Indien: Die Corona-Krise und die Medien

5. Mai 2020 • Aktuelle Beiträge, Internationales, Qualität & Ethik • von

Seit der rechte Flügel von Premierminister Narendra Modis rechtskonservativer Bharatiya Janata Party (BJP) 2014 zum ersten Mal an die Macht kam, verhalten sich die indischen Medien weitgehend unterwürfig und verzichten auf Kritik an der umstrittenen Politik der Regierung. Dieses Muster findet sich auch in den Reaktionen der Mainstream-Nachrichtenmedien auf das Coronavirus wieder.

Indien verfügt über mehr als 118.000 Printpublikationen, knapp 900 Satellitenfernsehkanäle und eine große Zahl von Websites in mehreren Sprachen, die verschiedenen Privatpersonen, politischen Parteien und Gruppen mit komplexen unternehmenspolitischen Verbindungen gehören. Die BJP gewann zunächst mit ihrer offenkundig kapitalistischen Agenda das Ansehen der wachsenden Mittelschicht, zu der viele Medienbesitzer gehören.

Nachdem die Partei sich diese Wählerbasis gesichert hatte, vertritt sie immer stärker eine religiös-nationalistische Politik, die sich stark von ihrem anfänglichen Programm unterscheidet. Als die Coronavirus-Berichterstattung ab Ende März ihren Höhepunkt erreichte, wurden führende Zeitungen, Nachrichtensender und soziale Medienplattformen wie Twitter – im Einklang mit der Politik der BJP – zu Foren für nationalistische Sentiments und Fehlinformationen. Häufig wurden zum Beispiel die Muslime des Landes für die Verbreitung des Virus in Indien verantwortlich gemacht.

Zuerst keine große Story

Nachdem am 30. Januar im südlichen Bundesstaat Kerala der erste Fall von Covid-19 gemeldet wurde, machte das Virus noch keine Schlagzeilen in Indien. Andere Ereignisse dominierten zu diesem Zeitpunkt die Medien, zum Beispiel die anhaltenden Proteste gegen ein umstrittenes Staatsbürgerschaftsgesetz, das allen Einwanderern aus den Nachbarländern mit Ausnahme der Muslime die Staatsbürgerschaft versprach; außerdem die Wahlen in der Hauptstadt Neu-Delhi, die Gewalt gegen Muslime in Neu-Delhi und der Besuch von US-Präsident Donald Trump in Indien Ende Februar. Die Corona-Berichterstattung konzentrierte sich in dieser Phase weitgehend auf erkrankte Inder im Ausland oder Rückkehrer aus China.

Unter Berufung auf die Regierung des Bundesstaates Kerala beschrieb die Neu-Delhi-Ausgabe von Indiens meistverkaufter englischer Tageszeitung The Times of India (TOI) am 4. Februar die Krankheit als „bundesstaatspezifische Katastrophe“ für Kerala und verharmloste damit die potenzielle Bedrohung für das übrige Indien. Im Gegensatz dazu veröffentlichte die englischsprachige Tageszeitung The Hindu, die hauptsächlich in Südindien gelesen wird, am 31. Januar einen Reuters-Text, in der die WHO den Virusausbruch als „globalen Notstand“ bezeichnete. The Hindu skizzierte die Versuche der Landesregierungen, die Bedrohung in den Bundesstaaten Kerala und Karnataka einzudämmen, und informierte auch über die Lage in China. Sowohl die TOI als auch der Hindu berichteten, wie sich die Behinderung chinesischer Importe nachteilig auf die Wirtschaft auswirkte, besonders für die Automobilindustrie und für Start-Ups.

„Virus-Nationalismus“

Das Virus war auch im Februar noch keine große Story, aber die BJP veröffentlichte auf Twitter Posts, in denen Kuh-Dung und Kuh-Urin – die Kuh ist ein religiöses Symbol der Hindus – als Mittel gegen die Krankheit angepriesen wurden. Als die Zahl der Infizierten in Indien Mitte März in die Höhe schoss, erlebte auch die Berichterstattung ihren Höhepunkt, die von Nationalismus geprägt war.  Am 23. März, einen Tag nachdem der Premierminister zu einer eintägigen „Ausgangssperre für das Volk“ aufgerufen hatte, berichteten sowohl TOI als auch der englischsprachige The Indian Express auf der Titelseite, wie Menschen sich spontan an die Regelungen hielten und im Haus blieben. Die TOI zitierte in einer Schlagzeile eines Leitartikels am 25. März den Premierminister, der das hinduistisch-mythologische Bild vom „lakshman rekha“ (die Grenze, die man nicht überschreiten darf) benutzte. Am 26. März brachte der Indian Express auf der Titelseite ein Foto und ein Zitat von Modi, das Indiens Kampf gegen das Virus mit der großen Schlacht aus Indiens bedeutendstem Epos, dem Mahabharata, verglich. Der staatliche Rundfunksender Doordarshan strahlte Wiederholungen alter Fernsehsendungen über das Mahabharata und das zweite große hinduistisch-mythologische Epos, das Ramayana, aus.

Anordnung: Nur „positive“ Nachrichten

Vor der plötzlichen Ankündigung einer dreiwöchigen landesweiten Abriegelung am 24. März – ein Schritt, von dem man annahm, dass er enorme soziale Auswirkungen haben würde – forderte der Premierminister die Eigentümer und Redakteure der wichtigsten Print- und Fernsehmedien sowie prominente Radiomoderatoren persönlich auf, nur „positive Nachrichten“ zu veröffentlichen. Die Regierung hielt auch wesentliche Informationen wie die Verfügbarkeit von Testkits und medizinischer Ausrüstung zurück, indem sie die Zeit der täglichen Pressebriefings verkürzte und Journalisten daran hinderte, auf Pressekonferenzen Fragen zu stellen.

Führende Medien hoben die gemeinsamen Bemühungen der Zentralregierung und der Regierungen der Bundesstaaten hervor, den Armen und der einfachen Bevölkerung zu helfen. Die TOI berichtete über die Wohltätigkeitsarbeit von Einzelpersonen und NGOs. Die Hindi-Tageszeitung Dainik Bhaskar stellte der Kritik an unzureichenden Testeinrichtungen in Indien einen Bericht über die Untersuchung von über 16.000 Proben an einem Tag im April entgegen. Der Bericht hob auch hervor, dass es nach wie vor keinen Mangel an dem Medikament Hydrochloroquin gebe, das als nützlich für die Behandlung des Coronavirus angesehen werde. Die Regierung war wegen des Exports dieses Medikaments in die USA unter den Radar geraten. Der Hindi-sprachige Nachrichtensender ABP News berichtete, dass die Zahl der Infizierten in Indien einige Millionen überschritten hätte, wenn der Premierminister nicht eine Sperre verhängt hätte – berief sich dabei aber auf Scheinforschung.

Massenflucht in die Dörfer

Nach der plötzlichen Ankündigung der Abriegelung wurde Indien Zeuge einer Massenflucht von Niedriglohnarbeitern aus städtischen Gebieten in ihre Heimatdörfer, ausgelöst durch den Verlust von Arbeitsplätzen und Unterkünften. Die prekären Lebensverhältnisse der Arbeiter wurden von führenden Tageszeitungen wie TOI und Express als „humanitäre Krise“ und logistische Herausforderung dargestellt. Obwohl beide Zeitungen über den Schmerz und die Not der Wanderarbeiter und die potenzielle Infektionsgefahr durch die Massenbewegungen berichteten, sahen sie davon ab, die Zentralregierung für eine plötzliche Abriegelung, die sich negativ auf die Lebensgrundlage der Arbeiter auswirkte, verantwortlich zu machen. Der Indian Express berichtete am 26. März über das Wirtschaftspaket der Zentralregierung für den unorganisierten Sektor, die Tagelöhner sowie die kleinen und mittleren Unternehmen. Die TOI veröffentlichte Bilder von der Folterung von Wanderarbeitern durch die Polizei wegen Verstoßes gegen die Abriegelung – solche Bilder waren bereits in den sozialen Medien in Umlauf gebracht worden – und machte einzelne Beamte dafür verantwortlich, nicht aber die Regierung.

Von Sinophobie zu Islamophobie

In den Mainstream-Medien wurden in der Anfangsphase der Corona-Pandemie gelegentlich sinophobe Gefühle zum Ausdruck gebracht. In der Mumbai-Ausgabe des Indian Express erschien am 1. Februar eine Meldung, in der die rechtsgerichtete Regierungspartei Shiv Sena zitiert wurde, dass das lebensbedrohliche Coronavirus möglicherweise aus Chinas „Bemühungen zur Herstellung biologischer Massenvernichtungswaffen“ hervorgegangen sei. Hindi-sprachige Nachrichtensender wie Aaj Tak und India TV, die für ihre hinduistisch-nationalistischen Programme bekannt sind, zeigten in Sendungen Aufkleber mit der Aufschrift #chinakosazado (China bestrafen). China und Indien sind nach wie vor in langwierige Grenzstreitigkeiten verwickelt, obwohl chinesische Unternehmen zunehmend in indische Technologie und andere Sektoren investieren.

Einige Medien stellten Ende März eine klare Verbindung zwischen der muslimischen Bevölkerung und einem Anstieg der Corona-Infizierten her, nachdem sich einige Teilnehmer einer abgehaltenen muslimischen religiösen Veranstaltung als Träger des Coronavirus erwiesen hatten. Mehrere Medien in den Sprachen Hindi, Kannada und Englisch machten Muslime daraufhin für die Ausbreitung des Virus verantwortlich. Auch die BJP nutzte ihre Social-Media-Kanäle und ihren Fernsehsender Republic TV für islamophobe Aussagen.

Repressionen gegen Journalisten

Seit der Machtübernahme der BJP häufen sich Repressionen gegen die Presse, zum Beispiel Kürzungen der staatlichen Werbung, Kündigungen, Karriereschädigungen, Drohungen und Steuerermittlungen gegen kritische Journalisten und Medien sowie tätliche Angriffe und Mordanschläge auf Journalisten. Die staatliche Werbung ist nach wie vor eine wichtige Einnahmequelle für privat geführte indische Medien.

Auch im Zusammenhang mit Corona kam es zu Repressionen: So kam es zum Beispiel im nördlichen Bundesstaat Uttar Pradesh, wo die BJP in der Landesregierung an der Macht ist, zur Klage gegen den Herausgeber der digitalen Nachrichtenplattform The Wire wegen eines Twitter-Kommentars, in dem angeblich behauptet wurde, der Ministerpräsident des Bundesstaates habe an einer religiösen Zeremonie der Hindus teilgenommen und darauf bestanden, während der nationalen Abriegelung ein Hindu-Fest zu veranstalten. Das staatliche Gesundheitsdirektorat im nördlichen Kaschmirtal gab daraufhin ein Rundschreiben heraus, in dem Gesundheitsbeamten der Regierung mit „strengen Maßnahmen“ gedroht wurde, wenn sie in sozialen Medien die Bemühungen der Regierung kritisieren.

Regierungskritische Medien

Wenige Tage nach der Abriegelung gab die Zeitung Indian Express gemäßigter Kritik an der Zentralregierung Raum, in der die Mängel des Finanzhaushalts und die unzureichende Hilfe für die Armen hervorgehoben wurden. In einem Bericht vom 28. März auf der Titelseite wies die Zeitung auf die „eklatanten Lücken“ bei der Umsetzung der plötzlichen dreiwöchigen Abriegelung hin. Die englischsprachige Tageszeitung The Telegraph aus der östlichen Stadt Kalkutta, das englischsprachige Magazin Caravan und mehrere digitale Nachrichtenplattformen gehörten zu den wenigen Medien, die regelmäßig regierungskritische Berichte veröffentlichten.

The Telegraph zitierte Führer der politischen Opposition, die die „unzureichenden“ Vorbereitungen der Regierung zur Bekämpfung der Krankheit, die Auswirkungen der Abriegelung auf die Armen, Indiens Export von medizinischer Ausrüstung trotz der Knappheit im Land und die Versuche der Regierung, eine Gesundheitskrise zu politisieren, kritisierten. Der Nachrichtensender NDTV, der für seine regierungskritische Berichterstattung bekannt ist, beanstandete auch die „Politik des Hasses“  gegen Muslime, untere Kastengruppen und wichtiges medizinisches Personal während der Coronakrise.

Wandel in der Medienwirtschaft

Indiens Medienwirtschaft, insbesondere der Printsektor, wurde durch einen Auflagenrückgang getroffen, da Druck und Vertrieb aufgrund einer plötzlichen landesweiten Abriegelung und der Angst vor der Verbreitung der Infektion eingeschränkt waren. Alle größeren Publikationen führten während des Ausbruchs des Virus regelmäßige Medienkampagnen durch, in denen sie betonten, dass Printmedien keine Infektionsquelle darstellten und auf die Glaubwürdigkeit und Wichtigkeit der Zeitungen als Gegengewicht zu den Fehlinformationen in den sozialen Medien aufmerksam machten. Die Medieninhaber reagierten auf den Auflagenrückgang, indem sie die Gehälter der Beschäftigten kürzten, Personal entließen und ihr digitales Geschäft ausbauten.

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