. Raten Sie mal, wovon der Artikel handelt.

Der Artikel beginnt so: „Ein Samstagmorgen in der Agglomeration. Drei Tagelöhner flicken die Gartenmauer eines Reiheneinfamilienhauses. Avanti, avanti! Im Park nebenan sitzen zwei Obdachlose vor einer Thermosflasche. Eine Familie spaziert Richtung Einkaufszentrum. Irgendwo bellt ein Hund.“

Sie werden nie darauf kommen. Der Artikel handelt von der Delegiertenversammlung der FDP im Baselbiet. „Szenischer Einstieg“ sagt man im Journalistenjargon. Es ist ein Stilmittel, mit dem der Autor beim Leser sogenannte „Bilder im Kopf“ erzeugen will, so wie im Kino. In unserem Fall kombiniert er abgewetzte Klischees zur Tristesse von Tagelöhnern, Reihenhäusern, Obdachlosen und Hundegebell.

Wenn Sie so etwas lesen, dann müssen Sie wissen: Die Szene ist erfunden oder vom Journalisten zumindest manipuliert. Der szenische Einstieg und szenische Textpassagen haben zum größten Journalistenskandal dieses Jahrzehnts geführt. Beim Spiegel, so zeigte sich, strotzten Dutzende von Artikeln von Erfindungen und Verfälschungen, und zwar nicht nur von Oberfälscher Claas Relotius, sondern von einer ganzen Reihe weiterer Journalisten.

All die armen Kinder in Syrien, all die bösen Rechtsradikalen in den USA – alles erfunden. Szenische Elemente sollten nur noch zurückhaltend eingesetzt werden, weil sie enorm fälschungsanfällig sind, empfiehlt der Spiegel nun seinen Autoren. Natürlich halten sich die Möchtegerndichter des Blatts nicht daran. Lesen Sie zum Beispiel den szenischen Kitsch, den der Spiegel soeben über die Klimaaktivistin Greta Thunberg publizierte: „Eine der Demonstrantinnen scheint nicht so richtig dazuzugehören, sie ist kleiner als alle anderen. Wie sie da so steht, mittendrin und doch allein, erinnert es ein wenig an Leonardo da Vincis Gemälde Das Abendmahl. Es ist Greta Thunberg [. . .] erhaben und entrückt.“

Mach mir eine Szene

In der Schweiz ist die szenische Seuche ähnlich verbreitet. Zum Beweis werden wir etwas gemein. Wir nehmen das übelste szenische Klischee, das es gibt. Es ist das Klischee, wenn im Artikel „die Nebelschwaden ziehen“ oder „die Nebelschwaden wabern“.

Wenn die NZZ über Mobilfunkantennen schreibt, dann lesen wir: „Nebelschwaden umwölken die Berggipfel.“ Wenn die Basler Zeitung über Shopping schreibt, dann lesen wir: „Nebelschwaden ziehen durch die Gassen.“ Wenn die Berner Zeitung über Jodeln schreibt, dann lesen wir: „Nebelschwaden ziehen über die Hügel.“ Wenn die Aargauer Zeitung über ein Attentat schreibt, dann lesen wir: „Nebelschwaden wabern um die Birken.“ Wenn der Bund über eine Uhrenfirma schreibt, dann lesen wir: „Nebelschwaden hängen über der Gemeinde.“

Nebelschwaden, bellende Hunde und Leonardo da Vinci. Wenn Sie so etwas lesen, dann wissen Sie es nun: Das hat mit echtem Journalismus nichts zu tun. Hier sind die Verfälscher am Werk.

Enden wir darum mit einem szenischen Einstieg, der uns gut gelungen scheint. „Wie Tränenströme fällt der Regen aus dem geöffneten Himmel. Nebelschwaden wabern um die ärmliche Holzhütte im Wald. Ein blasser Lichtkegel fällt auf die Hände des Mannes, der gedankenschwer an einem dunklen Eichentisch sitzt. Es ist Kurt W. Zimmermann, der seine Kolumne schreibt.“

Schön, nicht? Schön erfunden.

 

Erstveröffentlichung: Die Weltwoche vom 13. Juni 2019

Bildquelle: LUM3N/pixabay.com

 

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