„Man darf nicht Teil der Geschichte werden“

18. Februar 2019 • Internationales, Qualität & Ethik • von

Medienbeiträge über Flüchtlinge werden häufig emotional diskutiert – wie können sich Journalisten diesem Thema also angemessen nähern? Eindrücke und Erwartungen am Beispiel der Berichterstattung aus und über Griechenland.

Foto: Marcus Kreutler

„Flüchtlingskrise“. Ein Thema, das stark diskutiert wurde und wird. Ein Thema, das in den Medien präsent ist und immer wieder kritisch hinterfragt wird. „Eines der schwierigsten Themen, das man überhaupt bearbeiten kann“, sagt der freie Journalist Wassilis Aswestopoulos.

Wissenschaftlich wurde die Flüchtlingsberichterstattung bereits mehrfach untersucht, unter anderem in einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung sowie von der Hochschule Macromedia unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas Hestermann. Er urteilt: „Es gibt viele Geschichten von Ausländern, die Probleme machen – das ist das Medienklischee. (…). Aber unglaublich wenig von Einwanderern und Geflüchteten, die Probleme lösen.“ Laut der Analyse, durchgeführt von Januar bis April 2017, kamen Geflüchtete selbst in den Beiträgen außerdem kaum zu Wort.

Auch die Neue Zürcher Zeitung steht dem Thema kritisch gegenüber. Sie schreibt im September 2015 mit Blick auf die Darstellung von Flüchtlingen in deutschen Medien: „Kritische Distanz zu den Akteuren, genaue Recherche, die Zurückhaltung im Urteil bei unklarer Faktenlage, die gründliche Ausleuchtung der Hintergründe, Fairness bei der Präsentation unterschiedlicher Meinungen (…), all das schien plötzlich unangemessen zu sein.“ Und Journalist und Buchautor Kai Schächtele äußert im Sommer 2018 schließlich den Vorwurf: „(…) jetzt, da alle Geschichten geschrieben und gesendet und alle Journalistenpreise gewonnen sind, spielen die Schicksale der Menschen auf den Schiffen keine große Rolle mehr.“

Wie also über Flucht und Migration berichten?

„Es ist ein Thema, das immer wieder Emotionen weckt“, sagt Gerd Höhler, der seit den 70er Jahren als Korrespondent in Griechenland arbeitet. „Das macht es auch für einen Journalisten schwierig, damit wirklich so umzugehen, wie er es eigentlich möchte – nämlich fair, objektiv und so, dass nur die Fakten transportiert werden.“

Das Elend der Menschen lasse ihn natürlich nicht unberührt. Aber er sagt auch: „Ich glaube, man muss bei solchen Geschichten ganz nah ran an die Menschen, sie sind ja der Kern. Aber man darf nicht Teil der Geschichte werden.“ In dem Moment, in dem das passiert, könne ein Journalist nicht mehr angemessen berichten. „Ich kenne viele Kollegen, die das anders sehen. Die sagen, man müsste doch eigentlich mal mit einem Flüchtling mitgehen, von Damaskus oder von Afrin bis nach Hamburg, wenn er denn dorthin kommt. Das sind dann spannende Reportagen, aber das ist dann für mich schon kein Journalismus mehr.“ Um die Emotionalität abzufangen, seien Gespräche mit Organisationen und Menschen, die die Situation sachlich sehen, wichtig, ebenso wie eigene, rationale Beobachtungen.

Wäre Nuala Burton Journalistin, sie würde traumatisierte Flüchtlinge nicht interviewen – auch wenn sie Kern der Geschichte sind. Die Britin arbeitet als Koordinatorin der NGO Action for Education, eine Schule für junge Flüchtlinge auf Chios. Sicher könne sie verstehen, dass Medien Aufmerksamkeit auf das Thema lenken wollen, Flüchtlinge nach ihren Geschichten fragen. Sie selbst mache das nie. „Ich muss den Hintergrund der Schüler hier nicht kennen“, sagt sie.

Wenn Journalisten doch Informationen zur Vergangenheit der Flüchtlinge haben wollen, erwartet Burton äußerste Sensibilität. Solange Wuersten, eine Freiwillige aus der Schweiz, die für Action for Education arbeitet, ergänzt, dass Medienvertreter vor allem erklären sollten, warum sie die Flüchtlinge interviewen wollen, wo der Beitrag veröffentlicht und wer ihn lesen wird.

Flüchtlingsbewegung als ein humanitäres Thema

Als freie Journalistin hat Alkyone Karamanolis viel über Flüchtlinge und Migranten berichtet. Dabei ist es ihr vor allem wichtig, Blickwinkel der Menschen in Deutschland geradezurücken: „Die Medien konzentrieren sich natürlich auf das Außergewöhnliche. Und die Leute sehen nur diese Berichte, in denen oft nicht klar wird, was sie eigentlich alles nicht sehen“, sagt sie. So sei Lesbos etwa keine „Flüchtlingsinsel“. „Man kann einen ganzen Urlaub dort verbringen, ohne einem Flüchtling zu begegnen. Das ist den Menschen, die nur Bilder aus dem Lager auf Lesbos sehen, aber oft nicht so bewusst.“ Hier gelte es, Perspektiven zu schärfen.

Um auch aus der eigenen journalistischen Blase herauszukommen, ist der freie Journalist Wassilis Aswestopoulos dazu übergegangen, nicht aus dem Quadratkilometer zu berichten, den sich alle aussuchen. „Wenn man auch räumlich Abstand gewinnt, Menschen kennenlernt, die anders denken, schlägt sich das in den Beiträgen positiv nieder“, sagt er. Was häufig kritisiert werde, ist dagegen die Wortwahl: Migranten, Asylbewerber, illegale Immigranten. Egal, welchen Begriff er als Journalist verwende – möge er auch sachlich richtig sein – irgendwer beschwere sich immer.

In den Augen von Catharina Ziebritzki, die für die NGO Equal Rights Beyond Borders arbeitet und Flüchtlingen auf Chios eine Rechtsberatung anbietet, nicht ganz zu Unrecht. „Die Medien müssten mit Begrifflichkeiten oft differenzierter umgehen“, sagt sie. Boris Cheshirkov, Sprecher der UNHCR in Athen, würde sich ebenfalls eine differenzierte Sprache wünschen: „Flüchtling“ und „Migrant“  meint nicht dasselbe; das EU-Türkei-Abkommen ist kein Abkommen, sondern eine Erklärung, die die EU und die Türkei im März 2016 getroffen haben.

Für Catharina Ziebritzki wird vieles, so auch die EU-Türkei-Erklärung, außerdem zu pauschal dargestellt: „Es heißt dann, dadurch kommen weniger Menschen zu uns, das ist einfach erklärt. Die anderen Konsequenzen werden dagegen nur selten beleuchtet.“ Ihr geht es im öffentlichen Diskurs gerade zu sehr darum, wie Flucht und Migration eingedämmt werden könnten, anstatt darum, wie der Zugang zu internationalem Schutz in der EU gesichert werden kann oder auch um die individuellen Geschichten der Menschen und die Hintergründe der Flucht.

Nicht zuletzt haben Journalisten Cheshirkovs Erfahrung nach häufig eine vorgefertigte Geschichte im Kopf – sie kommen und wollen diese durch Zitate bestätigt wissen, anstatt offen an ein Thema heranzugehen und es in seiner Tiefe zu erschließen. Insgesamt sei das Flüchtlingsthema in Griechenland jedoch nicht so ideologisiert, nicht so politisiert wie in Deutschland, beobachtet Gerd Höhler. „Man sieht es wirklich als ein humanitäres Thema, es wird nicht sofort übersetzt in Politik“, sagt er.

Rollenkonflikt zwischen Berichterstatter und Helfer

Wer sich dazu entscheidet, über Flucht und Migration zu berichten, muss sich irgendwann fragen, ob es legitim ist, Partei zu ergreifen oder diesen Menschen sogar zu helfen. Das Zitat des Journalisten Hanns Joachim Friedrichs klingt im Ohr: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten.“

Die griechische Journalistin Maria Papavlahou zeigt auf ihrem Smartphone ein Bild von einem jungen Mann. „Er ist jetzt in der Schweiz“, sagt sie. Als sie weiterwischt, erscheint ein junges Geschwisterpaar auf dem nächsten Foto. „Sie haben es nach Paris geschafft.“ Sie lächelt. Maria Papavlahou hat von Dezember 2015 bis Juni 2016 aus dem Hotspot-Zentrum in Athen berichtet, war jeden Tag vor Ort. Auch wenn sie als Journalistin da war, sagt sie, dass sie gleichzeitig auch nur ein Mensch sei. „Wenn du das Elend siehst, dann willst du was tun. Auch wenn es nicht viel ist, kannst du den Flüchtlingen wenigstens deine Aufmerksamkeit schenken und ihnen Ratschläge geben.“ Ratschläge, wie kein Geld an Betrüger zu bezahlen, die versprechen, die Menschen aus dem Zentrum zu bringen.

Gerd Höhler traf im Sommer 2015 in Kos eine Gruppe junger Iraner. Damals waren noch sehr viele Geflüchtete in der Stadt. Die Männer waren etwa eine Woche vorher angekommen, lebten in ihren Zelten in einem Park. Sie haben Höhler gefragt, ob er Deutscher sei und ihnen helfen könnte. Sie wollten wissen, wo die Lebensqualität am besten ist, in Hamburg oder München. Höhler habe dann gesagt, dass er nicht glaube, dass sie sich das aussuchen könnten und sie ja auch noch gar nicht da seien.

In einen Rollenkonflikt zwischen dem objektiven Berichterstatter und dem Bedürfnis, eigentlich helfen zu wollen, gerate er dabei nicht. „Jetzt kann man sagen, der ist ja hartherzig und gefühllos. Nein, ich kann ja nicht helfen. Wenn man sich ein Flüchtlingslager wie Moria auf der Insel Lesbos anschaut, in dem tausende Menschen leben, wem und wie will man da helfen?“ Selbst wenn man einem helfen könnte, ändere sich an der Situation nichts. Wer den Rollenkonflikt verspürt, müsste seiner Ansicht nach für eine NGO arbeiten.

Selbstschutz aufbauen

Eine ähnliche Ansicht vertritt Michael Lehmann. Er ist als fester Korrespondent der ARD seit zwei Jahren in Griechenland. Auch er sieht die Arbeit eines Journalisten manchmal als Konflikt mit dem schlechten Gewissen. Wer das nicht aushalte, gehe in eine NGO. „Ich selbst bin dann manchmal vielleicht auch abgebrüht gewesen, aber das kann dich schon einholen“, sagt Lehmann. Er habe sich dagegen einen Selbstschutz aufgebaut, müsse sich als Journalist auf seine Berichterstattung konzentrieren und irgendwann sei Schluss. Der Zeitdruck bei der Recherche und der Produktion ziehe ihn fast automatisch wieder heraus.

Nicht ganz so lief es einmal im Lager auf Lesbos. Da wurde Lehmann von einem jungen Syrer im Camp langsam und stockend auf Deutsch angesprochen. Er wollte wissen, ob er ihm helfen könnte, er wolle Medizin in Deutschland studieren. „Das einzige, was ich machen konnte, weil er mir leidtat, war, dass ich ein tolles Interview mit ihm geführt habe“, erzählt Lehmann.

Als das in Deutschland gesendet wurde, gab es viele Reaktionen – so hörte auch der Mediziner Martin Friedrichs das Porträt über Zakaria, den jungen Syrer, im Deutschlandfunk und beschloss, ihm zu helfen. Friedrichs sagte später dazu: „Wenn einer kommt und sagt motiviert: Ich möchte gerne Leuten helfen und Medizin studieren, dann habe ich gesagt: Dafür sorge ich, dass er hier integriert wird.“ Michael Lehmann stellte den Kontakt zwischen den beiden her, Zakaria schaffte es nach Deutschland, wo Friedrichs ihm einen Platz als Bundesfreiwilliger bei der Stiftung Bethel verschafft hatte. „Das ist dann ganz schön, wenn du merkst, es lohnt sich, nicht nur die Story zu machen“, sagt Lehmann. Und dennoch: „Du darfst den Flüchtlingen nicht das Gefühl geben, dass sich durch deinen Besuch etwas für sie ändern könnte.“

 

Die Autorin des Beitrags hat im Dezember an einer Recherchereise des Instituts für Journalistik der TU Dortmund teilgenommen. Dreizehn Studierende sind nach Griechenland gereist, um vor Ort mit Journalisten, Vertretern von NGOs und der EU sowie weiteren Organisationen über das Thema Flucht und Migration zu sprechen. Gefördert wurde die Exkursion durch PROMOS.

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