Gegen Stereotype und eine einseitige westliche Perspektive

20. April 2021 • Aktuelle Beiträge, Qualität & Ethik • von

Mangelnde Vielfalt kann sich auf die Qualität der journalistischen Arbeit auswirken – dem will Hostwriter nun durch seinen neuen Cross-Border-Newsroom entgegenwirken. Dieser soll Journalistinnen und Journalisten die Möglichkeit bieten, grenzüberschreitende Themen umzusetzen.

Hostwriter ist eine Plattform, die es Journalistinnen und Journalisten ermöglicht, über Grenzen hinweg miteinander zusammenzuarbeiten. Aktuell wird die Plattform von knapp 5800 Medienschaffenden aus 153 Ländern genutzt. Hostwriter soll ein Netzwerk sein, in dem Journalisten rund um den Globus Journalisten online kennenlernen, neue Beziehungen etablieren und einander helfen können, besseren Journalismus zu machen, erklärt Tina Lee, Leiterin des „Ambassador Networks“ auf Hostwriter und Mitherausgeberin des Buchs „Unbias the News – Warum Journalismus Vielfalt braucht“, das 2019 von Hostwriter und CORRECTIV veröffentlicht wurde. Das Ambassador Network setzt sich aus Journalistinnen und Journalisten zusammen, die als Hostwriter-Vertreterinnen und -Vertreter in ihrem Land wirken. Von dort aus beobachten diese Geschehnisse aus ihrer Region, nehmen an Botschafter-Gipfeln teil, um sich dort mit anderen Journalisten aus der ganzen Welt zu vernetzen und haben die Möglichkeit, Hostwriter mitzugestalten. Der Hostwriter-Vertreter Deutschlands befindet sich in Köln.

„Durch die Plattform konnten sich Menschen kennenlernen, die sich wahrscheinlich nie kennengelernt hätten, wenn sie nur vor Ort gewesen wären“, sagt Lee, die auch als freie Journalistin in Berlin arbeitet. Anstatt über ein Land zu schreiben, könne man mit jemandem aus diesem Land zusammen an dem Beitrag arbeiten und beide hätten Vorteile von dieser Kooperation. „Das ist die Art von Win-Win-Situation, die wir uns erhoffen.“

Der investigative Journalist und Berater Ahmed Elattar nutzt seit einem Jahr die Plattform Hostwriter. Ausschlaggebend für ihn war der Aspekt der Zusammenarbeit von Journalisten rund um den Globus. „Meine beste Erfahrung auf der Plattform war die grenzüberschreitende Zusammenarbeit, bei der ich einen sudanesischen Journalisten kennengelernt habe. Gemeinsam arbeiten wir an einem ausführlichen Bericht über den Schmuggel über die ägyptisch-sudanesischen Grenzen hinweg“, erklärt der 39-Jährige.

Plattform leidet finanziell unter der Pandemie

Die Plattform wurde 2013 von drei Journalistinnen in Hamburg gegründet: Sandra Maria Wild, Tabea Grzeszyk und Tamara Anthony. Bei einem Austausch-Programm im Libanon hatte Grzeszyk die Möglichkeit, sehr viele Menschen, darunter Journalistinnen und Journalisten, persönlich kennenzulernen, erzählt Lee. Ein paar Jahre später, als die „Flüchtlingskrise“ begann, seien diese Kontakte für Grzeszyk sehr wertvoll gewesen. Ihr sei klar geworden, dass eher ältere oder etablierte Journalisten gute Kontakte zu Kollegen im Ausland haben und dass diese den jüngeren Journalisten fehlen. Dieses Manko führte zur Idee für eine Plattform – Hostwriter.

Hostwriter ist eine Non-Profit-Organisation. Ihre Finanzen legen die Gründerinnen auf ihrer Plattform offen. Unter anderem erhalten sie finanzielle Förderungen von Stiftungen. Zudem hatten die Gründerinnen 2018 bei der Google Impact Challenge Deutschland für ihr innovatives Projekt, das Journalisten verbindet, 500.000 Euro erhalten. Durch die Corona-Pandemie aber sei die Plattform in finanzielle Schwierigkeiten geraten, erzählt Lee. Denn normalerweise knüpfe das Hostwriter-Team auf Konferenzen neue Kontakte, die wiederum zu neuen Förderungen und Spenden führen.  Diese Einnahmen seien nun weggebrochen. Als immer deutlicher geworden sei, dass die Bereitstellung eines Netzwerks, das Journalisten hilft, grenzüberschreitend zusammenzuarbeiten, nicht ausreicht, um als Organisation zu überleben, suchte das Hostwriter-Team nach einer weiteren Möglichkeit, internationalen Journalismus, der geografische und strukturelle Barrieren durchbrechen soll, zu fördern und richtete einen virtuellen Cross-Border-Newsroom ein, der von der Robert Bosch Stiftung mit einer Anschubfinanzierung gefördert wird.

„Vielfalt ist keine moralische Frage, sondern eine Frage der Qualität“

Im März 2021 startete Hostwriter im Rahmen seines neuen Newsrooms „Unbias the News“ einen Aufruf. Bis Mitte April sollten Journalistinnen und Journalisten Ideen zu Themen, die eine grenzüberschreitende Relevanz haben und über die bisher nur wenig berichtet wurde, vorstellen. Ein internationales Redaktionsteam, dessen Mitglieder unter anderem in Ägypten, Indien und Pakistan beheimatet sind und das von Chefredakteurin Tina Lee geleitet wird, wählt dann einige Story-Pitches aus, die mit bis zu 500 Euro vergütet werden. Mit den ausgewählten Autorinnen und Autoren soll dann in einem kollaborativen Prozess zusammengearbeitet werden.

„Vielfalt ist keine moralische Frage, sondern eine Frage der Qualität“, schreiben die Hostwriter-Gründerinnen auf ihrer Website. Mit diesem Satz zeigen sie, dass sie mit ihrer Plattform besonders denen einen Möglichkeit geben wollen, die „aufgrund mangelnden Zugangs oder mangelnder Diskriminierung noch nicht das Privileg hatten“ ihre Beiträge im großen Stil zu veröffentlichen. „Wir glauben, dass das auch ein Kampf gegen Stereotypen und die rein westliche Perspektive ist“, erklärt Lee.

In einer Umfrage von Hostwriter Ende vergangenen Jahres, an der 165 Mitglieder, Newsletter-Abonnenten und Social-Media-Follower teilnahmen, zeigt sich, dass die Community sich vor allem für verschiedene globale Bewegungen interessiert. Dabei waren die Black Lives Matter-Bewegung, Bewegungen gegen Medienzensur und die #MeToo-Bewegung für die Befragten die relevantesten Themen.

Hostwriter als eine Art „Facebook für Journalisten“ 

Zum einen soll man die Plattform dafür nutzen können, eine Übernachtungsmöglichkeit bei anderen Journalistinnen und Journalisten zu finden, beispielsweise wenn Hotels und AirBnbs ausgebucht sind. Zudem solle Hostwriter, sagt Lee, eine Art „Facebook für Journalisten“ sein. Es sei egal, wo die Journalisten sich befinden, egal ob sie auf Madagaskar, in China oder in den USA seien, sie können virtuell „erste Kontakte knüpfen“. Die Journalisten geben an, für welche Themen sie sich interessieren und wenn ihnen ein bestimmtes Thema gefalle, könnten sie diese Person anschreiben und fragen, ob sie bereit wären zu kollaborieren.

Um sich auf der Plattform anmelden zu können, muss man entweder Journalist oder Fotograf sein. Dies wird bei jedem Mitglied einzeln geprüft, indem dieses bei der Anmeldung einen selbst verfassten Beitrag hochlädt. Das Medium ist dabei irrelevant. Der Grund, warum vorher verifiziert werden muss, dass man wirklich journalistisch arbeitet, ist, dass ein Netzwerk geschaffen werden soll, welches auf einer Vertrauensbasis aufbaut. Auch Journalisten, die sich noch in der Ausbildung befinden, können beitreten, wenn sie vorher bereits journalistische Beiträge veröffentlicht haben.

Einer der wichtigsten Gründe für die Nutzung von Hostwriter ist in Tina Lees Augen aber die Messaging-Plattform „HostWire“ – ein Chatroom, der verschiedene Möglichkeiten bietet und es unter anderem ermöglichen soll, Kollaborations- und Übernachtungsmöglichkeiten sowie Stellenanzeigen zu finden.

Die Corona-Pandemie wirkt sich auch positiv auf die Nutzung von Hostwriter aus

Normalerweise reisen Journalisten sehr viel, was durch die Corona-Pandemie allerdings kaum noch möglich ist. Diese Einschränkungen führen zur Suche nach Alternativen. „Das war gut für die Plattform, weil sich sehr viele dafür entschieden, stattdessen mit anderen Journalisten zu kooperieren“, freut sich Lee. „Natürlich wollen Menschen an den Ort, über den sie schreiben, aber auch eine Kooperation bringt viele Vorteile mit sich“, sagt sie. So könne man auch bei einer Kooperation vom Reichtum anderer Kulturen profitieren und ein besseres Verständnis für das Thema bekommen. „Das Thema wird nochmal in einen anderen Kontext gerückt“, so Lee.

Als weiteren Vorteil von kollaborativem Cross-Border-Journalismus nennt Lee, dass Journalisten so aus ihrer eigenen „Blase“ ausbrechen können. Lee sagt: „Menschen sollten wissen, was in anderen Ländern passiert, weil andere Länder Lösungen zu den Problemen haben könnten, die auch ihr Land betreffen“. Cross-Border-Journalismus sei vergleichbar mit dem Reisen. „Reisen öffnet den Geist und erlaubt es einem, die Dinge in einem anderen Licht zu betrachten“, erläutert Lee.

Sie glaubt, dass die Journalistinnen und Journalisten, die sich einmal auf das journalistische Modell der kollaborativen grenzüberschreitenden Arbeit eingelassen haben, dieses vermutlich auch weiterhin nutzen werden, weil sie gemerkt haben, dass sie nicht immer alleine arbeiten müssen – und das Endergebnis besser ist, wenn man Input von Journalisten aus anderen Ländern bekommt.

 

Bildquelle: pixabay.com

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