Mehr Unverschämtheit, bitte

1. Juni 2012 • Qualität & Ethik • von

In der Schweiz wird derzeit intensiv über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks diskutiert.

Sylvia Egli von Matt, die Leiterin der Schweizer Journalistenschule MAZ in Luzern und stellvertretende Ombudsfrau beim Schweizer Radio SRG, wünscht sich in ihrem Diskussionsbeitrag mehr investigative Recherche, mehr Meinungsfreude und Unverschämtheit – sprich: Courage – von den Journalisten. Ein Plädoyer, das auch in Deutschland und Österreich Aufmerksamkeit verdient.

“Die Demokratie lebt von der Vielfalt der Meinungen und Überzeugungen, von der Debatte, der Auseinandersetzung, von den Prozessen, stimmige Lösungen zu finden. Das kann am Stammtisch geschehen, in der Familienrunde, am Arbeitsplatz – zunehmend aber findet solcher Austauch medial statt, auch über Internet und Social Media. Interessant ist, dass in puncto Glaubwürdigkeit dabei noch immer die traditionellen Medienmarken die Nase deutlich vorn haben.

Besonderen Glauben schenken viele Schweizerinnen und Schweizer den Redaktionen von SRF – also dem öffentlich-rechtlichen Radio und Fernsehen. Und dies zu recht. Sehr oft wird hier sehr professionell gearbeitet – bemüht um Sachlichkeit und größtmögliche Annäherung an Objektivität. Doch eine Frage stellt sich mir immer wieder: Müssen die SRF-Redaktionen wirklich so zurückhaltend sein mit Investigation und mit Meinung, bzw. Kommentierung?

Journalismus verändert sich – die reine Information bekommen wir heute gratis, überall und jederzeit. Journalisten müssen deshalb noch viel mehr als früher eigene Themen recherchieren und aufbereiten, Hintergründe liefern, Wegweiser sein, filtern und kuratieren. Die „Infoklumpen aufmischen“, wie der Publizist Ludwig Hasler sagt. „Journalismus muss weg von der einschläfernden Konsenskultur – hin zur Lust auf Dissens, zum Anzetteln leidenschaftlicher Debatten. Journalismus als Fegefeuer der Denkfaulheit: unabhängig, engagiert, unverschämt.“

Ich vermisse – im wortwörtlichen Sinn – die Unverschämtheit. Ich bekomme zwar immer wieder Einordnung, aber zu selten den einordnenden Positionsbezug. Nicht im Sinne von Rechthaberei oder dem allein seligmachenden Wissen. Aber als Anstoß zum Bilden der eigenen – vielleicht ganz konträren – Überzeugung. Und ich vermisse die investigative Recherche, das Aufdecken von echten und relevanten Missständen. Ich weiß, der Wunsch ist heikel, der Service Public und damit verbunden auch eine Art Neutralität ist oberste Maxime. Reife Regionen, engagierte Bürgerinnen und Bürger aber suchen und verstehen klare Ansichten. Und auch die engagierte Recherche. Und was nützt denn letztlich die Ausgewogenheit, wenn Zuschauer und Zuhörerinnen wegzappen, weil sie die reinen sachlichen Informationen schon aus anderer Quelle haben?

Ich würde es sehr begrüßen, wenn in meiner Wohnregion Luzern ein Versuch gestartet würde und sich das Regionaljournal als Medium mit investigativer Recherche profilieren könnte. Und, als Folge davon, mit  eigener Meinung – nicht nur bei der Theaterkritik. Mit der Programmkommission und dem Publikumsrat ist die kritische Begleitung ja sichergestellt.”

 

 

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