Propagandisten und Falschmünzer in Osteuropa

9. April 2018 • Digitales, Qualität & Ethik • von

Manipulatoren treiben auch im östlichen Europa mit Falschinformationen ihr Unwesen. Einige Initiativen versuchen dagegen anzukämpfen.

Osteuropäische Länder, in denen das Fernsehen seit Jahrzehnten dominiert und in denen die (Zeitungs-)Lesekultur eher schwach ausgeprägt ist, sind ein besonders guter Nährboden für die Verbreitung von Desinformation mithilfe der neuen Informationstechnologien. Das Baltikum und die Ukraine seien dabei weiterhin das Ziel permanenter russischer Desinformationsattacken, bestätigen auf Anfrage Dariya Orlova (Mohyla School of Journalism, Kiew) und Liga Ozolina (Turiba-Universität, Riga).

Solchen Fälschungen spürt in der Ukraine gezielt Stopfake nach, ein Projekt, das junge ukrainische Medienexperten und Studenten im Jahr 2014 gegründet haben. Die Betreiber dieser Faktencheck-Website haben weiterhin viel zu tun. So korrigierten sie allein im Dezember 2017 alle paar Tage russische Fake-Geschichten – darunter die Behauptung der Nachrichtenagentur Sputnik, die EU-Kommission werfe der Uno vor, Falschmeldungen über Menschenrechtsverletzungen auf der Krim zu verbreiten.

Frei erfunden

Aus der Luft gegriffen sei auch die Meldung gewesen, Präsident Poroschenko wolle den Donbass mit einer Mauer von der Ukraine trennen, berichtet Orlova. Wie steter Tropfen den Stein höhlt, verdeutlichen allerdings wohl eher Alltagsgeschichten wie diese, die der Welt draußen ganz offensichtlich eine „Normalisierung“ der Verhältnisse suggerieren sollen, die es gar nicht gibt: Mehrere russische Kanäle verbreiteten, es habe an einem Wochenende einen Ansturm ukrainischer Touristen auf die Krim gegeben. Die Meldung war frei erfunden. Gemäß dem ukrainischen Grenzschutz hatten an diesen Tagen noch nicht einmal halb so viele Menschen die Grenze passiert wie behauptet und außerdem weniger als in der Woche zuvor.

Auch in anderen Ländern Osteuropas breiten sich Falschnachrichten gelegentlich wie Lauffeuer aus. Eine Falschmeldung, die in Tschechien vielen Menschen Angst einjagte und entsprechend oft in den sozialen Medien geteilt wurde, habe von einer radioaktiven Wolke gehandelt, mit der ein französisches Kernkraftwerk die Umwelt verseucht haben solle, berichtet Sandra Stefanikova (Karls-Universität, Prag). In Tschechien seien es obskure Websites, die solche Fake-News in Umlauf brächten und deren Betreiber meist im Dunkeln blieben. Einige, etwa prvnizpravy.cz, sähen wie richtige Nachrichtenportale aus.

Gegenseitige Verdächtigungen

In Ungarn und in Polen, so erklären Gábor Polyák (Universität Pécs) und Michal Kus (Universität Wroclaw), beschuldige die Opposition inzwischen den von der Regierung kontrollierten öffentlichen Rundfunk regelmäßig, Falschinformationen zu verbreiten. Die politische Spaltung in beiden Ländern geht so tief, dass die gegnerischen Lager sich ständig wechselseitig vorwerfen, Unwahrheiten zu verbreiten. In Polen habe eine Umfrage vom Frühjahr 2017 ergeben, so Kus, dass 43 Prozent der befragten Journalisten im letzten Monat mit Fake-News zu tun gehabt hätten.

Während die Mainstream-Medien in Osteuropa weiterhin vor allem Falschnachrichten von russischen und russlandfreundlichen Medien als Bedrohung von außen wahrnähmen, zolle in Ungarn, so Polyák, der öffentliche Rundfunk inzwischen russischen Propagandasendern sogar vermehrt Aufmerksamkeit. Das habe damit zu tun, dass die traditionellen Medien inzwischen weithin unter Orbans Kontrolle sind. Den russischen Einfluss bestätigt der Vulnerability-Index, den der Think-Tank Globsec kürzlich publizierte. Demnach sind Ungarn und die Slowakei für russische Desinformation besonders anfällig.

Auch in Rumänien wurden „Fake-News nicht erst jetzt erfunden“, wie Raluca Radu sagt, die Direktorin des Journalismusprogramms an der Universität Bukarest. Es gebe inzwischen aber mehr Politiker als früher, die mit Konspirationstheorien aufwarteten – und auch mehr Journalisten oder Bürgerinnen und Bürger, die solche Manipulationen enttarnten. In Rumänien habe beispielsweise Livizu Dragnea, der Führer der regierenden Sozialdemokraten, ähnlich wie in anderen Balkanländern, behauptet, der Mäzen George Soros sei eng mit Geheimdiensten verbandelt.

Faktenprüfer hätten in Rumänien keine Chance, mit den Fälschern unter den Politikern mitzuhalten, so Radu. Sogar etablierte Medien nutzten gelegentlich Falschmeldungen, um sich gegenseitig anzugreifen. Um die Talente der Rumänen als Schöpfer von Fake-News zu unterstreichen, verweist die Forscherin augenzwinkernd auf ihren Landsmann Ovidiu Drobotă. Er soll die Meldung erfunden haben, wonach Papst Franziskus die Präsidentschaftskandidatur von Donald Trump unterstützte.

Deutschland im Visier

Wer sich an die Fotomontagen von Bundeskanzlerin Merkel mit Hitler-Schnauz oder Nazi-Emblemen in griechischen und türkischen Postillen erinnert, den wundert es nicht, dass auch in osteuropäischen Medien Deutschland und die mächtigste Frau der westlichen Welt besonders häufig zur Zielscheibe von Fake-Attacken wurden. Aufgrund seiner Größe, wirtschaftlichen Macht und seiner Geschichte eignet sich Deutschland besonders gut als Projektionsfläche, um Ängste und Hass zu schüren. So halte sich in Osteuropa bei „alternativen Medien“ hartnäckig das Narrativ, die Deutschen seien drauf und dran, die Kontrolle über ganz Europa zu erlangen, berichtet Silvia Stöber, die bei den Faktenfindern der ARD-Tagessschau arbeitet.

Die Verschwörungstheoretiker sind untereinander gut vernetzt. Sie beriefen sich, so Stöber, auf deutschsprachige alternative Quellen. Oftmals gäben sie deutsche Medien falsch wieder, oder sie stellten Online-Umfragen als repräsentative Meinung der Bevölkerung dar. So habe eine tschechische Website eine Umfrage des Schweizer Blogs Alles Schall und Rauch zitiert, wonach Angela Merkel zur „größten Lügnerin unter den Politikern des Jahres 2015“ gewählt worden sei. Die Falschmeldung schaffte es laut Stöber sogar bis in den staatlichen iranischen Sender Press TV. Eine ungarische Website habe sodann vor der Bundestagswahl mit Bezug auf eine Umfrage unter Focus-Lesern berichtet, die AfD liege bei 70 Prozent Zustimmung in Deutschland.

Kaum Resonanz auf dem Land

Sandra Stefanikova sieht in Bildungsangeboten zu Medien und in der Kennzeichnung von Fake-News die wichtigsten Schritte, um die Flut an Falschnachrichten einzudämmen. Bisher widmeten sich lediglich ein paar unabhängige Plattformen und Facebook-Gruppen dieser Aufgabe. Stefanikova hat aber Zweifel, ob es für das Thema außerhalb der großen Städte und außerhalb bestimmter, gebildeter und politisch interessierter Gruppen bereits einen Resonanzboden gibt. In Tschechien gebe es zwar „Gerüchte, dass Facebook etwas gegen Fake-News unternehmen will“, aber bisher sei nichts passiert. „Weder Facebook noch Twitter haben ein Büro in Tschechien – außer fürs Marketing“, so Stefanikova.

Social Bots – also Roboter, die texten und Botschaften „liken“ und teilen können und auf diese Weise das Meinungsbild in sozialen Netzwerken massiv verzerren – werden in den genannten Ländern nach Auskunft der befragten Forscher noch kaum öffentlich wahrgenommen. Im Fall Tschechiens vermutet Stefanikova, das habe auch mit der Landessprache zu tun, die sich nicht ohne weiteres automatisieren lasse. Auch in Polen sei die Diskussion noch eher auf den „menschlichen Faktor“, also auf Trolls, fokussiert, sagt Michal Kus. Dariya Orlova, die kürzlich zusammen mit Kollegen ein Forschungspapier über Social Bots erstellt hat, betont für die Ukraine einmal mehr, wie schwierig es sei, deren Einfluss nachzuweisen.

Östliche Medienbeobachter vermuten im Übrigen, dass sich die Mediennutzer in ihren Ländern vom Spin des Kreml weniger beeindrucken und beeinflussen lassen als ihre westlichen Nachbarn. Reid Standish, der bei der Fachzeitschrift „Foreign Policy“ für Russland, die Ukraine und Zentralasien zuständig ist, beobachtete in den baltischen Staaten und anderen Ländern Osteuropas sowie in Finnland eine starke Zunahme von Fake-News und Propaganda seit der russischen Annexion der Krim. Insbesondere Finnland sei aber besonders gut gegen solche Attacken gewappnet – dank seinem starken öffentlichen Schulsystem und dank einer Regierungspolitik, die auf Propaganda geschickt reagiert. Seine lange Geschichte als Anrainer Russlands zwinge das Land, sich immer wieder mit Beeinflussungsversuchen auseinanderzusetzen.

Mit Positivem dagegenhalten

Die beste Abwehr bestehe nicht darin, die Fehlinformation zu korrigieren, sondern darin, «ihr ein eigenes, positives Narrativ entgegenzusetzen und darauf zu insistieren», sagt Jed Willard von der Harvard University. Er hat die finnische Regierung in solchen Fragen beraten und erarbeitet ein Programm zur Propaganda-Abwehr sowie eine Studie, die verstehen helfen soll, warum Fake-News sich viral verbreiten.

Die EU hat derweil eine Expertengruppe eingerichtet, die Strategien zum Kampf gegen Desinformation entwickeln soll. Wie hilflos sie derzeit noch von der Etappe aus agiert, mag man daran ablesen, dass sie zunächst Crowdsourcing betreibt: Bis zum 23. Februar konnten Bürgerinnen und Bürger sowie Institutionen und Interessengruppen ihr Ansichten und Vorschläge unterbreiten. An der Front in der Ukraine habe sich, so Dariya Orlova, eine gewisse „fake news fatigue“ ausgebreitet – eine Müdigkeit, weil das Thema einfach nicht mehr neu sei. Immerhin hoffen Medienexperten in der Ukraine, dass man im Westen endlich die Bedrohung durch Desinformation zu verstehen beginnt.

Derweil hat das Reuters Institute der Universität Oxford kürzlich zu Fake-News in Europa ein Fact Sheet vorgelegt, das deren Wirkungskraft eher relativiert. Diese Untersuchung fokussiert allerdings auf Frankreich und Italien. Danach erreichte keine der auf Falschinformationen ausgerichteten Websites im vergangenen Jahr eine monatliche Reichweite von mehr als 3,5 Prozent. Die meisten erreichten nur 1 Prozent der Online-Nutzer in diesen Ländern. Damit liegen sie weit hinter den Massenmedien zurück. Auch die Verweildauer auf den Fake-News-Sites ist gering.

Der Beitrag ist ein aktualisierter Auszug aus dem Buch des Autors „Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde“ (Herbert-von-Halem-Verlag). Fünf der im Beitrag genannten Wissenschaftler sind Mitarbeiter des European Journalism Observatory: Gábor Polyák (Universität Pécs, Ungarn), Dariya Orlova (Mohyla School of Journalism, Kiew), Raluca Radu (Universität Bukarest), Liga Ozolina (Turiba-Universität, Riga) und Sandra Stefanikova (Karls-Universität, Prag).

Erstveröffentlichung: NZZ vom 7. April 2018

Bildquelle: pixabay.com

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