Digitaler denken und arbeiten

16. November 2020 • Aktuelle Beiträge, Digitales • von

Nur wer den Motor des Redaktionswandels auf Touren bringt, hat in der digitalen Nachrichtenbranche Erfolgschancen. Das ist ein Kernbefund einer Studie des Reuters-Instituts der Universität Oxford.

In einer Zeit beispielloser globaler Veränderungen sei die Förderung geeigneter Talente entscheidend, erklärt das Forscherteam. Zwischen dem 21. September und dem 7. Oktober wurden 136 Führungskräfte der Nachrichtenbranche aus 38 Ländern befragt – alle aus mittleren bis größeren Print-, Rundfunk- und Onlinemedien. Viele Nachrichtenmedien haben demnach offenbar Mühe, sich sowohl mit den thematischen Anforderungen einer globalen Krise, wie sie Covid-19 darstellt, als auch mit dem internen Wandel auseinanderzusetzen.

Die Einstellungen zu den Arbeitsroutinen, die durch die Pandemie entstanden sind, sich aber zumindest teilweise etablieren, sind ambivalent. Die Redaktionen haben – so jeder zweite Befragte – im „Remote-Modus“, also in Videocalls von zuhause aus, zwar sogar effizienter gearbeitet, aber wahrscheinlich zu Lasten der Kreativität. 77 Prozent befürchten, Beziehungspflege sei schwieriger, die Kommunikation weniger effektiv, die psychische Gesundheit des Personals belasteter geworden. Fast jeder zweite berichtete von Plänen, die Redaktionsräumlichkeiten zu verkleinern. Hybride Redaktionen, in denen einige vor Ort, einige von zuhause und einige von unterwegs arbeiten, würden wohl zur künftig üblichen Arbeitsform.

Die zukunftsentscheidende Herausforderung ist die Nachwuchs-Rekrutierung. Jeder zweite Befragte glaubt zwar, dass der wirtschaftliche Abschwung mehr Talente für die redaktionellen Bereiche anziehe. Aber in Bereichen wie Publikumsdialog, Datenaufbereitung und Technik, wo der Bedarf an Kompetenzen und Wissen stark steigt, sei die Konkurrenz durch andere Arbeitgeber sehr groß.

Dieser Befund sollte aufrütteln. Denn nur Nachrichtenmacher, die Journalismus, Technik und Daten verknüpfen können, werden sich in einem digitalen Medienumfeld behaupten. Also müssen sie ihre Arbeitsplätze attraktiver machen. Die Entlohnung ist ein Schlüssel, aber entscheidend, so die Forscher, ist der Abschied von behäbigen und risikoscheuen Redaktionskulturen. Man müsse im eigenen Haus Unterschiede zwischen den Werten und Prioritäten jüngerer und altgedienter Fachkräfte aushalten lernen.

Federica Cherubini, Nic Newman, Rasmus Kleis Nielsen (2020): Changing newsrooms 2020: addressing diversity and nurturing talent at a time of unprecedented change https://reutersinstitute.politics.ox.ac.uk/changing-newsrooms-2020-addressing-diversity-and-nurturing-talent-time-unprecedented-change

 

Erstveröffentlichung: tagesspiegel.de vom 15. November 2020

 

Bildquelle: pixabay.de

 

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